2017/2018 - Eis der heimischen Gletscher ging weiter zurück, Hoffnung für die nachfolgenden Gletscherjahre

josef

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#21
INTERNATIONALE STUDIE
Alpengletscher in zwölf Jahren um 13 Prozent geschrumpft
Satellitendaten zeigen: Besonders stark ist der Eisrückgang in Italien

Auch Österreichs größter Gletscher, die Pasterze, bleibt vom Trend nicht ausgespart: Sie geht um etwa 50 Meter pro Jahr zurück.
Foto: APA/EXPA/ JOHANN GRODER

Überall in den Alpen befinden sich die Gletscher auf dem Rückzug: Das bilanzieren Forscher aus vier Ländern, die ausgehend von Satellitendaten die Eisbedeckung in den Alpen gemessen haben. Das Ergebnis: In den vergangenen zwölf Jahren ist die Fläche der Gletscher um 13,2 Prozent geschrumpft, das entspricht einem Rückgang von etwa 44 Quadratkilometern.

Die Studie basiert auf Daten, die von den beiden Sentinel-2-Satelliten gesammelt und von der Europäischen Weltraumagentur ESA zur Verfügung gestellt wurden. Ausgewertet wurden sie mit Hilfe eines Algorithmus, der Gletscherbilder identifizieren kann, von Forschern der Staatlichen Universität Mailand, der Universitäten von Zürich und Grenoble sowie des Innsbrucker Unternehmens ENVEO IT.
Gezählt wurden im Alpenraum 4.395 Gletscher mit einer Gesamtfläche von 1.806 Quadratkilometern. 49,4 Prozent davon befinden sich in der Schweiz, 20 Prozent in Österreich, 18 Prozent in Italien und 12,6 Prozent in Frankreich.

Zeitübergreifender Vergleich macht sicher
Eine besonders starke Schmelze wurde bei Gletschern in der norditalienischen Region Lombardei festgestellt: Hier schrumpften sie um 1,6 Prozent pro Jahr. Ein symbolträchtiges Beispiel für den Trend ist der Gletscher Forni auf 3.100 Meter, der größte Gletscher der Ortler-Alpen. Ihn gibt es im Grunde gar nicht mehr: Wegen der Schmelze ist er in drei Teile zerfallen, die nicht mehr miteinander verbunden sind, berichteten die Forscher.
Erweitert man den Zeitrahmen, wird der Eisverlust noch deutlicher: Der Vergleich mit einer Studie aus dem Jahr 1960 zeigte, dass sich die italienischen Gletscher seitdem um 200 Quadratkilometer reduziert haben. Dies entspricht einer Fläche wie jener des Lago Maggiore (oder zwei Dritteln des Neusiedler Sees).
(red, APA, 11.9.2020)

Link
Earth System Science Data: "Glacier shrinkage in the Alps continues unabated as revealed by a new glacier inventory from Sentinel-2"

Alpengletscher in zwölf Jahren um 13 Prozent geschrumpft - derStandard.at
 

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#22
Hallstätter Gletscher schmilzt drastisch

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Die Gletscherschmelze ist nach wie vor enorm – das zeigen die Messergebnisse auch heuer. Besonders stark betroffen ist der Hallstätter Gletscher unterhalb des Hohen Dachsteins. Zum Teil ist das Eis dort in einem Jahr um 30 Meter zurückgegangen.

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Dort wo früher massenweise Schnee und darunter Eis lag, ist jetzt nur noch das Fragment einer Zunge zu sehen. Es ist viel zu warm, so der Meteorologe Klaus Reingruber von Blue Sky – der seit mittlerweile 17 Jahren laufend Messungen in Oberösterreich durchführt: „Wenn man es über die ganze Fläche rechnet, ist der Dachsteingletscher im Mittel um 1,4 Meter in der Eisdicke abgeschmolzen.“ Punktuell gebe es Stellen, wo der Hallstätter Gletscher um 20 bis 30 Meter in einem Jahr zurückgegangen sei, so Reingruber.

Rückgang auch mit freiem Auge zu sehen
Und diesen Rückgang sieht man mittlerweile auch mit freiem Auge nach kürzester Zeit, so der Gletscherexperte: „Das geht mittlerweile so schnell, dass man diesen Rückgang durchaus von einem auf das andere Jahr schon erkennt. Man sieht, dass die Felsinseln im Eis jetzt immer mehr auftauchen. Das ist das erste, das man sieht.“
Flugbild: Gerald Lehner
Hallstätter Gletscher

Düstere Prognosen der Experten
Schon einzelne extreme Jahre richten riesengroßen Schaden an und gehen dem ewigen Eis an die Substanz. Ändern wird sich das wohl nicht, denn auch die Prognosen der Experten ist düster: demnach wird das Gletschereis auch weiterhin schmelzen.
09.12.2020, red, ooe.ORF.at
Hallstätter Gletscher schmilzt drastisch
 

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#23
Hintereisferner: Rückzug eines eisigen Riesen
Der Hintereisferner im Ötztal ist einer der besterforschten Gletscher Österreichs. Seine Entwicklung dokumentiert die Gewalt des Klimawandels
Um das Jahr 1600 trug der Hintereisferner zu einer Katastrophe im Tiroler Ötztal bei. Gemeinsam mit weiteren Eismassen speiste er einen Gletschersee, der vom Vernagtferner, der sich in der damaligen Kleinen Eiszeit überraschend schnell und weit ins Tal hinunterschob, aufgestaut wurde. Irgendwann wurde die Last des Wassers zu groß: Der Gletschersee brach aus und verwüstete Siedlungen bis weit draußen im Tal. Sogar im Inn bei Innsbruck sollen noch Eisbrocken geschwommen sein.


Der Hintereisferner vor der Weißkugel (3.738 m): Historisch gesehen ist der Gletscher – einer der größten der Ostalpen – inzwischen ein Schatten seiner selbst.
Foto: Robbie Shone

Heute sind die Gletscher am Alpenhauptkamm hinter dem Touristenort Vent, der am Fuß der Wildspitze (3.768 m), dem höchsten Berg Tirols, liegt, vom Klimawandel geprägt. Der Hintereisferner, der sich durch ein langgezogenes Tal am Fuß der mächtigen Weißkugel (3.738 m) an der Grenze Österreichs zu Italien erstreckt, ist mit über sechs Qua dratkilometer noch immer einer der größten Gletscher der Ostalpen. Doch sein Eis schmilzt schnell: Seit 1950 hat er einen Kilometer an Länge verloren, seit 1910 gut zwei. Folgen ein paar heiße Sommer auf einander, kann er in fünf Jahren 100 Meter verlieren. Im Mittel büßt er einen Meter Eisdicke pro Jahr ein.

Im Hochtal nebenan ist vor 30 Jahren Ötzi, die berühmte Gletschermumie, ausgeapert. Den Hintereisferner macht aber eine andere Sache besonders: Er ist wohl der am besten dokumentierte und erforschte Gletscher Österreichs – auch wenn in dieser Hinsicht viele weitere wie der Jamtalferner oder die Pasterze nicht sehr weit dahinterliegen. Die historischen Erwähnungen des Hintereisferners reichen bis zum erwähnten Seeausbruch zurück – ein Ereignis, das damals auch eine der ersten bekannten bildlichen Gletscherdarstellung zur Folge hatte.

Zwei Messmethoden
Bereits in den 1890er-Jahren gab es hier Tiefenbohrungen und Bewegungsmessungen, schon davor wurden Karten angefertigt. 1953 war der Hintereisferner der erste Gletscher Österreichs, von dem eine Massenbilanz angefertigt wurde. "Damit gehört er zu den fünf ersten Gletschern weltweit, auf denen nach dem Zweiten Weltkrieg Massenbilanzmessungen durchgeführt wurden", erklärt der Glaziologe Rainer Prinz vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck. "Früher waren nur ein Gletscher in Schweden und ein oder zwei in den Rocky Mountains dran."


Eine historische Karte vom Hintereisferner aus dem Jahr 1894.
Foto: Rainer Prinz

Prinz kümmert sich um die gegenwärtige Datensammlung am Hintereisferner. Die Massebilanz, also die Differenz aus jährlichen Zugewinnen und Verlusten, wird hier heute auf zwei Arten erfasst. Zum einen mit der bewährten Methode der Pegelstangen, die ins Eis eingebohrt werden, um Niveauveränderungen auszumachen. Zum andern wurde 2017 ein Laserscanner installiert. Ferngesteuert in Innsbruck, tastet das Gerät die Oberflächen ab, woraus sich ein Geländemodell errechnen lässt. Aus mehreren Messungen lassen sich Höhen-, Volumens- und Masseänderungen ableiten. Die Daten werden zudem durch Lidar-Flüge – ein weiteres optisches Messverfahren – ergänzt.

Dramatische Verluste
Die Zeitreihe der jährlichen Massebilanzen ergibt ein von dramatischen Verlusten geprägtes Bild. Die letzten größeren Jahreszugewinne wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren gemessen, ein letztes ganz kleines Plus gab es Anfang der 1980er, dazwischen und danach liegen alle Werte im Minus. Die Spitzenwerte von heute überragen jene der 1980er und 90er bereits um zumindest ein Drittel.

Der Auslöser dieses Trends, der stellvertretend für die meisten Alpengletscher stehen kann, ist für Prinz eindeutig: "Nur unter Berücksichtigung des anthropogenen Treibhauseffektes lässt sich die Entwicklung der Alpengletscher seit der Kleinen Eiszeit erklären. Der anthropogene Einfluss nahm dabei kontinuierlich zu und liegt mittlerweile bei 100 Prozent." Die Entwicklung der Massenbilanz ist für ihn "ein direktes Bindeglied zwischen Klima und Gletscher".

Landschaft in Bewegung
Sofern die Wetterverhältnisse es erlauben, werden täglich Lasermessungen durchgeführt. "Es läuft gerade ein Projekt, das anhand dieser Daten die Schneeumverteilung im Winter untersucht", gibt Prinz ein Beispiel für aktuelle Forschung. Die Beobachtungen werden zur Validierung atmosphärischer Modelle verwendet. Die zentrale Frage: Bestätigen die Messdaten als "ground proof", was die hochaufgelöste Modellierung der Luftbewegungen voraussagt?

Gletscher und darüberliegende Atmosphäre sind in komplexen Interaktions- und Austauschprozessen miteinander verbunden. Verwirbelungen und Temperatureffekten über dem zerklüfteten Eis nachzuvollziehen ist nicht leicht. Im Sommer 2018 wurde etwa eine ganze Kette von Wetterstationen am Gletscher platziert, um die Vorgänge besser abbilden zu können. Forschungen wie diese können letztendlich auch zu der großen Frage beitragen, ob und wie sich das Verschwinden der Gletscher auf das lokale Klima auswirken wird. Prinz: "Wenn das Eis der Alpen ganz verschwindet, könnte das auch Auswirkungen auf die Zirkulation in den Bergtälern haben. Darüber wissen wir aber noch nicht viel."

Der Hintereisferner erlebte – wie viele andere Alpengletscher – um 1850 einen letzten Höchststand. Dort wo sich damals Eismassen wälzten, ist nun blanker Talboden. "Die Bergflanken sind hier sehr steil, und Starkregen und Gewitter lösen Muren aus. Unten sammelt sich Geröll an. Die Landschaft verändert sich von Monat zu Monat", schildert Prinz. In die Zukunft gedacht, wird diese Entwicklung die Anmutung des ganzen Gebirges verändern. Irgendwann in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhundert wird der Hintereisferner wohl so stark zurückgegangen sein, dass man nicht mehr von einem Gletscher sprechen kann.
(Alois Pumhösel, 5.1.2021)
Hintereisferner: Rückzug eines eisigen Riesen - derStandard.at
 

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#24
Gletscherschmelze setzt sich weiter fort
Die meisten Gletscher in Österreich sind seit der letzten Untersuchung weiter geschrumpft. Der Hornkees in den Zillertaler Alpen verlor 104 Meter an Länge, durchschnittlich zogen sich die Gletscher um 15 Meter zurück. Das belegt der Gletscherbericht 2019/20, den der Alpenverein am Freitag präsentierte.

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92 Gletscher in bundesweit zwölf Gebirgsgruppen wurden vom Gletschermessdienst des Alpenvereins im Haushaltsjahr 2019/20 beobachtet – ein „sehr guter, repräsentativer Schnitt“, erklärte Gerhard Karl Lieb, Leiter des Messdienstes. In Österreich gibt es noch rund 900 Gletscher.

85 von 92 Gletscher hätten sich zurückgezogen, zeigte der Alpenverein auf. Nur sieben seien mit einer Längenänderung von weniger als einem Meter stationär geblieben, berichtete Lieb.

Fotostrecke
ÖAV Museum und Archiv
Hornkees und Hornspitzen um 1920
ÖAV Gletschermessdienst / R. Friedrich
Hornkees 1976
ÖAV Gletschermessdienst / R. Friedrich
Hornkees 2000
ÖAV Gletschermessdienst / R. Friedrich
Hornkees 2010
Foto: ÖAV Gletschermessdienst / R. Friedrich
Hornkees 2020

Hornkees verliert in einem Jahr 104 Meter Länge
Mit einer Verkürzung von 104 Metern ist die größte Längenänderung am Hornkees in den Zillertaler Alpen gemessen worden. Vier weitere Gletscher zogen sich um mindestens 50 Meter zurück: Der Alpeinerferner (Stubaier Alpen) mit 67,2 Metern, die Pasterze (Glocknergruppe) mit 52,5 Metern, der Gepatschferner (Ötztaler Alpen) mit 51,5 Metern und das Schlatenkees (Venedigergruppe) mit 50,0 Metern.

Österreichischer Alpenverein/Kettenhuemer/G. Seitlinger
Schmiedingerkees im Jahr 1928

Überdurchschnittlich geschrumpft sei auch Österreichs größter Gletscher, die Pasterze am Großglockner. Er habe zuletzt 52,5 Meter an Länge eingebüßt, berichtete Andreas Kellerer-Pirklbauer vom Institut für Geographie und Raumforschung an der Universität Graz, der gemeinsam mit Lieb den Alpenvereins-Gletschermessdienst leitet. Die Pasterze ist einer der Gletscher, an dem auch regelmäßig die Dicke des Eises und die Gletscherbewegung gemessen wird. Im Vergleich zum Vorjahr sei die gesamte Gletscherzunge der Pasterze um durchschnittlich 6,1 Meter eingesunken – etwas mehr als in der Messperiode 2018/2019.

ÖAV/Gletschermessdienst
Andreas Kellerer-Pirklbauer vermisst einen Gletscher

Heißer Sommer setzte Eismassen stark zu
Trotz des verhältnismäßig schneereichen und damit gletscherfreundlichen Winters hätte der heiße Sommer den Eismassen im Beobachtungszeitraum 2019/2020 erneut stark zugesetzt, erklärte Kellerer-Pirklbauer. Obwohl die Winterniederschläge in den meisten Gebieten die langjährigen Mittel übertrafen und große Teile der Gletscher bis Juli von Schnee bedeckt waren, sei im August und September mit bis zu plus zwei Grad Celsius über der Durchschnittstemperatur eine starke Abschmelzung zu verzeichnen, führte Kellerer-Pirklbauer aus.

Österreichischer Alpenverein/Kettenhuemer/G. Seitlinger
Schmiedingerkees im Jahr 2020

Markante optische Veränderungen festgestellt
Zusätzlich zu den Längenänderungen habe man markante optische Veränderungen registriert, die zwar in Zahlen nicht erfassbar sind, aber den Gletscherschwund untrüglich belegen: Eisfrei werdende Felsbereiche, die Zerteilung von Gletschern, großflächiger Eiszerfall, ausdünnendes Eis, Bildung von Einsturztrichtern, Anreicherung von Schutt an den Gletscheroberflächen und die Bildung neuer Seen.
Davon hätten auch die ehrenamtlichen Gletscherbeobachter berichtet, darunter 24 Gebietsverantwortliche mit über 70 Begleitern. Diese würden wesentlich zur „Stärke der Daten“ beitragen, lobte Lieb und verwies auf sehr gute lokale und glaziologische Kompetenz der Freiwilligen. „Das vergangene Beobachtungsjahr ist ein weiteres in einer Periode drastischen Gletscherschwundes, die wohl noch lange andauern wird“, zogen die beiden Fachexperten Bilanz.

Gletscherschwund als sichtbares Zeichen des Klimawandels
Der unaufhaltsame Gletscherrückgang führe vor Augen, wie dringend der Schutz der hochalpinen Flächen neu definiert werden muss, betonte Alpenvereins-Vizepräsidentin Ingrid Hayek. Im Gegensatz zu CO2 oder einem Virus, den der Mensch über seine Sinneswahrnehmungen nicht begreifen könne, sei der Gletscherschwund ein sichtbares Zeichen.

„Der Gletscher ist ein Symbol für den Klimawandel an sich“. Angesichts des andauernden Gletscherschwundes seien die Gletscher aber wohl „als stille Mahnmale der klimatischen Veränderungen in ein paar Jahrzehnten nicht mehr wiederzuerkennen“. Umso wichtiger sei der Schutz der umliegenden hochalpinen Regionen – also auch der Gletschervorfelder.

OeAV/Gletscherbericht

Umfassender Schutzstatus 2006 aufgehoben
„Gletscherschutz bedeutet: Schutz ohne Wenn und Aber“, forderte Hayek. Jetzt habe man einen Gletscherschutz, von dem Skigebiete ausgenommen seien. Nachdem 1991 der absolute Schutz der Gletscher, der Gletschervorfelder und der Moränen in Tirol gesetzlich verankert und damit jede skitechnische Erschließung von Gletschern und ihren Einzugsgebieten verboten worden war, wurde der umfassende Schutzstatus 2004 wieder aufgehoben.

Hayek kritisierte das „Raumordnungsprogramm über den Schutz der Gletscher“ von 2006, das Gebiete von skitouristischem Interesse von der Regelung ausnimmt, und die geplante Skigebietserweiterung im Kaunertal, scharf. Sie hoffte auf Unterstützung von Politik und Tourismus sowie darauf, dass man den Alpenverein nicht als ewiger Verhinderer, sondern Bewahrer sehen solle. „Schließlich werben wir in Österreich auch mit den wunderbaren Bildern, wir wollen ja keine Fake-Bilder in die Welt setzen“, so Hayek.
10.04.2021, red, tirol.ORF.at/Agenturen

Gletscherschmelze setzt sich weiter fort
 

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#25
Gletschertagebuch
Guter Frühling für die Gletscher
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Seit Jahren setzt die Erderwärmung den heimischen Gletschern enorm zu: Große Eisflächen gingen verloren, das Tauwetter beginnt zunehmend früher. Wie Andrea Fischer und Hans Wiesenegger im aktuellen Gletschertagebuch berichten, gibt es heuer wieder einmal gute Nachrichten: Die Niederschläge im April boten den Gletschern Sonnenschutz.
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In den letzten Jahren war der Frühling eher für die Menschen gemacht: Es gab längere Schönwetterperioden mit Prachtwetter zum Grillen schon im März und erste Tage mit Badewetter im April. Im Jahr 2021 erleben wir einen Frühling wie früher: Im März fällt oft Schnee, und der April macht, was er will, und das ist mindestens einmal am Tag mit Niederschlägen verbunden. Die Gletscher präsentieren sich Ende April noch tiefwinterlich. Die Tourengeher finden noch Pulverschnee vor und nicht wie im Großteil der letzten 20 Jahre eine Schicht grobkörnigen und sandigen Harsches auf einer bereits durchfeuchteten Altschneedecke. Ein Frühling also wie gemacht für unsere Gletscher!


Fischer/Wiesenegger

Über Autorin und Autor
Andrea Fischer vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Hans Wiesenegger, Leiter des Hydrographischen Dienstes (HD) des Landes Salzburg.

Im Frühling steigt die Sonnenscheindauer recht schnell an, damit beginnt die entscheidende Zeit für die Schmelze von Schnee und Eis. Stellen sich langanhaltende Hochdrucklagen ein, bilden sich an der Oberfläche grobkörnige Schmelzharschschichten aus, und die während des Tages feuchte Oberfläche nimmt wesentlich mehr Energie auf als es Neuschnee macht. Auch wenn die täglichen Niederschläge des April 2021 oft nur wenige Zentimeter Schnee ausmachen, ist das genau die richtige Dosis an Sonnenschutz, die den Schnee konserviert.
Auch Saharastaub und Staub aus der Umgebung führen unter diesen Bedingungen nicht zu der sonst üblichen Verdunklung der Oberfläche. Die gletscherfreundlichen Jahre der 1970er und 1980er haben diese Verhältnisse über den ganzen Sommer beibehalten – wie es Rudi Carell in seinem Hit „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ aus dem Jahr 1975 beschreibt. Gerade in den Frühlingsmonaten sind die Temperaturen durch die Klimaerwärmung mittlerweile besonders stark angestiegen. Auch wenn der März 2021 kühler war als das Mittel der letzten 30 Jahre, so war er dennoch wärmer als das Mittel 1961 bis 1991, wie im Klimabericht der ZAMG nachzulesen.

Regional starke Schneefälle
Der letzte Herbst war noch „Business as usual“ in Zeiten der Klimaerwärmung: Die Gletscher starteten Ende September meist ohne Schneebedeckung in den Herbst, auch das ein Phänomen der ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts. Anhaltende Südwetterlagen brachten dann aber viel Schnee für die Gletscher des Alpensüdrandes. Die Kehrseite für die Täler waren Straßensperren und anhaltende Lawinengefahr in den Tallagen Kärntens und Osttirols.

Martin Stocker-Waldhuber
Hohe Tauern

Auf den Gletschern, die ihren Niederschlag von Nordstaulagen beziehen, fanden die Niederschläge allerdings wesentlich später statt und fielen deutlich geringer aus. Im November, März und April sind die Niederschläge an den Gletschern unterdurchschnittlich ausgefallen, im Oktober, Dezember, Jänner und Februar fiel besonders an der Alpensüdseite und Teilen des Hauptkammes extrem viel Niederschlag.

Schwierige Winterbegehung
Auch heuer war die Winterbegehung am Stubacher Sonnblickkees aufgrund der fehlenden Seilbahnunterstützung logistisch deutlich anspruchsvoller und aufwendiger als in der Zeit vor der CoV-Pandemie. Die am 24. April durchgeführten Messungen ergaben eine mittlere Schneehöhe von 4,20 Meter am gesamten Gletscher und liegen damit im Bereich des Mittels der letzten fünf Jahre.

Hans Wiesenegger, Andreas Gschwentner
Bild-Vergleich der Schneehöhen 2019 – 2021 am Totalisator Stubacher Sonnblickkees
Im Nahbereich des auf rund 2.500 Meter Seehöhe gelegenen Totalisators liegt ebenso durchschnittlich viel Schnee, im Vergleich zum Vorjahr jedoch rund ein Meter mehr.

Der Jamtalferner liegt an der Grenze zwischen Tirol und Vorarlberg und ist somit der westlichste Massenbilanzgletscher Österreichs. Den Großteil des Schnees bezieht dieser Gletscher aus Nordstaulagen, die im Winter 2020/21 nicht allzu häufig aufgetreten sind. Trotzdem zeigten die Messungen der Winterbilanz am 20. April eine für die letzten Jahre durchschnittliche Schneedecke. Ungewöhnlich für die letzten zwei Jahrzehnte ist die Schneegrenze, die noch bis ins Siedlungsgebiet von Galtür (1.600 m) hinunterreicht.

Noch scheint der Sommer in weiter Ferne, auch in den Langfristprognosen ist noch kein richtiger Sommer‘ a la Rudi Carell in Sicht. Das kann sich allerdings schnell ändern! Ein detaillierter Überblick über die Winterbilanzen in Österreich und den Nachbarländern erfolgt Anfang Juni.
05.05.2021, Andrea Fischer, Hans Wiesenegger

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