Heereswaffenamt 1938 - 1945

#21
Leeb's Aussagen zu den Flüssigkeitsraketen

Hier die Aussagen des vorletzten Chefs des Heereswaffenamtes zu den Flüssigkeitsraketen. Da ich finde das es historisch wertvoll ist, hier der gesamte Text im exakten Wortlaut (Leeb, Seite 41).
Flüssigkeitsraketen

Die V-2 wurde in Peenemünde entwickelt und erprobt. Das Geschoß war etwa 12 m lang mit etwa 1 to Sprengladung an der Spitze. Treibstoff: Spiritus uns Sauerstoff, die beim Zusammenfluß zur Entzündung gebracht wurden. Ungeheure Treibkraft! Elektrische Steuerung wurde später teilweise wegen der Gefahr der Störung durch mechanische ersetzt. Bis Frühjahr 1942 nur Versuche mit Raketen von 11/2 to Schub. Die V-2 mit 25 to Schub wurde bis Mitte 1944 fronteinsatzreif. Nachteilig war die schwierige Massenherstellung, da das Innere ein ganzes Laboratorium enthielt, das teilweise nicht genügend transportsicher und außerdem feuchtigkeitsempfindlich war. Für die Feldverwendung wurden besondere Fahrzeuge konstruiert. Eine ortsfeste gegen Bombenangriffe gesicherte Anlage wurde entworfen.

Die ursprünglich erwartete Schußweite von 250 km wurde übertroffen (über 300 km). Die Streuung der Schüsse bewegte sich in der der weittragenden Flachfeuergeschütze. Eine zeitlang bereiteten zahlreiche Frühzerspringer über dem Ziel (Erhitzung der Hülle beim Eintauchen in die Atmosphäre) erhebliche Schwierigkeiten. Gute Tarnmöglichkeit! Die Verwendung war gedacht als weittragende Artillerie.

Gefordert wurden ursprünglich 1800 Stück im Monat, die dann auf 900 ermäßigt werden mußten. Tatsächlich wurden monatlich nicht mehr als etwa 400 erreicht.

Die Entwicklung einer Flüssigkeitsrakete mit 100 to Schub und erheblich größerer Schußweite kam über Projektierungen (A 9) nicht hinaus. Dagegen gewann das Projekt der V-2 mit Flügelansatz praktische Gestalt.
Der letzte Absatz scheint interessant für die Diskussion zum Thema Aggregat 9 "Amerika-Rakete"/ "Zement" siehe hier. Wobei Markus im Beitrag #2 gleich noch die Frage nach dem Verbleib noch vorhandener Akten des Heereswaffenamtes beantwortet hat, toll :).
 
#22
Wobei wir ja definitiv wissen das dieser Satz vom Inhalt nicht wörtlich genommen werden kann da auch hier verschiedene Projekte durcheinander gewürfelt wurden.
Die 100 t Schub gehört zum ersten Entwurf des A10 von 1939 und das A9 ist die Projektbezeichnung des Gleitaggregat ab 40- 41.

Gruß Henry
 
#23
Wobei ich nicht verstehe, warum das bei der A4 klassische Pfeilflügel verwendet wurden. Beim Wiedereintritt treten hohe Machzahlen auf, wenn die Schockwelle parallel zur Hinterkante des Pfeilflügels verlaufen, treten Interferenzen auf. Diese erzeugen Schwingungen welche die Struktur zerbrechen können. War möglicherweise nur ein Test um diesen Zusammenhang zu überprüfen? Man verwendete an der Wasserfall Trapezflügel, die diese Probleme nicht haben.

Wurden die V2 direkt vom Werk zum Verschuß geschafft oder wurden die vorher übernommen und überprüft. Wenn ja, welche Stelle war denn dafür zuständig? Und wo wurde es durchgeführt.
LG rak64
 
#24
Zu den Pfeilflüge ist zu sagen, das die Erkenntnis die du da anspricht ein unmittelbares Ergebnis der Forschungsarbeiten im Peenemünder Überschallwindkanal ist !! Nichts von dem was heute fast schon Allgemeinwissen ist, gab es zu beginn 1939 ! Es dauerte bis zum 13.10.1944 um sich mit der Flügelform nach Zeichnung B 2092 b auch das Trapez auszuprobieren !
Mach nicht den Fehler hinterher zu fragen warum sie nicht zu Anfang schon Erkenntnisse angewandt haben die sie erst erarbeiten mussten !
Also nochmals hier nachlesen : http://www.v2werk-oberraderach.de/Irrtuemer/5-I.htm

Deine Frage zur Fertigung und dem Verschuß. Ursprünglich war die Fertigung durch die Industrie gedacht, danach die Abnahme durch das eine Abteilung des Heereswaffenamt. Erst danach wurde alles zum Verschuß zusammengestellt und auf Züge verladen.
Später im Mittelwerk war die Abnahme in die Fertigung integriert. Organisatorisch gehörte sie aber nicht zur Fertigung. Die zuständige Abteilung war nach wie vor Wa Prüf 11 . Leiter der Abnahme war Wernher von Braun.

Gruß Henry
 
#25
V2 / A4 Abnahme und Transport

....Wurden die V2 direkt vom Werk zum Verschuß geschafft oder wurden die vorher übernommen und überprüft. Wenn ja, welche Stelle war denn dafür zuständig? Und wo wurde es durchgeführt.

LG rak64
Hallo rak,

zum Transport der V2 kann ich noch folgendes berichten. Es gibt Filmaufnahmen wo mehrere der Raketen hintereinander auf speziellen Waggons der Reichsbahn verladen sind und mit Tarnplanen mehr oder weniger abgedeckt wurden. Meine Vermutung ist (ich bin da allerdings Laie!), dass die aus 3 Teilen bestehende Hülle der Raketen von Werk ab samt Raketenofen zusammengebaut war, zu den Einsatzorten mit der Reichsbahn transportiert wurde und dann an Bahnhöfen mit speziellen Kränen auf die Zugmaschinen-Trailer umgeladen wurden um zum konkreten Einsatzort zu gelangen.

An Trailern sieht man im original Filmmaterial zwei Typen; einen Trailer der sowohl an einem recht kurzen LKW (Hanomag SS 100) als auch an einer schweren 18 to Zugmaschine (Halbkettenfahrzeug FAMO-Breslau) Verwendung fand. Dieser hatte vorn eine Achse mit zwei Rädern und hinten ein Drehgestell mit 4 kleineren Rädern, der Querträger wo die Rakete fixiert war ließ sich 90° nach senkrecht kippen. Um das A4 abschußbereit zu machen wurde dann noch der Treibstoff (Sauerstoff/ Spiritus?) ebenfalls im Spezial-Zugmaschinenanhänger angeliefert, genau so die Abschußrampe, die wurde auch auf einem kleinen Trailer seperat geliefert.

Ein zweiter schmalerer Trailer war speziell für Feldbahnen konstruiert, mit diesem Trailer konnte die Raketenhülle in der wagerechten aufgebockt- und in die Einzelteile zerlegt werden.

Für die Beschaffung der V2 war, wie ich weiter oben Leeb zitiere, He.Wa.A. - Amtsgruppe Industrielle Rüstung zuständig und für die Prüfung Wa.Abn. (Abnahme). Amtsgruppe Abnahme überprüfte, wie Leeb berichtet, chargenweise, also nicht jedes Geschoß. Geprüft wurden von Wa.Abn. auch die Trailer und Spezialfahrzeuge.

Die Rüstungsunternehmungen welche die V2 produzierten, in U-Verlagerungen oder wie und wo auch immer, hatten sicher eine eigene Qualitätskontrolle. In wie weit die SS bei der Produktion/ Qualitätskontrolle maßgeblich mitgemischt hat oder wer überhaupt als Firma Auftragnehmer war weiß ich nicht, würde mich aber interessieren - da weiß Henry sicher genaues zu berichten.

Gruß
 

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#26
Überschallwindkanal Peenemünde

Noch ergänzend zu Henrys Ausführungen zum Peenemünder Windkanal, falls sich mal jemand dafür interessiert, der wurde später abgebaut und nach Bayern zum Kochelsee transportiert. Er stand auf dem Gelände der heutigen Firma Dorst recht nahe zum Seeufer. Auf dem Bild zu sehen Gebäude der Firma Dorst am gegenüberliegenden Seeufer, links oberhalb der Felsen ist der Kienstein. Google Book Der Technologietransfer Deutschland- USA nach dem zweiten Weltkrieg
 

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#27
Anmerkungen / Ergänzungen zu den Fotos und dem Zugtransport des A4 / V2

Hallo rak,

zum Transport der V2 kann ich noch folgendes berichten. Es gibt Filmaufnahmen wo mehrere der Raketen hintereinander auf speziellen Waggons der Reichsbahn verladen sind und mit Tarnplanen mehr oder weniger abgedeckt wurden. Meine Vermutung ist (ich bin da allerdings Laie!), dass die aus 3 Teilen bestehende Hülle der Raketen von Werk ab samt Raketenofen zusammengebaut war, zu den Einsatzorten mit der Reichsbahn transportiert wurde und dann an Bahnhöfen mit speziellen Kränen auf die Zugmaschinen-Trailer umgeladen wurden um zum konkreten Einsatzort zu gelangen.

An Trailern sieht man im original Filmmaterial zwei Typen; einen Trailer der sowohl an einem recht kurzen LKW (Hanomag SS 100) als auch an einer schweren 18 to Zugmaschine (Halbkettenfahrzeug FAMO-Breslau) Verwendung fand. Dieser hatte vorn eine Achse mit zwei Rädern und hinten ein Drehgestell mit 4 kleineren Rädern, der Querträger wo die Rakete fixiert war ließ sich 90° nach senkrecht kippen. Um das A4 abschußbereit zu machen wurde dann noch der Treibstoff (Sauerstoff/ Spiritus?) ebenfalls im Spezial-Zugmaschinenanhänger angeliefert, genau so die Abschußrampe, die wurde auch auf einem kleinen Trailer seperat geliefert.

Ein zweiter schmalerer Trailer war speziell für Feldbahnen konstruiert, mit diesem Trailer konnte die Raketenhülle in der wagerechten aufgebockt- und in die Einzelteile zerlegt werden.

Für die Beschaffung der V2 war, wie ich weiter oben Leeb zitiere, He.Wa.A. - Amtsgruppe Industrielle Rüstung zuständig und für die Prüfung Wa.Abn. (Abnahme). Amtsgruppe Abnahme überprüfte, wie Leeb berichtet, chargenweise, also nicht jedes Geschoß. Geprüft wurden von Wa.Abn. auch die Trailer und Spezialfahrzeuge.

Die Rüstungsunternehmungen welche die V2 produzierten, in U-Verlagerungen oder wie und wo auch immer, hatten sicher eine eigene Qualitätskontrolle. In wie weit die SS bei der Produktion/ Qualitätskontrolle maßgeblich mitgemischt hat oder wer überhaupt als Firma Auftragnehmer war weiß ich nicht, würde mich aber interessieren - da weiß Henry sicher genaues zu berichten.

Gruß
Die hier gezeigten Fotos entstanden im Arbeitsstab von Klaus Riedel (Riedel II), der auch für das Handbuch zum Betreiben des Gerätes verantwortlich zeichnete und erst erarbeitet werden musste - die so genannte "A4 - Fibel". Die am Boden erkennbaren Leitlinien waren Richtlinien für die letztendliche Mindestbreite der Startstelle, die den Normen entsprachen.
Zu den Eisenbahntransporten des Gerätes (A4 / V2) ist zu sagen, dass hier das Buch "Geheime Kommandosache" von Karsten Porezag; 2. und überarbeitete Auflage (!) eine gute Hilfe bietet.
 
#28
Guten Abend,
eigentlich ist dies Thema für mich schon erledigt aber wen es interessiert.
Es wird ausgeführt das die A4 nach Herstellung im Werkgeprüft und danach direkt zum Verschuß gebacht wurde.

Nun gibt es beim Leeb und beim Leiter von Peenemünde den Hinweis mit den gequollenen Dichtungen. Als Ursache werden niedere Temperaturen und Feuchtigkeit angegeben. Quellende Dichtungen kennt man zB auch bei Benzinleitungen. Da dauert es aber eine gewisse Zeit bis die Dichtungen quellen. Weiter macht es militärisch wenig Sinn die Raketen gleich nach Produktion einzusetzen, sinnvoller erscheint eine Lagerung und Verschuß nach militärischer Zweckmäßigkeit.
Ich glaube nach Herstellung wurden die Raketen im Werk geprüft, zu einem Zwischenlager gebracht, dort eingelagert, vor dem Verlassen des Lagers geprüft. Bei diesen Prüfungen stellte sich die Anfälligkeiten bezüglich niederen Temperaturen und Feuchtigkeit heraus. Im Werk und beim Verschuß ist es unwahrscheinlich das diese Fehler auftreten, da die erst Zeit brauchen um sich zu entwickeln!

Das ist der Grund warum die Lager in Fischgrätendesign abgebaut wurden. Dann fragte ich mich welche Anforderungen sich daraus an die Lagerorte ergaben.
Als wahrscheinlichste Lösung schätze ich ein, genügend großer Unterstellraum, beheizbar, splitterschutz (verstärkte Decken und Mauern um vor Beschädigungen zu schützen), möglichst in veorhandene Strukturen eingepasst (wegen der alliierte Luftüberlegenheit) sowie bewacht und nicht einsehbar.

Es schien mir am wahrscheinlichsten Luftmunas zu nutzen, habe mir nächtelang etliche Fotos angeschaut ob Umbauten in diese Richtung zu erkennen sind. Meiner Meinung kannman welche erkennen.
 
#29
Guten Abend,
eigentlich ist dies Thema für mich schon erledigt aber wen es interessiert.
Es wird ausgeführt das die A4 nach Herstellung im Werkgeprüft und danach direkt zum Verschuß gebacht wurde.

Nun gibt es beim Leeb und beim Leiter von Peenemünde den Hinweis mit den gequollenen Dichtungen. Als Ursache werden niedere Temperaturen und Feuchtigkeit angegeben. Quellende Dichtungen kennt man zB auch bei Benzinleitungen. Da dauert es aber eine gewisse Zeit bis die Dichtungen quellen. Weiter macht es militärisch wenig Sinn die Raketen gleich nach Produktion einzusetzen, sinnvoller erscheint eine Lagerung und Verschuß nach militärischer Zweckmäßigkeit.
Ich glaube nach Herstellung wurden die Raketen im Werk geprüft, zu einem Zwischenlager gebracht, dort eingelagert, vor dem Verlassen des Lagers geprüft. Bei diesen Prüfungen stellte sich die Anfälligkeiten bezüglich niederen Temperaturen und Feuchtigkeit heraus. Im Werk und beim Verschuß ist es unwahrscheinlich das diese Fehler auftreten, da die erst Zeit brauchen um sich zu entwickeln!

Das ist der Grund warum die Lager in Fischgrätendesign abgebaut wurden. Dann fragte ich mich welche Anforderungen sich daraus an die Lagerorte ergaben.
Als wahrscheinlichste Lösung schätze ich ein, genügend großer Unterstellraum, beheizbar, splitterschutz (verstärkte Decken und Mauern um vor Beschädigungen zu schützen), möglichst in veorhandene Strukturen eingepasst (wegen der alliierte Luftüberlegenheit) sowie bewacht und nicht einsehbar.

Es schien mir am wahrscheinlichsten Luftmunas zu nutzen, habe mir nächtelang etliche Fotos angeschaut ob Umbauten in diese Richtung zu erkennen sind. Meiner Meinung kannman welche erkennen.
Bei der Durchsicht der einzelnen Dokumente / Berichte und Anweisungen bezüglich der Entwicklung und Einsatzes des Aggregates 4, ab 1944 dann "Vergeltungswaffe 2" genannt, ist es ganz wichtig, die daraus gezogenen Schlussfolgerungen in ein Zeitschema zu erfassen. So kommt es vor, dass beispielsweise für den Oktober 1944 gewonnene Erkenntnisse nicht mehr für den Dezember 1944 gelten, weil sich beispielsweise die Rohstofflage im III. Reich immer mehr negativ veränderte.
Für die getätigten Bemerkungen von Leeb und Dornberger wäre es für mich interessant zu wissen, wann diese Aussagen getätigt worden sind.
Wahr ist, dass es diese Erkenntnisse in der Praxis gab und auch, wenn nicht immer erntsthaft gemeint, in "Dokumenten" erwähnt wurden (beispielsweise in einer Zusammenfassung von Erinnerungen ehemaliger Peenemünder aus den 1970er Jahren), jedoch muss dieses Problem gelöst worden sein.
Inwiefern nach Fertigstellung des kompletten Gerätes werksseitig eine Gütekontrolle erfolgte, kann nur nachvollzogen werden, wenn man die Werknummern vorliegen hat. In Peenemünde wurden beispielsweise Geräte aus Nordhausen innerhalb des Erprobungsprogrammes verschossen, die mit einer "4"xxxx begannen. Die Freunde in Friedrichshafen haben da sicher ganz andere Erfahrungen in Vorbereitung derartiger Versuche.
In den einzelnen Dokumenten, die ich zum durchforsten konnte, ist mir der Umstand einer lagerungsbedingten Verzögerung oder Unmöglichkeit eines Starts wegen Kälte oder Feuchtigkeit nicht aufgefallen. In der Literatur spielen diese Fakten auch nicht eine Rolle.

Es würde mich freuen, wenn dieses Thema auch weiterhin Interesse findet, meinetwegen auch außerhalb des Forums.
 
W

wi.kr

Guest
#30
Heereswaffenamt

Hallo und guten Morgen,
obwohl das Thema schon etwas länger hier schlummert, möchte ich noch etwas mehr wissen, nachdem ich gestern erst hierher gefunden habe.
Im Beitrag von Eulengebirge am Anfang wird u.a. Ministerialdirektor Hermann Pollert erwähnt, über den ich gern mehr erfahren würde. Er war anscheinend der einzige Zivilist im Führungsstab. Welche Aufgabe hatte er und wie konnte sich ein Zivilist dort durchsetzen? Gibt es von ihm eine Art kurzen Lebenslauf? Ich weiß, dass er als Zivilinternierter nach dem Krieg in den USA festgehalten wurde, was ungewöhnlich ist. Vermutlich wurde er nach Festnahme in Süddeutschland zunächst nach Nordafrika gebracht (?), bevor man ihn in die USA verfrachtete. Kam er von dort zurück und wann?
Vielleicht weiß Eulengebirge ja mehr?
Viele Grüße
Karl
 
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