Indiana-Jones-Moment
Ungeplünderte Mayastadt im mexikanischen Dschungel entdeckt
Im Norden des Calakmul-Reservats haben Forschende im Rahmen einer mühevollen Expedition eine 15 Hektar große Siedlung mit überwucherten Palästen und Tempeln dokumentiert
Neben zahlreichen anderen Gebäuden ragte im Dschungel auch eine Tempelpyramide aus dem Unterholz.
INAH
Ein Archäologenteam hat im mexikanischen Dschungel eine vom Dickicht überwucherte jahrhundertealte Maya-Stätte gefunden. Die Forschenden tauften die Gebäudeüberreste Minanbé, ein Verweis auf die Mühsal und die Strapazen, die die Wissenschafter erdulden mussten, um diesen Ort zu erreichen: In der Sprache der Maya auf der Halbinsel Yucatán bedeutet Minanbé "Es gibt keinen Pfad".
Die Siedlungsreste liegen im Norden des Biosphärenreservats Calakmul im mexikanischen Bundesstaat Campeche, westlich des größeren Zentrums Chactún. Eine Gruppe aus mexikanischen und slowenischen Archäologinnen und Archäologen unter der Leitung von Ivan Šprajc hat sie nun genauer vermessen, wie das Nationale Institut für Anthropologie und Geschichte (INAH) berichtet.
Entdeckt wurde die Stadt zunächst von oben: LiDAR-Daten, also luftgestützte Laserabtastungen, durchdringen das Blätterdach und zeigen Strukturen, die auf Bodenniveau im Wald kaum zu erkennen sind. Auf den Aufnahmen zeichnete sich schließlich eine Siedlung von 15 Hektar ab.
LiDAR-Daten von Überflügen gewährten einen ersten Blick auf die Ruinen unter dem Blätterdach.
INAH
Schwerer Weg
Um in die entlegene Urwaldregion zu gelangen, schlugen Šprajc und seine Kolleginnen und Kollegen gemeinsam mit Helfern aus der Gemeinde Constitución eine schmale, fünf Kilometer lange Schneise mit Macheten frei, um mit Geländefahrzeugen voranzukommen. Weitere rund fünf Kilometer mussten sie sich danach noch zu Fuß durch den tropischen Regenwald kämpfen.
Für Šprajc vom Forschungszentrum der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste hatten die Anstrengungen auch etwas Positives. Alte Holzfällerwege hätten das Vorankommen und die Orientierung vielleicht erleichtert. Ihr Fehlen deutete jedoch darauf hin, dass moderne Aktivitäten die Stätte nie erreicht hatten.
Von Grabräubern unangetastet
Die bangen Hoffnungen erfüllten sich tatsächlich: Als man die Stätte schließlich im Regenwald erreichte, fand man keine Spuren von Raubgrabungen. "Im Vergleich zu anderen Orten, an denen wir Oberflächenvermessungen durchgeführt haben, war der Zugang hier weitaus schwieriger. In den letzten drei Jahren war dies aber die erste Stätte, die wir intakt vorgefunden haben, ohne Anzeichen für Raubgrabungen", sagte Šprajc. "Das war eine große Überraschung."
Die Schwierigkeiten gaben auch den Namen vor. "Deshalb haben wir Minanbé gewählt, aus dem yukatekischen Maya: mina'an, 'es gibt kein', und be, 'Weg'. Damit folgen wir der Tradition der Maya-Archäologie, Stätten nach einem Merkmal des Ortes oder den Umständen der Entdeckung zu benennen", erklärte Šprajc.
Die Forschenden identifizierten in Minanbé einen städtischen Kern mit Plätzen, palastartigen und religiösen Gebäuden, Terrassen sowie Feuchtgebieten mit hydraulischen Kanälen. Das spricht für Planung und für die Kontrolle des Umlands.
Anhand von Inschriften konnten die Forschenden die Stätte aufs 7. bis 9. Jahrhundert datieren.
INAH
Tempel und Stele
Als buchstäblich herausragend erwies sich ein über 13 Meter hoher Pyramidentempel. Er zeigt Merkmale des Río-Bec-Stils, der sich durch feines Mauerwerk, glatte Fassadenpaneele und eine steile Treppe auszeichnet. "Es ist das erste Mal, dass ich einen einigermaßen gut erhaltenen Tempel und eine Stele dokumentiert habe, die noch Glyphen trägt", sagte Vitan Vujanović. Der Archäologe war einer der Ersten, die den Tempel genauer in Augenschein nahmen.
Die genannte Stele 1 trägt eingraviert in den Stein die Darstellung einer Enthauptungsszene: Zu sehen ist eine Figur, die ein Messer oder eine Axt gegen einen anderen Menschen führt. Insgesamt katalogisierte das Team 14 Monumente, Altäre und Stelen.
Insgesamt wurden vierzehn Monumente katalogisiert, von denen einige ikonografische Elemente und hieroglyphische Texte trugen.
INAH
Mögliche Datierung
Im Norden der Siedlung fädelten sich einige der Bauwerke in einer Reihe aneinander. Die Funde am südlichen Ende des Dammwegs, der den zentralen mit dem nordöstlichen Sektor verbindet, wurden für eine fotografische Erfassung freigelegt. Aus rund 500 Aufnahmen entstanden dabei dreidimensionale Modelle.
Die Auswertung lieferte bereits die Grundlage für eine Datierung der Stadt. Im oberen Teil der Stele 1 fand sich ein Kalenderzeichen, 5 ajaw, das dem Jahr 849 entspricht. "Das ist ein wichtiger Hinweis. Wir können annehmen, dass der gesamte Monumentkomplex oder Teile davon um diese Zeit errichtet wurden, in der Endklassik, kurz vor der Aufgabe der Stätten dieser Region im 10. Jahrhundert", sagte Octavio Esparza Olguín, der Epigraphiker des Projekts. Damit steht Minanbé am Rand jenes Umbruchs, der vielen Städten des Tieflands einen Niedergang bescherte.
Zerbrochener Altar
Neben der Stele dokumentierte das Team runde und rechteckige Altäre. Ihre Anordnung legt nahe, dass mehrere der Altäre absichtlich verändert wurden. Monument 6 ist zerbrochen, bewahrt aber an den Seiten Glyphenkartuschen und auf der Vorderseite einen Herrscher mit Federschmuck, dreilappigem Brustschmuck, Armbändern und Halsketten.
Einer der Texte dieses Monuments enthält Teile eines Datums, das vermutlich ins späte 7. Jahrhundert weist. Sollte sich das bestätigen, wäre es die älteste Inschrift im untersuchten Gebiet. Monumente aus verschiedenen Epochen nebeneinander deuten auf eine lange Besiedlung und auf Verschiebungen in der soziopolitischen Dynamik.
Was letztlich zum Ende von Minanbé geführt hat, bleibt vorerst rätselhaft. Möglicherweise drangen kurz vor oder nach der Aufgabe der Siedlung Gruppen aus dem Norden Yucatáns vor, spekulieren die Forschenden. Das zerbrochene Monument 6 könnte ein Indiz dafür sein.
(tberg, 24.6.2026)
Ungeplünderte Mayastadt im mexikanischen Dschungel entdeckt
Ungeplünderte Mayastadt im mexikanischen Dschungel entdeckt
Im Norden des Calakmul-Reservats haben Forschende im Rahmen einer mühevollen Expedition eine 15 Hektar große Siedlung mit überwucherten Palästen und Tempeln dokumentiert
Neben zahlreichen anderen Gebäuden ragte im Dschungel auch eine Tempelpyramide aus dem Unterholz.
INAH
Ein Archäologenteam hat im mexikanischen Dschungel eine vom Dickicht überwucherte jahrhundertealte Maya-Stätte gefunden. Die Forschenden tauften die Gebäudeüberreste Minanbé, ein Verweis auf die Mühsal und die Strapazen, die die Wissenschafter erdulden mussten, um diesen Ort zu erreichen: In der Sprache der Maya auf der Halbinsel Yucatán bedeutet Minanbé "Es gibt keinen Pfad".
Die Siedlungsreste liegen im Norden des Biosphärenreservats Calakmul im mexikanischen Bundesstaat Campeche, westlich des größeren Zentrums Chactún. Eine Gruppe aus mexikanischen und slowenischen Archäologinnen und Archäologen unter der Leitung von Ivan Šprajc hat sie nun genauer vermessen, wie das Nationale Institut für Anthropologie und Geschichte (INAH) berichtet.
Entdeckt wurde die Stadt zunächst von oben: LiDAR-Daten, also luftgestützte Laserabtastungen, durchdringen das Blätterdach und zeigen Strukturen, die auf Bodenniveau im Wald kaum zu erkennen sind. Auf den Aufnahmen zeichnete sich schließlich eine Siedlung von 15 Hektar ab.
LiDAR-Daten von Überflügen gewährten einen ersten Blick auf die Ruinen unter dem Blätterdach.
INAH
Schwerer Weg
Um in die entlegene Urwaldregion zu gelangen, schlugen Šprajc und seine Kolleginnen und Kollegen gemeinsam mit Helfern aus der Gemeinde Constitución eine schmale, fünf Kilometer lange Schneise mit Macheten frei, um mit Geländefahrzeugen voranzukommen. Weitere rund fünf Kilometer mussten sie sich danach noch zu Fuß durch den tropischen Regenwald kämpfen.
Für Šprajc vom Forschungszentrum der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste hatten die Anstrengungen auch etwas Positives. Alte Holzfällerwege hätten das Vorankommen und die Orientierung vielleicht erleichtert. Ihr Fehlen deutete jedoch darauf hin, dass moderne Aktivitäten die Stätte nie erreicht hatten.
Von Grabräubern unangetastet
Die bangen Hoffnungen erfüllten sich tatsächlich: Als man die Stätte schließlich im Regenwald erreichte, fand man keine Spuren von Raubgrabungen. "Im Vergleich zu anderen Orten, an denen wir Oberflächenvermessungen durchgeführt haben, war der Zugang hier weitaus schwieriger. In den letzten drei Jahren war dies aber die erste Stätte, die wir intakt vorgefunden haben, ohne Anzeichen für Raubgrabungen", sagte Šprajc. "Das war eine große Überraschung."
Die Schwierigkeiten gaben auch den Namen vor. "Deshalb haben wir Minanbé gewählt, aus dem yukatekischen Maya: mina'an, 'es gibt kein', und be, 'Weg'. Damit folgen wir der Tradition der Maya-Archäologie, Stätten nach einem Merkmal des Ortes oder den Umständen der Entdeckung zu benennen", erklärte Šprajc.
Die Forschenden identifizierten in Minanbé einen städtischen Kern mit Plätzen, palastartigen und religiösen Gebäuden, Terrassen sowie Feuchtgebieten mit hydraulischen Kanälen. Das spricht für Planung und für die Kontrolle des Umlands.
Anhand von Inschriften konnten die Forschenden die Stätte aufs 7. bis 9. Jahrhundert datieren.
INAH
Tempel und Stele
Als buchstäblich herausragend erwies sich ein über 13 Meter hoher Pyramidentempel. Er zeigt Merkmale des Río-Bec-Stils, der sich durch feines Mauerwerk, glatte Fassadenpaneele und eine steile Treppe auszeichnet. "Es ist das erste Mal, dass ich einen einigermaßen gut erhaltenen Tempel und eine Stele dokumentiert habe, die noch Glyphen trägt", sagte Vitan Vujanović. Der Archäologe war einer der Ersten, die den Tempel genauer in Augenschein nahmen.
Die genannte Stele 1 trägt eingraviert in den Stein die Darstellung einer Enthauptungsszene: Zu sehen ist eine Figur, die ein Messer oder eine Axt gegen einen anderen Menschen führt. Insgesamt katalogisierte das Team 14 Monumente, Altäre und Stelen.
Insgesamt wurden vierzehn Monumente katalogisiert, von denen einige ikonografische Elemente und hieroglyphische Texte trugen.
INAH
Mögliche Datierung
Im Norden der Siedlung fädelten sich einige der Bauwerke in einer Reihe aneinander. Die Funde am südlichen Ende des Dammwegs, der den zentralen mit dem nordöstlichen Sektor verbindet, wurden für eine fotografische Erfassung freigelegt. Aus rund 500 Aufnahmen entstanden dabei dreidimensionale Modelle.
Die Auswertung lieferte bereits die Grundlage für eine Datierung der Stadt. Im oberen Teil der Stele 1 fand sich ein Kalenderzeichen, 5 ajaw, das dem Jahr 849 entspricht. "Das ist ein wichtiger Hinweis. Wir können annehmen, dass der gesamte Monumentkomplex oder Teile davon um diese Zeit errichtet wurden, in der Endklassik, kurz vor der Aufgabe der Stätten dieser Region im 10. Jahrhundert", sagte Octavio Esparza Olguín, der Epigraphiker des Projekts. Damit steht Minanbé am Rand jenes Umbruchs, der vielen Städten des Tieflands einen Niedergang bescherte.
Zerbrochener Altar
Neben der Stele dokumentierte das Team runde und rechteckige Altäre. Ihre Anordnung legt nahe, dass mehrere der Altäre absichtlich verändert wurden. Monument 6 ist zerbrochen, bewahrt aber an den Seiten Glyphenkartuschen und auf der Vorderseite einen Herrscher mit Federschmuck, dreilappigem Brustschmuck, Armbändern und Halsketten.
Einer der Texte dieses Monuments enthält Teile eines Datums, das vermutlich ins späte 7. Jahrhundert weist. Sollte sich das bestätigen, wäre es die älteste Inschrift im untersuchten Gebiet. Monumente aus verschiedenen Epochen nebeneinander deuten auf eine lange Besiedlung und auf Verschiebungen in der soziopolitischen Dynamik.
Was letztlich zum Ende von Minanbé geführt hat, bleibt vorerst rätselhaft. Möglicherweise drangen kurz vor oder nach der Aufgabe der Siedlung Gruppen aus dem Norden Yucatáns vor, spekulieren die Forschenden. Das zerbrochene Monument 6 könnte ein Indiz dafür sein.
(tberg, 24.6.2026)