Vor 100 Jahren, am 29. Dezember 1921, wurde die Trennung von Niederösterreich und Wien beschlossen

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#1
100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH
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Niederösterreich: Ein Bundesland feiert Geburtstag
Vor genau 100 Jahren, am 29. Dezember 1921, wurde die Trennung von Niederösterreich und Wien beschlossen, in Kraft getreten ist sie am 1. Jänner 1922. Die Gründe dafür waren vielfältig. Bis zu einer eigenen Landeshauptstadt dauerte es noch einmal mehr als 60 Jahre.
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Niederösterreich war bis Herbst 1918 ein Kronland der österreichisch-ungarischen Monarchie. Noch bevor Kaiser Karl I. auf die Fortführung der Regierungsgeschäfte verzichtete, trat am 5. November 1918 im Niederösterreichischen Landhaus in der Wiener Innenstadt die Provisorische Landesversammlung zusammen, die aus 120 Mitgliedern bestand, und wählte den Christlichsozialen Leopold Steiner zum Landeshauptmann. Wien gehörte damals noch zu Niederösterreich.

Die ersten Landtagswahlen am 4. Mai 1919 brachte den Sozialdemokraten mit 64 Mandaten die absolute Mehrheit, die Christlichsozialen kamen auf 45 Mandate, die Deutschnationalen erhielten sieben Sitze. „Den sozialdemokratischen Erfolg ermöglicht hatte deren Dominanz in Wien, wo die Partei zu einer der erfolgreichsten Fraktionen der Welt werden sollte. Die einstimmig erfolgte Wahl Albert Severs bescherte der Sozialdemokratie ihren einzigen Landeshauptmann in Niederösterreich“, heißt es in dem im Haymon-Verlag erschienenen Standardwerk „Niederösterreich. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart“, verfasst von Stefan Eminger und Ernst Langthaler.

Die unterschiedlichen Motive für die Trennung
Die Trennung von Niederösterreich und Wien wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts diskutiert. 1919 wollten vor allem die Konservativen die Trennung, nicht nur die Vertreter der niederösterreichischen Bauern, sondern auch die Christlichsozialen der übrigen Bundesländer drängten auf die Teilung, vor allem deshalb, weil das nun sozialdemokratisch regierte Niederösterreich als das weitaus größte und bevölkerungsreichste Gebiet die anderen Länder dominiert hätte.

„Die Fronten verliefen teilweise auch durch die einzelnen Parteien. So argumentierten die Wiener Christlichsozialen und die niederösterreichischen Sozialdemokraten eher gegen eine Separation. Sie fürchteten ihre Marginalisierung und versuchten ihre Zustimmung zu einer Trennung an Bedingungen zu knüpfen“, schreiben Eminger/Langthaler.
Niederösterreichisches Landesarchiv
In diesem Saal im Niederösterreichischen Landhaus in der Wiener Herrengasse wurden Entscheidungen mit Auswirkungen auf die Landes- und Bundesgeschichte getroffen

Die rechtliche Grundlage für die Trennung von Niederösterreich und Wien und damit für die politische Eigenständigkeit der beiden Bundesländer hatte die im Herbst 1920 beschlossene Bundesverfassung geschaffen, die am 10. November 1920 in Kraft getreten war. Schon in der Bundesverfassung wurde Niederösterreich in zwei weitgehend autonome Landesteile (Stadt Wien und Niederösterreich-Land) getrennt. Am 30. November 1920 gab sich Niederösterreich-Land eine eigene Verfassung (siehe Bild ganz oben), einen knappen Monat später folgte Wien. Bis zur endgültigen Trennung existierte noch ein gemeinsamer Landtag und eine gemeinsame Verfassung.

Für die Trennung von Wien und Niederösterreich – drei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie – wurden also vor allem macht- und staatspolitische Gründe, aber auch die großen Unterschiede in Alltag und Lebenskultur angeführt. Das sozialdemokratische Wien und das christlich-soziale Niederösterreich wollten die Trennung, jeder erwartete sich politische Vorteile durch absolute Mehrheitsverhältnisse.

Die Nachteile der Trennung
Nachteile gab es für die beiden neuen Bundesländer natürlich auch, auf niederösterreichischer Seite vor allem im Wirtschaftsbereich: „Niederösterreich hat durch die Trennung sicherlich seine wohlhabendsten und produktivsten Regionen verloren“, so der Historiker Stefan Eminger, Leiter des Referats für Zeitgeschichte im Niederösterreichischen Landesarchiv. „In sozialstruktureller Hinsicht ist Niederösterreich durch die Trennung noch stärker Agrarland geworden, als es ohnehin schon war.“

ORF/Julia Freytag
Erst 1986 wurde St. Pölten Landeshauptstadt von Niederösterreich

Wien war ab 1922 weiterhin Sitz der Niederösterreichischen Landesregierung. Das Niederösterreichische Landhaus in der Herrengasse in der Innenstadt blieb zwar nach 1921 zur Hälfte im Eigentum Wiens, wurde aber zur Gänze dem neuen Land Niederösterreich übertragen, solange Landtag und Landesregierung dort amtieren. Erst als 1986 St. Pölten Landeshauptstadt des größten österreichischen Bundeslandes wurde, übertrug Wien Niederösterreich seinen Anteil und erhielt dafür Grundstücke im Bereich der nördlichen Donauinsel.

Die Frage nach der Landesidentität
Das Trennungsgesetz aus dem Jahr 1921 löste damals unter anderem auch eine Frage nach der Landesidentität aus. „Dadurch, dass man mit Wien die Landeshauptstadt verloren hat und keine eigene Landeshauptstadt hatte, blieb die niederösterreichische Landesidentität relativ blass und wenig ausgeprägt“, sagt Stefan Eminger. Erst mehr als 60 Jahre nach dem Trennungsgesetz bekam Niederösterreich eine eigene Hauptstadt, Wien wurde von St. Pölten als der zentrale Standort und Mittelpunkt des Landes abgelöst.
19.12.2021, Reinhard Linke, noe.ORF.at

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#3
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
100 Jahre mit wechselvoller Geschichte
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Niederösterreich ist ein vielfältiges Land, reich an Kultur und Geschichte. Seinen heutigen Namen trägt das Land noch nicht lange, dieser ist erst seit 100 Jahren sozusagen amtlich. noe.ORF.at mit einem Überblick, was in dieser Zeit passiert ist.
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Mit 1. Jänner 1922 wird die Trennung von Wien und Niederösterreich als jeweils selbstständiges Bundesland umgesetzt. Zu Beginn hatte das Land noch einfach „Ostarrichi“ für Österreich geheißen, später Erzherzogtum unter der Enns.

Niederösterreich setzt in den 1920er-Jahre alles daran, das Land zu modernisieren. Örtliche Elektrizitätsvereine sorgen dafür, dass ländliche Gebiete mit Strom versorgt werden, damit mit Motorenkraft die landwirtschaftliche Produktion vorangetrieben werden kann.
In der Thermenregion werden die ersten großen Freibäder gebaut, wie Bad Vöslau (Bezirk Baden) oder das Strandbad von Baden. Die erste Seilbahn Österreichs wird 1926 eröffnet, sie führt auf das Hochplateau der Rax (Bezirk Neunkirchen).

Raxalpen Touristik
Die erste Seilbahn Österreichs wurde am 9. Juni 1926 eröffnet. Der Preis für eine Bergfahrt betrug zu Beginn fünf Schilling.

Zweiter Weltkrieg dämpft den Fortschritt
Die politisch unruhigen 1930er-Jahre dämpfen den Fortschritt und der Zweite Weltkrieg zerstört viel Erreichtes. Wiener Neustadt wird etwa zum Ziel zahlreicher alliierter Luftangriffe und völlig zerbombt. Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt das Land zehn Jahre lang in der sowjetischen Besatzungszone.

Die Wirren der Zwischenkriegszeit und vor allem der Zweite Weltkrieg machen fast alle Anstrengungen zunichte. Während Niederösterreich in die sowjetische Besatzungszone fällt, verschwinden in den 1950er-Jahren die nördlichen und östlichen Nachbarn – das heutige Tschechien und die Slowakei – für Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang. 1989, im großen Jahr des Zusammenbruchs der kommunistischen Regime, beginnt eine neue Ära. Der Stacheldraht wird zerschnitten.


HOPI MEDIA/Bernhard J. Holzner
Ein Bild, das um die Welt ging: Außenminister Alois Mock (l.) und sein ungarischer Kollege Gyula Horn schneiden im Juni 1989 den Eisernen Vorhang bei Sopron durch

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs ergeben sich auch neue kulturelle, touristische und wirtschaftliche Perspektiven für Niederösterreich. Das Land rückt vom Rand in die Mitte Europas und wird zum verbindenden Brückenbauer.

1986: St. Pölten wird Landeshauptstadt
Wenige Jahre davor, 1986, gibt die Wahl einer eigenen Landeshauptstadt dem Land einen weiteren Schub. 1997 bezieht die Landesregierung ihren neuen Sitz in der Neuen Herrengasse in Sankt Pölten. Im benachbarten Kulturbezirk setzten die namhaften Architekten Klaus Kada mit dem Festspielhaus und Hans Hollein mit dem Landesmuseum markante architektonische Akzente.

Weitere spannende Museen entstehen im Laufe der Jahre: das Karikaturmuseum in Krems, ein historisches Bad in Baden wird zur Heimstätte der Werke von Arnulf Rainer, in Mistelbach entsteht das Hermann-Nitsch-Museum. In Maria Gugging (Bezirk Tulln) verschaffen sich die Künstler der Art brut Weltgeltung. Und schließlich erhält die Landesgalerie Niederösterreich in Krems ein architektonisches Gesicht mit Charakter.

ORF/Julia Freytag
1986 wird St. Pölten zur Landeshauptstadt, hier im Bild: der Sitz des Landtags am Ufer der Traisen, der einem Schiff nachempfunden ist

In Grafenegg (Bezirk Krems), im Wolkenturm, gastieren alljährlich die weltbesten Orchester sowie Künstlerinnen und Künstler. Rund 20 Sommertheaterbühnen versetzen zudem alljährlich 200.000 Besucherinnen und Besucher in Erstaunen.

Wirtschaft und Tourismus blühen auf
Auch die Wirtschaft blüht auf. Ab den 1990er-Jahren wächst das Jobangebot stärker als die Bevölkerungszahl. Niederösterreich wird führend bei der Ansiedlung hochspezialisierter Industriebetriebe. Mit der Donau-Universität in Krems und der Exzellenzforschungsstätte IST Austria in Maria Gugging bei Klosterneuburg (Bezirk Tulln) wird Niederösterreich auch Universitätsstandort.

Der Tourismus breitet sich im Laufe der Jahrzehnte auf das ganze Land aus. Die Birnbaumblüte im Mostviertel, die Waldviertler Kraftplätze, die Kellergassen des Weinviertels oder die Thermen im Süden seien hier erwähnt. Dazu kommen die kulinarische Genüsse der vier Landesviertel.

Mostviertel Tourismus, weinfranz.at
Die Birnbaumblüte lockt jedes Jahr zahlreiche Besucherinnen und Besucher ins Mostviertel

Mit der Semmeringbahn, der Wachau, dem Donaulimes und der Kurstadt Baden gibt es mittlerweile vier Weltkulturerberegionen in Niederösterreich, außerdem 71 Naturschutzgebiete und zwei Nationalparks.

Niederösterreich ist eben ein vielfältiges und vielgestaltiges Land – nicht nur in den wechselnden Farben der Jahreszeiten, sondern auch in den landschaftlichen Formen. Von den tiefsten Punkten im Osten mit etwas mehr als 150 Metern Seehöhe bis hin zu den höchsten Gipfeln des Landes, wie dem Schneeberg mit 2.076 Höhenmetern.
31.12.2021, Hannes Steindl, noe.ORF.at
100 Jahre mit wechselvoller Geschichte
 

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#4
„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
1923: Justizskandal nach „Blutbad“ durch Nazis
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Anfang der 1920er-Jahre sind die Nationalsozialisten zwar noch eine unbedeutende Kleinpartei, trotzdem zeigten sie bereits besondere Gewalttätigkeit. 1923 wurde in Spillern (Bezirk Korneuburg) ein Bursch erschossen, die Angeklagten wurden aber freigesprochen.
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„Spillern war bilderbuchartig für die zunehmenden Konflikte zwischen Nationalsozialisten und Sozialisten“, erzählt Christian Rapp, Wissenschaftlicher Leiter im Haus der Geschichte in St. Pölten. Obwohl die Nazis damals noch eine „unbedeutende Partei“ waren, sahen sie die Sozialisten „als starke Konkurrenz“, sagt Rapp: „Die Nazis haben sich als revolutionäre Arbeiterbewegung verstanden, aber national.“

Die Sozialisten waren damals zwar die viel „bedeutendere Partei, mitgliederstark und gut organisiert“, erklärt Rapp, im Gegensatz dazu waren die Nationalsozialisten in ihrem Auftreten „sehr aggressiv und stark bewaffnet“. Bereits im Herbst 1920, als Adolf Hitler in den St. Pöltner Stadtsälen auftrat, konnte ein Zusammenstoß zwischen Anhängern beider Gruppen nur knapp verhindert werden.

„Nazi-Schlägertruppe“ aus Wien
Am 29. September 1923 war in einem Gasthaus in Spillern eine Versammlung der Nationalsozialisten geplant. Diese hatten sich mit einer Schutztruppe aus Wien – vor allem Jugendliche – verstärkt. „Ein Schlägertrupp mit 25 Leuten, 17, 18, 19 Jahre alt und schwerst bewaffnet. Man hatte auch den Eindruck, sie sind aus Freude gekommen, dass etwas passieren könnte“, schildert der Historiker.

Bei den Sozialisten – Spillern galt damals als Arbeiterort – sorgte das Treffen für Empörung, dutzende Arbeiter umstellten das Lokal. Die Versammlung wurde daraufhin zwar aufgelöst, die Nazis marschierten auf der Straße Richtung Wien, begleitet von Beschimpfungen und Steinwürfen durch die Bevölkerung, sagt Rapp: „Und plötzlich hieß es ‚Kommando retour, Feuer! Sturm!‘“

Auf dieses Kommando hin fielen mehr als 30 Schüsse. Der unbeteiligte 16-jährige Franz Kovarik, der gerade aus einem Haus kam, wurde von einer Kugel am Kopf getroffen und starb, ein 17-jähriger Tischlerlehrling wurde durch einen Streifschuss verletzt. Am Begräbnis nahmen 15.000 Menschen teil. Der „Volksbote“ schrieb damals von einem „Blutbad“, das die „Hakenkreuzler unter den Arbeitern angerichtet haben“.

Fotostrecke
Gemeinde Spillern
15.000 Menschen nahmen am Begräbnis von Franz Kovarik teil
Gemeinde Spillern
Gemeinde Spillern
Der Anlass war zugleich eine Großkundgebung der Sozialdemokratie gegen den Nationalsozialismus
SPÖ Stockerau
Gemeinde Spillern

Freispruch sorgte für Empörung
Die Täter – insgesamt 28 Männer – wurden festgenommen, fünf davon am 11. Dezember vor Gericht gestellt. Doch trotz belastender Zeugenaussagen wurden die fünf Angeklagten von den zwölf Geschworenen freigesprochen, was in den Medien und der Öffentlichkeit für Empörung sorgte. Die Täter erhielten lediglich geringe Geldstrafen wegen Übertretung des Waffenpatents.

Christian Rapp spricht von einer „guten Prozessführung“ im Sinne der Angeklagten und einem „geschickten Verteidiger“, dem es gelang, „so viel Verwirrung hineinzubringen, dass die Geschworenen im Zweifel für einen Freispruch entschieden“. Denn während des Prozesses konnten sich manche nicht mehr erinnern oder die Aussagen waren sehr diffus. „Es war damals ein gewalttätiges Milieu und man unterstellt, dass manche auch unter Druck gesetzt wurden.“
ORF
Das Grab von Franz Kovarik erinnert in Spillern heute noch an den Tumult, ebenso eine Straße, die nach ihm bekannt wurde

Für viele Beobachter und Sozialisten war es ein weiterer Justizskandal, denn bereits zuvor gab es bei ähnlichen tödlichen Tumulten in Wien ebenfalls milde Urteile für die Täter. Das Gewaltlevel in der Ersten Republik sei generell „enorm hoch“ gewesen, bilanziert Rapp, regelmäßig gab es politisch motivierte Morde oder Raufereien mit schweren Verletzungen.

Blutsonntag in Klosterneuburg
Vier Jahre nach Spillern, im Juli 1927, kam es etwa im Klosterneuburger Freibad zu einem blutigen Tumult. Die Windjacken (Nationalsozialisten, Anm.) begannen laut damaligen Zeitungsberichten herumzustänkern, die Arbeiter ließen sich das nicht gefallen, woraufhin hunderte Menschen mit Schlagstöcken aufeinander einschlugen. „So kann es nicht weitergehen!“, resümierte eine Zeitung. Doch die Republik kam nicht zur Ruhe.

Wenige Tage später brannte – infolge der Urteile im Schattendorf-Prozess – in Wien der Justizpalast. Drei Mitglieder der Frontkämpfer hatten zu Beginn des Jahres 1927 bei Tumulten in der burgenländischen Gemeinde einen Mann und ein Kind erschossen. Der Freispruch der drei angeklagten Männer war für viele Sozialisten der Höhepunkt einer scheinbaren Klassenjustiz. Rapp sieht im Fall von Schattendorf jedenfalls viel Ähnlichkeit mit jenem von Spillern.

Unklar bleibt dem Historiker zufolge, welche Rolle die spätere Ideologie der Nationalsozialisten bei den Beteiligten in Spillern spielte. Denn innerhalb der Partei gab es unterschiedliche Gruppierungen, nicht alle davon wollten sich Adolf Hitler unterstellen, sagt Rapp. In der NSDAP spielten sie später jedenfalls „keine Rolle. Sie sind alle keine Pioniere gewesen“.
07.01.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

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1923: Justizskandal nach „Blutbad“ durch Nazis
 

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„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
Neue Kraftwerke beenden kuriose Monopole
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Anfang der 1920er-Jahre stieg der Energiebedarf durch die Modernisierung des Landes stark an. Das Land setzte auf den Bau neuer Kraftwerke und beschloss die Elektrifizierung der Gebiete. Damit wurden auch kuriose „Mini-Monopole“ beendet.
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Die Elektrifizierung Niederösterreichs begann mit der Mariazellerbahn. Für deren Versorgung war schließlich viel Strom notwendig. Deshalb wurde bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Wienerbruck (Bezirk Lilienfeld; siehe Karte) ein Wasserkraftwerk errichtet. Das damalige Landeselektrizitätswerk entstand als Abspaltung aus den Landesbahnen.

Die Kapazität des Speicherkraftwerks mit zwei Stauseen war aber größer, als es für die Stromversorgung der elektrischen Zugförderung erforderlich war. Deshalb erstreckte sich die Stromversorgung nicht nur auf das Gebiet entlang der Mariazeller Bahn, sondern bis in den Raum St. Pölten, „womit man den Aufstieg der Stadt als Industriestandort mitgefördert hat“, erzählt EVN-Unternehmenshistoriker Georg Rigele.

EVN
Seit mehr als 110 Jahren versorgt das Kraftwerk Wienerbruck mittlerweile viele Haushalte mit Strom

Ortsnetze mit tückischen „Mini-Monopolen“
Immerhin siedelten sich hier im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts große Industriebetriebe an. Doch abgesehen von diesem Gebiet gab es in Niederösterreich damals vor allem viele kleine, sehr regionale Verbünde, etwa in einzelnen Orten oder Bezirken. Landesweit wurden im Jahr 1924 etwa 603 Ortsnetze mit elektrischem Strom versorgt, entweder über Wasserkraftwerke oder mit Dieselgeneratoren.



In der Praxis konnten die „Mini-Monopole“ aber so manche Tücken haben, weiß Rigele, etwa bei einem Wohnsitzwechsel in den Nachbarort: „Denn als Kunde eines E-Werks war man verpflichtet, Installationen, auch Glühbirnen, dieses Unternehmens zu verwenden.“ Im harmlosen Fall sei dort nur ein Stempel darauf gewesen, „aber wenn man besonderes Pech hatte, war sogar die Fassung speziell, sodass Sie Ihre Glühbirne woanders nicht einschrauben konnten.“

Ein Land wächst zusammen
Das Ziel der im Jahr 1922 gegründeten Niederösterreichischen Elektrizitätswirtschafts-Aktiengesellschaft (NEWAG) – seit 1988 EVN – war es also, die verschiedenen Versorgungsgebiete zu verbinden. Zunächst betraf das den Großraum St. Pölten mit dem Wirtschaftsraum Wiener Neustadt, später folgten sukzessive die weiteren Landeszentren, etwa Richtung Amstetten oder Stockerau.

EVN
Gleichzeitig wurden in dieser Zeit auch Gebiete nach und nach elektrifiziert, etwa das ganze Weinviertel. „Das wurde schon in den ersten zehn Jahren komplett elektrifiziert“, schildert Rigele. Wegen des steigenden Strombedarfs wurden in dieser Zeit auch neue Kraftwerke errichtet, etwa das Wasserkraftwerk Erlaufboden (Bezirk Lilienfeld), das noch heute Strom für etwa 4.000 Haushalte liefert, oder jenes in Oberndorf (Bezirk St. Pölten).
Mit diesen Investitionen wurde das Land auch weniger abhängig von teuren Rohstoffimporten. Denn nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg bzw. durch den Zerfall der Monarchie lagen die rohstoffreichen Gebiete – Erdöl aus Galizien oder Kohle aus Mähren und Schlesien – nun außerhalb der Landesgrenzen. „Deshalb war der Ausbau der Wasserkraft eine Priorität“, sagt EVN-Experte Rigele.

Die große Nachfrage nach Gas – für die EVN heute das zweite große Standbein – begann hingegen erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die ersten Gaskraftwerke wurden zwar schon früher – mit Kohle – betrieben. Ab den 1950er-Jahren erlebte jedoch Erdgas aus dem Weinviertel – als Nebenprodukt der Ölförderung – einen großen Aufschwung. Das Land und die NEWAG gründeten daraufhin die Erdgasvertriebsgesellschaft (Niogas).

Konflikte um Zentralraum Wien
Für Konflikte zwischen den ehemals vereinten Bundesländern Wien und Niederösterreich sorgte immer wieder, dass die Wiener E-Werke – aus historischen Gründen – auch Teile Niederösterreichs versorgten, etwa im Wiener Becken. Doch trotz der Trennung 1922 wollte Wien diese Gebiete nicht abtreten. Deren Argument: Wir haben das Gebiet elektrifiziert, somit ist das unser Gebiet. Niederösterreich bzw. die NEWAG wollte hingegen immer die Kontrolle über das gesamte Land.

EVN
Das Stromversorgungsnetz der Wiener E-Werke im August 1969, weshalb es zwischen Niederösterreich und Wien Konflikte gab

Laut Rigele hatte das vor allem wirtschaftliche Gründe, denn der Wiener Zentralraum sei für Stromversorger das „perfekte Gebiet“: „Er hat einerseits topographisch sehr günstige Voraussetzungen, um ein Stromnetz zu betreiben, die Kosten sind geringer als im Alpenvorland, und andererseits ist die Fläche dicht besiedelt, mit Menschen und Betrieben.“

Dieser Konflikt wurde nie gelöst, vielmehr löste er sich selbst in Luft auf. Denn seit der Privatisierung des Strommarkts rund um die 2000er-Jahre können die Kunden ihren Versorger frei wählen. Zudem arbeiten EVN und Wien Energie – im Rahmen der EnergieAllianz Austria – mittlerweile eng zusammen. Die „Pointe der Geschichte“ ist laut Rigele: Wien Energie ist heute – 100 Jahre nach der gemeinsamen Gründung – wieder ein Großaktionär der EVN.
10.01.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

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Neue Kraftwerke beenden kuriose Monopole
 

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„100 JAHRE NIEDERÖSTERREICH“
„Am schwebenden Seil“ auf die Rax
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Der Bau der Rax-Seilbahn gilt als Meisterleistung der heimischen Ingenieurskunst. 1926 wurde Österreichs erste Seilschwebebahn eröffnet und trieb damit auch den Tourismus voran. Trotzdem sollte sie nur wenige Jahre später schon wieder gesprengt werden.
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Als „Mittelding zwischen Flugzeug und Omnibus“ beschrieb die Neue Freie Presse die Seilbahn nach der Eröffnung und lobte sie als „eine Ruhmestat österreichischen Erfindergeistes und österreichischer Arbeit“. Zwei Kilometer führte sie von Hirschwang (Bezirk Neunkirchen) auf die Rax und überwindet dabei mehr als 1.000 Höhenmeter. „Mit Lackschuhen auf die Rax“, titelte wiederum das Welt-Blatt.

Aus den Hüttenbüchern zeigt sich, dass die Rax zwar bereits um die Jahrhundertwende ein beliebtes Ausflugsziel war, „nur musste man die Rax aus eigener Muskelkraft besteigen“, erzählte Gemeindehistoriker Gottfried Brandstätter. Die einzige Ausnahme war der Schweizer Fauteuil-Alpenwagen, ein kleiner Wagen, der von Maultieren über den Schlangenweg zum Ludwighaus gezogen wurde.

Konkurrenz treibt Pläne voran
Wesentlich bequemer war der Weg ins Hochgebirge hingegen am Schneeberg, nur wenige Kilometer entfernt. Dort konnten Touristen seit der Eröffnung der Zahnradbahn 1897 „gemütlich“ auf den Berg fahren. „Deshalb begann sich auch der Tourismus immer mehr in diese Region zu verlagern und das war eigentlich der Grund, weshalb im Reichenauer Tal immer mehr Stimmen laut wurden, man möge doch auch die Rax mit einer Bahn erschließen“, sagte Brandstätter.



Zunächst gab es aber große Skepsis: Die Bergsteiger fürchteten um die Ruhe in den Alpen, die Gemeinde Wien sorgte sich um die Qualität bzw. Verschmutzung des Quellwassers. Nach intensiven Diskussionen genehmigte der Bund 1910 das Projekt, Pläne wurden ausgearbeitet. Die Strecke von Preiner Gscheid zum Ludwig-Haus erwies sich allerdings als zu Steinschlag- und Lawinengefährdet, weshalb die Pläne verworfen wurden.

Bau war „reine Handarbeit“
Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde ein neuer Anlauf unternommen, beflügelt durch den regen Ausflugsverkehr und den zunehmenden Berg-Tourismus. Erneut wurden Trassen geprüft und Pläne gezeichnet. Im September 1924 begannen die technischen Vorarbeiten. Das steile Gelände war aber eine Herausforderung, „weil es damals noch keine Hilfsmaschinen gegeben hat, das heißt das war reine Handarbeit“, erinnert sich Brandstätter.

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Österreichische Bergbahnen
Errichtung des Zugseilspannturms
Österreichische Bergbahnen
Baubesprechung
Österreichische Bergbahnen
Österreichische Bergbahnen
Abbindeplatz, hier wurden die 14 Stützen der Materialseilbahn gefertigt
Österreichische Bergbahnen
Bau der Hilfsbahn Talstation
Österreichische Bergbahnen
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1925: Beginn des Seilziehens für die Materialbahnstützen
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Raxbahn-Talstation Baubeginn
Österreichische Bergbahnen
1925: Parterregleiche Bergstation
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Seiltransport beim Erlangerpark Reichenau
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1926: Seilbringung über die Schwarza in Hirschwang
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Tragseileinziehen mit einer 10 Tonnen-Winde am Plateau

124 Männer und Frauen arbeiteten zwei Jahre lang fast rund um die Uhr an dem Bau, und zwar „unfallfrei“ wie Brandstätter hinzufügt, „obwohl auch im Winter durchgearbeitet wurde. Erstaunlich, dass hier nichts passiert ist“.
Eine letzte Schwierigkeit war, das Seil, dass per Bahn bis zum Bahnhof Payerbach geliefert wurde, nach Hirschwang zu bringen. Das Gefährt wog 40 Tonnen, schildert der Gemeindehistoriker: „Weil es damals noch keine asphaltierten Straßen gab, musste man entlang der Strecke Stahlplatten unter die Räder legen, damit der Wagen nicht umkippt und Brücken zusätzlich stützen.“
Kronen Zeitung
Der Einsatz zahlte sich aus, denn mit der Eröffnung am 9. Juni 1926 – im Beisein des Bundespräsidenten Michael Hainisch – kamen die Touristen in Scharen zurück – zum Wandern, zur Sommerfrische oder nur um die neue Attraktion zu sehen. In den folgenden Jahren stieg dadurch die Bedeutung der Raxalpe, für den Ausflugs- als auch den Fremdenverkehr.

Das Davos Österreichs
Die Rax-Seilbahn gilt deshalb auch als ein Meilenstein für den Tourismus in den Niederösterreichischen Alpen. Die Gäste reisten ab sofort nicht nur zur Sommerfrische in das Rax-Semmering-Gebiet, sondern auch der Wintersport wurde in den 1920-er Jahren immer populärer. Die Nähe zu Wien ist dabei ein besonderer Vorteil. Die Rax mit ihrer modernen Seilbahn wird damals sogar mit den noblen Schweizer Touristenorten Davos und St. Moritz verglichen.

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Eine Firmensonderfahrt
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Busse bringen Bergsportler

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Großer Andrang bei der Talstation

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Ausflügler auf dem Rax-Plateau

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Wintersport auf der Bergstation

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Sprungbewerb auf der Gustav-Jahn-Schanze

Trotzdem dachte man während des Zweiten Weltkriegs darüber nach, die Stützen der Seilbahn zu sprengen. „Ein deutscher Offizier stellte aber fest, dass die Seilbahn und die Stützen keinen maßgeblichen Einfluss auf das Kriegsgeschehen haben“, erzählt Brandstätter, die Seilbahn blieb erhalten. Stattdessen wurde am Jakobskogel eine Beobachtungsstation errichtet, um die feindlichen Geschwader besser sehen zu können.

Blütephase im Zweiten Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkrieges erlebte die Rax übrigens die Blütephase – mit bis zu 240.000 Besucherinnen und Besuchern im Jahr. „Diejenigen, die nicht im Krieg waren, hatten viel mehr Freizeit, es gab wenig Arbeit, also versuchte man in der Freizeit etwas zu unternehmen“, sagt Brandstätter, der anlässlich des 90-jährigen Jubiläums der Seilbahn ein Buch schrieb.

Nach dem Krieg fand die Seilbahn zu ihrer alten Beliebtheit zurück. Durch mehrere Umbauten wurde etwa der Fassungsraum der Seilbahnwagen von ursprünglich 23 auf 40 Personen erhöht. Die Technik der Bahn entwickelte sich seither ebenfalls weiter. Die Grundmauern der Stationsgebäude und die Stütztragwerke stehen aber bis heute – und nach wie vor fährt das Meisterstück heimischer Ingenieurskunst unfallfrei.
17.01.2022, Stefan Schwarzwald-Sailer, noe.ORF.at

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„Am schwebenden Seil“ auf die Rax

Siehe auch: Raxalpe (Beiträge #2 - #4)
 
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