Frachtschiff „Ruby“ mit 20.000 Tonnen hochexplosives Ammoniumnitrat an Bord irrt seit Tagen durch verschiedene Meere
Explosive Chemikalie an Bord
Irrlichternder Frachter findet keinen Hafen
Das Frachtschiff „Ruby“ irrt seit Tagen durch verschiedene Meere auf der Suche nach einem Hafen, in dem es anlegen darf. Vier Staaten verweigerten ihm bisher die Einfahrt, denn die „Ruby“ hat rund 20.000 Tonnen hochexplosives Ammoniumnitrat an Bord. Zudem ist das Schiff in unbekanntem Ausmaß beschädigt. Fachleute bringen den Frachter in Zusammenhang mit der russischen „Schattenflotte“, mit welcher der Kreml Sanktionen umgeht.
Online seit gestern, 20.31 Uhr
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Explosive Chemikalie an Bord: Irrlichternder Frachter findet keinen Hafen
Explosive Chemikalie an Bord
Irrlichternder Frachter findet keinen Hafen
Das Frachtschiff „Ruby“ irrt seit Tagen durch verschiedene Meere auf der Suche nach einem Hafen, in dem es anlegen darf. Vier Staaten verweigerten ihm bisher die Einfahrt, denn die „Ruby“ hat rund 20.000 Tonnen hochexplosives Ammoniumnitrat an Bord. Zudem ist das Schiff in unbekanntem Ausmaß beschädigt. Fachleute bringen den Frachter in Zusammenhang mit der russischen „Schattenflotte“, mit welcher der Kreml Sanktionen umgeht.
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Am Dienstag winkte Malta ab: Die „Ruby“ darf nicht anlegen. Das Schiff dürfe nur dann in einen maltesischen Hafen einlaufen, wenn es zuvor seine explosive Fracht entladen habe, teilte die Verkehrsbehörde in Valletta mit. Die Behörde wies die Crew an, das Ammoniumnitrat auf keinen Fall innerhalb maltesischer Hoheitsgewässer umzuladen. Somit geht die Odyssee des Frachters auch nach Tagen mit unbekanntem Ziel weiter.
Die „Ruby“ war ursprünglich von der nordrussischen Halbinsel Kola in See gestochen. Unter unklaren Umständen zog sie sich kurz nach dem Verlassen des russischen Hafens Schäden am Rumpf zu, fuhr jedoch weiter. Nach Wochen im norwegischen Tromsö wurde das 183 Meter lange Schiff wegen der riskanten Ladung des Hafens verwiesen.
Als Zielort für eine Reparatur galt zunächst der Hafen Klaipeda in Litauen – aber die Behörden des baltischen EU-Staates verweigerten die Einfahrt ebenso wie der schwedische Hafen Göteborg, die dänischen Behörden wollten sogar eine Durchfahrt durch ihre Gewässer nur unter Auflagen genehmigen. Am Montag nahm das Schiff schließlich Kurs auf Malta, wo es am 8. Oktober eintreffen sollte, wie aus Onlineangaben der Trackingdienste Vesselfinder und Marinetraffic hervorgeht. Dort holte es sich die nächste Absage.
Ammoniumnitrat zerstörte Hafen von Beirut
Der Weg des Frachters war wegen seiner Ladung von mehreren Anrainerstaaten der Nord- und Ostsee in den vergangenen Tagen genau verfolgt worden. Ammoniumnitrat ist ein Düngemittel, kann aber auch für die Sprengstoffproduktion verwendet werden. Die Chemikalie gilt als Auslöser der Katastrophe im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut im August 2020, wo über Jahre große Mengen unsachgemäß im Hafen gelagert worden waren. Mehr als 200 Menschen kamen damals bei einer Explosion ums Leben, ein großer Teil der Stadt wurde verwüstet.
APA/AFP/Joseph Eid
Was vom Hafen übrig blieb: In Beirut explodierten im August 2020 Tonnen von Ammoniumnitrat
Nach Einschätzung von Fachleuten geht von der „Ruby“ derzeit keine unmittelbare Gefahr aus. „Das ist das Gute an Ammoniumnitrat. Es ist eigentlich ziemlich schwer zu entzünden“, sagte der Sprengstoffexperte Peter Hald von der dänischen Universität Aarhus dem dänischen Sender DR. „Es ist nicht so, dass es explodiert, wenn das Schiff irgendwo anstößt oder jemand etwas in die Ladung fallen lässt.“
Die „Schattenflotte“ des Kreml
Die „Ruby“ könnte aber, so Experten, noch eine andere Art von Risiko bergen. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine wird vor der „Schattenflotte“ des Kreml gewarnt. Dabei handelt es sich um einen Verbund aus veralteten und schlecht gewarteten Schiffen unter der Flagge von Drittstaaten, mit deren Hilfe Kreml-Chef Wladimir Putin westliche Sanktionen umgeht. Diese Schiffe transportieren russische Güter durch Ost- und Nordsee.
Nach Schätzungen des Industrieversicherers Allianz Commercial sind rund 1.400 dieser Schiffe und Tanker auf den Weltmeeren unterwegs, um russisches Öl, Industriegüter wie Ammoniumnitrat und inzwischen auch Flüssiggas (LNG) zu exportieren. Das berichtete das deutsche „Manager Magazin“.
„Ruby“ verhält sich „verdächtig“
Die Flotte halte „nicht nur Putins Kriegswirtschaft am Laufen, sondern – wie sich immer wieder zeigt – sie stellt auch ein immenses Risiko für die Umwelt und die internationale Seefahrt dar“, hieß es in dem Magazin. Der stetige Ausbau der „Schattenflotte“ habe sich für viele Kleinstaaten, etwa in Afrika, sowie für Privatunternehmen zu einem lukrativen Geschäft entwickelt.
Jacob Kaarsbo vom dänischen Thinktank Europa sagte DR, die „Ruby“ verhalte sich „verdächtig“. Er schließe nicht aus, dass das Schiff Teil eines hybriden Krieges ist, mit dem Russland die Reaktion der nordeuropäischen Staaten testen wolle.
25.09.2024, red, ORF.at/Agenturen
Links:
DR-Artikel
„Manager Magazin“-Artikel
Vesselfinder
Marinetraffic
Die „Ruby“ war ursprünglich von der nordrussischen Halbinsel Kola in See gestochen. Unter unklaren Umständen zog sie sich kurz nach dem Verlassen des russischen Hafens Schäden am Rumpf zu, fuhr jedoch weiter. Nach Wochen im norwegischen Tromsö wurde das 183 Meter lange Schiff wegen der riskanten Ladung des Hafens verwiesen.
Als Zielort für eine Reparatur galt zunächst der Hafen Klaipeda in Litauen – aber die Behörden des baltischen EU-Staates verweigerten die Einfahrt ebenso wie der schwedische Hafen Göteborg, die dänischen Behörden wollten sogar eine Durchfahrt durch ihre Gewässer nur unter Auflagen genehmigen. Am Montag nahm das Schiff schließlich Kurs auf Malta, wo es am 8. Oktober eintreffen sollte, wie aus Onlineangaben der Trackingdienste Vesselfinder und Marinetraffic hervorgeht. Dort holte es sich die nächste Absage.
Ammoniumnitrat zerstörte Hafen von Beirut
Der Weg des Frachters war wegen seiner Ladung von mehreren Anrainerstaaten der Nord- und Ostsee in den vergangenen Tagen genau verfolgt worden. Ammoniumnitrat ist ein Düngemittel, kann aber auch für die Sprengstoffproduktion verwendet werden. Die Chemikalie gilt als Auslöser der Katastrophe im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut im August 2020, wo über Jahre große Mengen unsachgemäß im Hafen gelagert worden waren. Mehr als 200 Menschen kamen damals bei einer Explosion ums Leben, ein großer Teil der Stadt wurde verwüstet.
Was vom Hafen übrig blieb: In Beirut explodierten im August 2020 Tonnen von Ammoniumnitrat
Nach Einschätzung von Fachleuten geht von der „Ruby“ derzeit keine unmittelbare Gefahr aus. „Das ist das Gute an Ammoniumnitrat. Es ist eigentlich ziemlich schwer zu entzünden“, sagte der Sprengstoffexperte Peter Hald von der dänischen Universität Aarhus dem dänischen Sender DR. „Es ist nicht so, dass es explodiert, wenn das Schiff irgendwo anstößt oder jemand etwas in die Ladung fallen lässt.“
Die „Schattenflotte“ des Kreml
Die „Ruby“ könnte aber, so Experten, noch eine andere Art von Risiko bergen. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine wird vor der „Schattenflotte“ des Kreml gewarnt. Dabei handelt es sich um einen Verbund aus veralteten und schlecht gewarteten Schiffen unter der Flagge von Drittstaaten, mit deren Hilfe Kreml-Chef Wladimir Putin westliche Sanktionen umgeht. Diese Schiffe transportieren russische Güter durch Ost- und Nordsee.
Nach Schätzungen des Industrieversicherers Allianz Commercial sind rund 1.400 dieser Schiffe und Tanker auf den Weltmeeren unterwegs, um russisches Öl, Industriegüter wie Ammoniumnitrat und inzwischen auch Flüssiggas (LNG) zu exportieren. Das berichtete das deutsche „Manager Magazin“.
„Ruby“ verhält sich „verdächtig“
Die Flotte halte „nicht nur Putins Kriegswirtschaft am Laufen, sondern – wie sich immer wieder zeigt – sie stellt auch ein immenses Risiko für die Umwelt und die internationale Seefahrt dar“, hieß es in dem Magazin. Der stetige Ausbau der „Schattenflotte“ habe sich für viele Kleinstaaten, etwa in Afrika, sowie für Privatunternehmen zu einem lukrativen Geschäft entwickelt.
Jacob Kaarsbo vom dänischen Thinktank Europa sagte DR, die „Ruby“ verhalte sich „verdächtig“. Er schließe nicht aus, dass das Schiff Teil eines hybriden Krieges ist, mit dem Russland die Reaktion der nordeuropäischen Staaten testen wolle.
25.09.2024, red, ORF.at/Agenturen
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DR-Artikel
„Manager Magazin“-Artikel
Vesselfinder
Marinetraffic




