Bericht über eine 1979 gelungene "Republikflucht" mittels selbstgebauten Heißluftballon

josef

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Wie zwei Familien mit einem selbstgebauten Ballon aus der DDR geflüchtet sind
Günter Wetzel ist 1979 mit einem selbstgebauten Heißluftballon aus der DDR entkommen. 36 Jahre nach dem Mauerfall blickt er zurück auf seine unglaubliche Flucht

Die Kinder der Wetzels Peter und Andreas beim Spielen mit der Gondel, nach ihrer Ankunft im Westen.
Günter Wetzel

Ende der 1970er-Jahre steht die Mauer bereits seit fast 20 Jahren. Bürger der DDR dürfen das Land nur im Ausnahmefall verlassen. Urlaub ist lediglich in kommunistischen Bruderstaaten im Osten möglich. In dieser Zeit beschließt der damals 24-jährige Günter Wetzel gemeinsam mit einem Freund, den diktatorischen SED-Staat heimlich zu verlassen. Der Westen verspricht Meinungsfreiheit, wirtschaftliche Entfaltung und ein Ende der ständigen Gängelung durch die Einheitspartei. Seit dem Mauerbau im Jahr 1961 bis zur Wende 1989 werden rund 787.000 Menschen zu sogenannten "Republikflüchtlingen". Ihnen gelingt es, in den Westen zu entkommen. Rund 450 werden bei dem Versuch von den Beamten des "besseren Deutschlands", wie sich die DDR selbst gerne sah, getötet. Günter Wetzel ist einer, der gemeinsam mit seiner Familie und Freunden erfolgreich geflohen ist.

Nicht die Flucht selbst, sondern das Wie macht die Geschichte der Familie Wetzel und der Familie Strelzyk so einzigartig: Sie flüchten mit einem selbstgebauten Heißluftballon, den sie heimlich und ohne besonderes Vorwissen in ihrem Keller zusammenbasteln. 36 Jahre nach der Wende blickt Günter Wetzel (70) zurück.

STANDARD: Als Sie rund 2.000 Meter über dem Boden in einem selbstgebauten Heißluftballon in Richtung Westen gefahren sind, gemeinsam mit ihrer Familie und der Familie Strelzyk. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Wetzel: Wir haben nur noch funktioniert. Wir waren so voller Adrenalin, dass für Gefühle überhaupt kein Platz gewesen ist. Wir haben wahrgenommen, was um uns herum passiert ist und haben dann getan, was notwendig war. Das ging bis zur Landung so. Als wir wieder auf dem Boden waren, war die Spannung plötzlich weg und erst dann kam die Angst und die Erschöpfung. Wir wussten ja nicht, ob wir es geschafft hatten oder nicht.


Der Gedanke der Flucht entsteht
Günter Wetzel wird 1955 in einem kleinen Dorf in Thüringen geboren. In seiner Kindheit merkt er nichts davon, dass er in einem anderen, in einem sozialistischen Deutschland groß wird. Nach seiner Hochzeit 1974 und einem Umzug lernt er Peter Strelzyk kennen. Sein späterer Mitverschwörer ist zu diesem Zeitpunkt ein aktives Parteimitglied: "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mit dem Peter über politische Themen zu sprechen." Erst als Peter Strelzyk mit einem Verwandten aus dem Westen frei über die politische Lage spricht, dämmert Wetzel, dass seine Bekanntschaft wohl doch kein allzu treues Parteimitglied ist: "Er hat bei dem ganzen Spiel noch mitgemacht, bei dem ich nicht mitmachen wollte. Es ging uns beiden wie vielen anderen DDR-Bürger, dass man im Laufe der Jahre den Gedanken entwickelte, das Land zu verlassen". Wetzel selbst ist bereits früh mit den Repressalien des Systems konfrontiert.

STANDARD: Ihr Vater hat, als Sie fünf Jahre waren, "rübergemacht". Er ist in den Westen gegangen. Sie waren also ein Kind und trotzdem mussten Sie die Konsequenzen spüren?

Wetzel: Ich habe das als Jugendlicher zu spüren bekommen. Mir wurde relativ früh gesagt, dass ich die Schule möglichst bald verlassen soll, um selbst Geld zu verdienen. Ich habe dann eine Maurer-Lehre begonnen und in der Abendschule die zehnte Klasse fertig gemacht. Ich wollte die nächsten Klassen dann fertig machen und mir wurde gesagt, dass ich das schon dürfe, aber einen Studienplatz würde ich nicht bekommen, weil mein Vater im Westen ist und ich nicht bereit war, in die SED einzutreten. Ich wollte eigentlich Physik studieren. Ich wollte Fliegen lernen, wollte Fallschirmspringen. Immer kam der Einwand, dass mein Vater im Westen sei und ich nicht in die Partei eintreten würde. Ich kam beruflich und privat nicht weiter und wollte in meinem Leben ja eigentlich noch ein bisschen was erreichen. Das habe ich in der DDR nicht mehr für mich gesehen. Das war mein Hauptantrieb, da herauszukommen.


Der erste von drei Ballons
Günter und Peter kamen sich in dieser Zeit auch beruflich näher. Neben ihren eigentlichen Jobs betätigten sie sich als sogenannte Feierabendarbeit. Heute würde man das als Schwarzarbeit bezeichnen, in der DDR wurde der Pfusch nach dem eigentlichen Arbeitstag staatlich sogar gefördert. Eine Verwandte aus dem Westen bringt mehrere Magazine bei ihrem Besuch mit und in einem findet Wetzel Fotos des jährlichen Ballonfahrttreffens in Albuquerque (New Mexico). "Da habe ich die vielen bunten Ballons gesehen und mir gedacht, das kann doch nicht so schwierig sein. Ein großer Stoffsack, heiße Luft rein und man schwebt davon". Günter und Peter schmieden den Plan, das Land genau so zu verlassen.

Standard: Wie konnten Sie Ihre Ehefrau von ihrem Vorhaben überzeugen? Wenn mir das meine Partnerin vorschlagen würde, dass wir mit einem selbstgebastelten Ballon 2.000 Meter über dem Boden über eine schwer bewachte Grenze fahren, würde ich sie fragen, ob sie einen Vogel hat.

Wetzel: Wir wussten damals ja nicht, wie hoch der Ballon fahren würde. Unsere Frauen hatten genau so den Wunsch, da rauszukommen. Die Tochter der Pflegemutter von Petra ist bereits in den 50er-Jahren in den Westen gegangen. Als ihre Pflegemutter 1974 Pensionistin wurde, konnte sie zu ihrer Tochter in den Westen umziehen. In späteren Jahren hat sie Herzprobleme entwickelt und sie wollte sie gerne besuchen. Man darf auch nicht vergessen, wir waren damals 24. In diesem Alter hat man noch eine höhere Risikobereitschaft. Außerdem kommt eine gewisse Blauäugigkeit dazu. Wir wussten nicht wirklich, worauf wir uns da einlassen.


Wetzel muss die Maße des Fluchtfahrzeuges schätzen und greift bei diesem Versuch daneben. Der Ballon ist viel zu klein, der Stoff nicht geeignet. Die Familien beginnen dennoch zu experimentieren, verwenden verschiedene Materialien und versuchen, den Ballon irgendwie aufzublasen. "Beim letzten Versuch hatten wir die Absicht, den Ballon aufzuhängen und von unten zu befüllen. Wir dachten, wir kriegen ihn so schneller gefüllt. Während der Vorbereitungen auf einen Steinbruch hat Peter plötzlich einen Schatten gesehen. Wir haben Panik bekommen, dass uns jemand beobachtet und alles schnell zusammengepackt." Der erste Ballon übersteht die hastige Flucht nicht. Ein Zweiter muss her.

Der zweite Ballon und ein erster Fluchtversuch
Bei Modell Nr. 2 greift Wetzel zu wissenschaftlicheren Methoden. Er versucht, die benötigte Größe zu berechnen. Die Familienmitglieder kaufen verschiedene luftundurchlässige Stoffe. Darunter Bettinlett, der früher als Einlage für Matratzen verwendet wurde, damit die Gänsefedern nicht durch den Stoff pieksen. "Wir sind nach Leipzig gefahren ins Konsumentwarenhaus und haben dort die benötigten 900 Quadratmeter Taftstoff für den Ballon mit 2200 Kubikmeter gekauft. Dort haben wir uns als Ingenieure vom Segelsportverein Hohenwarte vorgestellt. Wir waren keine Ingenieure und mit dem Segelsport hatten wir auch nichts zu tun. Das war denen aber egal".


Brettspiele erfreuten sich auch in der DDR großer Beliebtheit. Aufgrund der mangelnden Verfügbarkeit der Originale, wurden sie oft nachgebaut.
Günter Wetzel

Wetzel beginnt mit der Anfertigung des zweiten Ballons, baut in seine alte Nähmaschine einen Motor ein, um schneller arbeiten zu können. Um den Stoff mit Luft füllen zu können, opfert Wetzel sein Motorrad und bastelt aus dem Motor ein Gebläse. Erst als der Ballon aufgeblasen vor ihnen steht, realisiert die Gruppe, dass er zu klein ist. Nicht einmal Günter und Peter könnten mit diesem in den Westen fahren, geschweige denn acht Leute. "Da habe ich mich entschlossen, mit meiner Familie aus dem Unternehmen auszusteigen. Peter war der Meinung, dass es zu viert klappen könnte. Er hat das ganze auch zum überwiegenden Teil finanziert." Wetzel widmet sich anderen Projekten, überlegt etwa, ein kleines Flugzeug zu bauen, scheitert allerdings an den Materialien.


Für das Gebläse des Ballons muss das Motorrad von Günter Wetzel dran glauben. Ebenso wie alles andere an dem Ballon ist es Marke Eigenbau. Das Foto stammte aus der Stasi-Akte von Günter Wetzel, die er nach der Wende einsehen konnte.
Archivfoto

Standard: Die Familie Strelzyk hat einen ersten Fluchtversuch ohne Sie unternommen, ist aber gescheitert.

Wetzel: Sie sind zu viert mit diesem Modell aufgestiegen, haben allerdings Wolkenberührung bekommen, wodurch der Ballon Feuchtigkeit aufgenommen hat. Dadurch ist er schwerer geworden und dann ging es abwärts. Sie sind im Sperrgebiet der Grenze gelandet und haben es geschafft, dort unerkannt wieder hinauszukommen. Eine Woche später werden die Überreste von einem ehemaligen Volkspolizisten gefunden, der eigentlich nicht mehr ins Sperrgebiet durfte, aber dort nach Pilzen gesucht hat. Der hat es nicht gemeldet. Nach über zwei Wochen ist ein Jäger dann auf den Ballon gestoßen.



Ballonflüchtling Günter Wetzel vor einem Plakat des Films "Ballon". 2018 kommt der Spielfilm von Bully Herbig in die Kinos. Er schildert die Ereignisse der Flucht aus der Sicht von Peter Strelzyk (1942 - 2017)
Günter Wetzel

Die Flucht
STANDARD: Was Sie getan haben, war aus Sicht der DDR illegal. Hätte man Sie erwischt, hätten Sie die Konsequenzen gespürt, Ihre Kinder vielleicht nie wieder gesehen. Haben Sie an das damals überhaupt gedacht?

Wetzel: Wir hatten dafür einen Plan B. Wir haben Bilder gemacht und einen Verwandten aus dem Westen eingeweiht. Wir wussten, dass die BRD politische Gefangene freikauft. Wenn wir verschwunden wären, hätte unser Freund im Westen die Medien informiert. Die DDR hat im Jahr über Tausend Menschen verkauft. Sie hat einen richtigen Menschenhandel betrieben und damit 3,4 Millionen D-Mark eingenommen. Im Nachhinein bin ich froh, dass diese Situation nicht eingetreten ist. Ich habe Menschen kennengelernt, die freigekauft wurden. Das war auch kein Spaß.


Inzwischen ist auch der Stasi bekannt, dass es einen missglückten Fluchtversuch mit einem Ballon gegeben hat. Die Volkspolizei bittet in Zeitungsannouncen um die Mithilfe der Bevölkerung bei der Aufspürung der gescheiterten "Republikflüchtlinge". Die beiden Familien kaufen im ganzen Land kleinere Stoffmengen, um nicht aufzufallen, Wetzel nimmt Urlaub und setzt sich erneut an die Nähmaschine. In der Nacht auf den 16. September 1979 soll es schließlich losgehen. Aus dem Radio erfahren sie, dass das Wetter für den Aufstieg perfekt geeignet ist. Nach einigen Rückschlägen – Günter Wetzels Moped gibt am Weg zum Startpunkt den Geist auf – kann es losgehen. Der Ballon ist aufgeblasen, die Gasversorgung scheint stabil. Beim eigentlichen Abheben kommt es dann allerdings zu einem Problem, dass man als Ballonfahrer nicht haben möchte. Eine der Verankerungen löst sich nicht rechtzeitig, sodass der Ballon kippt und die Gasflamme den Stoff in Brand steckt. Wetzel kann die Flammen löschen, die Familien heben ab.


Das engmaschige Überwachungsnetzwerk der DDR setzt immer wieder auf die Mithilfe der Bevölkerung. Stand in der Zeitung etwas von einer nicht näher ausgeführten "schweren Straftat", war klar, dass es sich um versuchte "Republikflucht" gehandelt hat
Günter Wetzel

Ein Audi? Das muss der Westen sein!
Noch ist keiner der Beteiligten in Sicherheit: "Womit wir nicht gerechnet haben, der Ballon hat plötzlich angefangen, sich zu drehen. Darauf konnten wir uns keinen Reim machen. Von Ballonfahrern habe ich die Vermutung bekommen, dass durch die Löcher des Brandes Warmluft ausgetreten ist und sich der Ballon dadurch zu drehen begonnen hat." Mehr schlecht als Recht versuchten sich die Passagiere zu orientieren. Grenzer richteten sogar Scheinwerfer auf den Ballon, die glücklicherweise bald wieder ausgingen. Unglücklicherweise erlischt auch der Brenner. Das Gas ist aufgebraucht. Es ging abwärts: "Wir hatten Riesenglück, dass nichts passiert ist. Ich habe von Fällen gehört, da ist der Ballon dann wie ein Schlauch zusammengeklappt und dann geht es senkrecht nach unten. Da hätten wir überhaupt keine Überlebenschance gehabt".

Nach einer harten Landung wagen sich die beiden Männer in Richtung Süden. Noch weiß keiner der Beteiligten, ob die Flucht wirklich geglückt ist. Sollten sie auf der falschen Seite gelandet sein, würden sie den Grenzsoldaten direkt in die Arme laufen "dann ist es wenigstens vorbei". Günter und Peter orientieren sich an erst Kleinigkeiten, wie der Größe der Felder, oder einer fremdartigen Beschreibung auf einem Strommast.

STANDARD: Wann wussten Sie, dass Sie es geschafft haben?

Wetzel: Wir haben unsere Frauen und Kinder in einem Gebüsch zurückgelassen und uns zu einem Bauernhof gewagt. In einer Scheune entdeckten wir einen Fendt-Miststreuwagen und Fendt, das wussten wir, das kann nur der Westen sein. Wir sind aus der Scheune raus und auf dem Feldweg kam uns ein Auto entgegen. Auf dem Kühlergrill haben wir dann vier Ringe gesehen und dann war klar, das ist ein Audi und noch dazu ein Polizeiwagen. Die haben die Scheiben heruntergekurbelt und da kam die Frage von Peter, ob wir hier im Westen sind. Und die Antwort war: natürlich, wo sonst? Ich hatte von Silvester noch eine Handleuchtkugel dabei, die habe ich dann gezündet. Das war das Signal für Frauen, dass alles in Ordnung ist. Sie kamen angerannt, wir haben gejubelt und uns umarmt. Da war auch den Polizisten klar, dass alles in Ordnung ist.



Dieser selbstgebaute Ballon (links) bringt die beiden Familien in der Freiheit. Einige Jahre nach der Flucht wird er erneut aufgeblasen
Günter Wetzel

Erst später erfährt Wetzel, dass einer der Beamten im Polizeiauto schon eine Maschinenpistole in der Hand hatte.

Wetzel: Man darf nicht vergessen, die 70er-Jahre, die Zeit von RAF, von Terrorismus. Wenn da zwei Gestalten nachts herumschleichen, was haben sich die Polizisten da wohl gedacht. Wir hätten ja sonst wer sein können. Die sind richtig vorsichtig gewesen, aber als die Frauen dann mit den Kindern angerannt kamen, war ihnen offenbar klar, dass alles in Ordnung ist.
(Daniel Retschitzegger, 9.11.2025)
Wie zwei Familien mit einem selbstgebauten Ballon aus der DDR geflüchtet sind
 
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