Bücher zur Wiener Stadterweiterung nach Abriss der Stadtmauern und Errichtung der bis heute prägenden Bauten

josef

Administrator
Mitarbeiter
#1
Wie Wien wurde: Visionen, Planungen und Bauten
Nach dem Fall der Wiener Stadtmauer gab es zahlreiche Pläne zur Stadterweiterung. Die danach errichteten Bauten prägen heute noch die Stadt
Im Gastblogbeitrag bespricht Thomas Hofmann, Bibliothekar und Autor, "Planungsatlas Wien 1867–1918 – Lokale Regulierungspläne und zeitgenössische Analysen" und "Wien. Eine Stadt verändert sich – Die Donaumetropole und ihre Baustellen".
Der Befehl von Kaiser Franz Joseph I. im Dezember 1857 die Stadtmauer zu schleifen, ermöglichte vordergründig den Bau der Wiener Ringstraße, in weiterer Folge war er auch der Startschuss zu den großen Stadterweiterungen Wiens.

Bereits 1836 bildete der Bau der Nordbahn einen ersten großen Eingriff in die Stadt, wie Renate Banik-Schweitzer eingangs in ihrem großformatigen Werk "Planungsatlas Wien 1867–1918" bemerkt, das sich mit 528 Seiten und zwölf Großformatplänen im Schuber als Opus Magnum im wahrsten Sinn des Wortes erweist. Banik-Schweitzer (Jahrgang 1939), promovierte Architektin mit Forschungsschwerpunkten auf den Gebieten der Stadtentwicklung und Planungsgeschichte von Städten wie Wien, Berlin und Budapest, ist ausgewiesene Expertin. Sie gab den Historischen Atlas von Wien heraus und war im Team der wissenschaftlichen Leitung des Großprojekts.

Das geplante Wien: Ein Überblick und vier Großkapitel
Im einleitenden Part (bis Seite 29) wird in einem kompakten Abriss ein Überblick zum Städtebau in Wien von 1848 bis 1918 gegeben. Herausgegriffen von den zahlreichen Plänen und Visionen aus dem Ringstraßenwettbewerb von 1858 sei der Architekt Friedrich von Stache (1814 bis 1895). Er sah für Wien fünf Gürtelstraßen vor. Von innen betrachtet: Ein Boulevard (Ringstraße) mit dem Kai, dann die Esplanadestraße (Lastenstraße, "Zweier-Linie"), gefolgt von einem Vorstadtring und der Gürtelstraße entlang des damals noch bestehenden Linienwalls und schließlich einem Außenring in den äußeren Vororten. (Seite 17).

Die wichtigste Quelle für das Buch, das ab Seite 31 in vier Regionen, Wien-Zentrum, Wien-West, Wien-Süd und Wien-Ost gegliedert ist, stellt der Nachlass des ehemaligen Wiener Stadtbaudirektors Heinrich Goldemund (1863 bis 1947) dar.


Der Plan von Wien aus dem Jahr 1868 zeigt neben der in großen Bereichen noch nicht verbauten Ringstraße auch den Linienwall, als Grenze zwischen den Vorstädten und den peripheren Vororten.
© GeoSphere Austria

Bestand, genehmigte und beantragte Baulinien
Das Buch besteht vorwiegend aus Plänen, die meist mehrere Straßenzüge – Grätzel, wie man in Wien sagt – betreffen. Eingezeichnet ist der bauliche Bestand, weiters genehmigte und beantragte Baulinien. Unverkennbar ist das Ziel der Stadtplaner, gerade Straßenzüge mit einheitlichen Häuserfluchten zu schaffen, die es im historischen gewachsenen Wien kaum gab. Dazu gibt es auch jeweils Zitate aus amtlichen Verwaltungsberichten, bzw. aus dem Nachlass von Goldemund.

Auf Seite 62 erfährt man, dass dem Zivilingenieur Alfred Riehl "die geradlinige Fortsetzung der Praterstrasse" in die Innere Stadt über den Laurenzerberg zum Stephansplatz vorschwebte. Interessant sind die Ausführungen Goldemunds (Seite 362) über die Erweiterung des Türkenschanzparks in Wien-Währing. "Ich blieb jedoch hart, da meine Anregung zur Schaffung eines Gartenviertels vom Bürgermeister [Carl Lueger] genehmigt worden war. Nach meinen langwierigen Verhandlungen und teilweise Entgegenkommen hinsichtlich des Gartenumfanges, den ich vorerst noch größer plante, als er tatsächlich ausgeführt wurde, kam es zu einer Einigung und es gelang, die Genehmigung des Gemeinderates mit großem Beifall für diese Transaktion zu erwirken."

Die gebaute Realität vom 19. bis zum 21. Jahrhundert
In ihrem Buch "Wien. Eine Stadt verändert sich" mit dem bezeichnenden Untertitel, "Die Donaumetropole und ihre Baustellen" eröffnen Matthias Marschik & Edgar Schütz, beide kompetente Autoren zahlreicher Wienbücher, einen Reigen rarer Baustellenbilder.

Einleitend bemerken sie: "In diesem Buch stehen also nicht die Bauwerke im Mittelpunkt, sondern eben die im historischen Vergleich nur kurz existierenden Baustellen als Versprechen für die Zukunft." So gesehen fällt dieser gewagte, aber gut gelungene Buchansatz in die Kategorie: "Wien, wie sie es noch nicht kannten." Oder, um die Worte von Marschik & Schütz zu verwenden: "Mitunter geben diese Bilder einen Einblick in die – bildlich gesprochen – Eingeweide dieser prominenten Bauwerke, die später so nie mehr zu sehen waren."


Im April 2012 war der DC-Tower in Wien Donaustadt noch in Bau, eröffnet wurde der 250 Meter hohe Bau am 26. Februar 2014.
Thomas Hofmann

Das Buch ist chronologisch in elf Abschnitte gegliedert und beginnt mit "Bauen vor 1860", dem folgt ein Einschubkapitel ("Arbeiter, Bauherren, Architekten") mit dem Architekten und späteren Stadtplaner Roland Rainer (1910 bis 2004) im Trenchcoat, sowie Bürgermeister Franz Jonas, der 1962 die neu gestaltete Floridsdorfer Hauptstraße eröffnet. Ganz im Stil eines Working Class Heroes ist ein biertrinkender Arbeiter abgebildet (Seite 20). Dazu die Bildunterschrift: "Der Maurer und sein Schwechater".

Die "Erste Gründerzeit (1860–1890)" bringt Bilder aus der im Bau befindlichen Cottage-Siedlung in Währing und Döbling, der Rotunde und der Reichsbrücke. Es folgt ein Extra über die Ringstraße, dann Abschnitte des Fin de Siècle und der Vorkriegszeit (1890–1918). Dazu gibt es Bilder von der Einwölbung des Wienflusses (Seite 48) und den beiden in Bau befindlichen Haltestellen der Stadtbahn am Karlsplatz, die von Otto Wagner entworfen wurden.

"Republik und Rotes Wien (1919–1929)" vereint Bilder vom 1928 eingerüsteten Karl-Marx-Hof in Wien Döbling, wie auch vom Amalienbad in Favoriten. Prestigebauten wie die Reichsbrücke oder die Höhenstraße sind im Kapitel "Wien in der Krise (1929–1938)" zu finden. "Nationalsozialismus und Krieg (1938–1945)" zeigt die in Bau befindliche Ostbahnbrücke über den Donaukanal (Seite 92), sowie auf Seite 94 ein mit 1939 datiertes Bild mit Probebohrungen für eine U-Bahn (!).

Den finalen Teil bilden die Kapitel "Besatzungszeit und Wiederaufbau (1945–1955)", "Wohlstandsgesellschaft (1955–1975)" und der "Ausblick (2000–2020)". Zu sehen sind zahlreiche in Bau befindliche Gebäude und Bauwerke, ohne die Wien undenkbar wäre, darunter die Stadthalle, der Donauturm, die Südosttangente oder die Neue Donau. Als Blick in die Zukunft ist die Baustelle der U5 zu werten.

Fazit: Der große und detailreiche "Planungsatlas Wien 1867–1918 – Lokale Regulierungspläne und zeitgenössische Analysen" wird bei jenen Gefallen finden, die schrittweise das Werden der Stadt nachvollziehen wollen. "Wien. Eine Stadt verändert sich – Die Donaumetropole und ihre Baustellen" eröffnet kurzlebige Einblicke zum Bau zahlreicher Bauten der Stadt, die heute Wien prägen.
(Thomas Hofmann, 9.1.2026)

Thomas Hofmann ist leitender Bibliothekar der Geosphere Austria, Autor und Blogger der Wissenschaftsgeschichte(n).

Dazu 2 Buchinfos

Zwei Bücher über StadtplanungVerlage:

Renate Banik-Schweitzer: Planungsatlas Wien 1867–1918 – Lokale Regulierungspläne und zeitgenössische Analysen. – Birkhäuser, Basel, 2025.
Matthias Marschik & Edgar Schütz: Wien. Eine Stadt verändert sich – Die Donaumetropole und ihre Baustellen. – Winkler-Hermaden, Schleinbach, 2025.
Wie Wien wurde: Visionen, Planungen und Bauten
 
Oben