Erdställe

josef

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#42
UNTER DER ERDE
Rätselraten um 800 Jahre alte unterirdische Anlage in Oberösterreich
Wozu der "Erdstall" im Bezirk Grieskirchen einst diente, ist unklar. Forschende wollen das Geheimnis des seltsamen Bauwerks unter der Erde mit 3D-Messtechnik lüften

Der Erdstall in Oberösterreich wird jetzt mit 3D-Messung untersucht.
FH OÖ

Waren sie Kultort, Lagerraum oder Versteck? Sogenannte Erdställe, viele von ihnen jahrhundertealt, gibt es nicht nur in Bayern und Frankreich, sondern auch in Ober- und Niederösterreich. Die Bezeichnung selbst gibt wenig Aufschluss über ihren Zweck. Dahinter verbirgt sich schlicht: "Stelle unter der Erde". Und mit dieser Etymologie ist das gesicherte Wissen über die unterirdischen Bauwerke dann auch schon fast wieder erschöpft. Denn obwohl einige von ihnen gut erschlossen sind, ist nur wenig über deren Geschichte bekannt. Mittels 3D-Kartierung eines Erdstalls im oberösterreichischen Unterstetten erhoffen sich Forschende der Fachhochschule Oberösterreich (FH OÖ) Campus Wels nun neue Erkenntnisse.

Das 100-Einwohner-Dorf im Bezirk Grieskirchen verfügt über einen Erdstall, der für die Forschung besonders günstige Bedingungen mitbringt, erklärt Kurt Niel, Professor für industrielle Bildverarbeitung an der Fakultät für Technik und Angewandte Naturwissenschaften der FH Oberösterreich. Die unterirdische Anlage ist 800 Jahre alt, besteht aus sieben, teilweise übereinander angelegten Kammern und gilt als vollständig erhalten. Entdeckt wurde das Bauwerk erstmals 1993, als eine Frau beim Mähen des darüber liegenden Feldes in ein Erdloch einbrach. Dass sich darunter eine bis zu sieben Meter tiefe architektonische Struktur verbirgt, ahnte damals niemand.


Forscher Raimund Edlinger im Erdstall vor dem waagrechten Schlupf.
FH OÖ Kurt Niel

Gemeinsam mit seinem Kollegen Raimund Edlinger, einem Experten für mobile Robotik, entwickelte Niel ein kleines, tragbares Messsystem. Dieses ermöglicht es erstmals, präzise Vermessungstechnik in den engen und schwer erreichbaren unterirdischen Kammern zur Anwendung zu bringen. Das mobile Messsystem ist mit Tiefenkameras und einem Gyroskop ausgestattet und erlaubt die dreidimensionale Vermessung der unterirdischen Räume. Durch Einsatz dieser Technologie sind die Welser Forschenden in der Lage, eine Punktewolke zu berechnen und somit ein exaktes 3D-Modell des Erdstalls zu generieren. "Dieser Ansatz ermöglicht vollkommen neue Einsichten in die Entstehung von Erdställen", sagt Niel.

Rätselhafte Geschichte
Der Unterstettner Erdstall wurde vermutlich unterhalb eines großen Bauernhofes errichtet. Angenommen wird, dass Wanderarbeiter auf der Durchreise die Anlage gegen Kost und Logis für wohlhabende Gutsbesitzer errichteten. Dazu wurde zunächst ein sieben Meter tiefer Bauschacht angelegt. Ausgehend von diesem Schacht gruben die Arbeiter dann einzelne Kammern aus, die mit nur 40 Zentimeter breiten, "Schlupf" genannten vertikalen und horizontalen Engstellen verbunden sind. Somit entstand ein ganzes Kammersystem, das sich auf drei Etagen erstreckt und dessen tiefster Punkt sieben Meter unter der Erde liegt. "Man ist hier ganz von der Umwelt abgeschottet, sieht und hört absolut nichts mehr", berichtet Niel über die Erfahrung unter Tage. Nach Abschluss der Konstruktion wurde der Bauschacht wieder verschüttet. Will man bis zum letzten Raum gelangen, muss man sich also kriechend und kletternd fortbewegen und sollte keine Platzangst haben.


Einzelne Strukturen werden im Mesh-Modell in 3D ausgearbeitet.
FH OÖ

Bis heute ist der genaue Zweck von Erdställen unbekannt. Es gibt aber drei Erklärungsansätze. Die erste Theorie besagt, dass es sich bei Erdställen um Kultstätten handelte. In Form eines symbolischen Leergrabes wurde den verstorbenen Vorfahren somit eine letzte Heimstatt in der Nähe ihrer Verwandten geschaffen. Vertreter der zweiten Theorie nehmen an, dass Erdställe als Lager, beispielsweise für Lebensmittel, dienten. Die dritte Theorie geht davon aus, dass die höhlenartigen Gebäude als Fluchtort dienten, um sich vor Räubern zu schützen.

Erdstallforscher Niel vertritt die Fluchtorttheorie. Belege dafür habe die Untersuchung des Unterstettner Erdstalls geliefert, erzählt er im STANDARD-Gespräch. "Nur eine Person kann durch die engen Schlüpfe kriechen, der Erdstall kann also hervorragend verteidigt werden." Außerdem habe man über einem der senkrechten Schlüpfe einen kreisrunden Verschlussstein gefunden, bei einem weiteren Schlupf seien Riefen im Lehmboden erkennbar, die auf die Existenz einer Holztür schließen lassen. Beides deute darauf hin, dass das Abschließen des Kammersystems eine zentrale Bedeutung hatte, erklärt Niel. Auch Sitz- und Lampennischen, die nun erstmals präzise vermessen wurden, legen nahe, dass der Erdstall zum Verweilen gedacht war.

Messtechnik soll Geheimnis lüften
"Das Schöne an dem Projekt ist, dass wir die historische Forschung vorantreiben und gleichzeitig eine neue Messtechnik erproben, die auch für viele andere Anwendungen geeignet ist", freut sich Niel über die Innovationskraft des Projekts. Durch die präzise 3D-Vermessung lassen sich nämlich neuartige Aussagen über die Architektur und den Aufbau von Erdställen treffen. Auf dieser Basis erhofft man sich mittelfristig, mehr über die Geschichte der Erdställe in Zentraleuropa herauszufinden. "Wir wollen Schritt für Schritt auch andere Erdställe mit unserer Technologie vermessen. Somit werden wir besser verstehen, warum diese angelegt wurden und wozu sie wirklich dienten", erklärt Niel im Gespräch mit dem STANDARD.

In Unterstetten hat man indes auch das touristische Potenzial des Erdstalls erkannt. Ein von der Gemeinde gegründeter Verein will das unterirdische Kulturgut nun der Öffentlichkeit zugänglich machen. "Hier kommt die von uns entwickelte Vermessungstechnik ins Spiel", freut sich der Welser FH-Professor. Auf Basis des von den Forschern erstellten 3D-Modells soll eine Website entstehen, auf der der Erdstall digital erkundet werden kann. Auch das analoge Erlebnis wird nicht zu kurz kommen: Ein überirdisches 1:1-Modell des Erdstalls soll es Interessierten ermöglichen, das Höhlensystem zu erkunden – ganz ohne einen Fuß in die Tiefe setzen zu müssen.
(Paul M. Horntrich, 16.6.2024)
Rätselraten um 800 Jahre alte unterirdische Anlage in Oberösterreich
 

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Unterstetten OÖ.: 3-D-Scanner soll bei Erdstall-Rätsel helfen
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Ein Team aus Wissenschaftern der FH Oberösterreich untersucht aktuell einen Erdstall in Unterstetten (Bezirk Grieskirchen). Mit einem neuen 3D-Scanner sollen die unterirdischen Gänge digital erfasst und analysiert werden. Die neuen Erkenntnisse könnten bei der Lösung der Rätsel rund um Erdställe helfen.
Online seit heute, 16.08 Uhr
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Ein Team aus Wissenschaftlern der FH Oberösterreich begibt sich gemeinsam mit Erdstallforscher Josef Weichenberger unter die Erde. Mit einem neuentwickelten, tragbaren Messsystem soll der Erdstall in Unterstetten erstmals digital erfasst werden. Raimund Edlinger, Robotiker an der FH OÖ am Campus Wels, erklärt: „Wir haben hier das sogenannte MobES, den mobilen Erdstallscanner entwickelt. Und hier verwenden wir ein ganz konventionelles Smartphone. Wir sehen hier diverse Kameras, und es ist eben auch hier ein Laserscanner verbaut. Und zusammen mit dem Gyroskop und Beschleunigungssensoren ergibt sich dann eben eine sehr gute 3-D-Darstellung vom Erdstall.“

ORF
Für den mobilen Erdstallscanner kann ein handelsübliches Smartphone verwendet werden

Das Team steigt hinab in das 37 Meter lange und sieben Meter tiefe Gangsystem, wo die erste Herausforderung wartet: eine für Erdställe typische Engstelle, ein sogenannter Schlupf. Josef Weichenberger beschreibt die Schwierigkeit und seine Gedanken zur damaligen Verwendung: „Das Problem, das ich habe: Ich kann mich einfach nicht verteidigen, wenn ich da in dem Schlupf stecke. Jemand der auf der anderen Seite wartet, der kann den Eindringling ganz leicht mit einer Keule abwehren.“

Scan soll Details besser Sichtbar machen
Mit seinen sieben Räumen zählt der Erdstall in Unterstetten zu den größten Österreichs. 1993 wurde er durch Zufall bei Mäharbeiten entdeckt. Die Forscher nutzen die Scans, um Details sichtbar zu machen, die etwas über die Funktion des Erdstalls und dessen Erbauer verraten könnten.

ORF

Kurt Niel, Messtechniker an der FH, berichtet: „Wir haben gefunden, dass die Struktur um den Schlupf herum eine neue ist, die nicht natürlichen Ursprungs ist. Wir haben gefunden, dass eine Nische in der Tür in dem Schlupf eingebracht ist und wir haben herausgefunden, dass es auch Lampennischen offensichtlich in den Räumen gibt.“

Rätselhafte Strukturen
Mehrere Wochen muss es gedauert haben, die unterirdischen Gänge voranzutreiben, vermutlich waren mehrere Männer am Werk. Ein Fundstück könnte Hinweise liefern. Josef Weichenberger erklärt: „Das ist einfach ein Deckstein, den ich oberhalb von dem Schlupf hob und wenn ich mich da drauf stelle, kann niemand von unten den Stein hochheben, weil ich mich mit dem Rücken an der Decke abstützen kann und Druck ausüben kann.“

ORF
Die gewonnenen Informationen werden im Labor zu einem 3D-Modell zusammengefügt

Zurück im Labor werden die Aufnahmen zu einem dreidimensionalen Modell zusammengefügt. Erstmals lässt sich der 800 Jahre alte Erdstall in seiner Gesamtheit betrachten und das Gangsystem zentimetergenau vermessen. Kurt Niel erläutert: „Tatsächlich kann man da gut eine Holzplatte einpassen, die mit zwei Stützen gegen die Wand abgestützt ist. Und man sieht auch da auf der Seite diesen Verteidigungsschacht, wo die hereinkommende Person zurückgedrängt werden kann.“

Forscher vermutet Verteidigungs- und Rückzugsort
Kurt Niel hat eine Theorie zur Funktion des Erdstalls: „Meine Theorie aufgrund der Verschlusssteine und der Tür ist, dass es ein Verteidigungs-, ein Rückzugsort war für Kinder und Frauen, wenn das Haus durch Räuber überfallen worden ist, dass zumindest diese Personen Schutz gefunden haben, für zwei, drei, vier Stunden. Das ist für mich die plausibelste Theorie.“

Zukunft des Erdstalls
Beweisen lässt sich das derzeit nicht. Mit Hilfe des 3D-Modells soll der Erdstall in Unterstetten künftig einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. So können Forschende, Historiker und Interessierte das unterirdische Bauwerk selbst digital erkunden. Vielleicht lässt sich dabei noch das eine oder andere Rätsel lösen.
21.04.2025, red/Maehs, ooe.ORF.at
3-D-Scanner soll bei Erdstall-Rätsel helfen
 
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