Rennen gegen die Zeit
Überreste eines gewaltigen Kriegsschiffes vor Kopenhagen geborgen
Vor 225 Jahren sank die dänische Dannebroge im Napoleonischen Krieg. Jetzt holen Fachleute erstmals Teile des Wracks aus der Tiefe
Bei der Schlacht von Kopenhagen kamen hunderte Matrosen um Leben. Das zeitgenössische Gemälde von Gustaf Boberg zeigt Explosion und Untergang der Dannebroge. Einige ihrer Überreste wurden nun aus dem Meer geholt.
SMK
Am 2. April 1801 hagelte es Kugeln aus britischen Kanonen auf Kopenhagen. Die Royal Navy griff die dänische Hauptstadt an, um eine Allianz nordeuropäischer Mächte zu zerschlagen, die mit dem napoleonischen Frankreich im Bunde standen – eine Koalition, die den Briten gefährlich hätte werden können. Also nahm man sich ihre Mitglieder einzeln vor, beginnend mit Dänemark.
Zwölf zerstörte Schiffe
Der britische Admiral Horatio Nelson startete den Angriff mit seiner Flotte aus 39 schwer bewaffneten Schiffen. Es folgte ein ganztägiges Seegefecht im Kopenhagener Hafen, bei dem zwölf dänische Schiffe zerstört wurden. Eines davon war die Dannebroge, ein 60-Kanonen-Kriegsschiff. Dem Flaggschiff der Dänen galt die besondere Aufmerksamkeit der Briten. Es wurde mehrfach getroffen, geriet in Brand und explodierte schließlich. Mehr als 50 ihrer rund 350 Besatzungsmitglieder starben. Das Wrack sank auf den Grund der sogenannten Königstiefe, 15 Meter unter dem Meeresspiegel.
Nun soll für ein dänisches Bauprojekt an dieser Stelle des Hafens eine künstliche Insel aufgeschüttet werden. Das Eiland namens Lynetteholm hat zudem den Zweck, die dänische Hauptstadt vor Überflutungen und Stürmen zu schützen. Doch bevor es soweit ist, wurden die Meeresarchäologen des Wikingerschiffsmuseums von Roskilde auf den Plan gerufen.
Rennen gegen die Zeit
Die Expertinnen und Experten untersuchen seit Ende 2025 unermüdlich den Meeresgrund und hatte bereits davor eine riesige Kogge aus dem Mittelalter entdeckt. Mittlerweile sind sie auch auf Wrackteile der Dannebroge gestoßen. Es ist ein Rennen gegen die Zeit: Die erste Phase des Projekts endet im Jahr 2029, spätestens ab da werden die Überreste des Schiffes unzugänglich sein. Am 2. April präsentierten die Fachleute erste Ergebnisse der unterwasserarchäologischen Untersuchungen – exakt 225 Jahre nach dem Untergang der Dannebroge.
Die Arbeit unter Wasser erwies sich als außerordentlich mühsam. Die Sicht in 15 Metern Tiefe, wo die Wrackteile im Schlick liegen, ist so eingeschränkt, dass die Taucher sich weniger auf ihre Augen als auf ihren Tastsinn verlassen müssen. Dennoch gelang es ihnen bereits, einige Funde an die Oberfläche zu holen, darunter zwei Kanonen, Uniformfragmente, Schuhe, Flaschen, Tonpfeifen sowie die Überreste eines Opfers, das bislang als vermisst galt.
Unter den Funden, die die Forschenden vom Meeresgrund bargen, befinden sich die Reste von Matrosenschuhen (im Bild), Flaschen, Tonpfeifen sowie zwei Kanonenkugeln.
Wikingerschiffsmuseum Roskilde
Unterkiefer, Rippen und Kanonenkugel
"Wir haben einen Unterkiefer gefunden, der zweifellos von einem Menschen stammt, sowie mehrere andere Knochen, darunter Rippen, die sehr wahrscheinlich ebenfalls menschlich sind", sagte Otto Uldum, Meeresarchäologe am Wikingerschiffsmuseum und Leiter der Ausgrabung. "Wir sind noch weit davon entfernt, das Material fertig sortiert und analysiert zu haben, aber wir holen alles nach oben."
Der Meeresboden rund um das Wrack ist übersät mit Kanonenkugeln. Die Verbindung zwischen dem geborgenen Material und dem historischen Schiff gelang durch den Abgleich von Größe und Form der Holzteile mit Originalzeichnungen sowie durch Dendrochronologie – die Altersbestimmung anhand von Baumringen –, die das Holz auf das Baujahr 1772 der Dannebroge datierte.
"Dies ist das erste Mal, dass archäologische Untersuchungen durchgeführt werden, die in direktem Zusammenhang mit der Schlacht von Kopenhagen stehen", sagte Uldum. "Obwohl die Schlacht ein zentrales Ereignis der dänischen Geschichte ist, hat sie meines Wissens nach bis heute niemand archäologisch untersucht. Das ist eigentlich ziemlich bemerkenswert."
Eine tragische Ironie der Geschichte
Was den Untergang der Dannebroge besonders macht, ist die Tatsache, dass er eigentlich gar nicht hätte passieren dürfen: Den Briten war zum Zeitpunkt ihres Angriffs auf Kopenhagen nicht bekannt, dass der russische Zar Paul I. bereits Tage zuvor ermordet worden war. Damit hatte das gefürchtete nordische Bündnis, dessen Zerschlagung das eigentliche Kriegsziel war, de facto schon aufgehört zu existieren. Die Schlacht von Kopenhagen, mit all ihren Toten und versunkenen Schiffen, war damit in gewisser Hinsicht völlig überflüssig gewesen.
(Thomas Bergmayr, 12.4.2026)
Überreste eines gewaltigen Kriegsschiffes vor Kopenhagen geborgen
Überreste eines gewaltigen Kriegsschiffes vor Kopenhagen geborgen
Vor 225 Jahren sank die dänische Dannebroge im Napoleonischen Krieg. Jetzt holen Fachleute erstmals Teile des Wracks aus der Tiefe
Bei der Schlacht von Kopenhagen kamen hunderte Matrosen um Leben. Das zeitgenössische Gemälde von Gustaf Boberg zeigt Explosion und Untergang der Dannebroge. Einige ihrer Überreste wurden nun aus dem Meer geholt.
SMK
Am 2. April 1801 hagelte es Kugeln aus britischen Kanonen auf Kopenhagen. Die Royal Navy griff die dänische Hauptstadt an, um eine Allianz nordeuropäischer Mächte zu zerschlagen, die mit dem napoleonischen Frankreich im Bunde standen – eine Koalition, die den Briten gefährlich hätte werden können. Also nahm man sich ihre Mitglieder einzeln vor, beginnend mit Dänemark.
Zwölf zerstörte Schiffe
Der britische Admiral Horatio Nelson startete den Angriff mit seiner Flotte aus 39 schwer bewaffneten Schiffen. Es folgte ein ganztägiges Seegefecht im Kopenhagener Hafen, bei dem zwölf dänische Schiffe zerstört wurden. Eines davon war die Dannebroge, ein 60-Kanonen-Kriegsschiff. Dem Flaggschiff der Dänen galt die besondere Aufmerksamkeit der Briten. Es wurde mehrfach getroffen, geriet in Brand und explodierte schließlich. Mehr als 50 ihrer rund 350 Besatzungsmitglieder starben. Das Wrack sank auf den Grund der sogenannten Königstiefe, 15 Meter unter dem Meeresspiegel.
Nun soll für ein dänisches Bauprojekt an dieser Stelle des Hafens eine künstliche Insel aufgeschüttet werden. Das Eiland namens Lynetteholm hat zudem den Zweck, die dänische Hauptstadt vor Überflutungen und Stürmen zu schützen. Doch bevor es soweit ist, wurden die Meeresarchäologen des Wikingerschiffsmuseums von Roskilde auf den Plan gerufen.
Rennen gegen die Zeit
Die Expertinnen und Experten untersuchen seit Ende 2025 unermüdlich den Meeresgrund und hatte bereits davor eine riesige Kogge aus dem Mittelalter entdeckt. Mittlerweile sind sie auch auf Wrackteile der Dannebroge gestoßen. Es ist ein Rennen gegen die Zeit: Die erste Phase des Projekts endet im Jahr 2029, spätestens ab da werden die Überreste des Schiffes unzugänglich sein. Am 2. April präsentierten die Fachleute erste Ergebnisse der unterwasserarchäologischen Untersuchungen – exakt 225 Jahre nach dem Untergang der Dannebroge.
Die Arbeit unter Wasser erwies sich als außerordentlich mühsam. Die Sicht in 15 Metern Tiefe, wo die Wrackteile im Schlick liegen, ist so eingeschränkt, dass die Taucher sich weniger auf ihre Augen als auf ihren Tastsinn verlassen müssen. Dennoch gelang es ihnen bereits, einige Funde an die Oberfläche zu holen, darunter zwei Kanonen, Uniformfragmente, Schuhe, Flaschen, Tonpfeifen sowie die Überreste eines Opfers, das bislang als vermisst galt.
Unter den Funden, die die Forschenden vom Meeresgrund bargen, befinden sich die Reste von Matrosenschuhen (im Bild), Flaschen, Tonpfeifen sowie zwei Kanonenkugeln.
Wikingerschiffsmuseum Roskilde
Unterkiefer, Rippen und Kanonenkugel
"Wir haben einen Unterkiefer gefunden, der zweifellos von einem Menschen stammt, sowie mehrere andere Knochen, darunter Rippen, die sehr wahrscheinlich ebenfalls menschlich sind", sagte Otto Uldum, Meeresarchäologe am Wikingerschiffsmuseum und Leiter der Ausgrabung. "Wir sind noch weit davon entfernt, das Material fertig sortiert und analysiert zu haben, aber wir holen alles nach oben."
Der Meeresboden rund um das Wrack ist übersät mit Kanonenkugeln. Die Verbindung zwischen dem geborgenen Material und dem historischen Schiff gelang durch den Abgleich von Größe und Form der Holzteile mit Originalzeichnungen sowie durch Dendrochronologie – die Altersbestimmung anhand von Baumringen –, die das Holz auf das Baujahr 1772 der Dannebroge datierte.
"Dies ist das erste Mal, dass archäologische Untersuchungen durchgeführt werden, die in direktem Zusammenhang mit der Schlacht von Kopenhagen stehen", sagte Uldum. "Obwohl die Schlacht ein zentrales Ereignis der dänischen Geschichte ist, hat sie meines Wissens nach bis heute niemand archäologisch untersucht. Das ist eigentlich ziemlich bemerkenswert."
Eine tragische Ironie der Geschichte
Was den Untergang der Dannebroge besonders macht, ist die Tatsache, dass er eigentlich gar nicht hätte passieren dürfen: Den Briten war zum Zeitpunkt ihres Angriffs auf Kopenhagen nicht bekannt, dass der russische Zar Paul I. bereits Tage zuvor ermordet worden war. Damit hatte das gefürchtete nordische Bündnis, dessen Zerschlagung das eigentliche Kriegsziel war, de facto schon aufgehört zu existieren. Die Schlacht von Kopenhagen, mit all ihren Toten und versunkenen Schiffen, war damit in gewisser Hinsicht völlig überflüssig gewesen.
(Thomas Bergmayr, 12.4.2026)



