365 Meter Gesamthöhe
Weltweit höchstes Windrad steht – und überflügelt den Eiffelturm
Die Anlage im deutschen Schipkau ist ein Forschungsprojekt, um die Vorteile höherer Windkraftanlagen experimentell zu testen
Weltweit höchstes Windrad steht – und überflügelt den Eiffelturm
Weltweit höchstes Windrad steht – und überflügelt den Eiffelturm
Die Anlage im deutschen Schipkau ist ein Forschungsprojekt, um die Vorteile höherer Windkraftanlagen experimentell zu testen
Weit mehr als 300 Meter hoch ragt es in den Himmel – höher als der Eiffelturm und fast so hoch wie der Wiener Donauturm (252 Meter) plus der Stephansdom (136 Meter) übereinandergestapelt. Am Montag hat in Schipkau im deutschen Bundesland Brandenburg das höchste Windrad der Welt seine endgültige Höhe erreicht. Mit 365 Metern kommt es sehr knapp an den Berliner Fernsehturm heran, das mit 368 Metern höchste Gebäude Deutschlands.
Auf dem Weg zum Weltrekord: Der Gicon-Höhenwindturm am Montag, kurz vor der finalen Anhebung des inneren Gerüstteils. Seit Montagabend ist er, gemessen an der Spitze des obersten Rotorblatts, 365 Meter hoch.
IMAGO/Rainer Weisflog
Am Freitag bogen die Bauarbeiten am Gicon-Höhenwindturm – so die offizielle Bezeichnung – auf die Zielgerade ein. Da begannen Fachleute des Unternehmens Gicon damit, das innere Gerüst mitsamt der Turbine und den drei jeweils 65 Meter langen Rotorblätter hochzuziehen. Wegen zu starken Windes mussten diese Arbeiten bis Montag bei 250 Metern Höhe unterbrochen werden, ehe die Fertigstellung gelang.
Prototyp für die Forschung
Wenn er dann in Betrieb geht, soll die weltweit höchsten Windkraftanlage, die zwischen Berlin und Dresden steht, Strom für bis zu 7500 Haushalte produzieren. Das ist doppelt so viel wie bisherige Anlagen, aber bisher nur eine gut begründete Hypothese. Denn das Riesenwindrad ist vor allem auch ein Forschungsprojekt, das eine offene Frage klären soll, die Energiefachleute seit Jahrzehnten umtreibt: Lässt sich Windstrom in großen Höhen effizienter und günstiger erzeugen als mit heutigen Anlagen?
Die Idee dahinter klingt zunächst einfach. Je weiter man sich vom Boden entfernt, desto weniger bremsen Bäume, Gebäude oder Hügel die Luftströmungen. Der Wind weht dort oben stärker und gleichmäßiger. Aus diesem Grund wurden Windmühlen seit Jahrhunderten auf Anhöhen errichtet. Moderne Windkraftanlagen erreichen heute Nabenhöhen von meist 100 bis 150 Metern. Doch manche Fachleute vermuten schon lange, dass das eigentliche Potenzial erst in Höhen zwischen 250 und 300 Metern beginnt.
Bislang fehlte allerdings eine praktikable Möglichkeit, derart hohe Anlagen zu bauen. Für konventionelle Windräder gibt es keine Kräne, die Rotoren und Generatoren in 300 Metern Höhe montieren können. Das Projekt in Schipkau setzt deshalb auf eine ungewöhnliche Konstruktion: Ein teleskopartiger Stahlfachwerkturm wird hydraulisch ausgefahren und hebt die bereits montierte Gondel samt Rotor schrittweise auf ihre endgültige Höhe. Noch fehlen, siehe oben, 50 Meter.
Wie viel mehr Wind?
Aus wissenschaftlicher Sicht spricht vieles für das Konzept. "Es ist aus der Meteorologie wohl bekannt, dass die Windgeschwindigkeit mit der Höhe zunimmt", erklärt der frühere Karlsruher Klimaforscher Stefan Emeis gegenüber dem Science Media Center Deutschland. Zugleich werde der Wind in größeren Höhen gleichmäßiger, die Turbulenz nehme ab. Das könne nicht nur die Stromproduktion erhöhen, sondern auch die Lebensdauer der Anlagen verlängern.
Die beiden ineinander verschachtelten Stahlgerüste des Windturms. Das Innere wurde – mittlerweile mit Turbine und den drei Rotorblättern – angehoben und steht nun bei 300 Metern.
www.gicon.de
Messungen am Standort Schipkau liefern bereits erste Hinweise auf die möglichen Vorteile. In 300 Metern Höhe wurde eine durchschnittliche Windgeschwindigkeit von 8,5 Metern pro Sekunde gemessen, gegenüber 6,7 Metern pro Sekunde in 150 Metern Höhe. Das klingt nach einem vergleichsweise kleinen Unterschied, hat aber große Auswirkungen auf die Stromproduktion.
Weil die im Wind enthaltene Energie überproportional mit der Windgeschwindigkeit steigt, könnte der Ertrag laut Emeis um rund 63 Prozent höher ausfallen als bei einer vergleichbaren Anlage auf halber Höhe. "Die Hoffnung auf einen höheren Ertrag ist gerechtfertigt, die veröffentlichten Zahlen sind plausibel", sagt er.
Ähnlich beurteilt dies Christoph Winkler vom Forschungszentrum Jülich. "Physikalisch bedingt wird ein Höhenwindrad mit einer Nabenhöhe von 300 Metern tatsächlich einen höheren Ertrag liefern als ein konventionelles Windrad", betont er. Besonders interessant sei, dass der Vorteil im Winter besonders groß ausfalle – genau dann, wenn Solaranlagen in Mitteleuropa weniger Strom erzeugen.
Die Fragen der Kosten
Ob die Anlagen auch wirtschaftlich konkurrenzfähig werden, ist allerdings noch offen. Das Demonstrationsprojekt in Schipkau soll genau darüber Aufschluss geben. Denn höhere Stromerträge allein reichen nicht aus, wenn die Baukosten überproportional steigen.
Seit Freitag wurde – nach Maßgabe der Windverhältnisse – quasi Tag und Nacht an der Fertigstellung des Windrads gearbeitet.
IMAGO/Rainer Weisflog
Emeis verweist darauf, dass die bislang verfügbaren Zahlen keine belastbare Wirtschaftlichkeitsrechnung erlauben. "Die Baukosten steigen wesentlich stärker mit der Höhe über Grund als die zu erwartenden Erträge", sagt er. Dennoch könnte die Technologie Vorteile bieten, weil die Stromerzeugung gleichmäßiger erfolgt und dadurch die Belastung der Stromnetze sinkt.
Auch Winkler sieht die Wirtschaftlichkeit als zentrale Herausforderung. Nach derzeitigen Schätzungen liegen die spezifischen Baukosten noch deutlich über jenen konventioneller Windräder. Um ähnliche Stromgestehungskosten (also die Kosten pro erzeugter Kilowattstunde über die gesamte Lebensdauer) zu erreichen, müssten der Aufwand erheblich sinken. Gleichzeitig verweist er darauf, dass erste Prototypen fast immer deutlich teurer seien als spätere Serienmodelle. "Das Ziel erscheint größenordnungsmäßig realistisch, wenn das Konzept wirklich in Serie geht", sagt er.
Doppelstöckige Anlagen?
Besonders interessant finden Forscher einen weiteren möglichen Vorteil. Höhenwindräder könnten oberhalb bestehender Windparks betrieben werden und damit zusätzliche Energie liefern, ohne neue Flächen zu beanspruchen.
"Das erlaubt, Höhenwindräder zwischen jeweils zwei konventionelle Windräder zu platzieren und so die installierte Leistung pro Fläche zu verdoppeln", erklärt Winkler. Vereinfacht gesagt könnte man zwei Windparks übereinander errichten – einen in 150 Metern Höhe und einen zweiten darüber. In dicht besiedelten Ländern, in denen geeignete Flächen knapp werden, wäre das ein erheblicher Vorteil.
Hohe Sichtbarkeit
Nicht alle Fragen betreffen Technik und Wirtschaft. Ein 300 Meter hohes Windrad verändert auch das Landschaftsbild. Die Anlagen wären aus deutlich größerer Entfernung sichtbar als heutige Windkraftwerke.
Winkler verweist deshalb auf die gesellschaftliche Akzeptanz als einen wichtigen Forschungsaspekt. Noch sei unklar, wie Bevölkerung und Behörden auf Windräder reagieren werden, die fast doppelt so hoch sind wie die meisten heutigen Anlagen. Zudem könnten größere Mindestabstände zu Siedlungen notwendig werden.
Entscheidende Erkenntnisse
Ob sich die Vision der Höhenwindkraft durchsetzt, wird sich nicht in wenigen Wochen entscheiden. Die eigentliche Forschungsarbeit beginnt erst mit der Inbetriebnahme der Anlage. Dann werden die Betreiber Daten über Windverhältnisse, Stromproduktion, Belastungen der Konstruktion und Wartungskosten sammeln.
Für Emeis steht bereits fest, dass das Projekt wichtige Erkenntnisse liefern wird – unabhängig davon, ob am Ende ein wirtschaftlicher Durchbruch gelingt. "Die Anlage in Schipkau wird neue Erkenntnisse zur Höhenwindnutzung und zur Bautechnik bringen", sagt er. Die entscheidende Frage bleibe jedoch offen: "Die Wirtschaftlichkeit solcher Anlagen ist derzeit noch nicht abschätzbar."
Genau darin liegt die Bedeutung des Projekts. Es soll nicht beweisen, dass 300 Meter hohe Windräder die Zukunft sind. Es soll erstmals belastbare Daten liefern, ob sich die Jagd nach stärkerem Wind in immer größeren Höhen tatsächlich lohnt – technisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich.
(red, tasch, 28.9.2026)
Auf dem Weg zum Weltrekord: Der Gicon-Höhenwindturm am Montag, kurz vor der finalen Anhebung des inneren Gerüstteils. Seit Montagabend ist er, gemessen an der Spitze des obersten Rotorblatts, 365 Meter hoch.
IMAGO/Rainer Weisflog
Am Freitag bogen die Bauarbeiten am Gicon-Höhenwindturm – so die offizielle Bezeichnung – auf die Zielgerade ein. Da begannen Fachleute des Unternehmens Gicon damit, das innere Gerüst mitsamt der Turbine und den drei jeweils 65 Meter langen Rotorblätter hochzuziehen. Wegen zu starken Windes mussten diese Arbeiten bis Montag bei 250 Metern Höhe unterbrochen werden, ehe die Fertigstellung gelang.
Prototyp für die Forschung
Wenn er dann in Betrieb geht, soll die weltweit höchsten Windkraftanlage, die zwischen Berlin und Dresden steht, Strom für bis zu 7500 Haushalte produzieren. Das ist doppelt so viel wie bisherige Anlagen, aber bisher nur eine gut begründete Hypothese. Denn das Riesenwindrad ist vor allem auch ein Forschungsprojekt, das eine offene Frage klären soll, die Energiefachleute seit Jahrzehnten umtreibt: Lässt sich Windstrom in großen Höhen effizienter und günstiger erzeugen als mit heutigen Anlagen?
Die Idee dahinter klingt zunächst einfach. Je weiter man sich vom Boden entfernt, desto weniger bremsen Bäume, Gebäude oder Hügel die Luftströmungen. Der Wind weht dort oben stärker und gleichmäßiger. Aus diesem Grund wurden Windmühlen seit Jahrhunderten auf Anhöhen errichtet. Moderne Windkraftanlagen erreichen heute Nabenhöhen von meist 100 bis 150 Metern. Doch manche Fachleute vermuten schon lange, dass das eigentliche Potenzial erst in Höhen zwischen 250 und 300 Metern beginnt.
Bislang fehlte allerdings eine praktikable Möglichkeit, derart hohe Anlagen zu bauen. Für konventionelle Windräder gibt es keine Kräne, die Rotoren und Generatoren in 300 Metern Höhe montieren können. Das Projekt in Schipkau setzt deshalb auf eine ungewöhnliche Konstruktion: Ein teleskopartiger Stahlfachwerkturm wird hydraulisch ausgefahren und hebt die bereits montierte Gondel samt Rotor schrittweise auf ihre endgültige Höhe. Noch fehlen, siehe oben, 50 Meter.
Wie viel mehr Wind?
Aus wissenschaftlicher Sicht spricht vieles für das Konzept. "Es ist aus der Meteorologie wohl bekannt, dass die Windgeschwindigkeit mit der Höhe zunimmt", erklärt der frühere Karlsruher Klimaforscher Stefan Emeis gegenüber dem Science Media Center Deutschland. Zugleich werde der Wind in größeren Höhen gleichmäßiger, die Turbulenz nehme ab. Das könne nicht nur die Stromproduktion erhöhen, sondern auch die Lebensdauer der Anlagen verlängern.
Die beiden ineinander verschachtelten Stahlgerüste des Windturms. Das Innere wurde – mittlerweile mit Turbine und den drei Rotorblättern – angehoben und steht nun bei 300 Metern.
www.gicon.de
Messungen am Standort Schipkau liefern bereits erste Hinweise auf die möglichen Vorteile. In 300 Metern Höhe wurde eine durchschnittliche Windgeschwindigkeit von 8,5 Metern pro Sekunde gemessen, gegenüber 6,7 Metern pro Sekunde in 150 Metern Höhe. Das klingt nach einem vergleichsweise kleinen Unterschied, hat aber große Auswirkungen auf die Stromproduktion.
Weil die im Wind enthaltene Energie überproportional mit der Windgeschwindigkeit steigt, könnte der Ertrag laut Emeis um rund 63 Prozent höher ausfallen als bei einer vergleichbaren Anlage auf halber Höhe. "Die Hoffnung auf einen höheren Ertrag ist gerechtfertigt, die veröffentlichten Zahlen sind plausibel", sagt er.
Ähnlich beurteilt dies Christoph Winkler vom Forschungszentrum Jülich. "Physikalisch bedingt wird ein Höhenwindrad mit einer Nabenhöhe von 300 Metern tatsächlich einen höheren Ertrag liefern als ein konventionelles Windrad", betont er. Besonders interessant sei, dass der Vorteil im Winter besonders groß ausfalle – genau dann, wenn Solaranlagen in Mitteleuropa weniger Strom erzeugen.
Die Fragen der Kosten
Ob die Anlagen auch wirtschaftlich konkurrenzfähig werden, ist allerdings noch offen. Das Demonstrationsprojekt in Schipkau soll genau darüber Aufschluss geben. Denn höhere Stromerträge allein reichen nicht aus, wenn die Baukosten überproportional steigen.
Seit Freitag wurde – nach Maßgabe der Windverhältnisse – quasi Tag und Nacht an der Fertigstellung des Windrads gearbeitet.
IMAGO/Rainer Weisflog
Emeis verweist darauf, dass die bislang verfügbaren Zahlen keine belastbare Wirtschaftlichkeitsrechnung erlauben. "Die Baukosten steigen wesentlich stärker mit der Höhe über Grund als die zu erwartenden Erträge", sagt er. Dennoch könnte die Technologie Vorteile bieten, weil die Stromerzeugung gleichmäßiger erfolgt und dadurch die Belastung der Stromnetze sinkt.
Auch Winkler sieht die Wirtschaftlichkeit als zentrale Herausforderung. Nach derzeitigen Schätzungen liegen die spezifischen Baukosten noch deutlich über jenen konventioneller Windräder. Um ähnliche Stromgestehungskosten (also die Kosten pro erzeugter Kilowattstunde über die gesamte Lebensdauer) zu erreichen, müssten der Aufwand erheblich sinken. Gleichzeitig verweist er darauf, dass erste Prototypen fast immer deutlich teurer seien als spätere Serienmodelle. "Das Ziel erscheint größenordnungsmäßig realistisch, wenn das Konzept wirklich in Serie geht", sagt er.
Doppelstöckige Anlagen?
Besonders interessant finden Forscher einen weiteren möglichen Vorteil. Höhenwindräder könnten oberhalb bestehender Windparks betrieben werden und damit zusätzliche Energie liefern, ohne neue Flächen zu beanspruchen.
"Das erlaubt, Höhenwindräder zwischen jeweils zwei konventionelle Windräder zu platzieren und so die installierte Leistung pro Fläche zu verdoppeln", erklärt Winkler. Vereinfacht gesagt könnte man zwei Windparks übereinander errichten – einen in 150 Metern Höhe und einen zweiten darüber. In dicht besiedelten Ländern, in denen geeignete Flächen knapp werden, wäre das ein erheblicher Vorteil.
Hohe Sichtbarkeit
Nicht alle Fragen betreffen Technik und Wirtschaft. Ein 300 Meter hohes Windrad verändert auch das Landschaftsbild. Die Anlagen wären aus deutlich größerer Entfernung sichtbar als heutige Windkraftwerke.
Winkler verweist deshalb auf die gesellschaftliche Akzeptanz als einen wichtigen Forschungsaspekt. Noch sei unklar, wie Bevölkerung und Behörden auf Windräder reagieren werden, die fast doppelt so hoch sind wie die meisten heutigen Anlagen. Zudem könnten größere Mindestabstände zu Siedlungen notwendig werden.
Entscheidende Erkenntnisse
Ob sich die Vision der Höhenwindkraft durchsetzt, wird sich nicht in wenigen Wochen entscheiden. Die eigentliche Forschungsarbeit beginnt erst mit der Inbetriebnahme der Anlage. Dann werden die Betreiber Daten über Windverhältnisse, Stromproduktion, Belastungen der Konstruktion und Wartungskosten sammeln.
Für Emeis steht bereits fest, dass das Projekt wichtige Erkenntnisse liefern wird – unabhängig davon, ob am Ende ein wirtschaftlicher Durchbruch gelingt. "Die Anlage in Schipkau wird neue Erkenntnisse zur Höhenwindnutzung und zur Bautechnik bringen", sagt er. Die entscheidende Frage bleibe jedoch offen: "Die Wirtschaftlichkeit solcher Anlagen ist derzeit noch nicht abschätzbar."
Genau darin liegt die Bedeutung des Projekts. Es soll nicht beweisen, dass 300 Meter hohe Windräder die Zukunft sind. Es soll erstmals belastbare Daten liefern, ob sich die Jagd nach stärkerem Wind in immer größeren Höhen tatsächlich lohnt – technisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich.
(red, tasch, 28.9.2026)