Salzburg hat seit Freitag einen Dreitausendergipfel weniger

josef

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NS-Vergangenheit: Salzburg verliert einen Dreitausender
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Das Land Salzburg hat seit Freitag einen Dreitausendergipfel weniger. Die ab 1988 künstlich mit Steinen hochgestufte Pillewizer-Spitze beim Großvenediger wurde nun auf die natürliche Höhe von 2.999 Meter „gestutzt“. Und sie ist ab sofort wieder namenlos, weil der Namenspatron im Nationalsozialismus große Karriere gemacht habe, wie der Alpenverein betont.
Online seit heute, 18.55 Uhr
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Bisher hat es im Land Salzburg 95 Gipfel gegeben, die höher als 3.000 Meter über dem Adriatischen Meer sind. Daneben erreichte einer bisher genau diese Marke, die Pillewizer-Spitze.

Freitagfrüh stieg ein Team der Sektion Salzburg des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) von der vereinseigenen Kürsinger Hütte bei Neukirchen am Großvenediger (Pinzgau) zu diesem Gipfel auf. Sie entfernte die seit 38 Jahren dort vorhandene Gedenktafel für den Gletscherforscher und Kartografen Wolfgang Pillewizer (1911-1999). Der Punkt sei nun offiziell wieder namenlos, betont man beim ÖAV.

Der bisherige Namenspatron machte Karrieren im Nationalsozialismus und später bei den Kommunisten der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).

Österreichischer Alpenverein – Sektion Salzburg
Gerd Frühwirth und Roland Kals vom ÖAV Salzburg entfernen die Wolfgang-Pillewizer-Gedenktafel mit dem Akku-Winkelschleifer aus dem Gipfelfelsen

Karrieren in beiden Diktaturen Deutschlands
Der Name Pillewizer sei mit der weltoffenen Philosophie des heutigen Alpenvereins nicht vereinbar, sagt Gerd Frühwirth, erster Vorsitzender der ÖAV-Sektion Salzburg. Seine Vorvorvorgänger in diesem Amt hatten vor 38 Jahren diese besondere Ehrung für den Gletscherforscher, Geomorphologen und Kartografen initiiert.
Frühwirth betont, der Alpenverein habe nach gründlichen Recherchen diesen Beschluss gefasst: „Wir machen diese Graterhebung am Zusammenfluss von Obersulzbachkees und Untersulzbachkees nun offiziell wieder namenlos. Der Alpenverein folgt damit auch einem Beschluss des Salzburger Landtages, wonach auch im alpinen Raum eine umfassende Überprüfung von Flurnamen stattfinden soll, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung stehen.“

Fotostrecke
Flugbild: Gerald Lehner
Die nunmehr wieder namenlose Pillewizer Spitze an der Gratkante, wo Obersulzbachkees und Untersulzbachkees (unten) auf der Nordflanke des Großvenedigers zusammenfließen
Flugbild: Gerald Lehner
Pillewizer Spitze mit dem westlich vorgelagerten "Schwarzen Hörndl (3.100 Meter), das über den Felsgrat verbunden ist
Flugbild: Gerald Lehner
Die nunmehr wieder namenlose Pillewizer Spitze, wo Obersulzbachkees und Untersulzbachkees (unten) auf der Nordflanke des Großvenedigers (3.657 Meter, links oben) zusammenfließen
Flugbild: Gerald Lehner
Pillewizer Spitze (rechter Bildrand). Großvenedigers (3.657 Meter, links oben)
Flugbild: Gerald Lehner
Ansicht von Südosten: Pillewizer Spitze (rechts) beim Beginn des Grates zum Keeskogel. Vordergrund: Viltragenkees, hinten Obersulzbachkees
Flugbild: Gerald Lehner
Ansicht von Südosten: Pillewizer Spitze (rechts oben). Links das Schlatenkees mit dem Großvenediger

„Künstlicher“ Dreitausender, ein Meter fehlte
Die Gedenktafel war 1988 da oben angebracht worden. Parallel kümmerte sich der Alpenverein über Jahre darum, den 2.999 Meter hohen Punkt oberhalb der Kürsinger Hütte zu einem „echten“ Dreitausender zu machen. Bergsteiger trugen zusätzliche Steine und Steinplatten aus den Geröllfeldern der Umgebung hinauf, um den fehlenden Meter zu kompensieren. Heutige Alpin-Philosophen sehen darin eine Peinlichkeit, die mit dem Eroberungsdrang und technokratischer Zahlenspielerei früherer Epochen zusammenhänge.

Der damals 77-jährige Gletscherforscher Pillewizer habe sich 1988 einen „Dreitausender“ für seine Ehrung durch den Alpenverein gewünscht – diese runde und prominente Seehöhe habe er laut Zeitzeugen sogar gefordert, erzählt ÖAV-Vorsitzender Frühwirth: „Der Wissenschaftler starb 1999 in Wien, und in der Zwischenzeit sind Details seiner nationalsozialistischen Vergangenheit bekanntgeworden.“

Weitere Bilder von der Entfernung der Gedenktafel:
Fotostrecke
Österreichischer Alpenverein – Sektion Salzburg
38 Jahre bei Wind und Wetter auf der Pillewizer-Spitze: Gedenktafel und Gipfelbuch-Kassette vor der Entfernung am Freitag
Österreichischer Alpenverein – Sektion Salzburg
Roland Kals, langjähriger ÖAV-Vorsitzender in Salzburg, mit dem Winkelschleifer. 1986 – als der namenlose Berg zur Pillewizer-Spitze wurde – war auch er noch lange nicht in Führungsfunktion beim Verein
Österreichischer Alpenverein – Sektion Salzburg
Nachbearbeitung und Entgraten der Metallschnitte für den sicheren Abtransport ins Tal
Österreichischer Alpenverein – Sektion Salzburg
Der Salzburger Landesgeologe und staatlich geprüfte Berg- und Skiführer Gerald Valentin fungierte als Träger des stählernen Materials

Bei SA und NSDAP lange vor dem „Anschluss“
Pillewizer gehörte als Österreicher schon seit 1932 der NSDAP und Hitlers Sturmabteilung (SA) an. Er verstieß damit gegen geltendes Recht und war einer der so genannten und oft auch berüchtigten „Illegalen“ in seinem Heimatland. Nationalsozialistische Formationen und Kampfeinheiten waren bis zum „Anschluss“ an das Dritte Reich (Frühling 1938) in Österreich verboten. Tausende ihrer Mitglieder arbeiteten im Untergrund an der Destabilisierung des politischen Systems.
Bei der SA fungierte Pillewizer an seinem Studienort Graz laut neuer Forschung als „Truppführer“. 1937 übersiedelte er beruflich in das schon seit 1933 nationalsozialistische Deutschland und wurde Assistent für Kartografie an der Hochschule Hannover. Dort nahm er auch an Expeditionen nach Norwegen und Spitzbergen teil. Ab 1939 arbeitete der gebürtige Oberösterreicher aus Steyr dann als Referatsleiter im Reichsamt für Landesaufnahme in Berlin, ehe er sich 1940 an der Universität Graz habilitierte.

Bei der Begehung zur Entfernung der Tafel am Freitag lag eine Föhnstimmung mit Staub aus der Sahara über dem höchsten Berg Salzburg, dem Großvenediger:

Fotostrecke
Gerd Frühwirth
Über dem blanken Eismeer des Obersulzbachkees mit Blick zum kleinen Venediger und zur Venedigerscharte
Gerd Frühwirth
Anstieg von der Kürsinger Hütte in Richtung Pillewizer-Spitze – mit Blick zum Obersulzbachkees
Gerd Frühwirth
Anstieg von der Kürsinger Hütte in Richtung Pillewizer-Spitze – mit Blick zum Obersulzbachkees

Steile Karriere im Dritten Reich
Nach seiner Habilitation konnte Pillewizer 1940 neuer Dozent für Geografie und Kartografie an der Universität Hannover werden. Sein Dienst als Soldat in Hitlers Kriegsmaschinerie dauerte nur einen Monat, weil er als Mitglied eines Sonderkommandos mit einer Expedition in die Wüste Libyens verschwinden konnte. Es folgten wissenschaftlich-politische Einsätze hinter den Fronten – unter anderem in der von SS und Wehrmacht besetzten Ukraine, auf dem Balkan und im arktischen Teil Norwegens, wo Gesinnungsgenossen unbeschreibliche Kriegsverbrechen verübten.

Nach seiner Rückkehr aus US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft übernahm Pillewizer 1947 die Leitung einer Privatfirma in München, die sich mit Kartografie befasste. Er bewies politisch-ideologische Anpassungsfähigkeit und wechselte schon wenig später in die zweite Diktatur Deutschlands – in die des früheren Erzfeindes. Der ehemalige SA-Führer übersiedelte in die kommunistische DDR und übernahm an der Technischen Universität Dresden (Sachsen) den Lehrstuhl für Kartografie.


Salzburger NachrichtenArchivbild:
Pillewizer auf „seinem“ Gipfel im September 1988, Foto aus einem zeitgenössischen Bericht der „Salzburger Nachrichten“

Hohe Ämter im Kommunismus der DDR
Zudem wurde ihm an der TU Dresden die Leitung des Instituts für Geografie übertragen. Es folgte weitere Ämter im höheren und politisch stark beeinflussten Wissenschaftsbetrieb der DDR. Er nahm an Expeditionen in Hochgebirge Asiens teil und leitete die beiden ersten Arktis-Expeditionen der DDR. Nach ihm sind bis heute auf Spitzbergen zwei Punkte benannt – der Pillewizerfjellet seit seiner Expedition von 1938 im Nationalsozialismus und der Pillewizerknatten für seine Arbeit im Dienst der DDR.

1969 kam es zu heftigen Unstimmigkeiten und Turbulenzen im politischen Kosmos von Ostberlin, bei denen es auch um die Geheimhaltung topografischer Karten gegangen sein soll. Historiker rätseln, wie Pillewizer es im Kalten Krieg schaffen konnte, über den Eisernen Vorhang hinweg nahtlos an die Universität von Göttingen nach Niedersachsen in den Westen zu wechseln.

Späte Jahre an der Uni Wien
Ein Jahr später schon (1970) kehrte der Wanderer zwischen den Welten heim nach Österreich und erhielt einen Lehrstuhl der Universität Wien. Den behielt er bis zu seiner Pensionierung. Fragen zu seinen diversen Vergangenheiten stellte damals offenbar niemand. Gedächtnislücken zählten bei allen Parteien damals zum guten Ton.

In diese Phase seines Lebens fielen auch glaziologische Forschungen im Gebiet des Großvenedigers, die 1988 – zwei Jahre nach seinem 75. Geburtstag – zur Ehrung durch den Alpenverein und des Landes Salzburg mit der Pillewizer-Spitze führten. Diese ist nun wieder namenlos – wie in den vielen Jahrtausenden zuvor.
28.08.2026, Gerald Lehner - ORF Radio Salzburg, salzburg.ORF.at
NS-Vergangenheit: Salzburg verliert einen Dreitausender
 
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