Krieg in Europa: Angriff Russlands auf die Ukraine

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Kriegsberichterstattung
ORF-Reporter Wehrschütz entging nur knapp russischem Drohnenangriff in Ukraine
Der ORF-Korrespondent und sein Team wurden in Frontnähe beinahe von einem Geschoß getroffen. Alle vier Auto-Insassen konnten rechtzeitig aus dem Fahrzeug fliehen

ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz wurde im Zuge seiner Berichterstattung aus der Ukraine schon mehrmals Zeuge russischer Attacken.
FLORIAN WIESER / APA / picturede

Wien – ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz (64) ist am Samstag in der Ukraine nur knapp einem Drohnenangriff entgangen. Einen entsprechenden Bericht der Kronen-Zeitung bestätigte der Kriegsberichterstatter des Österreichischen Rundfunks im Ö1-"Mittagsjournal". Er befand sich mit seinem Kamerateam in einem Auto nahe der Front, als die Attacke erfolgte. Verletzt wurde niemand. Laut Wehrschütz handelte es sich um eine russische FPV-Drohne "mit einer Sprengladung für einen Panzer".



Das getroffene Fahrzeug
EPA/MARIA SENOVILLA

Wehrschütz war demnach am frühen Samstagvormittag gemeinsam mit zwei Mitgliedern einer ukrainischen Hilfsorganisation auf einer Recherche zur Evakuierungen von Zivilisten im Frontgebiet von Kostjantyniwka (russisch: Konstantinowka), einer Industriestadt in der Oblast Donezk in der Ostukraine, als es zu dem dramatischen Vorfall kam.

Der Leiter der humanitären Mission "Proliska" in der Region Donezk, Jewhen Tkatschew, schilderte die Vorgänge folgendermaßen: "Wir waren mit dem Kaplan Oleg Tkaschenko in seinem gepanzerten Auto unterwegs, um vier oder fünf Adressen anzusteuern. Am Ortseingang von Kostyantyniwka, im Bezirk Novoseliwka, bogen wir um eine Kurve und entdeckten in 10 bis 15 Metern Entfernung eine Drohne, die über eine Glasfaserleitung flog. Als wir sie sahen, hielten wir das Auto an und sie begann sich zu bewegen. Wir sprangen aus dem Auto und in diesem Moment griff sie uns an."

In einer ersten Reaktion gegenüber der Krone erklärte Wehrschütz: "Ich wusste nur, das kann eine Drohne sein." Im Mittagsjournal ergänzte er: "Wir hatten mehrere Schutzengel".

Sämtliche Auto-Insassen – vier an der Zahl – seien nach einem Hinweis eines mitfahrenden Mitarbeiters der Hilfsorganisation, der die Drohne kommen gesehen hatte, sofort aus dem Fahrzeug gesprungen. Nur Augenblicke danach sei auch schon ein Geschoß eingeschlagen. Wegen der Gefahr von Splittern hätten sich alle "auf den Boden gehaut", so Wehrschütz im "Mittagsjournal". Nachsatz: "Es war gut, dass wir alle draußen waren. Gott sei Dank wir leben!"

Nicht die erste Attacke
Entlang der Front seien Netze gespannt, um derartige Drohnen abzufangen, berichtete der ORF-Reporter. Ihr Fahrzeug sei zudem mit Einrichtungen ausgestattet gewesen, um Drohnen abzuwehren, allerdings greife das System bei FPV-Drohnen nicht. "Die kann man nicht elektronisch stören", erläuterte Wehrschütz.

FPV-Drohnen (FPV steht für "First Person View ": Ich-Perspektive) werden vor allem direkt an der Front eingesetzt, etwa gegen Panzer. Sie sind mit einer speziellen Kamera und einem Übertragungssystem ausgestattet, die es dem Drohnenpiloten ermöglichen, die Drohne aus einer Perspektive zu steuern, als säße er selbst im Cockpit. Durch die erst seit relativ kurzer Zeit im Einsatz befindlichen Drohnen gebe es dadurch auch hinter der Frontlinie "keine Sicherheit mehr", analysierte Wehrschütz auf Ö1.

Es ist laut Krone nicht das erste Mal, dass Wehrschütz im Zuge seiner Berichterstattung über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine in eine lebensbedrohliche Lage geriet. So erlebte der Ukraine-Korrespondent im Jahr 2022 den Beschuss durch russische Raketen, als er in einem Hotel übernachtete. Erst vor einigen Wochen war ein Kameramann aus dem Team von Wehrschütz bei einer Verkehrskontrolle in der Ukraine festgenommen und mehrere Tage lang festgehalten worden.

Laut der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform gab es am Samstag in der Region mehrere Attacken durch FPV-Drohnen. Eine tötete in Kostjantyniwka einen Radfahrer, eine andere traf einen Minibus und verletzte drei Insassen.

Meinl-Reisinger: Russische Attacke "inakzeptabel"
Außenministerin Beate Meinl-Reisinger erklärte in einer ersten Reaktion, der Angriff auf Korrespondent Wehrschütz und das Helferteam zeige erneut die Brutalität dieses Krieges. "Russland greift gezielt auch Zivilpersonen, Helferinnen und Helfer sowie Journalistinnen und Journalisten an - das ist absolut inakzeptabel. Russland müsse das verbrecherische Töten endlich einstellen und Verhandlungen ermöglichen, so die NEOS-Politikerin laut ihrem Büro. "Unsere Solidarität gilt allen, die unter diesen Umständen tagtäglich versuchen, Leben zu retten und über das Leid der Bevölkerung zu berichten."

Das Außenministerium (BMEIA) stelle der betroffenen ukrainischen Hilfsorganisation Proliska 1000 Euro als rasche und unbürokratische Hilfe zur Verfügung, hieß es weiter, auch damit "ein Teil des Schadens rasch behoben werden kann". Mit der Unterstützung für Proliska setze das BMEIA ein "Zeichen der Solidarität mit jenen, die unter schwierigsten Bedingungen humanitäre Hilfe leisten, und bekräftigt Österreichs Engagement für den Schutz von Zivilpersonen, Helferinnen und Helfern sowie Journalisten in Konfliktgebieten", wurde betont.
(APA, 8.11.2025)
ORF-Reporter Wehrschütz entging nur knapp russischem Drohnenangriff in Ukraine
 

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Militärtechnik
Ukrainisches Start-up entwickelt smarte abschaltbare Minenfelder
Minen können von eigenen Truppen deaktiviert werden. Gleichzeitig kommunizieren die smarten Waffen untereinander

Ein ukrainischer Soldat verlegt Antipanzerminen mithilfe einer Bodendrohne. Die Minen selbst sollen künftig fernsteuerbar sein.
IMAGO/TARASOV

Zugegeben, es klingt reichlich makaber, was das Unternehmen Zmiyar aus Kyjiv entwickelt hat. Das Start-up möchte ganze Minenfelder smart – sprich fernsteuerbar – machen. Ein tödliches Minenfeld zu entschärfen soll auf diese Weise durch einen einfachen Knopfdruck möglich sein.

Aktuell werden an der ukrainischen Front häufig noch Minen mit alter Sowjet-Technologie verlegt. Kernstück ist die Panzerabwehrmine TM-62, die es sogar in einer Variante aus Holz gibt. Das Alter sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Mine immer noch tödlich ist. Eines der Hauptprobleme dieser Waffengattung: Nach der Verlegung liegen sie meist unkontrolliert im Gelände, was natürlich gewaltige Probleme mit sich bringt. Meistens reicht es nicht aus, wenn ein Mensch auf sie tritt, um die sieben Kilo schwere TNT-Ladung auszulösen. Für Fahrzeuge und deren Insassen, egal ob militärisch oder zivil, ist die Mine aber eine enorme Gefahr.

Eigenleben
Gründer Victor Shapovalov baute das Unternehmen Zmiyar zunächst als Hersteller von Zündern für bewaffnete FPV-Drohnen auf. Mit mehreren tausend verkauften Einheiten monatlich etablierte sich das Unternehmen schnell am Markt. Die Nachfrage war schließlich groß. Doch Shapovalov erkannte eine neue Marktlücke: Während der Luftkrieg längst hoch technisiert ist, wird am Boden oft noch alte Sowjet-Technologie eingesetzt.


Das Kernproblem herkömmlicher Minenfelder: Nach der Verlegung leben Anti-Fahrzeug- und Panzerabwehrminen ihr "Eigenleben", wie Shapovalov erklärt. Kommandeure müssen oft Beobachter mit Ferngläsern abstellen, um das Minenfeld zu überwachen. Nachts können feindliche Infanteristen die Minen unbemerkt entschärfen. Bei größeren Minenfeldern wird diese Form der Überwachung ohnehin unmöglich.

Vernetztes Mesh-Minenfeld
Das smarte System besteht aus zwei Komponenten: einer Basisstation und intelligenten Zündern, die anstelle der ursprünglichen Zünder in die Minen eingesetzt werden. Die elektronischen Zünder sind mit Sensoren ausgestattet, die jede Veränderung registrieren. Die smarte Mine übermittelt dieses Signal an die Basisstation.

Die Minen sind aber nicht nur mit der Basis verbunden, sondern kommunizieren auch untereinander in einer Art Mesh-Netznetzwerk. "Dadurch haben wir einen Relay-Modus – das Signal kann über die Kette weitergegeben werden, wenn keine direkte Verbindung verfügbar ist", erläutert Shapovalov. Das gesamte System arbeitet stabil in einem Radius von bis zu 20 Kilometern. Eine Basisstation kann gleichzeitig etwa 200 Minen steuern.

Die Basisstation selbst ähnelt einem großen Funkgerät im Aluminiumgehäuse mit Farbdisplay und wird zusammen mit einem Tablet bedient, auf dem das Minenfeld überwacht werden kann. Das System zeigt kontinuierlich an, welche Geräte verbunden sind, und alarmiert den Bediener bei Störungen.

Neue Fähigkeiten für alte Waffen
Die Funktionalität geht weit über bloße Überwachung hinaus. Bediener können Minen bei Bedarf ferngesteuert zünden oder deaktivieren. Wenn eigene Fahrzeuge ein Minenfeld durchqueren müssen, lässt sich der entsprechende Sektor einfach über die Basisstation abschalten. Das Minenfeld wird für die eigenen Truppen ungefährlich.

Bei verdächtigen Aktivitäten ohne Sichtverbindung kann eine Aufklärungsdrohne zur Lageerkennung eingesetzt werden – der Operator entscheidet dann über die Zündung.

Ein weiterer Vorteil ist die präzise Kartierung. Aktuell werden viele Minenfelder per Hand mit Kreuzen auf Landkarten eingezeichnet. Übermäßig präzise oder zuverlässig ist das nicht. Das smarte System ermöglicht die exakte Darstellung aller verbundenen Minen, ihres Status und relevanter Änderungen auf dem Tablet. So lange der smarte Zünder aktiv ist, weiß man auch, wo sie die Mine genau befindet, wie Defender Media berichtet.

Die Entwickler haben die Elektronik bereits für die Panzerabwehrminen PTM-3 und TM-62 adaptiert. Weitere Minentypen folgen. Gegen feindliche elektronische Kriegsführung setzt das Unternehmen auf ein eigens entwickeltes Kommunikationsmodul mit nicht-standardisierten Frequenzen.

Geringe Kosten
Ein "Starterset" mit Basisstation und drei Zündern kostet etwa 3.500 Dollar, jeder weitere Zünder rund 100 Dollar. Das System hat bereits Feldtests absolviert, Kampfeinsätze mit Militäreinheiten sind vereinbart.

Das sechsköpfige Entwicklungsteam finanziert sich derzeit aus den Verkaufserlösen der Drohnen-Zünder. Für die Skalierung strebt Shapovalov jedoch eine Finanzierung von 450.000 Dollar an. Das Start-up hofft, mit der Technologie den Pioniertruppen der ukrainischen Verteidigungskräfte neue Möglichkeiten der Minenräumung zu geben.
(Peter Zellinger, 14.11.2025)
Ukrainisches Start-up entwickelt smarte abschaltbare Minenfelder
 

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Militärtechnik
Ukrainischer Kampfroboter hält eineinhalb Monate die Position an der Front
Eine bewaffnete Bodendrohne hat eine wichtige Kreuzung erfolgreich gegen russische Angriffe verteidigt. Das Waffensystem wird jetzt erweitert

Der Droid TW 12.7 hielt eine Gefechtsposition eineinhalb Monate lang. 12,7 deutet auf das Kaliber der Bewaffnung, einem Browning-Maschinengewehr M2, hin.
Devdroid

Ein unbemanntes Bodenfahrzeug hat in der Ukraine erstmals über einen längeren Zeitraum eine Infanteriestellung vollständig ersetzt. Der Kampfroboter vom Typ Droid TW 12.7 kontrollierte eineinhalb Monate lang im Auftrag der 3. Sturmbrigade eine strategisch wichtige Kreuzung und verhinderte erfolgreich das Vordringen russischer Truppen.

Wie der Kommandant der NC13-Einheit für unbemannte Bodensysteme in einem Interview mit dem Hersteller Devdroid berichtete, wurde das mit einem 12,7-mm-Maschinengewehr ausgestattete Kettenfahrzeug täglich für den Kampfeinsatz ausgerückt. Jeden Morgen steuerten die Bediener den Roboter von einer sicheren Position aus zur Kreuzung, wo er den ganzen Tag über Wache hielt. Abends kehrte die Drohne zur Basis zurück.

Erfolgreiche Abwehr russischer Angriffe
Während der sechswöchigen Mission führte der Droid TW 12.7 mehrere erfolgreiche Einsätze gegen feindliche Kräfte durch. Die russischen Truppen versuchten wiederholt, durch das kontrollierte Gebiet vorzustoßen, blieben jedoch unter ständigem Feuer des unbemannten Fahrzeugs. Am Ende scheiterten alle Durchbruchsversuche, wie die ukrainische Militarnyi berichtet.

"Kampf-UGVs können Infanterieeinheiten unterstützen, sowohl bei Offensivaktionen als auch zur Deckung in der Verteidigung. Sie können den Infanteristen einen Teil der Last abnehmen", so der Kommandant. Besonders gefährliche Aufklärungsmissionen könnten so übernommen werden, während sich die Piloten in relativer Sicherheit im rückwärtigen Bereich aufhalten.

Betriebssystem für Kampfroboter
Das ukrainische Verteidigungsministerium hat den Droid TW 12.7 Ende 2024 nach erfolgreichen Zuverlässigkeitstests offiziell für den Fronteinsatz freigegeben. Nach Angaben des ukrainischen Herstellers DevDroid verfügt der Roboter über eine Reichweite von etwa 14 Kilometern und kann feindliche Ziele in einer Entfernung von bis zu 1000 Metern bekämpfen.

Neben digitaler Kommunikation setzt das System auf Starlink- und LTE-Integration für eine präzise Steuerung auch unter schwierigen Bedingungen. Ein besonderes Merkmal ist die Software. Das Unternehmen hat ein eigenes Betriebssystem für unbemannte Bodendrohnen namens Droid Box. Dieses macht es möglich, die Steuerung aufzuteilen. So kann ein Operator die Waffe bedienen, während ein anderer das Fahrzeug an sich lenkt.

Mit einem Preis von 29.300 US-Dollar pro Einheit ist der Kampfroboter ähnlich teuer wie andere militärische Nutzfahrzeuge. Der Hersteller bewirbt die Drohne als "wirtschaftliche Wahl zur Modernisierung der Streitkräfte".

Angriffsoperationen mit vier Robotern
Derzeit wird daran gearbeitet, die UGV-Operatoren weiter von der Frontlinie und damit aus der Gefahrenzone wegzuverlegen, da es sich um Spezialisten handelt, deren Ausbildung viel Zeit in Anspruch nimmt. Ein neuer Operator benötigt ein bis eineinhalb Monate Training, während erfahrene Drohnenpiloten das System in einer Woche beherrschen.

Der nächste Schritt soll über Verteidigungsmissionen hinausgehen. Für zukünftige Angriffsoperationen sollen die Roboter koordiniert in Gruppen von zwei bis vier Stück operieren. Damit das gelingen kann, müssen alle Operatoren im selben Raum sein und schnell miteinander kommunizieren können.

Die Roboterarmee nimmt Gestalt an
Der Droid TW 12.7 ist nur die jüngste Entwicklung in der ukrainischen Bodendrohnen-Offensive. Ende des Vorjahres wurde der "Protector" vorgestellt – ein unbemanntes Geländefahrzeug, das optisch an einen Tesla Cybertruck erinnert. Mit einem 190-PS-Dieselmotor kann er bis zu 1200 Kilogramm Nutzlast transportieren und Höchstgeschwindigkeiten von 65 km/h erreichen. Der Protector soll hauptsächlich Nachschub an die Front liefern, von Lebensmitteln über Baumaterial bis zu Munition.

Ebenfalls im Einsatz sind bereits die unbewaffnete Themis-Plattform von Milrem Robotics aus Estland zur Bergung verwundeter Soldaten sowie Roboterhunde und weitere Minipanzer wie der Ironclad oder der Lyut.

Berichten zufolge haben etwa 250 lokale Start-ups im Verteidigungsbereich mit dem Bau von Kampfrobotern und anderen Drohnen begonnen. Die Produktion einer "Roboterarmee" ist in der Ukraine voll angelaufen. Unbemannte Systeme gelten als Hoffnungstechnologie, da es den ukrainischen Streitkräften an Soldaten mangelt.
(Peter Zellinger, 19.11.2025)
Ukrainischer Kampfroboter hält eineinhalb Monate die Position an der Front
 
Nachdem ich heute von der Schlagzeile "Nord-Stream Verdaechtiger wird von Italien an Deutschland ausgeliefert" gelesen habe, stand am Ende des Artikel auch:
"Ein weiterer Verdächtiger, ebenfalls ein Ukrainer, saß zeitweise in Polen in U-Haft. Dort lehnte die Justiz eine Auslieferung nach Deutschland jedoch ab. Inzwischen ist der Mann wieder frei."
Quelle
 

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Ukraine-Krieg
Neue Details zu US-Friedensplan
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Kein NATO-Beitritt der Ukraine, eine kleinere Armee und der Verzicht auf den Donbas: Der am Mittwoch erstmals bekanntgewordene US-Friedensplan für die Ukraine enthält erhebliche Zugeständnisse der Ukraine an Russland. Den Entwurf des 28 Punkte umfassenden Plans, von dem davor nur Teile bekannt waren, veröffentlichten mehrere Medien in der Nacht auf Freitag. Washington sprach zuletzt von einem „Arbeitsdokument“.
Online seit heute, 10.04 Uhr (Update: 12.57 Uhr)
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Mehrere Medien wie das US-Nachrichtenportal Axios und die britische „Financial Times“ veröffentlichten die Auflistung, deren Inhalt auch von Regierungsvertretern der USA und der Ukraine bestätigt wurde. Der ukrainische Parlamentsabgeordnete Olexij Hontscharenko, der zur Oppositionsfraktion Europäische Solidarität gehört, stellte den Plan via Telegram ins Netz.

Inhaltlich orientiert sich dieser vor allem an bisherigen russischen Maximalforderungen. Laut den Berichten werden die Krim und die ebenfalls besetzten ukrainischen Gebiete Donezk und Luhansk darin als faktisch russisch anerkannt. Die beiden teilweise von Russland kontrollierten Regionen Cherson und Saporischschja im Süden der Ukraine würden dem Plan zufolge entsprechend dem aktuellen Frontverlauf aufgeteilt.

Reuters/Louisa Gouliamaki
Der US-Entwurf orientiert sich an russischen Maximalforderungen, eine Zustimmung der Ukraine gilt als unwahrscheinlich

Armee soll auf 600.000 Soldaten begrenzt werden
Zudem sieht der Plan vor, dass das Atomkraftwerk Saporischschja der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) unterstellt und der dort produzierte Strom zu gleichen Teilen zwischen der Ukraine und Russland aufgeteilt wird. Die Ukraine müsste atomwaffenfrei bleiben und die Truppenstärke der Armee auf 600.000 Mann begrenzen.

Den Berichten zum angeblichen Friedensplan zufolge soll die Ukraine im Gegenzug zum Schutz vor einer künftigen russischen Aggression Sicherheitsgarantien erhalten. Nähere Angaben werden zwar nicht gemacht, allerdings sollen im NATO-Land Polen „europäische Kampfflugzeuge“ stationiert werden. Für ihre nicht näher definierten Sicherheitsgarantien würden die USA gemäß dem Plan entlohnt. Die Ukraine hatte zuletzt auf eine von Europa angeführte Friedensmission gehofft.

Russische Rückkehr in Weltwirtschaft vorgesehen
Weiters soll die Souveränität der Ukraine bestätigt werden und Russland, die Ukraine und Europa die Konflikte der vergangenen 30 Jahre für beendet erklären. Sie sollten vereinbaren, einander nicht anzugreifen. Russland und die USA würden laut dem US-Plan wieder über nukleare Rüstungskontrolle sprechen. Russland sollte sich per Gesetz dazu verpflichten, Aggressionen gegenüber Europa und der Ukraine abzuschwören.
Vorgesehen sei auch, dass die Ukraine qua Verfassung auf einen NATO-Beitritt verzichtet sowie eine Amnestie für Kriegsverbrecher und die Rückkehr Russlands in die Weltwirtschaft akzeptiert. Beschlagnahmtes russisches Staatsvermögen in Milliardenhöhe soll dazu genutzt werden, Wiederaufbau und Investitionen in der Ukraine zu fördern – eine Bedingung, die für Moskau nicht leicht zu akzeptieren sein dürfte.

Das bisherige Ziel der Ukraine ist dagegen, neben dem militärischen Druck durch westliche Waffenhilfe Russland auch zunehmend mit Sanktionen unter Druck zu setzen, damit es wirtschaftlich künftig nicht mehr in der Lage ist, den Krieg fortzusetzen.

Wahl in Ukraine binnen hundert Tagen
Eine weitere zentrale Forderung Moskaus betrifft die ukrainische Innenpolitik: Die Ukraine müsste innerhalb von hundert Tagen nach Abschluss des Abkommens eine Wahl abhalten, heißt es in dem Plan. Zwar darf sie der EU beitreten, angesichts der komplizierten Gemengelage dürfte es dazu in absehbarer Zukunft aber ohnehin kaum kommen.

US-Präsident Donald Trump selbst würde laut diesem Plan einem „Friedensrat“ vorstehen, der den Waffenstillstand überwachen soll. Außerdem sieht Trumps Plan eine amerikanisch-russische Arbeitsgruppe zu Sicherheitsfragen vor, die über die Einhaltung des Abkommens wachen soll. Gegründet werden soll nach den US-Vorstellungen nicht zuletzt ein internationaler Fonds zum Wiederaufbau und zur Entwicklung der ukrainischen Infrastruktur.

US-Druck auf Ukraine wächst
Am Mittwoch war bekanntgeworden, dass die USA einen neuen Friedensplan erarbeitet hatten. Laut US-Medien sei dieser in geheimen Beratungen mit russischen Vertretern erstellt worden. Trump hatte Russland und die Ukraine immer wieder zu einem Ende der Kampfhandlungen aufgefordert und beide Kriegsparteien kritisiert.

Nun steht erneut besonders der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj unter Druck, nicht nur wegen des Vorrückens der russischen Truppen im Osten des Landes, sondern auch wegen eines Korruptionsskandals, der bis in die Regierung reicht.

Die Sprecherin der US-Regierung, Karoline Leavitt, sagte am Donnerstag, dass US-Außenminister Marco Rubio und der US-Sondergesandte Steve Witkoff wochenlang an einem Plan gearbeitet hätten. Sie seien mit Russland und der Ukraine gleichermaßen in Austausch getreten.

Selenskyj will mit Trump telefonieren
Eine Delegation unter Leitung von Daniel Driscoll, einem Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium, hatte die Vorstellungen der US-Regierung bei Gesprächen in Kiew präsentiert. Selenskyj sagte danach in einer Videobotschaft: „Die amerikanische Seite hat Punkte eines Plans vorgestellt, um den Krieg zu beenden – ihre Sichtweise. Ich habe unsere Grundsätze vorgestellt.“

Nach Angaben seines Büros will Selenskyj bald mit Trump telefonieren. Die Arbeit an den Vorschlägen werde auf technischer Ebene mit den US-Partnern fortgesetzt, hieß es. Die ukrainische Botschafterin in den USA, Olha Stefanischyna, und die Stellvertreterin des ständigen Vertreters der Ukraine bei den Vereinten Nationen, Chrystyna Hajowyschyn, schlossen Grenzänderungen aus.

Stefanischyna bezeichnete die 28 Punkte des Plans als „russisch“. „Wir werden niemals – weder offiziell noch in irgendeiner anderen Weise – die zeitweise durch die Russische Föderation besetzten Gebiete der Ukraine als russisch anerkennen“, sagte Hajowyschyn.

Russland hält sich bedeckt, EU fordert Einbindung
Der Kreml zeigte sich offen für Verhandlungen über den Plan, will aber noch nichts Offizielles dazu erhalten haben. Die beiden Länder diskutierten die Vorschläge noch nicht im Detail, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Die russischen Fortschritte auf dem Schlachtfeld schränkten den Entscheidungsspielraum Selenskyjs ein.

Nach Angaben aus ukrainischen und britischen Regierungskreisen wird Selenskyj demnächst mit dem deutschen Kanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Großbritanniens Premier Keir Starmer telefonisch über den Entwurf beraten. Deutschland und die europäischen Partner sind dem deutschen Regierungssprecher Stefan Kornelius zufolge in die Weiterentwicklung des Plans eingebunden.

Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte Beratungen an. Die EU knüpft ihre Unterstützung an Bedingungen: Ein solcher Plan müsse einen dauerhaften und gerechten Frieden bringen und sowohl die Ukraine als auch die EU einbeziehen, sagte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas in Brüssel. Wie ein Insider gegenüber Reuters sagte, wollen US-Vertreter Botschafter der EU in Kiew am Freitag über den Entwurf informieren.
Der Militärexperte Markus Reisner sah indes die vorgesehenen US-Sicherheitsgarantien als zentrales Element des 28-Punkte-Plans. Es sei nämlich „davon auszugehen, dass Russland auf jeden Fall an seinem Ziel (der kompletten Unterwerfung der Ukraine, Anm.) festhalten wird“, sagte Reisner zur APA.
21.11.2025, red, ORF.at/Agenturen
Ukraine-Krieg: Neue Details zu US-Friedensplan
 

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Robotik
Krieg ohne Soldaten: Ukraine schickt ferngesteuerten Truck an die Front
Der Protector sieht aus wie eine militärische Variante des Cybertrucks. Ausgestattet ist er mit einem schweren Maschinengewehr und kommt ohne menschliche Besatzung aus

Der Protector dürfte auf dem Modell Novator (hier im Bild) basieren.
Ukrarmor

Ein Unternehmen aus der Ukraine arbeitet an einem Pickup-Truck, der ferngesteuert an die Front fährt und dort mit seiner automatischen Waffe kämpfen soll. Ein menschlicher Fahrer oder ein Schütze sind dabei nicht erforderlich.

Ukrainian Armor, ein Rüstungsunternehmen aus Kyjiw, hat am Montag erste Aufnahmen des Protectors veröffentlicht, wie das Fahrzeug auf einem Schießplatz verschiedene Ziele auf unterschiedliche Distanzen unter Beschuss nimmt.

Eigentlich besteht das Fahrzeug aus zwei Elementen: Dem Geländefahrzeug selbst, das optisch an eine noch kantigere Variante des Cybertrucks erinnert. Auffällig dabei: Da Sitze für die menschliche Mannschaft fehlen, ist das Fahrzeug relativ flach. Auf der Ladefläche befindet sich die Waffenstation, ein Turm mit einem 12,7-mm-Maschingewehr Browning M2, genannt Travia-12,7. Dieser Turm wird üblicherweise auf gepanzerten Fahrzeugen mit einer menschlichen Besatzung eingesetzt. Damit sich der Schütze nicht in Gefahr begeben muss, kann das Waffensystem aus dem Inneren des gepanzerten Kampfraums ferngesteuert werden. Diese Fähigkeit wurde nun erweitert, und der Schütze muss sich nicht mehr direkt im Fahrzeug befinden. Kombiniert man diese beiden Systeme, kommt dabei eine bewaffnete, fernsteuerbare Bodendrohne heraus. Der Hersteller spricht gar von einer "vollwertigen Kampfeinheit".

21.214 Aufrufe · 417 Reaktionen | ТОВ «Українська бронетехніка» провела успішні випробовування безпілотного наземного комплексу Protector з інтегрованим бойовим дистанційно керованим модулем «Таврія – 12,7». Як розповів генеральний директор ТОВ «Українська бронетехніка» Владислав Бельбас, тестування комплексу включало стрільби на різні дистанції та в різних режимах. «Ми отримали хороші результати і у статичній стрільбі, і у стрільбі в русі з різних відстаней», - розповів він. За його словами, інтеграція дистанційно-керованого бойового модуля перетворює наземний комплекс на повноцінну бойову одиницю. «Головне завдання НРК «Protector» з бойовим модулем «Таврія» - максимально зберегти життя наших бійців. Безпілотна платформа керується дистанційно, дозволяючи операторам виконувати завдання з безпечного місця, а бойовому модулю - працювати на відстані», - розповів Бельбас. Бойовий модуль «ТАВРІЯ-12,7» –дистанційно керована турель, озброєна 12,7-мм кулеметом «Browning» М2 та обладнана цифровою системою управління озброєнням. Призначений для спостереження, виявлення та ураження наземних цілей (бронетехніка, транспортні засоби, жива сила тощо) та повітряних цілей (гвинтокрилів, безпілотних літальних апаратів тощо). | Українська Бронетехніка
Erste Schießübungen
Das System habe sich im stationären Schießen wie dem Feuern aus der Bewegung gut bewährt, sagt Vladyslav Belbas, der Geschäftsführer von Ukrainian Armor, wie Business Insider berichtet. Der Protector sowie der Travia-12,7 wurden bereits für den Einsatz bei den ukrainischen Streitkräften freigegeben. Damit kann das Waffensystem von militärischen Einheiten offiziell beschafft und die Truppe integriert werden.

Der Protector kann per Fernsteuerung bedient werden und hat dabei eine Reichweite von angeblich 400 Kilometern. An maximaler Nutzlast kann der Protector 700 Kilo mitführen. Auch ein Einsatz als Truppentransporter ist denkbar, so können acht Soldaten auf der Ladefläche Platz nehmen. Der Truck selbst ist nach Nato-Standard Level 1 (STANAG 4569) gepanzert.

Das heißt, das Fahrzeug ist gegen Beschuss durch Kaliber wie 7,62 × 51 mm oder 5,56 × 45 mm geschützt. Das bedeutet, dass das Fahrzeug dem Beschuss aus Sturmgewehren standhalten kann. Ebenso soll das Fahrzeug der Detonation von Handgranaten und Splittern von Artilleriegeschossen standhalten können. Der Turm ist ebenfalls durch Beschuss mit leichten Waffen und Splittern geschützt. Der 190-PS-starke Dieselmotor beschleunigt den Protector auf eine Höchstgeschwindigkeit von rund 60 km/h.


Frühe Renderings zeigen den Protector mit Lenkwaffen zur Panzerabwehr.
Ukrainian Armor

Der Protector war eigentlich als Logistikdrohne gedacht und sollte zum Verwundetentransport eingesetzt werden. In der aktuellen Konfiguration dürfte die Drohne als Feuerunterstützungsfahrzeug zum Einsatz kommen. Durch das digitale Kontrollsystem der Waffenstation soll der Protector sogar in der Lage sein, Drohnen effektiv zu bekämpfen. Durch das elektrooptische Modul am Maschinengewehr soll das Waffensystem in der Lage sein, Ziele auf einer Distanz von bis zu fünf Kilometern Entfernung zu erkennen – bei Tag wie in der Nacht, berichtet Militarnyi. Ukrainian Armor hat in der Vergangenheit schon mehrfach angedeutet, dass der Truck auch als Kampffahrzeug eingesetzt werden könnte. Frühe Grafiken zeigen den Protector mit Maschinenwehren und Panzerabwehrraketen.

Bedeutung von Drohnen steigt
Unbemannte Bodenfahrzeuge (UGVs) gewinnen auf dem Schlachtfeld in der Ukraine schnell an Bedeutung. Die unbemannten Waffensysteme gelten als größte Hoffnung im zermürbenden Abnützungskrieg, um das Leben von Soldaten zu schonen. Beide Seiten setzen zunehmend auf Automatisierung und kostengünstige, ferngesteuerte Fahrzeuge. Seit dem russischen Angriff haben Entwickler aus der Ukraine hunderte Kampfdrohnen vorgestellt. Dabei handelt es sich in der Regel um Kettenfahrzeuge oder kleinere Plattformen auf Rädern, die mit Gewehren, Geschütztürmen oder Raketenwerfern ausgerüstet sind. Eine auf einem Lkw basierende Plattform dürfte schneller sein als die meisten ihrer Konkurrenten und es der Bodendrohne ermöglichen, deutlich mehr Gewicht zu transportieren.

Jüngst sorgte eine Bodendrohne für Aufsehen: Ein Kampfroboter der ukrainischen Armee hat eine wichtige Kreuzung erfolgreich gegen russische Angriffe verteidigt – und das eineinhalb Monate lang.
(pez, 25.11.2025)
Krieg ohne Soldaten: Ukraine schickt ferngesteuerten Truck an die Front
 

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Frage & Antwort
Warum die Stadt Pokrowsk im Ukrainekrieg so wichtig ist
Monatelang gab es am Frontverlauf im Donbass nur wenig Bewegung. Russland meldet nun aber die Einnahme einer strategisch wichtigen Stadt – was von der Ukraine dementiert wird

Ukrainische Soldaten feuern an der Front bei Pokrowksk auf russische Stellungen (Archivbild 23. November 2025).
REUTERS/Anatolii Stepanov

Der Kampf um die ostukrainische Stadt Pokrowsk ist nicht nur ein Gefecht am Boden, sondern auch ein Krieg der Worte in den Medien. Schon seit Tagen vermelden die russischen Angreifer immer wieder deren Eroberung, was die ukrainischen Verteidiger aber stets dementieren – so auch am Dienstagvormittag.

Frage: Warum ist Pokrowsk so wichtig für die Ukraine?

Antwort: Tatsächlich ist die Stadt – sie hatte ursprünglich rund 60.000 Einwohnerinnen und Einwohner und liegt in der ostukrainischen Oblast Donezk – nicht nur für die Ukraine von großer Bedeutung, sondern in gleichem Maße auch für Russland. Sie liegt an der 5000 Kilometer langen, wirtschaftlich wichtigen Europastraße E50, die das Kaspische Meer mit dem Atlantik verbindet. Sie hat aber auch militärische Bedeutung als logistisches Drehkreuz der Ukraine für Truppen- und Materialbewegungen.

Frage: Kann die Zivilbevölkerung in Pokrowsk überhaupt noch halbwegs sicher leben?

Antwort: Schon seit Monaten nicht mehr. Die Stadtverwaltung forderte bereits im August 2024 die Zivilbevölkerung auf, die Stadt zu verlassen. Der Fluchtkorridor wurde wegen der Bemühungen der Russen, die Stadt einzukesseln, immer schmäler. Mit Stand Oktober 2025 lebten laut ukrainischen Behördenangaben noch etwa 12.000 Menschen in der Stadt, deren kritische Infrastruktur zu 80 Prozent zerstört sein soll. Die Hilfsorganisation Care spricht von einer akuten Notlage. Ein Fluchtkorridor ist mittlerweile so gut wie nicht mehr vorhanden.


Frage: Wie verlief die Offensive?

Antwort: Die Eroberung von Pokrowsk galt für die russischen Invasoren von Anfang an, seit Februar 2022, als Kriegsziel – doch die Ukraine konnte die Frontlinie monatelang "einfrieren". Das änderte sich im Frühjahr 2025, als russische Truppen diese südlich der Stadt durchbrechen konnten. Gleichzeitig intensivierten sie die Angriffe aus der Luft, etwa mit Gleitbomben, auf Wohnviertel, Kraftwerke, Trinkwasserspeicher und andere Anlagen, die für das Leben und Überleben in der Stadt wichtig sind. Ab dem Sommer 2025 wurde eine Flucht fast unmöglich. Gleichzeitig häuften sich Berichte, denen zufolge kleine und kleinste russische Stoßtrupps in der Stadt gesehen wurden. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj berichtete in TV-Ansprachen ab diesem Zeitpunkt wiederholt von massiver russischer Militärpräsenz rund um die zunehmend eingekesselte Stadt, die Lage nannte er "extrem besorgniserregend".

Frage: Ist der Kampf um Pokrowsk de facto entschieden?

Antwort: Eine Rettung oder gar die langfristig erfolgreiche Verteidigung der Stadt scheint illusorisch zu sein – auch wenn die Ukraine die völlige Eroberung durch Russland immer wieder dementiert. Sollte die Stadt endgültig fallen, könnte das eine Kettenreaktion auslösen, warnen Fachleute schon seit Jahren. Der Weg wäre dann womöglich frei für weitere Offensiven, etwa in Richtung Kramatorsk, dem Verwaltungssitz der noch ukrainisch kontrollierten Teile der Oblast Donezk. Die komplette Kontrolle über das gesamte Gebiet ist erklärtes Ziel des Kreml: Russland will noch vor Beginn etwaiger Friedensverhandlungen Fakten "on the ground" schaffen. Je näher man an der Maximalforderung ist – die Zuerkennung des gesamten Donbass –, desto leichter sind diese auch durchzusetzen.


Mit Fotos wie diesem verkündet die russische Armee die Eroberung von Pokrowsk – was von der Ukraine immer wieder dementiert wird.
AFP/Russian Defence Ministry/HANDOUT

Frage: Warum verteidigt die Ukraine die Stadt so vehement?

Antwort: Prinzipiell will und muss die Ukraine natürlich ihr eigenes Territorium verteidigen – und halten. Dass Pokrowsk nur schwer zu halten sein würde, war schon länger klar. Dennoch wurde die Parole ausgegeben, die Stadt so lange wie möglich zu halten – nicht zuletzt, um Zeit zu gewinnen, um weiter im Westen eine neue und stabile Verteidigungslinie aufbauen zu können. Für Russland geht es letztlich auch um einen Propagandaerfolg, war doch der Frontverlauf lange Zeit de facto eingefroren. Doch gerade dieser Umstand zeigt ukrainischen und westlichen Fachleuten zufolge, dass die russische Armee bei weitem nicht so schlagkräftig sein dürfte, wie es der Einsatz von Menschen und Material eigentlich nahelegen müsste. (Gianluca Wallisch, 2.12.2025)

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Die Ukraine droht den Krieg zu verlieren – wie konnte es so weit kommen?
Mit großer Tapferkeit haben sich die Ukrainer gegen den russischen Überfall 2022 gewehrt. Doch dann sind in Kyjiw wie im Westen Fehler passiert – und Russland hat dazu gelernt

Wolodymyr Selenskyj kämpft, mit Problemen in der eigenen Administration, mit schwächelndem Support, aber vor allem immer noch gegen die brutale Invasion der Russen.
REUTERS/Clodagh Kilcoyne

Als der russische Machthaber Wladimir Putin im Februar 2022 die Ukraine überfiel, war er sicher, in wenigen Tagen die Hauptstadt Kyjiw zu kontrollieren und dort ein ihm genehmes Regime einsetzen zu können. Der heroische Widerstand der Ukraine machte diese Pläne zunichte. Schon nach wenigen Monaten habe man im Kreml realisiert, "dass man den Krieg von 2022 verloren hat", sagt Alexey Yusupov, der in Moskau geborene Leiter des Russland-Programms der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin.

Fast vier Jahre später steht die Ukraine dennoch mit dem Rücken zur Wand. Den Blitzkrieg hat Moskau verloren, aber der darauffolgende Abnützungskrieg könnte nun mit einer Verhandlungslösung enden, die einer Niederlage gleichkommt. Wie konnte es so weit kommen? Was ist in Kyjiw, an der Front und bei den europäischen Verbündeten falsch gelaufen?

Einiges, lautet die ernüchternde Antwort von Fachleuten. Aber noch wichtiger sei das, was Russland aus dem Fiasko des ersten Kriegsjahres gelernt und danach richtig gemacht habe, sodass das System Putin sogar noch einige Kriegsjahre mehr überdauern könnte.

Während der russische Präsident ukrainische Kinder entführen und russifizieren ließ, Energieinfrastruktur zerstörte und ab 2024 Großstädte tagtäglich noch intensiver und unterschiedslos mit hunderten Drohnen terrorisierte, vermochte er es daheim, sein System zu stabilisieren. Yusupov sagt, dass die Flucht von rund 800.000 urban-geprägten Russinnen und Russen dies erleichterte. Sie verließen das Land in zwei großen Wellen, direkt nach Kriegsausbruch und nach der unpopulären Teilmobilisierung im September 2022. Sie hätten potenziellen Protest befeuern oder multiplizieren können. Aber sie sind weg.


Blackouts und Kälte im Drohnenhagel. Sie gehören zum Alltag in der Ukraine seit fast vier Jahren dazu.
AFP/ROMAN PILIPEY

Putin hat daraus gelernt, wie auch aus der Revolte des Wagner-Chefs Jewegeni Prigoschin im Juni 2023, die nie eine gegen Putin selbst, sondern gegen den Militäradel und die schlechte Versorgung an der Front war. In der Folge stellte der Kreml sicher, dass Soldaten gut entlohnt werden, Hinterbliebenen Prämien zugesagt werden, die sie meist auch ausbezahlt bekommen. Putin rekrutierte in Gefängnissen, bei Gastarbeitern und später vor allem bei Männern am Rande der Gesellschaft, Alleinstehenden, Spiel- oder Alkoholsüchtigen, die sonst nie mehr derart viel verdienen könnten. Regional stets so gut verteilt, dass keine Region wirklich aufbegehrte. Wenn Zehntausende dieser Männer starben, erschütterte das selten russische Familien. Auch, weil die meisten eben doch noch freiwillig aus wirtschaftlichen Gründen gingen, wie Yusupov erklärt.

Am Schlachtfeld dazugelernt
Die empfindlichen Nadelstiche der Ukraine im Verlauf des Krieges, das Versenken des Kreml-Flaggschiffs Moskwa durch Unterwasserdrohnen, die Gegeninvasion in der russischen Region Kursk, die spektakuläre Drohnenoperation Spinnennetz, waren peinlich für Putin. Er reagierte stets mit noch mehr Brutalität gegen die Ukraine und sendete dadurch auch Signale nach innen: Herausforderern des Systems Putin droht das Schicksal von Prigoschin oder Alexej Nawalny: der Tod.

In Bezug auf Drohnentechnologie konnte Russland den anfänglichen ukrainischen Vorteil rasch ausmerzen und durch Kriegswirtschaft und internationale Allianzen mit China und dem Iran bald die Überhand gewinnen. Billige Shahed-Drohnen und Gleitbomben töteten etliche ukrainische Zivilisten. Militärs erzählen, dass Russland seine modernste Technologie dieses Mal auch tatsächlich einsetzt. In früheren Kriegen sparte man sich das gute Zeug noch auf. Doch dieser Krieg ist zu bedeutend.


Wladimir Putin, als Kriegsverbrecher international gesucht, besucht eine Drohnenfabrik in St. Petersburg.
via REUTERS/Grigory Sysoyev

Die Ukraine tötete zu Kriegsbeginn viele russische Generäle. Sie wurden oft durch jüngere und fähigere ersetzt. Zu beobachten ist auch eine Entwicklung, weg von der bis zu 30.000 Mann starken Division, hin zu kleineren, schlagkräftigeren Bataillonen. Wenn Russlands Armee einmal lernt, kann sie schnell effektiv werden.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass das Vorrücken in der Ukraine hohe Kosten für Russland hat. Seine internationalen Ambitionen musste Moskau hintanstellen. In Zentralasien verlor man an Einfluss, in Afrika auch. Sowohl das Regime in Syrien als auch in Armenien musste in Kriegen feststellen, dass der vermeintliche Alliierte Russland nicht helfen wollte oder konnte oder beides. All das nimmt Russland hin, sagt auch Yusupov. Auch die, laut westlicher Schätzung, knappe Million an getöteten oder verletzten Soldaten. Weil es diesen Krieg gewinnen und das System Putin überleben muss.

Faktor Trump
Hat die Ukraine nur richtige Entscheidungen am Schlachtfeld getroffen? Natürlich nicht. Der Militäranalyst Franz-Stefan Gady schreibt in War on the Rocks, dass Städte wie Bachmut oder Prokrowsk aus politischem Kalkül und nicht aus strategischem zu lange gehalten wurde: "Dieses Muster hat sich an der gesamten Frontlinie der Ukraine wiederholt, in einem Fall nach dem anderen, in denen die ursprünglichen militärischen Gründe für die Besetzung städtischer Gebiete allmählich verschwanden, während die politischen Gründe für die Fortsetzung der Kämpfe bestehen blieben."

Haben die vielen Korruptionsfälle die Moral der Verteidiger belastet? Selbstverständlich. Haben Rekrutierungsmaßnahmen auf Straßen viele zur Flucht getrieben? Ja, auch das ist verständlich.


An der Front tobt ein unerbitterlicher Drohnenkrieg.
REUTERS/STRINGER

Dennoch hat sich Selenskyj – der alles andere als unumstritten ist, aber als unverzichtbarer Kriegspräsident gilt – in schier unmenschlicher Art und Weise aufgerieben. Er nahm jede strapaziöse Auslandsreise auf sich, redete sich vor Parlamenten und in Präsidentenbüros um Kopf und Kragen, auf dass die Unterstützung nicht nachlasse. Nachdem er im Weißen Haus im Februar 2025, nach dem dritten kräftezehrenden Kriegswinter, öffentlich von Trump zusammengeputzt wurde, erfuhr er eine neue Welle der Solidarität. Die Ukraine versammelte sich hinter ihm gegen den neuen, unerwarteten Feind aus dem vermeintlich eigenen Lager. Am Ende sitzt Trump durch den mächtigen Militär- und Geheimdienstapparat aber einfach am entscheidenden Hebel, weil die Europäer keinen adäquaten Ersatz aufzustellen bereit waren.

Nach Jahren des aufopferungsvollen und kollektiven Verteidigungskampfes droht nun eine russlandfreundliche und investitionsaffine US-Entourage, angeführt durch Präsident Donald Trump, die Ukraine in einen schwer hinnehmbaren Frieden zu zwingen. Einen Frieden, der sich wie abermals als kurz, trügerisch und verräterisch entpuppen konnte.


Zerstörung in der Region Donzek. Die Russen nennen es "Befreiung".
AFP/Satellite image ©2024 Maxar

Hat David eine Chance?
Dabei sah es für den vermeintlichen David im Kampf gegen den Goliath, nach der Abwehr der ersten Großoffensive auf Kyjiw und den erfolgreichen Rückeroberungen im Norden und Nordosten, gar nicht so schlecht aus. Das Selfievideo von Präsident Wolodymyr Selenskyj und seinen engsten Mitstreitern vom Platz vor dem Präsidentenpalast, wenige Stunden nach Invasionsbeginn, wurde postwendend ikonisch. Der Satz, den Selenskyj zu den US-Partnern gesagt haben soll, dass er keine Mitfahrgelegenheit, sondern Munition brauche, bestärkte umgehend eine ganze Nation in ihrer Überzeugung, kein Vasall des Kreml zu sein und zu werden.

Die Fehlannahmen des 5. Dienstes des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, der Putin weismachte, man würde die Russen als Befreier feiern, führten schon wenige Wochen nach der Vollinvasion zur vorübergehenden Verhaftung der Verantwortlichen.


Grabenkrieg nähe Bachmut im Februar 2023.
AFP/YASUYOSHI CHIBA

Erst geeint, dann hadernd
Auch die anfängliche Solidarität der Europäer und der Zusammenhalt des Westens wurden vom Kreml falsch eingeschätzt. Nach wilden Jahren am Kontinent, mit Brexit, Rechtsruck und Polarisierung, hatte man mit weniger Einigkeit gerechnet.

Zu schnell verhedderte man sich in Europa jedoch bei Fragen der militärischen Unterstützung der Ukraine in Detaildebatten. Zu beobachten war eine langsame Kaskade, die stets nach demselben Muster ablief: Die Ukraine meldete ihren Bedarf an bestimmten Waffensystemen, Putin zog imaginäre rote Linien, sein Handlanger Dmitri Medwedew drohte mit nuklearen Antworten, Apologeten der Kreml-Politik beschworen das Eskalationspotenzial und zögerten die Debatte hinaus, schwächten die Waffenlieferpakete ab oder vermochten es gar sie abzuwürgen. So war es bei Panzern, Kampfjets und Marschflugkörpern mit großer Reichweite.

Dennoch: Im politischen Personal Europas gab es erstaunlich viel Konstanz in Sachen Ukraine-Unterstützung. Jeder neue britische Premier war energisch dabei, Italiens rechte Regierungschefin Giorgia Meloni überraschte viele mit ihrem steten Support, Finnlands Sanna Marin und Schwedens Ulf Kristersson stärkten mit ihren Beitritten die Nato. Frankreichs Emmanuel Macron preschte immer wieder mutig vor und war bereit, Putin vor den Kopf zu stoßen. Die Balten und Nordeuropäer lieferten konstant, der dauerängstliche deutsche Kanzler Olaf Scholz wurde durch den forscheren Friedrich Merz ersetzt. Trotzdem gelang nie der ganz große europäische Schulterschluss. Erst später sollte sich eine Koalition der Willigen bilden, aus jenen, die es mit der Unterstützung der Ukraine ernst meinten.

Für das Zaudern zeichnen viele verantwortlich. Federführend war aber Ungarns Dauerspaltpilz Viktor Orbán, der in jeder neuen EU-Sanktionsrunde mit einer neuen Extrawurst zufriedengestellt wurde. Sein Bruder im Geiste, Robert Fico aus der Slowakei, tat es ihm seit 2023 gleich. Sie schraken nie davor zurück, nationale über europäische Interessen zu stellen und bei Putin in Moskau gute Miene zum bösen Spiel zu machen.


Viele ukrainische Soldaten haben das Gefühl, dass ihre Kriegsanstrengungen im Falle eines Diktatfriedens umsonst waren.
AFP/ROMAN PILIPEY

Eigeninteressen vertreten
Freilich glaubte auch Österreichs Ex-Kanzler Karl Nehammer, Vermittler spielen zu können. Schnell aber stempelte der Kreml seinen Besuch in Moskau 2022 als plumpe Gasbettelei ab. Österreich war nie wirklich mutig in diesem Konflikt, wurde aber zumindest im Kreml konsequent als Team Europa gesehen. Da hätte man gleich den mutigeren Kahlschlag im Banken-, Energie- oder Handelssektor wagen können. Doch wenige in Europa wagten ihn.

Luftfahrtgiganten engagierten Lobbyisten, um weitere Sanktionen zu verhindern, weil sie Titan brauchen. Weil Länder, die auf Atomkraft setzen, oft auch russisches Uran beziehen, bleibt der Bereich weiter von Sanktionen verschont. Aus Sorge vor einer Investorenflucht lobbyiert Belgien, wo russisches Vermögen eingefroren ist, hart gegen dessen Verwendung für Ukraineunterstützung. Und in Österreich tauchen immer öfter korruptionsverdächtige Ukrainer auf, die aufgrund der restriktiven Auslieferungspolitik, ihr Luxusleben gemütlich weiterleben wollen. Zu viele vermissen die "gute alte Zeit" billiger Energie und stehen in den Startlöchern, um mit Moskau nach Kriegsende neuerlich Geschäfte zu machen.

Langer Schatten der Heuchelei
Eine gemeinsame Fehleinschätzung des Westens war auch die mangelnde Unterstützung des globalen Südens im Versuch, Russland langfristig zu isolieren. Jahrzehnte der "situationselastischen" Auslegung von Völkerrecht und Moral, aber auch die Nachwehen und Fortsetzung kolonialistischer Politik, ebneten für Moskaus Chefdiplomat Sergej Lawrow den Weg, um aufgestaute Frustrationen zu bespielen. Russland setzte die interessengeleitete Diplomatie knallhart um. Man schickte nordkoreanische statt heimische Soldaten in den Tod und sparte sich so Ärger zu Hause. Dem Iran kaufte man Drohnentechnik ab, an Indien, China und weitere Interessierte lieferte man günstig jene Energie, die Europa nicht mehr wollte. Im Gegenzug wurden Computerchips, Maschinen und Waffen ins Land geschleust.

Indem man sich bei jeder Gelegenheit für eine multipolare – und keine vom Westen dominierte – Welt aussprach, holte man viele Länder des Globalen Südens ab. Sie glaubten Putin, dass der Konflikt ein rein europäisches Problem sei, ein letzter postsowjetischer Konflikt. Das Argument, wonach imperialistische Angriffskriege auch jederzeit ihre Grenzen zu verschieben drohen, verfing nicht ausreichend. Zu oft hatte Europa zuvor Vertrauen verspielt.

Es ist diese Kombination aus dem russischen Siegeswillen und der Fähigkeit sich anzupassen, dem europäischen Hadern und Zögern sowie dem Trump'schen Drängen, einen weiteren Krieg vermeintlich befriedet zu haben, welche die Ukraine mit dem Rücken zur Wand drängt. Dass sie sich aus dieser misslichen Situation befreien kann, wird zusehends unwahrscheinlicher.
(Fabian Sommavilla, 6.12.2025)
Die Ukraine droht den Krieg zu verlieren – wie konnte es so weit kommen?
 
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