Drei der letzten sechs deutschen Atomkraftwerke gingen am Silvesterabend vom Netz

josef

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Atomausstieg geht in letzte Runde
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Beim deutschen Atomausstieg ist die Zielgerade in Sicht. Am Silvesterabend gingen wie geplant drei der letzten sechs Atomkraftwerke des Landes vom Netz. In genau einem Jahr sollen dann noch die verbleibenden Reaktoren folgen. Atomkraftgegner und Umweltschutzorganisationen feiern die Abschaltungen. Doch nicht überall wird der deutsche Weg als der richtige angesehen.
Für die Atomkraftwerke in Brokdorf (Schleswig-Holstein) und Grohnde (Niedersachsen) ging mit dem Silvestertag ihr Arbeitsleben zu Ende. Die beiden Kraftwerke wurden ebenso wie der Block C im bayrischen AKW Gundremmingen in der Nacht vor dem Jahreswechsel vom Netz genommen. Jetzt werden die Reaktoren Stück für Stück rückgebaut – ein aufwendiger Prozess, der noch viele Jahre in Anspruch nehmen wird.

Mit der Abschaltung der drei Reaktoren speisen künftig nur noch drei AKWs in Deutschland elektrische Energie ins Stromnetz ein. Doch auch für die Kraftwerke, die noch in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen in Betrieb sind, ist das Ende in Sicht. In einem Jahr soll auch in den AKWs Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 der Betrieb eingestellt werden. Weiter betrieben werden dürfen nur noch zwei Anlagen, die Brennstoff und Brennelemente für den Export herstellen. Der deutsche Atomausstieg soll dann als offiziell beendet gelten.

Reuters/Morris Macmatzen
Das AKW Grohnde war eines der letzten sechs aktiven AKWs in Deutschland

Bereits am Donnerstag feierten Aktivistinnen und Aktivisten die Abschaltung des AKW Brokdorf. Mitglieder der NGO .ausgestrahlt projizierten Schriftzüge wie „Schluss! Endlich!“ und „Gemeinsam gewonnen“ auf die Reaktorkuppel. Gegen das AKW Brokdorf hatte es seit dessen Bau in den 1980ern starken Widerstand von Atomkraftgegnern gegeben. Es war 1986 – genau im Jahr der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – ans Netz gegangen.

Fukushima als Beschleuniger
Ihren Anfang nahm die politische Abkehr von der Atomenergie in Deutschland unter der ersten SPD-Grünen-Regierung Anfang der Nullerjahre. Zwar bemühte sich die Nachfolgeregierung aus Union und FDP anfangs um eine Laufzeitverlängerung für die deutschen AKWs. Die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 zementierte die deutschen Ausstiegspläne aber endgültig ein.

„Der Atomausstieg ist unumkehrbar“, stellte nun die neue deutsche Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) fest. Die Abkehr von der Atomkraft schreite planmäßig voran – und „das ist auch gut so“.

Die Angst der Kritiker
Allerdings teilen nicht alle in Deutschland diese Meinung. Erst vor Kurzem sprachen sich mehrere Konzernchefs dafür aus, die Laufzeit der bestehenden AKWs zu verlängern. Ein Hauptargument derer, die in Deutschland – noch – nicht auf die Atomkraft verzichten wollen: In Kombination mit dem Kohleausstieg bis 2038 steuere Deutschlands Stromnetz auf einen eklatanten Versorgungsengpass zu.

Andere, wie etwa die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, verweisen hingegen darauf, dass Deutschland keine Gefahr drohe – einen raschen Ausbau der erneuerbaren Energie, der Netze und der Speicher vorausgesetzt.

In einer aktuellen Analyse geht das DIW davon aus, dass es auch nach dem vollendeten Atomausstieg „ausreichende Kapazitäten“ geben werde, um die Energieversorgung in Deutschland zu sichern. Wenn das deutsche Stromsystem „rasch auf erneuerbare Energieträger in Verbindung mit Speichern und Flexibilitätsoptionen“ umsteige, sei die Versorgungssicherheit mittelfristig nicht gefährdet, schreiben sie.

Umkämpfte Materie in EU
Auf EU-Ebene ist der Kampf um die Zukunft der Kernkraft freilich noch lange nicht entschieden. Während ein Teil der Mitgliedsstaaten – wie auch Österreich – deren Nutzung entschieden ablehnt, wollen andere Länder wie Frankreich und Polen daran festhalten und auch neue Atomkraftwerke bauen. Die EU-Kommission wird voraussichtlich Atomkraft als klimafreundliche Energieform einstufen.

Die neue Einstufung wäre Teil der von der Kommission geplanten neuen Taxonomie für nachhaltige Energieformen. Dabei geht es auch um die mögliche Bewertung von Gas als eine nachhaltige Übergangstechnologie, was ebenfalls auf Kritik stößt.

Vor dem AKW in Grohnden demonstrierte denn am Donnerstag auch Greenpeace unter dem Slogan „Für ein atomstromfreies Europa“ gegen die Pläne der EU-Kommission, die Atomenergie und auch Energie aus Erdgas als nachhaltig einstufen könnte. Das sei „völlig unverständlich“, hieß es von der NGO.
01.01.2022, red, ORF.at/Agenturen

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