Tagung zur Spurensuche von "unsichtbaren Lagern" in NÖ. aus der Zeit der beiden Weltkriege

josef

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#1
Auf der Suche nach „unsichtbaren Lagern“

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In Niederösterreich gibt es viele „unsichtbare Lager“: Orte zur Unterbringung von Menschen, meist aus der Zeit des Ersten oder Zweiten Weltkrieges bzw. der Nachkriegszeit, deren Spuren verwischt und deren Überreste kaum noch vorhanden sind. Eine zweitägige Tagung in St. Pölten geht auf Spurensuche.
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Die frei zugängliche Veranstaltung „Unsichtbare Lager in Niederösterreich“ beschäftigt sich am Mittwoch (Niederösterreichische Landesbibliothek) und Donnerstag (Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich) in St. Pölten mit der Frage, wie diese Orte beforscht, dokumentiert und zugänglich gemacht werden können. Veranstalter der Tagung sind das Forschungsnetzwerk Interdisziplinäre Regionalstudien (first), der Bereich Digital Memory Studies an der Donau-Universität Krems, das Zeithistorische Zentrum Melk, das Haus der Geschichte und die Landesbibliothek.

In Österreich wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts vielerorts aus ganz unterschiedlichen Gründen temporäre Lager errichtet. Nachdem sich diese wieder geleert hatten, blieb die Lagerinfrastruktur manchmal noch jahrelang bestehen, oder wurde wieder entfernt bzw. anderen Funktionen zugeführt. Oftmals gerieten die ehemaligen Lagerorte in Vergessenheit, manchmal verweisen nur noch Straßenbezeichnungen wie „Lagergasse“ oder der Flurname „Lagerfeld“ auf die ursprüngliche Widmung dieser Orte.

Judith Kreiner
Oft blieb die Lagerinfrastruktur jahrelang bestehen, oftmals gerieten die ehemaligen Lagerorte in Vergessenheit

1914 bis 1918: 200.000 Flüchtlinge im Lager Gmünd
Auch auf niederösterreichischem Gebiet befinden sich solche „unsichtbaren“, transformierten Orte. Im Waldviertel wurden bereits im Ersten Weltkrieg mehrere Lager für Kriegsgefangene, zivile Kriegsflüchtlinge und Internierungslager für „feindliche Ausländer“ errichtet.
So waren etwa im Lager Gmünd zwischen 1914 und 1918 etwa 200.000 Flüchtlinge – vorwiegend aus Galizien, der Bukowina und Istrien – untergebracht, ein Zehntel überlebte die Bedingungen nicht. In der Zwischenkriegszeit errichtete der autoritäre Ständestaat in Wöllersdorf (Bezirk Wr. Neustadt) ein „Anhaltelager“ für Regimegegner, insbesondere Nationalsozialisten und Sozialdemokraten.

Niederösterreichisches Landesarchiv
Das Flüchtlingslager Gmünd, 1915

„Während des Zweiten Weltkrieges sind Lager in Niederösterreich (damals ‚Niederdonau‘) ‚Schreckensorte‘, die der Ausbeutung durch Zwangsarbeit und der Internierung von Kriegsgefangenen dienten“, heißt es in einer Aussendung der Veranstalter. In Niederösterreich befanden sich mehrere Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen, so etwa in Melk, St. Aegyd am Neuwalde (Bezirk Lilienfeld), St. Valentin (Bezirk Amstetten) oder Wiener Neustadt. In Melk etwa wurden innerhalb eines Jahres etwa 14.400 KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit für die Steyr-Daimler-Puch AG herangezogen. Im Stalag XVII B Krems-Gneixendorf waren zeitweise mehr als 60.000 Kriegsgefangene festgehalten.

1938 bis 1945: Lager waren Todeslager
In anderen Lagern wurden als jüdisch kategorisierte Verschleppte, Roma und Sinti oder politische Gefangene zur Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben, in der Landwirtschaft oder zum Bau der Reichsautobahn eingesetzt. Viele Menschen überlebten die Strapazen der Zwangsarbeit nicht. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges kam es zu zahlreichen Massakern, vor allem an ungarischen Jüdinnen und Juden, etwa in Hofamt Priel (Bezirk Melk), Göstling (Bezirk Scheibbs), Gresten (Bezirk Scheibbs) und Randegg (Bezirk Scheibbs), sowie gegen KZ-Häftlinge im Zuge von Evakuierungsmärschen aus den KZ-Außenlagern in Richtung Mauthausen.

FlorianSimon
In Sigmundsherberg befand sich das größte Kriegsgefangenenlager der österreichisch-ungarischen Monarchie, ab dem Sommer 1916 waren hier fast nur italienische Gefangene aus den Isonzoschlachten untergebracht

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Lager reaktiviert, etwa zur vorübergehenden Unterbringung von deutschsprachigen Flüchtlingen und Vertriebenen sowie von Flüchtlingen aus Ungarn ab 1956. Während des Kalten Krieges reisten sowjetische Jüdinnen und Juden dann über das Transitlager Schönau nach Israel weiter.

Heute gibt es kaum Spuren und nur wenig Wissen
Von allen ehemaligen Lagerorten in Niederösterreich gibt es heute nur noch wenige oder gar keine materiellen Spuren mehr zu sehen. Die Holzbaracken wurden meist abgetragen oder auf andere Art genutzt. Lager aus dem Ersten Weltkrieg wurden beispielsweise in Sommerfrischesiedlungen umgewandelt (wie das Kriegsgefangenenlager in Purgstall, Bezirk Scheibbs) oder im Falle des Internierungslagers Steinklamm zeitweilig als Kinderheim genutzt. In Bruck an der Leitha sind ehemalige Baracken auch heute noch bewohnt, es fehlt jedoch das Wissen um die Geschichte. In St. Aegyd befindet sich heute am Standort des KZ-Außenlagers eine Siedlung mit Einfamilienhäusern.

Im Bereich des ehemaligen Stalags XVII B Krems-Gneixendorf sind einige Fundamentreste sichtbar, teils finden sich vergrabene Gebrauchsgegenstände. Außer einer künstlerischen Intervention in Form von Erinnerungstafeln deutet im Wäldchen und auf den Äckern nichts auf die historische Dimension hin. Auch in Krems selbst ist kaum etwas über das Kriegsgefangenenlager bekannt. Internationale Familienangehörige der Internierten, die sich immer wieder auf Spurensuche begeben, haben Mühe, den Ort zu finden.

FlorianSimon
Der Philosoph Zygmunt Bauman bezeichnete das 20. Jahrhundert als „Jahrhundert der Lager“, viele der ehemaligen Lagerbauten sind heute noch – oft adaptiert – in Verwendung

An anderen ehemaligen Lagerorten sind ebenfalls manchmal Gedenktafeln zu finden, lokale Initiativen kümmern sich um die Aufrechterhaltung der Erinnerung. Neuerdings kann in Gmünd die Geschichte des Lagers in einem kleinen Museum erkundet werden.

Erinnerungsorte in der Vermittlungs- und Bildungsarbeit
„Gerade weil es bald keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der NS-Zeit mehr geben wird, sind Erinnerungsorte ein wichtiger Bestandteil von Erinnerungskultur für die Vermittlungs- und Bildungsarbeit. Denn dem ‚authentischen‘ Ort wird Zeugenschaft und somit Wahrhaftigkeit zugeschrieben. Offen ist die Frage der Erinnerungsmöglichkeit an Lagerorten ohne materielle Spuren oder erkennbarer historischer Dimension sowie erfolgter Transformation“, sagt Edith Blaschitz von der Donau-Universität Krems, eine der Organisatorinnen des Symposiums.

Die international besetzte wissenschaftliche Tagung „Unsichtbare Lager in Niederösterreich“ soll einen Überblick über heute nicht oder kaum mehr erhaltene Lager des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs bzw. der Nachkriegszeit in Niederösterreich verschaffen. Außerdem will man klären, wie diese Orte entlang der Dimension des „Nicht-mehr-Sichtbaren“ beforscht, dokumentiert und zugänglich gemacht werden können.
19.11.2019, red, noe.ORF.at/Agenturen

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#2
AUSGELÖSCHTE GESCHICHTE
Unsichtbare Orte des NS-Grauens
Von vielen Lagern aus dem Nationalsozialismus ist heute keine Spur mehr übrig. Wie kann man diese oft vergessenen Schreckensorte in die Erinnerung zurückholen?

Landschaft als offene Frage: Der Künstler Christian Gmeiner gestaltete Tafeln zur Erinnerung an das einstige NS-Lager in Krems-Gneixendorf.
Foto: Christian Gmeiner

"Ich bin gesund, es geht mir gut." 20.000 St. Pöltener erhielten über einen Zeitraum von zwei Jahren Ansichtskarten, die an Text neben einer Webadresse nicht mehr als diese banale Phrase enthielten. Die Bildseite zierten idyllische Seenlandschaften oder schneebedeckte Felder. Orte, in deren historischer DNA jedoch der Horror systematischer NS-Verbrechen eingeschrieben ist. Denn dort, wo heute ein Badesee, Wiesen und Felder sind, waren einst zwei Lager: eines für Juden, eines für Zwangsarbeiter.

Mit ihrer Kartenaktion wollte die Künstlerin Tatiana Lecomte die Geschichte dieser "unsichtbaren Lager" auf subtile Weise ins Bewusstsein der St. Pöltener holen. Die nichtssagende Mitteilung ohne Unterschrift war nämlich die Standardphrase, ohne die keine Nachricht von Lagerinsassen aus Mauthausen und anderen KZs die Zensur passieren und an die Außenwelt gelangen konnte.

Dunkelziffer
Wie in St. Pölten gibt es in ganz Niederösterreich vergessene Lager, sei es für Kriegsgefangene, politisch, rassisch oder genetisch Unerwünschte, für Vertriebene und Geflüchtete. Wie man diese oft vergessenen und unsichtbar gewordenen Schreckensorte zur Vermittlung von Geschichte nutzen könnte, diskutierten Ende vergangenen Jahres Experten bei einer internationalen Tagung in St. Pölten.

Oft ist von ihnen nichts mehr erhalten, mitunter erinnern zumindest noch Straßennamen wie "Lagergasse" daran. "Wir haben rund 170 solche Lager aus der Zeit der beiden Weltkriege gezählt", berichtet Anne Unterwurzacher von der Fachhochschule St. Pölten. Tatsächlich aber gebe es noch etliche mehr, wie sich auf der Tagung herausstellte. "Da es keine zeitgeschichtlichen Überblickswerke dazu gibt, erfährt man oft nur über lokale Initiativen, die leider selbst meist mehr oder weniger unsichtbar sind, von der Existenz solcher Lager."

So wissen etwa die wenigsten, dass sich im Kremser Stadtteil Gneixendorf einst eines der größten NS-Kriegsgefangenenlager Österreichs befunden hat. Heute erinnern daran nur noch sechs Stahltafeln des Künstlers Christian Gmeiner, welche die enorme Ausdehnung dieses Lagers nachvollziehbar machen. An die 40 Baracken zur Unterbringung von je 300 Männern befanden sich auf dem etwa einen Quadratkilometer großen Areal. Je nach Kriegsverlauf schwankte die Zahl der dem Gefangenenlager zugeteilten Menschen zwischen 50.000 und 65.000. Der Großteil wurde an Außenkommandos überstellt und als Arbeitskräfte in der Rüstungsindustrie, in Gewerbebetrieben und der Landwirtschaft eingesetzt. Im Lager Gneixendorf selbst waren durchschnittlich 12.000 Gefangene untergebracht. Wie viele Menschen hier starben, ist nicht bekannt. Allerdings gibt es Berichte über eine Exhumierung von mehr als 1600 Russen, die im Lager an Typhus zugrunde gegangen sein sollen.


Die Lagergasse in Laa an der Thaya: Überbleibsel eines Lagers aus der NS-Zeit.
Foto: Judith Kreiner

Wenig bekannt und noch kaum erforscht ist auch die Geschichte der "Heil- und Pflegeanstalt" Mauer-Öhling in der NS-Zeit. Mit rund 2000 Betten war das die drittgrößte Klinik der "Ostmark", die an der Ermordung von Psychiatriepatienten beteiligt war. Im gesamten Deutschen Reich wurden zwischen Jänner 1940 und August 1941 im Rahmen der "Aktion T4" zur systematischen Eliminierung sogenannter Ballastexistenzen rund 70.000 Menschen ermordet.

Schmerz und Schweigen
Nicht enthalten in dieser Zahl sind all jene, die durch gezielte Mangelernährung verhungerten, durch Vernachlässigung und herbeigeführte Infektionen qualvoll starben oder mit Tabletten und Injektionen ermordet wurden. Auch in Mauer-Öhling kamen viele Patienten auf diese grauenvolle Weise um, zudem wurden etwa 1600 in die Tötungsanstalten Schloss Hartheim bei Linz und Gugging "verschickt".

Die Erinnerung an solche Orte ist schmerzhaft, vor allem wenn man in ihrer unmittelbaren Nähe lebt. Das wurde auch im Postkartenprojekt sichtbar, wie eine E-Mail an die Künstlerin demonstriert: "bitte können sie endlich aufhören mit ihren verblödeten karten, jeder schreckt sich, jeder hat angst. der krieg ist vorbei und sie sind ohnedies zu jung dazu, um zu berichten."

Aber Schweigen ist keine Option, auch wenn es angesichts der verschwundenen Lager sehr einfach wäre. "Weil es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird, sind Orte wie diese ein enorm wichtiger Bestandteil der Erinnerungskultur", sagt Anne Unterwurzacher. "Dem ‚authentischen‘ Ort wird nämlich Zeugenschaft und damit Wahrhaftigkeit zugeschrieben."

Wie aber können unsichtbare Lager zu Erinnerungsorten werden? "Wie sich etwa am Zwangsarbeiterlager bei St. Pölten zeigt, kann hier ein künstlerischer Zugang sehr viel in Bewegung bringen", so die Expertin für lokale Erinnerungskulturen. Auch Ausstellungen, Rundgänge oder Workshops lassen ein Gefühl für die Geschichte eines Ortes entstehen. Besonders hilfreich sei dabei jedenfalls der Einsatz digitaler Medien. "Damit kann man auch Jugendliche sehr gut erreichen", weiß Edith Blaschitz vom Bereich Digital Memory Studies der Donau-Universität Krems, gemeinsam mit Unterwurzacher eine der Organisatorinnen der Tagung.

Durch 3D-Rekonstruktionen können unsichtbare Lager realistisch "wiederaufgebaut" und virtuell sogar besucht werden. Die Einrichtung digitaler Plattformen macht es zudem möglich, Informationen von und über ehemalige Gefangene, deren Nachkommen heute auf der ganzen Welt verstreut leben, an einer Stelle zusammenlaufen zu lassen. "So können auch Dokumente, Zeitzeugeninterviews und Fotos aus unterschiedlichsten Archiven verlinkt werden."

Digitale Erinnerungshilfen
Ein entsprechendes EU-Projekt mit dem Titel "Accessing Campscapes" (auf Deutsch etwa: Lagerlandschaften zugänglich machen) wurde gerade abgeschlossen. "Eine solche digitale Lagerplattform wäre aus Sicht unseres Forschungsnetzwerks Interdisziplinäre Regionalstudien (kurz: First) auch für niederösterreichische Standorte wichtig", sagt Blaschitz. Denn nach Jahrzehnten des Vergessens dränge das Lagerthema in Österreich zurzeit massiv an die Oberfläche, seine Aufarbeitung hänge aber weitgehend von der Initiative von Einzelkämpfern ab. "Diese Leute wollen wir durch Vernetzung unterstützen."

Zudem müssen dringend die letzten Zeitzeugenberichte und -dokumente gesichert werden, bevor es zu spät ist. Warum man sich diesem schmerzhaften Kapitel der Regionalgeschichte erst so spät annähert, liegt auf der Hand. Gab es doch in all den betroffenen Orten Beteiligte oder zumindest einigermaßen Informierte, die nur zu gern den Mantel des Schweigens über die Sache breiteten. Mit dem letzten Generationenwechsel scheint der zeitliche Sicherheitsabstand zu den Ereignissen nun groß genug geworden zu sein.
(Doris Griesser, 12.1.2020)
Unsichtbare Orte des NS-Grauens - derStandard.at
 
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