Rings um den Mars...

josef

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#41
Ambitionierter Plan
Die Nasa will Ende 2028 mit Atomantrieb zum Mars
Bereits in gut zweieinhalb Jahren soll mit der SR-1 Freedom ein Raumschiff mit Nuklearkraft zum Mars starten. Das umstrittene Experiment könnte die Raumfahrt revolutionieren

Die Marsmission Space Reactor-1 Freedom soll Ende 2028 mit nuklearen Elektroantrieb in Richtung Mars starten. Der knappe Zeitplan stellt die Mission vor gewaltige Herausforderungen
Nasa

Hat die Crew von Artemis 2 gerade erst den erdfernsten Punkt erreicht, an dem sich Menschen je befanden, wird bei der Nasa längst schon an die nächsten großen Missionen gedacht. Am 24. März, eine Woche vor dem Start der aktuellen Mondmission, ließ Nasa-Chef Jared Isaacman mit zwei ambitionierten Projekten für 2028 aufhorchen: Zum einen sollen in zwei Jahren Menschen auf dem Mond eine Raumstation betreiben. Zum anderen soll bereits im Dezember 2028 ein Raumschiff mit nuklearem Elektroantrieb zum Mars starten.

In Erwartung der Artemis-2-Mission lag der Fokus der Berichterstattung auf den künftigen Mondprojekten, die letztlich zu einer permanent besetzten Mondstation führen sollen. Doch der sehr viel größere technologische Meilenstein wurde von Isaacman erst gegen Ende seiner kurzen Präsentation (ab Minute 10:25) in einigen wenigen Sätzen angekündigt, nämlich die Mission SR-1 Freedom.

Was zunächst wie eine weitere Marsmission klang, ist in Wahrheit ein sehr viel ambitionierteres Experiment. Denn die Abkürzung steht für nichts anderes als Space Reactor. Damit werden Pläne wieder aufgenommen, die zuletzt 2023 unter dem Namen Demonstration Rocket for Agile Cislunar Operations (Draco) präsentiert wurden und deren Umsetzung man vor knapp drei Jahren noch für 2027 angekündigt hatte.

Rakete mit Kernreaktor
Im Zentrum des nur vage skizzierten Projekts steht der sogenannte nukleare Elektroantrieb (Nuclear Electric Propulsion, NEP). Anders als klassische chemische Raketen, die große Mengen Treibstoff verbrennen, nutzt dieses System einen Kernreaktor. Die bei der Kernspaltung entstehende Wärme wird in elektrische Energie umgewandelt, die wiederum ein Ionentriebwerk antreibt. Dieses beschleunigt ein Gas zu einem Plasma und stößt es kontinuierlich aus. Der Schub ist zwar gering, wirkt aber dauerhaft – und ermöglicht so über lange Zeiträume eine stetige Beschleunigung.

Der Vorteil liegt auf der Hand: deutlich geringerer Treibstoffverbrauch bei gleichzeitig höherer Endgeschwindigkeit. Während heutige Marsmissionen rund neun Monate benötigen, könnten zukünftige Flüge mit leistungsstärkeren Reaktoren in nur zwei bis drei Monaten erfolgen. Das würde nicht nur Kosten senken, sondern auch die Strahlenbelastung für Astronautinnen und Astronauten erheblich reduzieren, das wohl größte gesundheitliche Problem bei Missionen zum Mars und darüber hinaus. Für Missionen in die äußeren Regionen des Sonnensystems wäre diese Technologie ein echter Durchbruch.


SR-1 Freedom wird elektrische Triebwerke einsetzen, die ursprünglich für die Mondraumstation Gateway der Nasa entwickelt und gebaut wurden und ein Plasma aus ionisiertem Xenon ausstoßen.
JPL/Nasa

Doch genau hier beginnt das Problem. Obwohl die Idee nuklearer Raumfahrtantriebe seit Jahrzehnten existiert, wurde sie bislang nie praktisch umgesetzt. Der erste und zugleich letzte US-Kernreaktor im All wurde Anfang April 1965 gestartet, also vor ziemlich genau 61 Jahren: Snapshot oder SNAP-10A. Das Akronym Snap steht dabei für Systems for Nuclear Auxiliary Power. Es handelte sich um den Test eines nuklearen Stromgenerators im Orbit. Der Reaktor lief immerhin für 43 Tage, ehe er wegen eines elektrischen Defekts seinen Geist aufgab.

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Revolutionäre Technik anno 1965: SNAP 10A, das weltweit erste Kernkraftwerk im Weltraum.
Wikimedia / gemeinfrei

Seitdem scheiterten vergleichbare Projekte immer wieder an Kosten, politischem Widerstand oder technischen Hürden. Nun soll innerhalb von weniger als drei Jahren gelingen, woran frühere Programme über Jahrzehnte arbeiteten. Damit sich der enge Zeitplan ausgeht, den viele Fachleute eher kritisch sehen, setzt die Nasa auf eine ungewöhnliche Strategie: Statt ein vollständig neues System zu entwickeln, sollen vorhandene Komponenten kombiniert werden. Der Reaktor stammt vermutlich aus bestehenden Entwicklungen des US-Energieministeriums, während das elektrische Antriebssystem ursprünglich für eine inzwischen eingestellte Mondstation konzipiert wurde.

Risiken des Projekts
Diese "Baukastenlösung" spart Zeit – erhöht aber auch das Risiko. Denn die Integration zweier hochkomplexer Systeme ist technisch anspruchsvoll. Hitzeentwicklung, Vibrationen oder Materialausdehnung könnten unerwartete Probleme verursachen. Unter normalen Umständen würde eine solche Mission drei bis fünf Jahre Entwicklungszeit benötigen. Nun droht, dass ausgerechnet bei den Tests gespart wird – ein riskantes Vorgehen in einem so sensiblen Bereich, wie etwa auch das Wissenschaftsmagazin Science analysiert.

Gleichzeitig gelten strenge Vorschriften für den Umgang mit nuklearem Material. Genehmigungen, Transporte und Sicherheitsprüfungen könnten den Zeitplan zusätzlich gefährden. Auch gesellschaftspolitisch ist das Projekt gleich aus mehreren Gründen heikel. Der Gedanke, einen Kernreaktor ins All zu schicken, sorgt bei vielen Menschen für Unbehagen. Zwar wird der Reaktor erst weit entfernt von der Erde aktiviert, doch das Risiko eines Fehlstarts bleibt ein viel diskutiertes Thema. Zugleich hat das Projekt auch eine geopolitische Dimension: China und Russland arbeiten ebenfalls an nuklearen Raumfahrttechnologien. Ein erfolgreicher Start 2028 wäre dem entsprechend ein umso bedeutenderer strategischer Erfolg für die USA.

Vorsichtiger Optimismus
Innerhalb der Wissenschaft gibt es längst intensive Diskussionen um Isaacmans Pläne. Kritiker monieren nicht nur den allzu ambitionierten Zeitplan. Sie befürchten auch, dass die teure Mission andere Forschungsprojekte verdrängen könnte – insbesondere angesichts geplanter Kürzungen im Nasa-Budget. Denn bislang ist noch unklar, wie SR-1 Freedom finanziert werden soll. Sollte das Projekt Mittel binden, könnte dies die ohnehin angespannte Lage der Exoplanetenforschung weiter verschärfen.

Dennoch überwiegt trotz aller Unsicherheiten bei vielen Fachleuten vorsichtiger Optimismus. Der Test eines nuklearen Elektroantriebs im All gilt als längst überfällig. Sollte die Mission gelingen, könnte sie den Weg für eine neue Ära der Raumfahrt ebnen – mit schnelleren Reisen, effizienteren Missionen und neuen Möglichkeiten für die Erforschung des Sonnensystems. Damit ist SR-1 Freedom weit mehr als nur eine Marsmission, sondern ein Projekt, das die Zukunft der Raumfahrt grundlegend verändern könnte.
(Klaus Taschwer, 8.4.2026)
Die Nasa will Ende 2028 mit Atomantrieb zum Mars
 
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