Klimawandel - Argumente für und gegen Atomkraft

josef

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#1
Sorgen Minireaktoren für das Comeback der Atomkraft?
Neue Miniatomkraftwerke sollen sicherer, günstiger sein und gewaltige Mengen CO2-freien Stroms liefern. Aber viele Experten äußern Bedenken an der Technologie

Könnten so die Atomkraftwerke der Zukunft aussehen?
Foto: Nuscale Power

Was haben Joe Biden, Wladimir Putin, Boris Johnson und Xi Jinping gemeinsam? Sie alle setzen mehr oder weniger auf eine Technologie, die der Atomkraft in den nächsten Jahren wieder zu neuem Auftrieb verhelfen soll: sogenannte Small Modular Reactors (SMR), also kleine modulare Reaktoren. Diese Miniatomkraftwerke sollen sicherer und günstiger sein als normale AKWs und werden als klimafreundliche Stromerzeuger angepriesen.
Sowohl die USA und Großbritannien als auch Russland und China pumpen gerade Milliarden an Dollar in die Technologie. Aber kann sie ihre Versprechen auch halten?

Ruf der Atomkraft verbessern
Das Konzept der SMR ist nicht neu, schon in den 1950er-Jahren wurden erste Anlagen für U-Boote, Kriegsschiffe und Forschungszwecke gebaut. Allerdings geriet die Atomkraft in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zunehmend in die Kritik. Nicht zuletzt haben einige Atomunfälle das Vertrauen in die Branche erschüttert. Der weltweite Anteil an Atomstrom ist seitdem immer weiter gesunken.

Neue und technologisch verbesserte SMRs sollen den Ruf der Atomkraft nun wieder verbessern und Kritikerinnen und Kritiker besänftigen. Dutzende Entwürfe und Renderings der Anlagen haben die Entwickler in den vergangenen Jahren präsentiert: Mit gigantischen Betonklötzen und Hochsicherheitszonen ihrer größeren Verwandten haben die Minikraftwerke kaum mehr etwas gemeinsam. Denn anders als herkömmliche Atomkraftwerke sollen SMRs in vergleichsweise kleinen Behältern untergebracht werden, die weniger Kosten verursachen und einfacher zu überwachen sind, so die Versprechen der Entwickler.

Beitrag zur Energiewende?
Laut Befürwortern der Technologie seien diese Anlagen sicherer als normale Atomkraftwerke, da sie durch ihre verminderte Größe auch bei kritischen Störfällen leichter gekühlt werden können. In vielen Fällen reiche dafür ein Wasserbecken um die Reaktoren aus. Zudem sollen sie schneller gebaut werden können und günstiger sein.
Zwar produzieren die Minikraftwerke deutlich weniger Strom als normale Atomkraftwerke, sie sollen dafür aber flexibler zuschaltbar sein und Netzflauten ausgleichen. Auch deshalb preisen die Entwickler die Technologie als Ergänzung zu erneuerbaren Energien an, deren Energieproduktion je nach Wetterlage schwankt. Und weil Atomstrom grundsätzlich CO2-frei sein soll, sehen einige Experten, darunter auch der Weltklimarat IPCC, die Atomkraft als möglichen Beitrag zur Energiewende.

Öffentliche Förderungen
Die Entwickler und Unternehmensgründer sind gut darin, sich die Unterstützung der Regierungen sichern. Rund 60 SMR-Konzepte werden derzeit weltweit entwickelt, die meisten davon mithilfe großzügiger öffentlicher Fördergelder. Schon im vergangenen Jahr ging das erste SMR-Kraftwerk in Russland ans Netz: Die "Akademik Lomonossow" ist ein schwimmendes Kernkraftwerk, das vor allem abgelegene Regionen mit Strom versorgen soll. Aber die Begeisterung war nicht überall groß: Umweltschützer bezeichnen das AKW-Schiff als "schwimmendes Tschernobyl" und bemängeln mögliche Sicherheitsrisiken.


Die Akademik Lomonossow wiegt 21.000 Tonnen und soll bald auch an andere Länder verkauft werden.
Foto: Rosatom

Auch US-Präsident Joe Biden kündigte in seinem Wahlprogramm an, die Forschung und Entwicklung nuklearer Reaktoren voranzutreiben. Das hat bereits die Gründung einiger Atom-Start-ups im Land befeuert. So arbeitet die Firma Nuscale Power an 4,5 Meter breiten und 22 Meter hohen Reaktormodulen, die dann per Schwertransport an den Einsatzort transportiert und dort montiert werden sollen. Schon in den nächsten Jahren könnten die ersten dieser Module ans Netz gehen. Das Start-up Oklo wiederum entwickelt Reaktoren, die gerade so groß sind wie ein Einfamilienhaus und mit recycelten Uranbrennstäben arbeiten sollen.

Und in Großbritannien baut die Firma Rolls-Royce 16 Miniatomkraftwerke, die jeweils rund 440 Megawatt Strom produzieren, rund 2,3 Milliarden Euro kosten und in den nächsten zehn Jahren ans Netz gehen sollen. Mit einem Kraftwerks sollen rund 500.000 Personen mit Strom versorgt werden. Zum Vergleich: Das deutlich größere britische Atomkraftwerk Hinkley Point soll rund 25 Milliarden Euro kosten, aber dafür auch mehr als sechsmal so viel Strom liefern wie jedes Minikraftwerk.

Frage des Atommülls
Allerdings kommt bei den Miniatomkraftwerken wieder viel von der Kritik auf, die schon an herkömmlichen Atomkraftwerken geäußert wurde. Laut Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace gehen von kleinen AKWs ähnliche Risiken aus – etwa die Freisetzung von Radioaktivität, die Atomwaffenentwicklung oder auch das Risiko militärischer Anschläge – wie von großen. Auch wenn einige Reaktoren in der Lage wären, Brennstäbe zu recyceln, ist die Frage, was mit dem Atommüll passieren soll, nach wie vor ungeklärt. Laut der österreichischen Umweltökonomin Sigrid Stagl verursacht Atomstrom durch den Uranabbau zudem erhebliche Umweltschäden, und es kommt immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen.

Auch einige Nuklearexperten stellen die Versprechen der Entwickler infrage. Laut dem Physiker M. V. Ramada von der Universität British Columbia in Kanada sei es bei Atomkraftwerken bereits in der Vergangenheit häufig zu Kostenüberhängen und Zeitverzögerungen gekommen, sagte er der BBC. Kleinere Atomkraftwerke müssten die gleichen Sicherheitsstandards erfüllen wie große, weshalb sie nicht unbedingt kostengünstiger seien. Nicht zuletzt sind die Investitionen Spekulationen in die weitere Zukunft: Es könne sein, dass zehn Jahre nach der Fertigstellung der Kraftwerke erneuerbare Energien bereits weit kostengünstiger und wettbewerbsfähiger sind, so der Experte.

Tatsächlich könnten die "wahren Kosten" von Atomstrom, etwa indem die Kosten für die Endlagerung des Atommülls miteinbezogen werden, deutlich über den üblichen Marktpreisen liegen und Atomstrom am Ende kaum wettbewerbsfähig machen.

Polarisierte Meinungen
Es ist davon auszugehen, dass SMR-Kraftwerke – wie schon die Atomkraft selbst – in der Zukunft weiterhin Meinungen polarisieren werden in strikte Befürworterinnen und Gegner der Technologie. Während Österreich das Kapitel Atomkraft seit längerem beendet und auch Deutschland den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen hat, wäre Kernenergie in Ländern wie Frankreich, den USA, Russland und auch China kaum mehr wegzudenken.

Aber ob die Atomkraft tatsächlich zu einer nachhaltigen Energiewende beitragen kann, bleibt umstritten. Laut Ökonominnen wie Stagl führen Investitionen in die Kernenergie dazu, dass weniger finanzielle Mittel für erneuerbare Energien übrig bleiben und damit deren Entwicklung verlangsamt wird. Politiker wie der britische Premierminister Boris Johnson zeigen sich von den Argumenten aber oft wenig beeindruckt. Denn für sie verspricht die Atomkraft gerade in jetzigen Zeiten drei Dinge zu liefern: Arbeitsplätze, unabhängigen Strom und neues Futter für die Wirtschaft.
(Jakob Pallinger, 17.2.2021)

Zum Thema
Atommüll endlagern oder die Erde damit mit Energie versorgen?
Sorgen Minireaktoren für das Comeback der Atomkraft? - derStandard.at
 

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#2
FÜR & WIDER
Was für Atomkraft im Kampf gegen den Klimawandel spricht – und die Argumente dagegen
Atomenergie ist arm an Treibhausgasemissionen, aber reich an Strahlung. In der Frage, ob sie einen Beitrag im Kampf gegen die Erderwärmung beitragen sollte, scheiden sich die Geister
Frankreich setzt auf Kernkraft.
Foto: Reuters

In Österreich ist Kernkraft verpönt. Aber Frankreich und ein Dutzend weitere EU-Staaten wollen im Kampf gegen den Klimawandel auch auf Atomenergie setzen. Die Vorteile sind evident: Bei Kernkraft fallen kaum Treibhausgasemissionen an. Allerdings kam es in der Vergangenheit nicht erst einmal zu schweren Reaktorunfällen, ganze Landstriche wurden auf lange Zeit unbewohnbar. Atommüll strahlt unter der Erde Jahrtausende vor sich hin. Trotzdem sterben deutlich mehr Menschen an den Folgen von Erderwärmung oder Luftverschmutzung durch andere Energieformen. Die Debatte ist komplex.

Was spricht für Atomenergie? Und was dagegen?

Für: Eines der besten Argumente für die Atomkraft ist absurderweise ausgerechnet der viele radioaktive Müll, den sie über die vergangenen Jahre angehäuft hat. Der Atomkraft lag nämlich eine Art Geburtsfehler inne. Man entwickelte sie, ohne sich um den Abfall zu kümmern, den sie produzieren würde.

Weil sämtliche Alternativen zum ewigen Einbuddeln, wie ins All oder in die Sonne schießen, genauso gefährlich sind, wie sie klingen, erhält eine Idee immer mehr Zuspruch: Wir brauchen Atomkraft, um den Müll wieder loszuwerden.

In neuartigen AKWs mit Kugelhaufen-, Laufwellen- oder Flüssigsalzreaktoren soll radioaktiver Müll erneut als Brennstoff fungieren und so deutlich unschädlicher gemacht werden. Die Halbwertszeit radioaktiver Isotope könne sich so von Millionen auf wenige Hundert Jahre reduzieren, wofür praktikable Lösungen gefunden werden könnten.

Sobald es mit Erneuerbaren möglich und rentabel ist, alle Welt zu versorgen, müsste der Teufelskreis ein Ende nehmen, aber ist es jetzt schon an der Zeit? Alternative Entsorgungsstrategien wie die Idee des französischen Physiknobelpreisträgers Gérard Marou, Atomkerne mit superstarken Laserpulsen zu beschießen, Protonen herauszuschlagen und instabile zu stabilen Isotopen zu machen, scheinen vielversprechend, aber schwer umsetzbar.

Wider: Atommeiler statt Kohlekraftwerk? Das ist schon allein aus betriebswirtschaftlicher Sicht eine Schnapsidee. Während Photovoltaik und andere erneuerbare Energiequellen nicht nur klimafreundlich, sondern auch wirtschaftlich rentabel sind, verbrennen Kernkraftwerke zwar keine Kohle, dafür aber viel Geld. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat 2019 errechnet, dass ein AKW selbst im günstigsten Fall – also bei hohen Strompreisen und geringen Kapitalkosten – meist ein Verlustgeschäft ist.

In der Praxis kommt es zusätzlich auch häufig zu Bauverzögerungen – und explodierenden Baukosten. Das Kraftwerk Olkiluoto-3 in Finnland etwa verteuerte sich von geschätzten drei Milliarden auf über elf Milliarden Euro. Am Markt würden sich AKWs nie durchsetzen, sagt Reinhold Christian, Geschäftsführer des Forums Wissenschaft und Umwelt. Wer auf Kernkraft setze, setze auf massive staatliche Subventionen. Das Geld ließe sich besser für Energieeffizienz und Erneuerbare einsetzen, betont der Experte.

Kernkraft ist schon ohne Rücksicht auf externe Kosten nicht wirtschaftlich. Würden diese berücksichtigt, würde sich Atomenergie noch weniger rechnen. Externe Kosten werden nicht von AKW-Betreibern getragen. Beispiel: die Lagerung von Atommüll. Bei der Kernspaltung entsteht hochradioaktiver Abfall, der zum Beispiel Plutonium enthält. Das nicht in der Natur vorkommende Element hat eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren. Atommüll muss über Jahrtausende sicher unter der Erde verwahrt werden.

Noch dazu sind Kernkraftwerke nicht versicherbar. Kommt es zum Reaktorunfall – wie 1986 in Tschernobyl oder 2011 in Fukushima –, zahlen Steuerzahler fürs Aufräumen.

Kohle statt Atom?
Nicht zu vergessen ist auch der Preis, den Staaten für frühere, teils überhastete Atomausstiege zahlen. Weil dadurch ein späterer Kohleausstieg notwendig wurde, habe das deutsche Atom-Aus durch "höhere Konzentration von Schwefeldioxid, Stickstoffoxid und Feinstaub zu mehr als 1100 zusätzlichen Todesfällen pro Jahr geführt", rechneten US-Forscher unlängst vor.

Die äußerst geringe Anzahl an Toten pro Terawattstunde Atomstrom wird von Gegnern zwar immer wieder bezweifelt. Glaubt man den besten Nuklearforschern der Welt, wird die Technologie aber immer sicherer.

Die Entscheidung für Atomstrom ist letzten Endes eine gegen Treibhausgase. Hätte die Menschheit bei der Reduktion ihrer Emissionen nicht so herumgeeiert, müsste man die veritablen Risiken, die Atomenergie in sich birgt, vermutlich gar nicht eingehen. So aber schon.

Umweltschäden
Das Hauptargument sind aber die Gefahren durch AKWs, sagt Christian. AKWs sind potenzielle Anschlagsziele. Reaktorunfälle können passieren. Zwischenlager strahlen. Endlager ist erst eines in Sicht. "Für einen fragwürdigen Nutzen für kurze Zeit belasten wir die kommenden Generationen über Jahrtausende", sagt Christian. Semiotiker befassen sich damit, wie man Menschen in zigtausend Jahren beibringt, verstrahlte Gegenden zu meiden. Das muss nicht sein.
(Fabian Sommavilla, Aloysius Widmann, 30.10.2021)
Was für Atomkraft im Kampf gegen den Klimawandel spricht – und die Argumente dagegen
 

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#3
Brauchen wir Kernkraft für die Energiewende? Ein Faktencheck
Während einige Staaten kurz vor dem endgültigen Atom-Aus stehen, ist die Technologie auch wegen ihrer angeblich guten Kohlendioxid-Bilanz international auf dem Vormarsch
Kaum ein Thema spaltet die Gesellschaft so sehr wie – die Spaltung von Atomen. Für die einen ist sie eine notwendige Brückentechnologie, bis uns Erneuerbare weitgehend emissionsfrei mit Energie versorgen können. Für die anderen ist die Kernkraft einfach nur ein gemeingefährliches und teures Projekt, das uns früher oder später auf den Kopf fällt. Aber was ist nun wirklich dran am Klimaretter Atomkraft?

Ist Atomenergie wirklich so CO2-arm, wie behauptet wird?
CO2-frei ist die Atomenergie in ihrer Gesamtheit freilich nicht. Ein Kraftwerk zu errichten verbraucht große Mengen Beton, Stahl und Energie, wodurch natürlich auch Kohlendioxid emittiert wird. Der Abbau dauert aufgrund verstrahlter Bauteile oft genauso lang, wie es brauchte, das AKW aufzustellen, und auch das bindet Ressourcen – ebenso wie der Abbau des Urans, dessen globale Auslieferung aus den großen Abbaugebieten in Australien, Südafrika, Namibia, Russland, Kanada oder den USA und dessen Anreicherung. Auch die Errichtung von Zwischen- und Endlagern für verbrauchte Brennstäbe und anderen verstrahlten Müll sowie der Transport in die entsprechenden Stätten verursacht CO2. Wie viel genau, das weiß noch niemand – denn die Frage der Endlagerung ist nach wie vor ungelöst.

Was hingegen schon stimmt, ist, dass die Atomkraft bei der Energiegewinnung im Gegensatz zur Verbrennung von Öl, Kohle oder Gas gar keine Emissionen ausstößt. Das gilt für erneuerbare Energien freilich auch. Umso wichtiger ist es, sich anzuschauen, wie viel CO2 pro erzeugter Kilowattstunde Strom ausgestoßen wird, und zwar über den gesamten Lebenszyklus einer Energieform. Die Grundaussage aller Studien zu diesem Thema ist klar: Kohle, Gas und Erdöl sind Dreckschleudern. Während für die Gewinnung einer Kilowattstunde Strom aus Kohle das Äquivalent von einem Kilo CO2 freigesetzt wird, rangieren alle erneuerbaren Energien wie auch die Kernenergie meist unter 30 Gramm. So zumindest sagen es die Zahlen des Weltklimarats. Die Windenergie geht daraus meist als Gewinnerin hervor, während Photovoltaik, Wasserkraft, Geothermie und Nuklearenergie je nach Studie, Berechnungsart und Interessengruppe, die die Studie in Auftrag gibt, unterschiedliche Plätze auf dem Stockerl besetzen.


Können wir unseren aktuellen Energiebedarf ohne Atomenergie decken?
Die 445 in Betrieb befindlichen Reaktoren weltweit verfügen über eine kombinierte Leistung von rund 400 Gigawatt. 2020 lieferten sie zusammen etwa 2.553 Terawattstunden Elektrizität, was rund zehn Prozent des globalen Stromverbrauchs entsprach. Zehn Prozent einfach so zu ersetzen wäre erst einmal eine Mammutaufgabe. Schnell geht da wenig.
Könnten erneuerbare Energien heute atomare Energie aber prinzipiell schon ersetzen? Schaut man nicht nur auf Elektrizität, sondern auf den gesamten Energieverbrauch, also auch Heizen, Treibstoffe für Autos oder Flugzeuge sowie die Baubranche, dann dominieren die Fossilen noch deutlicher. Atomenergie und Erneuerbare machten noch 2019 nur einen recht geringen Anteil an den primären Energiequellen der Erde aus. Kohle, Öl und Gas deckten immer noch unfassbare 84,3 Prozent des globalen Energiebedarfs. Lediglich 11,4 Prozent wurden durch Erneuerbare, 4,3 Prozent durch Atomenergie gedeckt.

Schaffen wir auch ohne Atomenergie die Energiewende? Das ist die große Frage.
Foto: REUTERS/Eva Manez

Wird Atomstrom abgeschaltet, wird er auch heute noch oft durch fossile Energie ersetzt. Einige Forscher befürchten, dass der deutsche Atomausstieg Ende 2022 zu einem deutlich verspäteten Kohleausstieg führen wird. Prinzipiell gehen Forschende aber davon aus, dass bei entsprechendem politischem Willen die Welt sogar schon 2050 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energieträgern versorgt werden kann.

Die Technische Universität Lappeenranta hat gemeinsam mit der Energy Watch Group errechnet, dass dieser Umstieg aufgrund der fallenden Preise für erneuerbare Energie nicht einmal teurer käme, als bei Öl und Kohle zu bleiben. Einkalkuliert ist eine bis 2050 auf 9,7 Milliarden Menschen angewachsene Weltbevölkerung sowie ein jährlich um zwei Prozent wachsender Energiebedarf. In diesem Szenario würde die schnell günstiger werdende Photovoltaik rund 69 Prozent der Energie liefern, 18 Prozent lieferte dann Wind. Der Rest würde sich auf Wasserkraft, Geothermie und Biomasse verteilen. Nuklearenergie würde in diesem Szenario ebenso wenig eine Rolle spielen wie Fossilenergie.

Wie sieht es mit den Kosten aus?
Nuklearenergie sei spottbillig, argumentieren Atomkraftbefürworter häufig. Schließlich steckt in wenigen Gramm angereichertem Uran genug Energie, um einen Haushalt ein ganzes Jahr lang zu versorgen. Doch die Kosten für den Brennstoff machen nur einen Bruchteil dessen aus, was der Strom letztlich kostet. Auch der Bau eines AKWs kostet Geld – und dort kommt es häufig zu jahrelangen Verzögerungen und Kostenexplosionen. Auch die Sicherung kostet Geld, ebenso wie die Endlagerung des Atommülls oder der Rückbau.

Ob es sich Kernkraft unterm Strich doch noch auszahlt, hängt wie bei der CO2-Bilanz davon ab, wen man fragt. Industrieverbände beteuern, dass Atomkraftwerke über Jahrzehnte zuverlässig klimafreundlichen und günstigen Strom liefern. Hoffnungen sehen sie in Atomreaktoren im Kleinformat, die als Ganzes in einer Fabrik produziert und schnell aufgebaut werden können, was Kosten spart. Zumindest auf den ersten Renderings ist von den charakteristischen Kühltürmen keine Spur, sie sehen eher aus wie flache Bürogebäude.

Viele Umwelt-NGOs sehen in Kernkraft hingegen eine Technologie, die nur überlebensfähig ist, wenn der Staat kräftig subventioniert – und indirekt auch das Risiko für einen Reaktorunfall übernimmt. Auch die Internationale Energieagentur (IEA) hat berechnet, dass neue Atomkraftwerke mittelfristig kaum mit erneuerbaren Energien mithalten können. Vergleichsweise günstiger Strom ist jedoch zu haben, wenn man die Laufzeit bestehender Kraftwerke verlängert.

Und was, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht?
Doch selbst die günstigste und sauberste Energie bringt wenig, wenn sie nicht da ist, wann sie gebraucht wird. Verlässt sich ein Land zu sehr auf Wind und Solar, kann das Stromnetz bei Flauten und Wolken schnell ins Strudeln geraten. Ein komplett erneuerbares Stromnetz ist deshalb nur so gut wie seine Speicherkapazitäten. Hier hofft man insbesondere auf Lithium-Akkus, deren Preis in den vergangenen Jahren enorm gefallen ist. Doch derzeit sind weder Netze noch Speicher bereit für den stark schwankenden Wind- und Sonnenstrom.

Viele preisen Atomkraft deshalb als "Brückentechnologie", die so lange eingesetzt werden soll, bis günstige Stromspeicher verfügbar sind. Denn einem Atomkraftwerk sind Wetter und Tageszeit grundsätzlich egal. Aufzupassen gilt es freilich bei Unwetterkatastrophen wie Tsunamis, anderen Überschwemmungen oder auch Erdbeben.

Die Welt scheint uneins, ob Atomenergie eine gute Idee ist
Tatsächlich gibt es mehrere Lager. Obwohl die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) so gut wie alle größeren Staaten umfasst und ihrerseits die friedliche Nutzung der Atomenergie propagiert, produzieren lediglich 32 Staaten Strom in Kernkraftwerken. Vor allem die großen Reaktorunfälle von Three Mile Island, Tschernobyl und Fukushima sorgten für ein partielles oder komplettes Umdenken in der Politik mancher Staaten.

In Europa besiegelten nach Fukushima etwa Deutschland, die Schweiz, Belgien und Spanien ihren Ausstieg aus der Atomkraft. Länder wie Italien, Irland oder auch Österreich bekräftigten ihre Ablehnung der Energieform. Ihnen stehen in Europa mit Frankreich oder Großbritannien zumindest in den politischen Eliten zwei mächtige und überzeugte Atomenergiebefürworter gegenüber.

Diese gibt es international zuhauf. In 19 Staaten weltweit wird aktuell an 50 neuen Reaktoren gebaut – allen voran in China, Indien, Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Bis zu 28 weitere Staaten wollen laut IAEA angeblich in die Atomenergie einsteigen. Während einige also einstampfen und auslaufen lassen, bauen andere aus und fahren hoch. Von einer gemeinsamen Linie, wie sie sich bei den fossilen Brennstoffen zumindest in Ansätzen erahnen lässt, kann bei der Kernenergie also keine Rede sein. Die IAEA korrigierte ihre Prognose kürzlich sogar nach oben. Im Extremfall könnte sich die per Atomspaltung erzeugte Energie bis 2050 sogar verdoppeln.

Wird uns die Fusionsenergie retten?
Der Running Gag unter ihren Kritikern lautet: "Die einzige Konstante in der Kernfusion ist, dass ihr Einsatz stets 30 Jahre entfernt ist." Ihre Befürworter ließen sich davon aber nicht abbringen und forschten weiter, auch wenn die für diesen hochkomplexen Vorgang notwendigen Mittel nicht immer nach Wunsch vorhanden waren. Zu aussichtsreich sind Einsatzmöglichkeiten im Erfolgsfall. 0,015 Prozent eines Liters Meerwasser etwa sind Deuteriumoxid, sogenanntes Schweres Wasser. "Da steckt gleich viel Energie wie in einem Barrel Erdöl drin", erklärt der Fusionsexperte Friedrich Aumayr von der TU Wien im STANDARD-Gespräch. "Und die restlichen 99,985 Prozent des Liters Wasser habe ich noch nicht einmal dafür gebraucht."

Worum geht's? Bei der Kernfusion werden im Gegensatz zur weitverbreiteten Fission keine Atome gespalten, sondern miteinander verschmolzen – oder eben fusioniert. Im Grunde will man jene Prozesse, die sich in der Sonne abspielen, auf der Erde nachahmen. Klingt heiß, ist es auch. Wegen der enormen Dichte der Sonne kann der Prozess dort bei 15 Millionen Grad Celsius ablaufen, auf der Erde braucht es hingegen deutlich mehr als 100 Millionen Grad Celsius. Die Umwandlung von Wasserstoff in Helium unkontrolliert nachzuahmen schafften die USA bereits 1952, als sie die Wasserstoffbombe erfolgreich testeten. Seither setzte ein Schneckenrennen ein, diese enorme Mengen an freigesetzter Energie auch in kontrollierter Form zu nutzen. Eines der größten Forschungsprojekte der Welt, ein Zusammenschluss von 27 Industrienationen, versucht seit 2007 am Iter in Frankreich, dem größten Fusionsreaktor aller Zeiten, den Beweis zu liefern, dass es klappen kann. Dass es klappen wird und dass am Ende deutlich mehr Energie herauskommt, als hineingesteckt wird, davon sind die meisten Wissenschafter überzeugt. Die große Frage bleibt das Wann.
Besonders spannend: "Die Industrie hat etwas früher als erwartet Lunte gerochen", zeigt sich Aumayr erfreut über die dutzenden Firmen weltweit, die ihrerseits versuchen, das neueste Know-how für den großen Durchbruch zu nutzen. "Die größte Leistung der Privaten ist ihre Innovationskraft. Sie schaffen es stets, Dinge kleiner, schlanker und billiger zu machen", zieht Aumayr Vergleiche zu anderen Branchen. Klar seien ihre Zeithorizonte teilweise äußerst optimistisch und auch dazu gedacht, Investorengelder zu lukrieren – immerhin 2,6 Milliarden Dollar in den vergangenen Jahren –, aber es gehe nun merklich viel weiter. "Die haben durchaus clevere Ideen", so Aumayr.

Die Fusionsenergie sei die einzig bekannte Energieform auf der Erde, die wir noch nicht aktiv nutzen, sagt Aumayr. "Wenn es dann aber so weit ist, sollten wir nur noch sie in Kombination mit den Erneuerbaren nutzen", sagt der Physiker. Denn wenn man in geologischen Zeitaltern, also an die nächsten paar tausend Jahre, denkt, seien nur die Erneuerbaren und der Wasserstoff für die Fusionsenergie nicht endlich. Klimaschädliche Emissionen liefert bei Fusionsenergie hauptsächlich nur der Auf- und Abbau der Infrastruktur. Beachten müsste man freilich, ob die zugeführte Energie aus Erneuerbaren kommt.
(Fabian Sommavilla, Philip Pramer, 3.12.2021)
Brauchen wir Kernkraft für die Energiewende? Ein Faktencheck
 

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#4
„MINI-AKWS“
Die Verniedlichung der Atomkraft
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Weltweit laufen derzeit Dutzende Projekte zur Entwicklung von SMRs („Small Modular Reactors“, kleinen Reaktoren). Diese „Mini-AKWs“ sind die neuen Hoffnungsträger von Atomindustrie und -staaten, entsprechend werden sie als flexibler, billiger und sicherer vermarktet als konventionelle Großreaktoren. In den Hintergrund tritt dabei, dass die Grundproblematik der Atomkraft genauso vorhanden ist.
Online seit gestern, 22.55 Uhr
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„Mini-AKW mag nett klingen“, sagt Günter Pauritsch, Leiter des Centers für Energiewirtschaft und Infrastruktur der Österreichischen Energieagentur, im Gespräch mit ORF.at. Der Name täusche aber darüber hinweg, dass es ein Kraftwerk bleibe, von dem dieselben Sicherheitsrisiken ausgingen. Zwar würde im Fall eines Unfalls oder einer Kernschmelze – ob der geringeren Größe der SMRs – weniger nukleares Material freigesetzt. Um aber die Leistung eines großen Kraftwerks zu ersetzen, brauchte es eine Vielzahl an SMR-Anlagen, was wiederum die Gefahren potenzieren würde.

Mehr Reaktoren, so Pauritsch, würden mehr potenzielle Fehlerquellen darstellen und etwaigen Terroranschlägen eine breitere Angriffsfläche bieten. Mini-AKWs seien somit „viel weniger elegant“, als ihr Name suggeriere. Außerdem gab Pauritsch zu bedenken, dass SMRs derzeit in Europa und den USA nur „Konzepte“ seien, Vorhaben also, deren Funktionstüchtigkeit, Sicherheit und wirtschaftliche Rentabilität in den Sternen stünden.

Schwächer, dafür günstiger
Weltweit gibt es derzeit Dutzende Projekte zur Entwicklung der Mini-AKWs. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) definiert SMR-Anlagen als Atomreaktoren mit einer Leistung von maximal 300 Megawatt (MW), in Großkraftwerken kommen Reaktoren im Vergleich auf über 1.000 MW mehr.

SMR haben aber den Vorteil, in Serie gebaut werden zu können, was im Regelfall eine kürzere Bauzeit und geringere Kosten mit sich bringen sollte. Die Anlagen könnten in der Fabrik vormontiert und anschließend an den Standort transportiert werden. Fachleute schätzen, dass eine Anlage mit 300 MW für rund eine Milliarde Euro möglich sein wird.

Reuters/Benoit Tessier
Die Erweiterung des französischen Reaktors Flamanville ist zu einem scheinbar unendlichen Projekt geworden

Milliardengräber Flamanville und Hinkley Point
Konventionelle Atomkraftwerke entwickelten sich in letzter Zeit dagegen oft zum „GAU“, wie auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ („FAZ“) schrieb. An dem Reaktorblock Flamanville drei in der Normandie mit einer vorgesehenen Leistung von 1.600 MW baut der französische Energiekonzern EDF bereits seit 2007. Fertig wird der neue Reaktor nach derzeitiger Schätzung frühestens 2023. Die erwarteten Baukosten haben sich in den vergangenen 14 Jahren auf zwölf Milliarden Euro fast vervierfacht. Ähnliche Kostenexplosionen und Verzögerungen gibt es beim Bau des Reaktorblocks „Olkiluoto 3“ in Finnland.

Ganz zu schweigen von dem britischen Atomkraftwerk Hinkley Point C: Londons Regierung gab vor fünf Jahren grünes Licht für den ersten Bau eines Kernkraftwerks in der EU – zu der Großbritannien damals noch gehörte – seit der Katastrophe im japanischen Fukushima 2011. Die ursprünglich veranschlagten Kosten sind bis jetzt um über vier Milliarden auf bis zu 22,5 Milliarden Pfund (24,56 Mrd. Euro) gestiegen. Klagen Österreichs und anderer Staaten vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die von der EU-Kommission gebilligten, milliardenschweren Staatssubventionen für das Großprojekt scheiterten.

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Atomkraftwerke in Europa

Russischer Vorreiter auf See
Finanzielle Gründe für den Bau von Mini-AKWs sind für Pauritsch allerdings auch fragwürdig – er verweist dabei auf den den Berechnungen zugrundeliegenden, umgekehrten Skaleneffekt: Galten große Meiler bisher als wirtschaftlicher, weil man durch den Mengeneffekt Geld sparen könnte, würde jetzt das Gegenteil suggeriert. Plausibel sei das nicht. Ebenso wenig wie die Bezeichnung „kleine“ Reaktoren – den Konzepten zufolge sollen durch SMR immerhin Zweimillionenstädte mit Strom versorgt werden können.

Vorreiter für die SMR sind auf der „Akademik Lomonossow“ zu finden: Das Schiff mit zwei Atomreaktoren an Bord liegt in der Hafenstadt Pewek im Fernen Osten Russlands, wo es seit eineinhalb Jahren für die Stromversorgung der örtlichen Bevölkerung und Wirtschaft sorgt. Der staatliche Betreiber Rosatom plant, 2028 seinen ersten Minireaktor an Land zu bauen. Für Pauritsch hat das allerdings wenig Relevanz: „Wollen wir in Europa wirklich Reaktoren nach russischem Vorbild?“

Endlagerung bleibt ungelöst
Die Bedeutung der Atomkraft schwindet indessen weltweit: Ihr Anteil an der Stromerzeugung beträgt nur noch rund zehn Prozent, bei der gesamten Energieversorgung seien es lediglich drei Prozent. Pauritsch: „Atomkraft ist nicht in der Lage, einen signifikanten Beitrag zu leisten.“ Zudem sei „auch nach 70 Jahren noch ungelöst“, wie und wo der radioaktive Abfall über Jahrhunderte endgelagert werden soll.

Eindrücklich sei das am Beispiel Gorleben zu sehen: Das Bergwerk in Niedersachsen war trotz heftiger Proteste jahrzehntelang als mögliches künftiges Endlager für deutschen hochradioaktiven Atommüll betrachtet und entsprechend erforscht worden. Wegen nicht ausräumbarer Zweifel an der geologischen Eignung wurde es im Vorjahr von der Liste potenzieller Standorte genommen, diesen September erfolgte der Beschluss zur endgültigen Stilllegung.
APA/AFP/Nigel Treblin
Nach jahrzehntelangen Konflikten wird das Kapitel Gorleben bald endgültig geschlossen sein

„Geopolitische und militärische Interessen“
Das deutsche Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) ließ unlängst ein Gutachten zu SMR erstellen – das Resümee fällt kritisch bis ernüchternd aus. Darin wird auch festgestellt, dass sich am Festhalten an der Atomkraft „eine Vielzahl von Motivlagen, unter anderem industrielle und wirtschaftliche Entwicklung und geopolitischer Einfluss“ vermengen würden.

„Auch im Bereich SMR spielen industrie-und geopolitische Motivlagen sowie militärische Interessen eine Rolle. Die Mehrheit der Länder, die SMR-Entwicklungsaktivitäten verfolgen, unterhalten Kernwaffenprogramme und bauen Atom-U-Boote und/oder verfügen bereits über ein großes kommerzielles Atomprogramm.“ Darauf verwies auch Pauritsch – Länder wie Großbritannien und Frankreich, wo Präsident Emmanuel Macron unlängst eine Milliarde Euro zur Förderung der Atomkraft angekündigt hat, wären dafür Beispiele. Die zivile Nutzung der Atomkraft sei dabei Rechtfertigung für die militärische.

Grüner Mantel
Derzeit schlagkräftigstes Argument der Atombefürworter ist der Klimaschutz: Ein Drittel der Treibhausgasemissionen weltweit kommt aus der Stromproduktion, Nuklearreaktoren stoßen hingegen kein CO2 aus. Ohne Atomstrom, wird argumentiert, könne die EU nicht wie geplant bis 2050 klimaneutral werden. Und ein weiterer Vorteil von Atomstrom wird ins Treffen geführt: AKWs würden, anders als Erneuerbare Energien, verlässlich Strom liefern, auch im dunklen Winter oder an windstillen Tagen.

Für Pauritsch und viele andere Fachleute sind das allerdings kümmerliche Argumente: Von Co2-Neutralität könne keine Rede sein, beim Abbau und Transport des Spaltmaterials, meist Uran, und beim Bau des Kraftwerks würden sehr wohl Klimagase anfallen, ebenso beim Abbruch der Anlage sowie bei der Lagerung des radioaktiven Abfalls. Zudem dauere es viel zu lange, neue Atomkraftwerke zu entwickeln und zu bauen, als dass diese die Abkehr von der Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Erdgas beschleunigen könnten.

Spaltkraft innerhalb der EU
Wie groß die Kluft in dieser Frage ist, zeigt sich innerhalb der EU und dem Ringen um die Taxonomie – darin werden Wirtschaftstätigkeiten als nachhaltig eingestuft, wenn sie zu einem von sechs definierten Umweltzielen, wie Klimaschutz oder Kreislaufwirtschaft, beitragen und keinem der Zielbereiche signifikant schaden („Do no significant harm“-Prinzip). Eine Mehrheit der EU-Staaten will die Atomkraft in den Rechtstext aufgenommen wissen, besonders Frankreich übte zuletzt erheblichen Druck aus.

Dagegen stemmen sich unter anderem Deutschland und Österreich: Sie legten kürzlich in Brüssel ein Rechtsgutachten vor, das die Aufnahme von Atomkraft in die Taxonomie als „vor den EU-Gerichten anfechtbar“ einstufte. Zumindest vorläufig dürfte das Match aber zugunsten der Atombefürworter ausgehen, wie die eben aus dem Amt geschiedene deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) jüngst festhielt: Der Vorschlag zur Aufnahme in die Taxonomie könne nur abgelehnt werden, wenn 20 EU-Mitglieder mit Nein stimmen würden: „Das ist eine sehr hohe Hürde und ist voraussichtlich nicht der Fall.“
05.12.2021, Alice Hohl, Grafik: Sandra Schober, beide ORF.at

Links:
„Mini-AKWs“: Die Verniedlichung der Atomkraft
 

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#5
EU-Kommission will Atomstrom als "grün" einstufen: Latte für Verhinderung liegt hoch
Um die Energiewende zu schaffen und Investitionen in den Green Deal zu genügen, sollen Gas und Atomstrom unter Auflagen als klimafreundlich eingestuft werden. Das sorgt für heftige Proteste
In Sachen Atomkraft beginnt das neue Jahr, wie das alte geendet hat: mit Streit in der EU. Befeuert wurde selbiger von der EU-Kommission, die Investitionen in Gas- und Atomkraftwerke unter bestimmten Bedingungen als klimafreundlich einstufen will. Das geht aus einem Entwurf für einen Rechtsakt der Brüsseler Behörde hervor, der am Neujahrstag öffentlich wurde.

Der Entwurf sieht vor, dass vor allem in Frankreich geplante Investitionen in neue AKWs als grün klassifiziert werden können, wenn die Anlagen neusten technischen Standards entsprechen und ein konkreter Plan für den Betrieb einer Entsorgungsanlage für hoch radioaktive Abfälle ab spätestens 2050 vorgelegt wird. Als weitere Bedingung ist vorgesehen, dass die neuen kerntechnischen Anlagen bis 2045 eine Baugenehmigung erhalten, berichtete die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf den Text.

Auch Gas temporär grün
Investitionen in neue Gaskraftwerke sollen insbesondere auf Wunsch Deutschlands übergangsweise ebenfalls als grün eingestuft werden können. Dabei soll zum Beispiel relevant sein, wie viel Treibhausgase ausgestoßen werden. Für Anlagen, die nach dem 31. Dezember 2030 genehmigt werden, wären dem Vorschlag zufolge nur noch bis zu 100 Gramm sogenannte CO2-Äquivalente pro Kilowattstunde Energie erlaubt – gerechnet auf den Lebenszyklus der Anlage.

Strom kommt aus der Steckdose. Der Energiebedarf ist gewaltig.
Foto: imago/Hannelore Förster

Die Einstufung von Wirtschaftstätigkeiten durch die EU-Kommission soll Anleger in die Lage versetzen, ihre Investitionen auf nachhaltigere Technologien und Unternehmen umzustellen und so wesentlich zur Klimaneutralität Europas bis 2050 beitragen. Ob Gas und Atomkraft als Teil der sogenannten Taxonomie als klimafreundlich gelten sollten, ist unter den EU-Staaten jedoch stark umstritten. So sind zum Beispiel Österreich und Deutschland gegen eine Aufnahme von Kernkraft. Für Länder wie Frankreich ist hingegen die Atomenergie eine Schlüsseltechnologie für eine CO2-freie Wirtschaft.

"Greenwashing"
Scharfe Kritik an dem in der Nacht zum Neujahrstag übermittelten Entwurf kam – wenig überraschend – aus Österreich. Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) schäumte: "Die EU-Kommission hat in einer Nacht- und Nebelaktion einen Schritt in Richtung Greenwashing von Atomkraft und fossilem Gas gemacht. Allein der Zeitpunkt der Veröffentlichung zeigt, dass offensichtlich auch die EU-Kommission selbst nicht überzeugt von ihrer Entscheidung ist", so die Ministerin in einer der APA übermittelten Stellungnahme. "Weder die Atomkraft noch das Verbrennen von fossilem Erdgas haben in der Taxonomie etwas verloren. Denn sie sind klima- und umweltschädlich und zerstören die Zukunft unserer Kinder." Nach eingehender Prüfung werde man nicht davor zurückschrecken, rechtlich gegen die geplante Verordnung vorzugehen.


35 Jahre nach Tschernobyl und zehn Jahre nach Fukushima werden die Atommeiler in der EU mehr statt weniger.
Foto: Imago/Kosecki

Ablehnung kam auch von Finanzminister Magnus Brunner (ÖVP): "Wir haben immer betont, dass Atomkraft aus unserer Sicht keine nachhaltige Energieform ist und nicht in der Taxonomie-Verordnung drinnen sein sollte." Das Vorgehen der EU unterstreiche, "dass die Vorschläge in Richtung grüne Ausnahmen bei Schuldenregeln dazu führen könnten, dass damit mehr Atomkraft finanziert wird. Ins selbe Horn stieß auch die Opposition. Das sei das falsche Signal und stehe den Zielen des Green Deal entgegen, warnte der sozialdemokratische EU-Abgeordnete Günther Sidl. "Kernenergie ist eine Technologie der Vergangenheit. Sie ist nicht sicher, nicht wirtschaftlich und nicht nachhaltig." Es brauche einen globalen Atomausstieg. Er kündigte Einspruch im Umweltausschuss des EU-Parlaments an.

Latte für Verhinderung liegt hoch
Klare Worte auch vom deutschen Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne): Atomenergie als nachhaltig zu etikettieren sei bei "dieser Hochrisikotechnologie falsch". Ein solcher Schritt verstelle den Blick auf die langfristigen Auswirkungen für Mensch und Umwelt, der hoch radioaktive Atommüll werde die EU über Jahrhunderte belasten.

Die EU-Mitgliedsstaaten haben nun bis 12. Jänner Zeit, den Entwurf der EU-Kommission zu kommentieren. Die Latte für eine Verhinderung liegt übrigens hoch: Eine Umsetzung kann nur mittels einer sogenannten verstärkten qualifizierten Mehrheit der Mitgliedsstaaten oder einer Mehrheit im EU-Parlament dagegen verhindert werden. Dazu müssten sich im Rat der EU mindestens 20 Länder zusammenschließen, die mindestens 65 Prozent der Gesamtbevölkerung der EU repräsentieren – oder im EU-Parlament mindestens 353 Abgeordnete. Das gilt als unwahrscheinlich. Denn neben Österreich und Deutschland haben sich lediglich Luxemburg, Dänemark und Portugal klar gegen eine Aufnahme der Atomkraft ausgesprochen. (Luise Ungerboeck, 2.1.2022)
EU-Kommission will Atomstrom als "grün" einstufen: Latte für Verhinderung liegt hoch
 

josef

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#6
Studie: Kleinreaktoren teurer und riskant
Dass die EU unter gewissen Auflagen auch die Atomkraft als „grün“ einstufen will, sorgt für teils harsche Kritik. Eine Wiener Studie hat nun untersucht, ob kleinere Kernkraftwerke eine Lösung sein könnten. Das Ergebnis: Diese Anlagen sollen teurer und auch nicht weniger riskant sein.
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Die von Umweltstadtrat Jürgen Czernohorszky präsentierte Studie des Forums Wissenschaft & Umwelt widmete sich bestehenden Konzepten in Sachen „Mini-Atomkraftwerke“ und förderte dabei zutage, dass diese vor allem auf dem Papier existieren, wie Studienleiter Reinhold Christian im Gespräch mit Journalisten ausführte. Lediglich in Russland sind zwei derartige Reaktoren auf einem Schiff im Einsatz. Darum musste man sich vor allem Projekten widmen, die noch in der Umsetzungsphase sind.

40 Prozent der Leistung von Zwentendorf
Berücksichtigt wurden Anlagen, deren Nennleistung unter 500 Megawatt liegt. Wirklich gering ist dieser Wert aber nicht, wie Christian betonte. Er entspricht rund 40 Prozent der projektierten Leistung des Atomkraftwerks Zwentendorf. Ein Indiz dafür, dass sich die Small Modular Reactors genannten Kraftwerke wirtschaftlich rechnen würden, fanden die Autoren laut eigenen Angaben nicht.

Im Gegenteil: Die Bau-, Betriebs- und Endkosten sind laut Studie im Verhältnis deutlich höher als bei herkömmlichen Reaktoren, unter anderem weil Genehmigungsverfahren und Sicherheitsvorkehrungen von der Dimension her ähnlich, die Energieausbeute aber deutlich geringer ist. Die angestrebten Wettbewerbsvorteile wie Serienproduktion, Modularisierung und kürzere Bauzeiten seien nicht nachzuweisen, wurde versichert.

Angriffe von außen schwerer zu verhindern
Die betreffenden Kraftwerke müssten in großer Zahl produziert werden, um auf vergleichbare Energiemengen zu kommen, heißt es. Viele Reaktoren in Verbrauchernähe zu postieren, wird aber als großes Sicherheitsrisiko gewertet – auch weil Angriffe von außen schwerer zu verhindern sein würden, wie man warnt. Auch die veranschlagten Zeitpläne geben wenig Anlass für Zuversicht. Laut David Reinberger von der Wiener Umweltanwaltschaft würden die Small Modular Reactors nicht wirklich rascher umsetzbar sein. Denn noch seien diese nicht serienreif.
Entwicklungsprozess, Genehmigungs- und Bauphase seien insgesamt mit mindestens 20 Jahren zu veranschlagen. Dazu komme, dass die Uranvorräte laut aktuellen Berechnungen nur mehr für rund 100 Jahre reichen. Würde man den Anteil der Atomenergie insgesamt weiter erhöhen, würden auch die Vorkommen deutlich rascher abgebaut werden. Das führe zu einer relativ kurzen Betriebsdauer der Kraftwerke. Außerdem, so gab Reinberger zu bedenken, bleibe man damit weiter von Ressourcen in anderen Ländern wie etwa Kasachstan abhängig.

Czernohorszky: „Sauteure Retrolösung“
Atomkraftwerke seien in jedem Fall eine „sauteure, hochgefährliche Retrolösung“, zeigte sich Czernohorszky überzeugt. Man zahle für diese einen viel zu hohen Preis. Atomenergie in die Taxonomieverordnung – die festlegt, welche Geldanlagen als klimafreundlich gelten sollen – aufzunehmen, sei ein Kniefall vor der Atomlobby. Gelder würden damit in Richtung Atomkraft gelenkt. Die Studie zeige, dass kleinere Reaktoren hier keine Lösung darstellen würden: „Die Vorteile sehen wir nicht.“ Eine Klage der Republik gegen die EU-Pläne werde von Wien unterstützt, versicherte er.
Umweltanwältin Andrea Schnattinger verwies darauf, dass Atomenergie auch keinesfalls emissionsfrei sei. Der Ausstoß von Treibhausgasen würde jene der erneuerbare Energieträger übersteigen, gab sie zu bedenken. Atomenergie zu unterstützen würde bedeuten, Steuergelder in eine kostspielige, nicht nachhaltige und begrenzt verfügbare Energieform zu investieren – die über Jahrtausende eine Belastung darstelle.
14.01.2022, red, wien.ORF.at/Agenturen

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Studie: Kleinreaktoren teurer und riskant
 

josef

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#7
GRÜNE TECHNOLOGIE?
Atomkraft zieht Gräben quer durch Europa
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Die Bedeutung der Atomkraft an der weltweiten Stromerzeugung schwindet, auch in Europa war die Zahl der produzierten Gigawattstunden Atomstrom zuletzt rückläufig. Vieles deutet aber daraufhin, dass der Trend sich wenden könnte – die EU-Kommission bereitet dafür den Weg, indem sie eine Einstufung als klimafreundliche Technologie plant.


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Die Kommission hatte ihren Entwurf zur Taxonomie, der die Einstufung der verschiedenen Energiearten regelt, just am Silvesterabend verschickt. Der Vorschlag aus Brüssel sieht vor, dass Investitionen in neue Atomkraftwerke als grün klassifiziert werden können, wenn sie neuesten Standards entsprechen und ein konkreter Plan für die radioaktiven Abfälle vorgelegt wird. Auch Kapitaleinbringungen in neue Gaskraftwerke sollen übergangsweise als nachhaltig eingestuft werden können.

Die Umsetzung des Vorschlags kann nur verhindert werden, wenn sich mindestens 20 EU-Staaten zusammenschließen, die 65 Prozent der Gesamtbevölkerung der EU oder 353 Abgeordnete im EU-Parlament vertreten. Das gilt als unwahrscheinlich, da sich neben Österreich zu wenige Länder gegen eine Aufnahme der Atomkraft in die Taxonomie aussprechen – unter anderem Deutschland, Luxemburg, Dänemark, Spanien und Portugal unter Vorbehalten.

Die EU-Kommission hatte den Staaten eine dreiwöchige Frist für Rückmeldungen gesetzt, in der Nacht auf Samstag lief sie aus. Die Rückmeldung von Deutschland lag am Freitagabend vor, in ihr wurden mehrere Punkt scharf kritisiert. „Schwere Unfälle mit großflächigen, grenzüberschreitenden und langfristigen Gefährdungen von Mensch und Umwelt können nicht ausgeschlossen werden. Atomenergie ist teuer und die Endlagerfrage ist nicht gelöst“, heißt es etwa in der Stellungnahme der Ampel-Regierung.

Gespaltene Lager
So vehement sich Österreich dagegen sperrt, so erleichtert wurde der Entwurf andernorts begrüßt, allen voran in Frankreich. Präsident Emmanuel Macron hält die Atomenergie für unerlässlich, damit Frankreich und die EU wie geplant bis 2050 klimaneutral werden können. Ende vergangenen Jahres hatte er eine Milliarde Euro für ihren Ausbau angekündigt. Schon jetzt bezieht die Atommacht Frankreich fast 71 Prozent ihres Stroms aus AKWs – der höchste Anteil weltweit.

Grafik zeigt die Atomkraftwerke in der EU
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Grafik: APA/ORF.at; Quelle: BMK

EU-weit stand die Atomkraft laut EU-Kommission 2020 nur für einen Anteil von rund 25 Prozent, wie das EU-Statistikamt Eurostat am Dienstag mitteilte. Demzufolge erzeugten 13 EU-Staaten 683.512 Gigawattstunden (GWh) Atomstrom, im Jahr 2019 waren es noch rund 26 Prozent und 765.337 GWh. Der größte Erzeuger von Kernenergie in der EU war Frankreich (52 Prozent), gefolgt von Deutschland (neun Prozent), Spanien (neun Prozent) und Schweden (sieben Prozent).


Kohlekraftwerk

Bis wann ist eine Energiewende realistisch? - debatte.ORF.at

Aus- und Umsteiger
Die Uneinigkeit der EU-Staaten bezüglich der Taxonomie ist wenig verwunderlich – die Visionen für den künftigen Umgang mit Atomkraft liegen weit auseinander. Deutschland etwa hatte sich im Jahr 2011 nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima zum Ausstieg entschlossen. Mit Anfang 2022 gingen drei der verbliebenen sechs Meiler vom Netz, der Rest folgt Ende dieses Jahres. Eine Verlängerung schließt – wie im Koalitionsvertrag auch festgelegt – die neue Ampelregierung aus.

Auch Spanien, das derzeit noch fünf aktive Kernkraftwerke mit insgesamt sieben Reaktoren betreibt, sieht die Zukunft anderswo: Im Vorjahr löste Windkraft Atomkraft als die führende Energiequelle des Landes ab, bis 2030 soll sich die Anzahl der Windkraftanlagen fast verdoppeln. Schon derzeit decken Erneuerbare knapp die Hälfte des Energiegesamtbedarfs in Spanien ab.


Archivbild des Atomkraftwerks in Gundremmingen, Deutschland
Reuters/Lukas Barth

Gundremmingen in Bayern ist seit Jahresbeginn vom Netz
In mehreren anderen EU-Ländern wird allerdings das Comeback der Atomkraft ausgerufen. Belgien etwa gab im Dezember des Vorjahres bekannt, seine Vorgaben für die 2025 geplante Abschaltung seiner Atomkraftwerke aufzuweichen. Zwar bekräftigte die Regierung das Ziel, die Anlagen Mitte des Jahrzehnts vom Netz zu nehmen. Allerdings sollen zwei Reaktoren weiter Strom produzieren, wenn die Energieversorgung nicht auf anderen Wegen sichergestellt werden kann.

Hoffen auf Minireaktoren
Außerdem sollen 100 Millionen Euro in die Erforschung neuer Technologien gesteckt werden. Belgien will sich dabei vor allem – ebenso wie Frankreich – auf das Konzept Small Modular Reactors (SMR) konzentrieren. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) definiert SMR-Anlagen als Atomreaktoren mit einer Leistung von maximal 300 Megawatt (MW), in Großkraftwerken kommen Reaktoren im Vergleich auf über 1.000 MW mehr. SMR haben aber den Vorteil, in Serie gebaut werden zu können, was im Regelfall eine kürzere Bauzeit und geringere Kosten mit sich bringen sollte.

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Ein Warnschild für Radioaktivität

Auch die Niederlande wollen unter ihrer jüngst angelobten Regierung verstärkt auf Atomkraft setzen. Das Koalitionsabkommen sieht den Bau von zwei neuen Atomkraftwerken vor. Das bisher einzige AKW Borssele soll länger am Netz bleiben. Das Kabinett des alten und neuen Ministerpräsidenten Mark Rutte begründete das mit dem Kampf gegen den Klimawandel.


Atomkraftwerk bei Dampierre-en-Burly, Frankreich
Reuters/Benoit Tessier

Frankreich will keinen Millimeter von seinem Pro-Atom-Kurs abweichen
Finnland hat bereits nachgerüstet – wenn auch wesentlich später als ursprünglich geplant. Mit zwölf Jahren Verzögerung und einer enormen Kostenexplosion wurde der dritte Atomreaktor im AKW Olkiluoto Ende vergangenen Jahres hochgefahren. Der Betreiber TVO bezeichnete den Schritt als „historisch“: Es ist die erste Inbetriebnahme eines neuen Kernreaktors in Finnland seit 40 Jahren und die erste in Europa seit der Inbetriebnahme des rumänischen Reaktors Cernavoda Block 2 im Jahr 2007. Mit 1.650 Megawatt wird es der leistungsstärkste Reaktor Europas sein und 14 Prozent des finnischen Strombedarfs decken.

Tschechien verlangt nach mehr
Auch Tschechien will unter der neuen liberal-konservativen Regierung die Atomkraft ausbauen. „Wir brauchen dringend Ersatz für die Meiler, die stillgelegt werden müssen“, sagte Ministerpräsident Petr Fiala Anfang des Jahres. Die ältesten Reaktorblöcke am Standort Dukovany in Südmähren sind bereits seit mehr als 35 Jahren am Netz. Das AKW Temelin, nur rund 60 Kilometer von der Grenze zu Österreich entfernt, ist besonders umstritten, weil es amerikanische Leit- mit russischer Reaktortechnik kombiniert. Die Pläne der Kommission gehen Prag nicht weit genug: Atomkraft solle nicht nur als Übergangstechnologie eingestuft werden.

Selbst in Italien, das bereits nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 aus der Kernenergie ausgestiegen war, ist die Debatte jetzt wieder auf dem Tisch. Bei einem Referendum 2011 wurde eine Rückkehr zur Atomkraft abgelehnt. Nun aber machen die zuletzt drastisch gestiegenen Preise für Strom und Gas vielen Italienerinnen und Italienern zu schaffen. Die rechte Lega unter Matteo Salvini will daher einen neuen Versuch starten und sammelt Unterschriften für ein Referendum für den Bau neuer AKWs. Auch der Minister für den ökologischen Übergang, Roberto Cingolani, gilt als Verfechter der Atomenergie.

Grafik zur Anzahl der AKW-Neubauten seit 1951
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Grafik: ORF.at; Quelle: DIW Berlin

Polen will Neuland betreten
Polen wiederum beschreitet einen Sonderweg in der EU: Als einziges Land der Union und als eines der ganz wenigen auf der Welt plant es einen Einstieg in die Atomkraft. Frühere Vorhaben wurden nach Tschernobyl ad acta gelegt. Nun aber forciert die nationalkonservative PiS-Regierung einen Richtungswechsel: Spätestens 2026 soll der Bau des ersten Reaktors beginnen, bis 2043 sollen fünf weitere folgen. Die Atomkraftwerke sollen Polen beim Ausstieg aus der Kohle helfen – gegenwärtig gewinnt das Land fast 80 Prozent seiner Energie aus Steinkohle und Braunkohle.

Zwar dürfte den Taxonomieplänen der Kommission nicht viel im Wege stehen, Kritik daran wird aber nicht so schnell verstummen. Im EU-Parlament wurde zuletzt äußerst kontrovers über die Vorlage der Kommission diskutiert, einige Staaten drohen mit Klage – allen voran Österreich. Sollte Brüssel den Entwurf tatsächlich umsetzen, „dann werden wir rechtliche Schritte ergreifen“, sagte Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne). „Wir haben sehr, sehr starke Argumente.“ Dass diese erhört werden, steht allerdings zu bezweifeln.

22.01.2022, aloh, ORF.at/Agenturen
Grüne Technologie?: Atomkraft zieht Gräben quer durch Europa
 
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