Wolodymyr Selenskyj kämpft, mit Problemen in der eigenen Administration, mit schwächelndem Support, aber vor allem immer noch gegen die brutale Invasion der Russen.
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Als der russische Machthaber Wladimir Putin im Februar 2022 die Ukraine überfiel, war er sicher, in wenigen Tagen die Hauptstadt Kyjiw zu kontrollieren und dort ein ihm genehmes Regime einsetzen zu können. Der heroische Widerstand der Ukraine machte diese Pläne zunichte. Schon nach wenigen Monaten habe man im Kreml realisiert, "dass man den Krieg von 2022 verloren hat", sagt Alexey Yusupov, der in Moskau geborene Leiter des Russland-Programms der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin.
Fast vier Jahre später steht die Ukraine dennoch mit dem Rücken zur Wand. Den Blitzkrieg hat Moskau verloren, aber der darauffolgende Abnützungskrieg könnte nun mit einer Verhandlungslösung enden, die einer Niederlage gleichkommt. Wie konnte es so weit kommen? Was ist in Kyjiw, an der Front und bei den europäischen Verbündeten falsch gelaufen?
Einiges, lautet die ernüchternde Antwort von Fachleuten. Aber noch wichtiger sei das, was Russland aus dem Fiasko des ersten Kriegsjahres gelernt und danach richtig gemacht habe, sodass das System Putin sogar noch einige Kriegsjahre mehr überdauern könnte.
Während der russische Präsident ukrainische Kinder entführen und russifizieren ließ, Energieinfrastruktur zerstörte und ab 2024 Großstädte tagtäglich noch intensiver und unterschiedslos mit hunderten Drohnen terrorisierte, vermochte er es daheim, sein System zu stabilisieren. Yusupov sagt, dass die Flucht von rund 800.000 urban-geprägten Russinnen und Russen dies erleichterte. Sie verließen das Land in zwei großen Wellen, direkt nach Kriegsausbruch und nach der unpopulären Teilmobilisierung im September 2022. Sie hätten potenziellen Protest befeuern oder multiplizieren können. Aber sie sind weg.
Blackouts und Kälte im Drohnenhagel. Sie gehören zum Alltag in der Ukraine seit fast vier Jahren dazu.
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Putin hat daraus gelernt, wie auch aus der Revolte des Wagner-Chefs Jewegeni Prigoschin im Juni 2023, die nie eine gegen Putin selbst, sondern gegen den Militäradel und die schlechte Versorgung an der Front war. In der Folge stellte der Kreml sicher, dass Soldaten gut entlohnt werden, Hinterbliebenen Prämien zugesagt werden, die sie meist auch ausbezahlt bekommen. Putin rekrutierte in Gefängnissen, bei Gastarbeitern und später vor allem bei Männern am Rande der Gesellschaft, Alleinstehenden, Spiel- oder Alkoholsüchtigen, die sonst nie mehr derart viel verdienen könnten. Regional stets so gut verteilt, dass keine Region wirklich aufbegehrte. Wenn Zehntausende dieser Männer starben, erschütterte das selten russische Familien. Auch, weil die meisten eben doch noch freiwillig aus wirtschaftlichen Gründen gingen, wie Yusupov erklärt.
Am Schlachtfeld dazugelernt
Die empfindlichen Nadelstiche der Ukraine im Verlauf des Krieges, das Versenken des Kreml-Flaggschiffs Moskwa durch Unterwasserdrohnen, die Gegeninvasion in der russischen Region Kursk, die spektakuläre Drohnenoperation Spinnennetz, waren peinlich für Putin. Er reagierte stets mit noch mehr Brutalität gegen die Ukraine und sendete dadurch auch Signale nach innen: Herausforderern des Systems Putin droht das Schicksal von Prigoschin oder Alexej Nawalny: der Tod.
In Bezug auf Drohnentechnologie konnte Russland den anfänglichen ukrainischen Vorteil rasch ausmerzen und durch Kriegswirtschaft und internationale Allianzen mit China und dem Iran bald die Überhand gewinnen. Billige Shahed-Drohnen und Gleitbomben töteten etliche ukrainische Zivilisten. Militärs erzählen, dass Russland seine modernste Technologie dieses Mal auch tatsächlich einsetzt. In früheren Kriegen sparte man sich das gute Zeug noch auf. Doch dieser Krieg ist zu bedeutend.
Wladimir Putin, als Kriegsverbrecher international gesucht, besucht eine Drohnenfabrik in St. Petersburg.
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Die Ukraine tötete zu Kriegsbeginn viele russische Generäle. Sie wurden oft durch jüngere und fähigere ersetzt. Zu beobachten ist auch eine Entwicklung, weg von der bis zu 30.000 Mann starken Division, hin zu kleineren, schlagkräftigeren Bataillonen. Wenn Russlands Armee einmal lernt, kann sie schnell effektiv werden.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass das Vorrücken in der Ukraine hohe Kosten für Russland hat. Seine internationalen Ambitionen musste Moskau hintanstellen. In Zentralasien verlor man an Einfluss, in Afrika auch. Sowohl das Regime in Syrien als auch in Armenien musste in Kriegen feststellen, dass der vermeintliche Alliierte Russland nicht helfen wollte oder konnte oder beides. All das nimmt Russland hin, sagt auch Yusupov. Auch die, laut westlicher Schätzung, knappe Million an getöteten oder verletzten Soldaten. Weil es diesen Krieg gewinnen und das System Putin überleben muss.
Faktor Trump
Hat die Ukraine nur richtige Entscheidungen am Schlachtfeld getroffen? Natürlich nicht. Der Militäranalyst Franz-Stefan Gady schreibt in
War on the Rocks, dass Städte wie Bachmut oder Prokrowsk aus politischem Kalkül und nicht aus strategischem zu lange gehalten wurde: "Dieses Muster hat sich an der gesamten Frontlinie der Ukraine wiederholt, in einem Fall nach dem anderen, in denen die ursprünglichen militärischen Gründe für die Besetzung städtischer Gebiete allmählich verschwanden, während die politischen Gründe für die Fortsetzung der Kämpfe bestehen blieben."
Haben die vielen Korruptionsfälle die Moral der Verteidiger belastet? Selbstverständlich. Haben Rekrutierungsmaßnahmen auf Straßen viele zur Flucht getrieben? Ja, auch das ist verständlich.
An der Front tobt ein unerbitterlicher Drohnenkrieg.
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Dennoch hat sich Selenskyj – der alles andere als unumstritten ist, aber als unverzichtbarer Kriegspräsident gilt – in schier unmenschlicher Art und Weise aufgerieben. Er nahm jede strapaziöse Auslandsreise auf sich, redete sich vor Parlamenten und in Präsidentenbüros um Kopf und Kragen, auf dass die Unterstützung nicht nachlasse. Nachdem er im Weißen Haus im Februar 2025, nach dem dritten kräftezehrenden Kriegswinter, öffentlich von Trump zusammengeputzt wurde, erfuhr er eine neue Welle der Solidarität. Die Ukraine versammelte sich hinter ihm gegen den neuen, unerwarteten Feind aus dem vermeintlich eigenen Lager. Am Ende sitzt Trump durch den mächtigen Militär- und Geheimdienstapparat aber einfach am entscheidenden Hebel, weil die Europäer keinen adäquaten Ersatz aufzustellen bereit waren.
Nach Jahren des aufopferungsvollen und kollektiven Verteidigungskampfes droht nun eine russlandfreundliche und investitionsaffine US-Entourage, angeführt durch Präsident Donald Trump, die Ukraine in einen schwer hinnehmbaren Frieden zu zwingen. Einen Frieden, der sich wie abermals als kurz, trügerisch und verräterisch entpuppen konnte.
Zerstörung in der Region Donzek. Die Russen nennen es "Befreiung".
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Hat David eine Chance?
Dabei sah es für den vermeintlichen David im Kampf gegen den Goliath, nach der Abwehr der ersten Großoffensive auf Kyjiw und den erfolgreichen Rückeroberungen im Norden und Nordosten, gar nicht so schlecht aus. Das Selfievideo von Präsident Wolodymyr Selenskyj und seinen engsten Mitstreitern vom Platz vor dem Präsidentenpalast, wenige Stunden nach Invasionsbeginn, wurde postwendend ikonisch. Der Satz, den Selenskyj zu den US-Partnern gesagt haben soll, dass er keine Mitfahrgelegenheit, sondern Munition brauche, bestärkte umgehend eine ganze Nation in ihrer Überzeugung, kein Vasall des Kreml zu sein und zu werden.
Die Fehlannahmen des 5. Dienstes des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, der Putin weismachte, man würde die Russen als Befreier feiern, führten schon wenige Wochen nach der Vollinvasion zur vorübergehenden Verhaftung der Verantwortlichen.
Grabenkrieg nähe Bachmut im Februar 2023.
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Erst geeint, dann hadernd
Auch die anfängliche Solidarität der Europäer und der Zusammenhalt des Westens wurden vom Kreml falsch eingeschätzt. Nach wilden Jahren am Kontinent, mit Brexit, Rechtsruck und Polarisierung, hatte man mit weniger Einigkeit gerechnet.
Zu schnell verhedderte man sich in Europa jedoch bei Fragen der militärischen Unterstützung der Ukraine in Detaildebatten. Zu beobachten war eine langsame Kaskade, die stets nach demselben Muster ablief: Die Ukraine meldete ihren Bedarf an bestimmten Waffensystemen, Putin zog imaginäre rote Linien, sein Handlanger Dmitri Medwedew drohte mit nuklearen Antworten, Apologeten der Kreml-Politik beschworen das Eskalationspotenzial und zögerten die Debatte hinaus, schwächten die Waffenlieferpakete ab oder vermochten es gar sie abzuwürgen. So war es bei Panzern, Kampfjets und Marschflugkörpern mit großer Reichweite.
Dennoch: Im politischen Personal Europas gab es erstaunlich viel Konstanz in Sachen Ukraine-Unterstützung. Jeder neue britische Premier war energisch dabei, Italiens rechte Regierungschefin Giorgia Meloni überraschte viele mit ihrem steten Support, Finnlands Sanna Marin und Schwedens Ulf Kristersson stärkten mit ihren Beitritten die Nato. Frankreichs Emmanuel Macron preschte immer wieder mutig vor und war bereit, Putin vor den Kopf zu stoßen. Die Balten und Nordeuropäer lieferten konstant, der dauerängstliche deutsche Kanzler Olaf Scholz wurde durch den forscheren Friedrich Merz ersetzt. Trotzdem gelang nie der ganz große europäische Schulterschluss. Erst später sollte sich eine Koalition der Willigen bilden, aus jenen, die es mit der Unterstützung der Ukraine ernst meinten.
Für das Zaudern zeichnen viele verantwortlich. Federführend war aber Ungarns Dauerspaltpilz Viktor Orbán, der in jeder neuen EU-Sanktionsrunde mit einer neuen Extrawurst zufriedengestellt wurde. Sein Bruder im Geiste, Robert Fico aus der Slowakei, tat es ihm seit 2023 gleich. Sie schraken nie davor zurück, nationale über europäische Interessen zu stellen und bei Putin in Moskau gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
Viele ukrainische Soldaten haben das Gefühl, dass ihre Kriegsanstrengungen im Falle eines Diktatfriedens umsonst waren.
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Eigeninteressen vertreten
Freilich glaubte auch Österreichs Ex-Kanzler Karl Nehammer, Vermittler spielen zu können. Schnell aber stempelte der Kreml seinen Besuch in Moskau 2022 als plumpe Gasbettelei ab. Österreich war nie wirklich mutig in diesem Konflikt, wurde aber zumindest im Kreml konsequent als Team Europa gesehen. Da hätte man gleich den mutigeren Kahlschlag im Banken-, Energie- oder Handelssektor wagen können. Doch wenige in Europa wagten ihn.
Luftfahrtgiganten engagierten Lobbyisten, um weitere Sanktionen zu verhindern, weil sie Titan brauchen. Weil Länder, die auf Atomkraft setzen, oft auch russisches Uran beziehen,
bleibt der Bereich weiter von Sanktionen verschont. Aus Sorge vor einer Investorenflucht
lobbyiert Belgien, wo russisches Vermögen eingefroren ist, hart gegen dessen Verwendung für Ukraineunterstützung. Und in Österreich tauchen immer öfter korruptionsverdächtige Ukrainer auf,
die aufgrund der restriktiven Auslieferungspolitik, ihr Luxusleben gemütlich weiterleben wollen. Zu viele vermissen die "gute alte Zeit" billiger Energie und stehen in den Startlöchern, um mit Moskau nach Kriegsende neuerlich Geschäfte zu machen.
Langer Schatten der Heuchelei
Eine gemeinsame Fehleinschätzung des Westens war auch die mangelnde Unterstützung des globalen Südens im Versuch, Russland langfristig zu isolieren. Jahrzehnte der "situationselastischen" Auslegung von Völkerrecht und Moral, aber auch die Nachwehen und Fortsetzung kolonialistischer Politik, ebneten für Moskaus Chefdiplomat Sergej Lawrow den Weg, um aufgestaute Frustrationen zu bespielen. Russland setzte die interessengeleitete Diplomatie knallhart um. Man schickte nordkoreanische statt heimische Soldaten in den Tod und sparte sich so Ärger zu Hause. Dem Iran kaufte man Drohnentechnik ab, an Indien, China und weitere Interessierte lieferte man günstig jene Energie, die Europa nicht mehr wollte. Im Gegenzug wurden Computerchips, Maschinen und Waffen ins Land geschleust.
Indem man sich bei jeder Gelegenheit für eine multipolare – und keine vom Westen dominierte – Welt aussprach, holte man viele Länder des Globalen Südens ab. Sie glaubten Putin, dass der Konflikt ein rein europäisches Problem sei, ein letzter postsowjetischer Konflikt. Das Argument, wonach imperialistische Angriffskriege auch jederzeit ihre Grenzen zu verschieben drohen, verfing nicht ausreichend. Zu oft hatte Europa zuvor Vertrauen verspielt.
Es ist diese Kombination aus dem russischen Siegeswillen und der Fähigkeit sich anzupassen, dem europäischen Hadern und Zögern sowie dem Trump'schen Drängen, einen weiteren Krieg vermeintlich befriedet zu haben, welche die Ukraine mit dem Rücken zur Wand drängt. Dass sie sich aus dieser misslichen Situation befreien kann, wird zusehends unwahrscheinlicher.
(Fabian Sommavilla, 6.12.2025)