Die Österreichischen Nationalbibliothek als "Zeitreisemaschine"

josef

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#1


Eintauchen in alte Zeiten
Vor 650 Jahren ist der Grundstock zur Sammlung der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek gelegt worden. Eine Ausstellung zeigt, wie sehr die Bibliothek und ihre Weiterentwicklung die gesellschaftlichen Strömungen im Laufe der Geschichte wiedergeben. Noch spannender ist es jedoch, sich online auf Zeitreise zu begeben.
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Wenn die Nationalbibliothek heuer ihr 650-Jahre-Jubiläum feiert, ist das würdig und recht - aber auch ein bisschen geschummelt. Denn vor 650 Jahren wurde lediglich der Grundstein für jene Sammlung gelegt, die in den Jahrhunderten danach durch viele Hände gehen und schließlich den Kernbestand der Österreichischen Nationalbibliothek bilden sollte. Aber sei’s drum, manche der gesammelten Werke sind sogar bedeutend älter als 650 Jahre: Es gibt ein Papyrus im Haus, das vor 3.500 Jahren angefertigt wurde.

Es begann - mit einem Buch
Die historischen Eckpunkte sind rasch abgehandelt. Als Ausgangspunkt der habsburgischen Büchersammlungen und somit Gründungskodex gilt eine Evangeliensammlung, die von Johannes von Troppau im Jahr 1368 fertiggestellt worden war. Die Handschrift gelangte in den Besitz von Friedrich III., der auch zahlreiche weitere wertvolle Bücher in seine Burg nach Wiener Neustadt bringen ließ.


Österreichische Nationalbibliothek (Montage)
L.: Evangeliar des Johannes von Troppau, Handschrift, 1368; r.: Gutenberg-Bibel, Druck von Johannes Gutenberg, um 1454

Weitere Regenten bauten die Sammlung aus und verlegten sie nach Wien. Zu den wertvollsten Beständen gehört die Bibliothek des Prinzen Eugen von Savoyen, die 15.000 Bücher umfasst, die heute dauerhaft im Prunksaal der Nationalbibliothek untergebracht sind, wo nun auch die Jubiläumsausstellung gezeigt wird.

Die Kulisse macht es aus
Ausstellungen im Prunksaal sind immer ein bisschen unbefriedigend. So spannend die Objekte in den Schaukästen auch sein mögen, noch neugieriger machen stets die Buchrücken in den mehr als zehn Meter hohen Regalen dahinter, die Balustraden, die Leitern, das Deckenfresko. All das, was hinter den samtroten Kordeln weggesperrt ist. Die Kuratorin der Jubiläumsausstellung, Michaela Pfundner, sagte, dass sich in der Geschichte der Bibliothek auch die Geschichte der Welt widerspiegelt.

Ausstellungshinweis
„Schatzkammer des Wissens. 650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek“, 26. Jänner bis 13. Jänner 2019, Prunksaal der Nationalbibliothek

Die verschiedenen Herrscher etwa, unter denen Bücher gesammelt wurden; dann die Frage, welche Bücher in die Bibliothek aufgenommen wurden - und welche der Zensur zum Opfer fielen. Die vielen Bücher, die während der NS-Zeit von Juden enteignet wurden und im Sinne des Restitutionsgesetzes wieder zurückgegeben werden mussten, all das wird in der Ausstellung thematisiert. Gezeigt werden auch Preziosen unter den historischen Marksteinen der Bibliothek, wie etwa der bereits erwähnte Gründungskodex.


Österreichische Nationalbibliothek
Der Josefsplatz mit der Kaiserlichen Bibliothek, kolorierter Kupferstich von Carl Schütz, 1780

„Binsenwahrheiten“ über die Atombombe
Aber wie viel mehr erfährt man über die Geschichte der modernen Zivilisation aus den Beständen der Nationalbibliothek selbst als durch ihre Geschichte? Ein wenig davon klingt auch in der Ausstellung an. Es gibt so viel mehr zu lernen als Herrschaftsgeschichte, etwa durch William Baileys „A Treatise on the Better Employment, and More Comfortable Support, of the Poor in Workhouses“ - eine Studie über die Armut der neuen Arbeiterklasse in London aus dem Jahr 1758, angekauft unter dem sammlungsverantwortlichen Aufklärer Gerard van Swieten.

Oder ein Brief der Politologin und Philosophin Hannah Arendt an ihren Mann Günther Anders aus dem Jahr 1957: „Ich las sofort den Essay ueber die Atom-Bombe -- der ist ausgezeichnet, das Beste, was darueber existiert. Vor allem, dass dies weder ein Ding noch ein Mittel ist, und dass es sich hier nicht mehr um Experimente handelt, weil die ganze Erde zum Laboratorium geworden ist. Ich hoffe, dass dies bald die Spatzen von den Daechern pfeifen werden, denn es sind ja eigentlich Binsenwahrheiten, wenn sie auch niemand weiss.“

Zeugnisse eines längst vergangenen Alltags
Ganz anders, aber auch ein kulturhistorisches Zeugnis, ist der Programmfolder eines Zirkus aus dem sechsten Jahrhundert nach Christus, geschrieben auf Papyrus. Angepriesen werden: ein Wagenrennen, Seiltänzer, Schauspieler und Stelzenläufer. Es sind solche simplen Dokumente, die eine vergangene Welt auferstehen lassen. Gerne würde man stundenlang in Zeitzeugnissen dieser Art schmökern.

Das ist auch möglich, weil zahlreiche Inhalte mittlerweile digital und kostenlos angeboten werden. Das betrifft alte Zeitungen (Projekt „ANNO“) genauso wie die Bücher im Prunksaal, die man so gerne durchblättern würde, was nun online auf der Website der Nationalbibliothek möglich ist. Ein Beispiel, aufs Geratewohl gesucht und gefunden: Man würde gerne einmal probieren, ein Brot genauso wie früher zu backen, ganz ohne Backmischung und Brotbackmaschine.


Wienbibliothek
„Die Aufgeklärte Wiener Hausfrau“ aus dem Jahr 1822: Scan aus der Wienbibliothek; Original im Magazin der Nationalbibliothek am Josefsplatz

„Die aufgeklärte Wiener Hausfrau“
Für diesen Fall kann das Handbuch von Magdalena Lichtenegger empfohlen werden, das als PDF downgeloadet werden kann und wirklich gut lesbar geschrieben ist, das viel spannendes Zeitkolorit vermittelt, auch wenn der Titel etwas sperrig anmutet:

„Die aufgeklärte Wiener Hausfrau: in der Küche, in dem Keller, in der Speisekammer, beym Waschen, Bleichen, Brotbacken und Branntweinbrennen, beym Aufbewahren des Fleisches, ... kurz bey allen häuslichen Verrichtungen, welche die Gesundheit, den Wohlstand, die Bequemlichkeit und die Ersparung im Haushalte hervorbringen, und vor Schaden und Geldverlust bewahren.“

Link:
Simon Hadler, ORF.at

Publiziert am 26.01.2018
http://orf.at/stories/2423918/2423919/
 

josef

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#2
Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB)



Das nicht erwünschte „carpe diem“
Im Wiener Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) hat die Ausstellung „Wege des Wissens“ Licht auf das „dunkle Zeitalter“ der Spätantike und des Frühmittelalters geworfen - ein Zeitalter, in dem ein Großteil des antiken Wissens verloren ging. Was wurde dennoch überliefert - und warum gerade das?
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Das Papyrusmuseum im Keller der ÖNB ist klein. Aber es gewinnt gewaltig an Größe, wenn man sich von seinem Direktor Bernhard Palme durchführen lässt. Wer dachte, Begeisterung könne nicht ansteckend sein, wird von ihm binnen Minuten eines Besseren belehrt. Der dünne Mann mit dem grau melierten, aufgezwirbelten Schnurrbart weiß Geschichten zu erzählen - und seine Augen leuchten dabei wie Flutlichter.

Die Geschichten, die Palme zu erzählen hat, sind gerade heute wieder relevant, sie treffen ins Herz der Debatte über „Fake News“, in der es nicht zuletzt um die Frage geht, wie unser Bild von Welt entsteht. Gibt es so etwas wie einen unhinterfragbaren Wissenskanon? Geht man aufmerksam durch die Ausstellung und schmökert im Katalog, findet man zwar keine einfachen Antworten, aber viele Argumente für eine grundsätzlich skeptische Haltung.


Österreichische Nationalbibliothek
Links: Cicero „In Catilinam“ - Papyrus, Latein und Griechisch, 4. Jh.; rechts: Glossar zum 15. Buch der „Ilias“ - Papyrus, Griechisch, Ägypten, 2. Jh.

Römer und Griechen waren zu wenig brav
Die zentrale These: Viel von der Essenz antiken Wissens ist nie in der Neuzeit angelangt, weil im Mittelalter die Kirche als Schleusenwärterin fungierte, deren Filter hauptsächlich das durchließ, was genehm schien. Verkürzt auf den Punkt gebracht: Die Christen propagierten das Bravsein im Diesseits, das durch das Paradies im Jenseits belohnt wird. Die nicht christianisierten Römer und Griechen jedoch glaubten nicht an ein Paradies, höchstens an eine Schattenwelt. Sie traten dafür ein, sich in diesem Leben zu nehmen, was einem zusteht: carpe diem.

Ausstellungshinweis
Die Ausstellung „Handschriften und Papyri. Wege des Wissens“ läuft nicht mehr. Eine Dauerausstellung im Papyrusmuseum ist jedoch weiterhin geöffnet - und durchaus einen Besuch wert.

Wobei man sich den kirchlichen Filter nicht als Zensurmaßnahme im Sinne einer Bücherverbrennung vorstellen darf. Das Abschreiben von Hand war aufgrund des wertvollen Materials überaus teuer und zudem viel Arbeit - Arbeit, die man sich nur dann antat, wenn man ein persönliches Interesse an der Überlieferung des spezifischen Wissens hatte. Im Fall der Kirche waren das keine philosophischen, freizügigen Komödien, sondern in erster Linie die Literatur der Kirchenväter, also jener antiken bis mittelalterlichen Autoren, die christliche Texte verfassten - und in zweiter Linie stilprägende Autoren für die Sprachausbildung, wie etwa Cicero.

Wissen - nur mit exzellentem Netzwerk
Darüber hinaus überdauerten schätzungsweise nur zehn Prozent der antiken Literatur zur Gänze die „Dark Ages“, wie man in der Wissenschaft die zwei Jahrhunderte vom Einbruch der Hunnen nach Europa circa 375 bis zum Einfall der Langobarden in Italien 568 bezeichnet, zwei Jahrhunderte, in denen Massen von antikem Wissen verloren gingen.

Zwei Jahrhunderte, in denen Bildung eine untergeordnete Rolle spielte und nur in den Tiefen einer Handvoll Klöster Bibliotheken gepflegt wurden. Die Aneignung von Wissen war damals ein aufwendiger Hürdenlauf. Zuerst musste man überhaupt von der Existenz eines Buches erfahren - und dann konnte man es nur finden, wenn man international exzellent vernetzt war.


Österreichische Nationalbibliothek
Plinius Secundus, „Naturalis historia“ - Pergament, Latein, Italien, erste Hälfte 5. Jh.

Recycling zerstörte Wissen
Noch grundlegender war das Problem der Konservierung. In Ägypten überdauerten Papyri am besten, weil es dort in der Wüste trocken war. In Europa verrottete und verschwand, was nicht rechtzeitig kopiert worden war. Zuerst wurde von Papyri wieder auf Papyrus übertragen, ab dem 5. Jahrhundert dann in Codices, also Bücher mit dicken Einbänden und einzelnen Pergamentseiten. Oft wurden auch alte Papyri „radiert“ und wiederverwertet. Die kostbaren Texte unter der später angebrachten Schrift versucht man heute (oft mit Erfolg) zu rekonstruieren, um so doch noch zusätzlich Wissen aus der Antike zu erschließen.

Im Papyrusmuseum gilt es noch jede Menge Schätze zu bergen. 180.000 Dokumente werden aufbewahrt, von denen erst 8.000 vollständig erforscht wurden. Die ältesten entstammen der pharaonischen Zeit in Ägypten, bevor der Export nach Rom und Griechenland ab dem Hellenismus folgte. Abschriften antiker Klassiker etwa von Cicero, Vergil und Homer sowie der Werke historischer Chronisten sind genauso darunter wie ein 3.500 Jahre altes, hervorragend erhaltenes Papyrus, das einem Toten mitgegeben wurde, wie es damals üblich war - mit kultischen Texten, die dem oder der Verstorbenen einen reibungslosen Übertritt ins Jenseits ermöglichen sollten.

Heirats- und Scheidungspapiere
Es sind aber nicht nur einzelne sensationelle Objekte, die von Interesse sind. Gerade auch die Masse an Gebrauchstexten gibt einen tiefen Einblick in antikes Leben abseits der Herrschaftsgeschichte. So finden sich etwa zahlreiche Heirats- und auch Scheidungsurkunden in der Sammlung. Scheidungen standen in Rom in manchen Perioden durchaus an der Tagesordnung. Es gab eine Zeit, da die Frauen den Männern fast gleichgestellt waren, sobald sie drei Kinder bekommen hatten.

Auch ein Beispiel früher „Chronikberichterstattung“ findet sich in der Ausstellung: der Bericht von Grabwächtern aus dem Jahr 1159 v. Ch. über den Einbruch in ein Grabmal. Und ein Empfehlungsschreiben ist zu sehen, das vier Stabsoffizieren ermöglichte, den purpurnen Saum des kaiserlichen Kleides zu küssen - eine große Ehre. Ebenfalls gezeigt werden Unterlagen für den Matheunterricht. Die Skizzen zum Berechnen des Flächeninhalts von Dreiecken könnte man heute noch genauso verwenden.

Viele Dokumente sind nur noch fragmentarisch vorhanden. Aber die Papyrologie hat viel Pionierarbeit in Sachen Digitalisierung geleistet. So ist es oft möglich, anhand einzelner Fragmente durch den Abgleich mit Datenbanken festzustellen, worum es sich handelt. Direktor Palme kann auch über das Lukrieren von Förderungen und Drittmitteln lebhafte Geschichten erzählen - denn die Erforschung und das Bewahren des alten Wissens sind zeit- und kostenintensiv. Zeit und Geld, beides sind rare Güter - aber zumindest die Begeisterung fehlt offenbar nie.


Simon Hadler, ORF.at
http://orf.at/stories/2423918/2392056/

 
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josef

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#3
Ägyptischer Wein im Papyrusmuseum
Bis zu 3.000 Jahre alt sind jene mehr als 70 Exponate, die das Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek ab heute in der Ausstellung „In vino veritas. Wein im alten Ägypten“ präsentiert.
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Im Zentrum der Schau stehen Papyri der spätantiken Epoche mit Details zur Weinkultur. Der zeitliche Bogen wird dabei jedoch von der pharaonischen bis in die arabische Zeit gespannt. „Das edle Getränk war ebenso wie heute ein wichtiges Wirtschaftsgut und Genussmittel und besaß zudem eine große religiöse und kultische Bedeutung“, heißt es dazu im Pressetext.
Österreichische Nationalbibliothek
Wein für ein Geburtstagsfest; Papyrus Griechisch, Pesla oder Hermupolis, Anf. 4. Jh. n. Chr.

Nationalbibliothek
Liste mit Lorbeerwein und Fischbrühe gemischt mit Wein; Papyrus Koptisch (Sahidisch), Ägypten, 7. Jh. n. Chr.


Österreichische Nationalbibliothek
Einzige vollständig erhaltene Anweisung für die Auszahlung der „annona militaris“; Papyrus Latein, Ägypten, 19. März 399 n. Chr.


Österreichische Nationalbibliothek
Verzeichnis von Ausgaben an Wein; Papyrus Griechisch, Ägypten, 21. April 321 n. Chr.

Getränk für Götter
Aufbereitet wird das Thema etwa durch Pacht- und Kaufverträge, die Einblicke in den Alltag von Winzern und Weinhändlern geben oder Briefe, die die Bedeutung des Weins für die Verpflegung von Soldaten dokumentieren. Wein – auch das zeigt die Ausstellung – war jedoch mehr ein Getränk für die betuchteren Trinker: „Er galt im alten Ägypten – anders als Bier, das im häuslichen Umfeld für den Eigengebrauch hergestellt werden konnte – als Getränk für Götter, Herrscher und die Oberschicht.“

Wein als Grabbeigabe
Nicht nur Grabmalereien mit Winzerszenen verdeutlichen die Bedeutung des Weins, Reste von Wein sowie mitunter Weintrauben beziehungsweise Rosinen wurden auch als Grabbeigaben gefunden. „Eindeutig nachgewiesen ist der Beweggrund für die Malereien und Beigaben: Durch sie sollten die Verstorbenen auch im Jenseits jederzeit ihren Durst stillen können.“

Ausstellungshinweis
„In vino veritas. Wein im alten Ägypten“, 14. Juni bis 12. Jänner 2020, Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek.
Unter den Ausstellungsstücken im Papyrusmuseum finden sich unter anderem ein Pachtvertrag eines Weingartens aus dem Jahr 624 nach Christus, ein textiles Medaillon mit Kelterszene aus dem 4. bis 5. Jahrhundert oder ein Arbeitsvertrag mit einem Flötenspieler zur Unterhaltung bei der Weinlese vom 20. Dezember 321.

red, wien.ORF.at/Agenturen

Links:
Kultur: Ägyptischer Wein im Papyrusmuseum
 
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