Der Erdstall in Oberösterreich wird jetzt mit 3D-Messung untersucht.
FH OÖ
Waren sie Kultort, Lagerraum oder Versteck? Sogenannte Erdställe, viele von ihnen jahrhundertealt, gibt es nicht nur in Bayern und Frankreich, sondern auch in Ober- und Niederösterreich. Die Bezeichnung selbst gibt wenig Aufschluss über ihren Zweck. Dahinter verbirgt sich schlicht: "Stelle unter der Erde". Und mit dieser Etymologie ist das gesicherte Wissen über die unterirdischen Bauwerke dann auch schon fast wieder erschöpft. Denn obwohl einige von ihnen gut erschlossen sind, ist nur wenig über deren Geschichte bekannt. Mittels 3D-Kartierung eines Erdstalls im oberösterreichischen Unterstetten erhoffen sich Forschende der Fachhochschule Oberösterreich (FH OÖ) Campus Wels nun neue Erkenntnisse.
Das 100-Einwohner-Dorf im Bezirk Grieskirchen verfügt über einen Erdstall, der für die Forschung besonders günstige Bedingungen mitbringt, erklärt Kurt Niel, Professor für industrielle Bildverarbeitung an der Fakultät für Technik und Angewandte Naturwissenschaften der FH Oberösterreich. Die unterirdische Anlage ist 800 Jahre alt, besteht aus sieben, teilweise übereinander angelegten Kammern und gilt als vollständig erhalten. Entdeckt wurde das Bauwerk erstmals 1993, als eine Frau beim Mähen des darüber liegenden Feldes in ein Erdloch einbrach. Dass sich darunter eine bis zu sieben Meter tiefe architektonische Struktur verbirgt, ahnte damals niemand.
Forscher Raimund Edlinger im Erdstall vor dem waagrechten Schlupf.
FH OÖ Kurt Niel
Gemeinsam mit seinem Kollegen Raimund Edlinger, einem Experten für mobile Robotik, entwickelte Niel ein kleines, tragbares Messsystem. Dieses ermöglicht es erstmals, präzise Vermessungstechnik in den engen und schwer erreichbaren unterirdischen Kammern zur Anwendung zu bringen. Das mobile Messsystem ist mit Tiefenkameras und einem Gyroskop ausgestattet und erlaubt die dreidimensionale Vermessung der unterirdischen Räume. Durch Einsatz dieser Technologie sind die Welser Forschenden in der Lage, eine Punktewolke zu berechnen und somit ein exaktes 3D-Modell des Erdstalls zu generieren. "Dieser Ansatz ermöglicht vollkommen neue Einsichten in die Entstehung von Erdställen", sagt Niel.
Rätselhafte Geschichte
Der Unterstettner Erdstall wurde vermutlich unterhalb eines großen Bauernhofes errichtet. Angenommen wird, dass Wanderarbeiter auf der Durchreise die Anlage gegen Kost und Logis für wohlhabende Gutsbesitzer errichteten. Dazu wurde zunächst ein sieben Meter tiefer Bauschacht angelegt. Ausgehend von diesem Schacht gruben die Arbeiter dann einzelne Kammern aus, die mit nur 40 Zentimeter breiten, "Schlupf" genannten vertikalen und horizontalen Engstellen verbunden sind. Somit entstand ein ganzes Kammersystem, das sich auf drei Etagen erstreckt und dessen tiefster Punkt sieben Meter unter der Erde liegt. "Man ist hier ganz von der Umwelt abgeschottet, sieht und hört absolut nichts mehr", berichtet Niel über die Erfahrung unter Tage. Nach Abschluss der Konstruktion wurde der Bauschacht wieder verschüttet. Will man bis zum letzten Raum gelangen, muss man sich also kriechend und kletternd fortbewegen und sollte keine Platzangst haben.
Einzelne Strukturen werden im Mesh-Modell in 3D ausgearbeitet.
FH OÖ
Bis heute ist der genaue Zweck von Erdställen unbekannt. Es gibt aber drei Erklärungsansätze. Die erste Theorie besagt, dass es sich bei Erdställen um Kultstätten handelte. In Form eines symbolischen Leergrabes wurde den verstorbenen Vorfahren somit eine letzte Heimstatt in der Nähe ihrer Verwandten geschaffen. Vertreter der zweiten Theorie nehmen an, dass Erdställe als Lager, beispielsweise für Lebensmittel, dienten. Die dritte Theorie geht davon aus, dass die höhlenartigen Gebäude als Fluchtort dienten, um sich vor Räubern zu schützen.
Erdstallforscher Niel vertritt die Fluchtorttheorie. Belege dafür habe die Untersuchung des Unterstettner Erdstalls geliefert, erzählt er im STANDARD-Gespräch. "Nur eine Person kann durch die engen Schlüpfe kriechen, der Erdstall kann also hervorragend verteidigt werden." Außerdem habe man über einem der senkrechten Schlüpfe einen kreisrunden Verschlussstein gefunden, bei einem weiteren Schlupf seien Riefen im Lehmboden erkennbar, die auf die Existenz einer Holztür schließen lassen. Beides deute darauf hin, dass das Abschließen des Kammersystems eine zentrale Bedeutung hatte, erklärt Niel. Auch Sitz- und Lampennischen, die nun erstmals präzise vermessen wurden, legen nahe, dass der Erdstall zum Verweilen gedacht war.
Messtechnik soll Geheimnis lüften
"Das Schöne an dem Projekt ist, dass wir die historische Forschung vorantreiben und gleichzeitig eine neue Messtechnik erproben, die auch für viele andere Anwendungen geeignet ist", freut sich Niel über die Innovationskraft des Projekts. Durch die präzise 3D-Vermessung lassen sich nämlich neuartige Aussagen über die Architektur und den Aufbau von Erdställen treffen. Auf dieser Basis erhofft man sich mittelfristig, mehr über die Geschichte der Erdställe in Zentraleuropa herauszufinden. "Wir wollen Schritt für Schritt auch andere Erdställe mit unserer Technologie vermessen. Somit werden wir besser verstehen, warum diese angelegt wurden und wozu sie wirklich dienten", erklärt Niel im Gespräch mit dem STANDARD.
In Unterstetten hat man indes auch das touristische Potenzial des Erdstalls erkannt. Ein von der Gemeinde gegründeter Verein will das unterirdische Kulturgut nun der Öffentlichkeit zugänglich machen. "Hier kommt die von uns entwickelte Vermessungstechnik ins Spiel", freut sich der Welser FH-Professor. Auf Basis des von den Forschern erstellten 3D-Modells soll eine Website entstehen, auf der der Erdstall digital erkundet werden kann. Auch das analoge Erlebnis wird nicht zu kurz kommen: Ein überirdisches 1:1-Modell des Erdstalls soll es Interessierten ermöglichen, das Höhlensystem zu erkunden – ganz ohne einen Fuß in die Tiefe setzen zu müssen.
(Paul M. Horntrich, 16.6.2024)