Wien 1. Bezirk: Archäologische Funde - Ausgrabungen

josef

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#1
Rotenturmstraße:

Was Richard Löwenherz, Rattengräben und die jetzige Errichtung der Begegnungszone gemein haben
Am Tag des Denkmals, der Ende September begangen wird, gedenken wir heuer unter anderem des englischen Königs Richard Löwenherz. 1192 erregte seine königlich-raubtierhafte Präsenz in einem Wirtshaus in Erdberg genug Aufmerksamkeit, sodass er sich bald darauf hinter schwedischen – Pardon, österreichischen – Gardinen wiederfand. Den Engländern brachte das finanziellen Ungemach und einen etwas zweifelhaften Volkshelden namens Robin Hood ein – letzterer ist zumindest in Hollywood immer wieder als Krisenbewältigungsstrategie gefragt.

Wien kam jedenfalls in den Genuss eines nicht bekannten Teils des Lösegeldes, das England berappen musste, um seinen etwas streit- und kriegslustigen König zumindest für kurze Zeit wieder in die Arme schließen zu dürfen. Dieses Königs zu gedenken ist also aus finanzieller und damit stadtentwicklungstechnischer Sicht gerade in Wien und anderen vom monetären Segen betroffenen städtischen Einheiten durchaus sinnvoll. Was aber hat es mit den diesjährigen Bauarbeiten zwecks deutlicher und nachhaltiger Umgestaltung in der Wiener Rotenturmstraße zu tun? Wie das nun einmal ist in der Archäologie, liegt zwischen der Lösegeldzahlung für einen englischen König und der Planung einer modernen Begegnungszone im 1. Bezirk nicht mehr als ein Großkatzensprung.

Von der Wiederauferstehung eines Legionslagergrabens
Eine offene Frage ist derzeit noch, wie viel vom alten Vindobona im hochmittelalterlichen Wien steckte und wie es adaptiert wurde. So wissen wir unter anderem nicht, in welchem Zustand sich die römischen Gräben befanden.


foto: stadtarchäologie wien
Verlauf der Gräben des Legionslagers.

Einen sehr eingeschränkten Einblick in die Wiederbelebung zumindest eines der römischen Legionslagergräben gaben uns die U-Bahn-Arbeiten am Graben. "Am Graben" konnte 1974 ein mittelalterliches Nachfolgemodell für den mittleren der römischen Gräben dokumentiert werden. Ob man diesen aushob, um sich sicherer zu fühlen, oder ob es dabei (auch) um Materialgewinnung ging – immerhin lag vermutlich loses römisches Steinmaterial in selbigem – lässt sich beim derzeitigen Wissensstand nicht feststellen. Hochmittelalterliche Funde von der Wende 12./13. Jahrhundert verraten uns nur ganz prinzipiell, dass der Graben – zumindest teilweise – wieder ausgegraben worden war. Man muss bedenken, dass der Einblick in den Wiener Untergrund auf das Begleiten von Baumaßnahmen beschränkt ist – wir forschen nicht, wo es historisch interessant wäre. In einer Stadt ist das schlicht unmöglich.


foto: o. harl
Mittelalterlicher Graben mit Schwemmschichten.

Dann kam die unfreiwillige englische Entwicklungshilfe – zusätzlich zur Lösegeldzahlung gab es noch anderes Demütigendes rund um diesen diplomatischen Zwischenfall zu berichten. So sollen sogar gefangengesetzte Engländer aus dem Gefolge des Königs zu Bauarbeiten am Graben eingesetzt worden sein. Abgesehen davon, dass das den Baufortschritt nicht besonders beeinflusst hätte, stellt sich die Frage, um welche Erdarbeiten es sich dabei genau gehandelt haben mag. Da man zu dieser Zeit ja heftig in die babenbergische Stadtmauer investierte, die im Begriff war, einen großen Teil des heutigen 1. Bezirks zu umschließen, könnten sie am neuen Stadtgraben gearbeitet haben. Logisch betrachtet hätten sie aber auch den alten zuschütten können – die Quelle ist da nicht ganz so präzise. Es stellt sich sofort die Frage, ob man das denn überhaupt wollte. Immerhin, mit dem Bau der babenbergischen Befestigung sollte das Projekt römischer Graben "reloaded" seine Sinnhaftigkeit eingebüßt haben, denken Sie nicht auch? Mitnichten!


foto: stadtarchäologie wien
Verlauf der babenbergischen Stadtmauer.

Vom hochkarätigen Annäherungshindernis zum stinkenden Mühsal
Was in römischer Zeit Teil einer glanzvollen Verteidigungsstrategie gewesen war, mutierte offenbar noch im Hochmittelalter zu einem besseren Abwassergerinne. Wieder sind wir hier stark auf Annahmen und Erwähnungen in schriftlichen Quellen angewiesen. Im Bereich der Naglergasse beschwerten sich die Anrainer bis ins Spätmittelalter über den stinkenden "Retzengraben" – sprich Rattengraben –, im Bereich Stephansplatz/Brandstätte und in der Rotenturmstraße scheint die "Mörung" – ein ebenfalls offenes Abwassergerinne – für ähnlichen Verdruss gesorgt zu haben. Dass es sich hier ursprünglich tatsächlich um ein offenes Gerinne gehandelt haben dürfte, bestätigt eine Nachricht über die erst 1388 erfolgte Einwölbung der Möhrung. Abgesehen davon fanden sich um 1900 in einer Tiefe von 7,5 Metern im ehemaligen Graben noch spätmittelalterliche Keramikfragmente – ein klassischer Fall von ungezügelter Müllentsorgung. Es mag überraschen, dass sich das große und bedeutende Wien so lange so "unzivilisiert" gab, aber die Hinweise auf das unhygienische Gemüffel sind mehr als deutlich.


foto: wien museum
Fundnotiz Josef H. Nowalski de Lilias (12.10.1904) mit spätmittelalterlichem Flachdeckel (siehe Pfeil).

Begegnungen mit der "Rotenturmstraße neu"
Steht ein größeres Projekt mit unterschiedlichem Tiefgang, wie die Schaffung einer Begegnungszone in der Rotenturmstraße an, ist das auch ein archäologisches Thema. Wasser-, Strom- und Gasarbeiten und die Abtiefungen im Vorfeld der Implementierung eines neuen Pflasters sind für uns Fluch und Segen zugleich und machen die Präsenz von Archäologen in unterschiedlichem Maße nötig. Verwechseln Sie diese Arbeiten aber bitte nicht mit einer Ausgrabung in größerem Stil. Auch wenn Künetten oft ganz erstaunliche Einblicke bieten, haben sie ebenso oft die unangenehme Angewohnheit, genau dort auszusetzen, wo es spannend wird. Dieser archäologische Interruptus kann frustrieren! Beispiele für diese erkenntnistechnische Ambivalenz gefällig?

Vor dem Legionslager lag ehedem die Lagervorstadt, in der Spätantike befanden sich hier dann Gräberfelder. Gefunden haben wir Anzeichen für eine befestigte Oberfläche – eine Art von Glacis. Eine freie Fläche mit verteidigungstechnischer Relevanz? Da stellt sich doch gleich die Frage, wie sich diese Fläche zur zivilen Siedlung rund um das Lager verhalten haben mag, wie groß sie war und wann man sie anlegte.

Einplanierter Schutt im untersten Bereich der Rotenturmstraße wirft die Frage nach dem Schicksal der römischen Mauer in mittelalterlicher Zeit auf. Handelt es sich um Spuren des Abrisses oder um den Zahn der Zeit, dessen eifrig nagendes Einwirken man hier versucht hat wegzuräumen?

Weder der römische/mittelalterliche Graben noch die Mörung sind uns bis jetzt ins Netz gegangen, alle Baumaßnahmen waren – nun, etwas daneben. Ob ein eindeutig neuzeitlicher Kanal des 18. Jahrhunderts auf der Seite der Rotenturmstraße mit den geraden Hausnummern hier in irgendeiner direkten Nachfolge oder nur in einer logischen Tradition gesehen werden darf, wird sich vielleicht noch zeigen.

Und was die Frage anbelangt, wann sich die Rotenturmstraße den Namen Straße durch eine entsprechende Oberflächenbefestigung verdiente: Tatsächlich konnte an mehreren Stellen eine Schotterung festgestellt werden, die in diese Kategorie fällt. Hier ist es wieder die Fundarmut, die uns zu schaffen macht. Zu allem Überfluss darf man sich das Fundmaterial aus einer Künette, das uns mit zeitlichen Zuordnungen helfen sollte, auch bezüglich der Stückgröße und damit Aussagekraft nicht zu üppig vorstellen.


foto: stadtarchäologie wien
Schotterung der Rotenturmstraße.


foto: stadtarchäologie wien
Schotterung der Rotenturmstraße (Detail).

Lediglich ein winziges hochmittelalterliches Keramikfragment und ein deutlich jüngeres Fragment eines Hufeisens weisen darauf hin, dass es zu einer Schotterung sicherlich nicht vor dem Spätmittelalter gekommen sein dürfte.


foto: stadtarchäologie wien
Überblick Rotenturmstraße mit Wirtshäusern.

Müffelnde Abwassergerinne und ungepflasterte Straßen liegen glücklicherweise schon eine Weile hinter uns, auch wenn man dem Wiener immer noch gerne eine Kultur der Beschwerdeführung nachsagt. Es lässt sich nicht leugnen, dass es mit der Rotenturmstraße in der frühen Neuzeit steil bergauf ging und sie ein Brennpunkt innerstädtischen Lebens wurde, ebenso traditionsreich wie aktiv. Und dort, wo jetzt die Begegnungszone umgesetzt wird, drängten sich im 17./18. Jahrhundert die Wirtshäuser. Ob nun "Zum goldenen Eber", "Hirschen" oder "Wolf", Raum genug gab es für mehr oder weniger nüchterne Begegnungen.
(Ingeborg Gaisbauer, 11.4.2019)

Ingeborg Gaisbauer, geboren 1975 in Wien, studierte Urgeschichte und Historische Archäologie an der Universität Wien. Sie ist als Archäologin bei den Museen der Stadt Wien – Stadtarchäologie tätig.
Wiens Rotenturmstraße: Archäologisches Erbe im 1. Bezirk - derStandard.at
 

josef

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#2
Einzigartiger Fund bei Ausgrabung in Wiener Innenstadt
Wiener Stadtarchäologen haben bei Bauarbeiten in der Werdertorgasse erstmals eine spätmittelalterliche Uferbefestigung entdeckt
Wien – In der Wiener Werdertorgasse 6 soll ein Wohnhaus mit Luxuswohnungen und einer Tiefgarage entstehen. Seit Ende April verzögern archäologische Grabungen das Bauvorhaben. Aus gutem Grund: Den Wiener Stadtarchäologen ist es gelungen, in acht Metern Tiefe drei Strebemauern der frühneuzeitlichen Neutorbastion sichtbar zu machen. Teile davon hatten sie bereits 2008 in der benachbarten Neutorgasse freilegen können. In der Baugrube Werdertorgasse entdeckten sie eine weitere archäologische Sensation: eine spätmittelalterliche Uferbefestigung. "Wir stoßen immer wieder auf erstaunliche Funde aus unterschiedlichen Epochen – aber dieser Fund ist für Wien einzigartig", sagt Archäologin und Projektleiterin Ingrid Mader.

"Tiefer Einblick in vergangene Zeiten"
Ursprünglich diente die Konstruktion aus Holz und Stein als Überschwemmungsschutz für die Siedlung im Oberen Werd – damals ein Wiener Vorort im Gebiet zwischen dem heutigen Schottenring und der Roßau, das halbinselförmige Areal lag an einem Altarm der Donau. Trotz Überschwemmungsgefahr siedelten sich dort viele lederverarbeitende Werkstätten an.


Eine Archäologin bei der freigelegten spätmittelalterlichen Uferbefestigung in der Wiener Werdertorgasse.
Foto: APA/ROBERT JAEGER

Das etwa 600 Jahre alte Holz der Uferbefestigung ist dank des feuchten Erdreichs immer noch gut erhalten. Rundherum wurden zahlreiche historische Alltagsgegenstände ausgegraben. Die Palette reicht von Keramikteilen und Obstkernen über die Metallspitze eines Armbrustbolzens bis zu einem eindeutig identifizierbaren Lederschuh. "Solche Grabungen erlauben einen tiefen Einblick in die Alltagsgeschichte vergangener Zeiten", zeigt sich Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler begeistert. "Es ist wichtig zu wissen, auf welch historischem Boden wir stehen."

Grabungen bis Ende Juli
Die Fundstücke werden von den Archäologen umfangreich dokumentiert, analysiert und in einer Fundortdatenbank inventarisiert. Dank dieser Daten kann bei Bauvorhaben oft schon im Vorfeld eingeschätzt werden, welche historischen Relikte sich im Erdreich verbergen. Die Grabungen in der Werdertorgasse laufen noch bis Ende Juli. Schon diese Woche beginnen die Archäologen, Teile der Uferbefestigung abzutragen. Tiefer wollen sie nicht graben. "Wir greifen nur so weit ein wie das Bauvorhaben", erklärt Mader. "Das Erdreich ist der beste Tresor." Man wolle Bodendenkmäler schützen und für künftige Archäologen-Generationen bewahren.


Die Uferbefestigung aus Holz und Stein (rot markiert) befand sich vor über 500 Jahren an einem Altarm der Donau, der mitten durch die heutige Innenstadt verlief.
Foto: Stadtarchäologie Wien

Was davon übrig bleiben wird
Dass nach dem Ende der Grabungen alles wieder zugeschüttet wird, sehen die Stadtarchäologen gelassen: "Das Bauvorhaben muss weitergehen", sagt Projektleiterin Mader. "Während wir hier dokumentieren, wird auf der anderen Seite gebaggert." Viel wird von der Grabungsstätte in der Werdertorgasse jedenfalls nicht übrig bleiben. Immerhin hat der Bauherr den Archäologen zugesichert, eine Vitrine in der Tiefgarage aufzustellen. Darin soll auf ihre Funde hingewiesen werden.
(Alexander Polt, 16.7.2019)
Einzigartiger Fund bei Ausgrabung in Wiener Innenstadt - derStandard.at
 

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#3
...und dazu auch ein ORF-Bericht:

Alte Uferbefestigung in Innenstadt gefunden
In der Werdertorgasse 6 in der Wiener Innenstadt wurde nun bei Arbeiten eine alte Uferbefestigung entdeckt. Die Stein-Holz-Konstruktion aus dem Spätmittelalter befand sich an einem einstigen Altarm der Donau.
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Die Uferanlage kam bei Arbeiten für eine Tiefgarage zum Vorschein – in einem längst verlandeten bzw. später regulierten Gebiet, in dem schon lange kein Fluss mehr fließt. Der letzte Rest der verzweigten Wasserläufe, der Donaukanal, ist einige Gehminuten entfernt. Früher war das Areal im Bereich der Vorstadtsiedlung im „Oberen Werd“, die wohl bis ins 16. Jahrhundert bestand, hingegen stets hochwassergefährdet.

Donauarm verlief anders als gedacht
Die ausgegrabenen, mehrteiligen Einbauten sollten hier Abhilfe schaffen. Von der Stadtarchäologie wird das Auftauchen durchaus als kleine Sensation gewertet, wie am Dienstag betont wurde. Die Holzbalken und die Steine zeigen noch gut die Struktur der Befestigung, obwohl auf dem Grund später die Neutorbastion, also ein Teil der Stadtmauer, errichtet wurde.

APA/Robert Jaeger
Schiffe werden zu diesen Uferanlagen keine mehr kommen

APA/Robert Jaeger
Im Spätmittelalter befand sich die Stein-Holzkonstruktion an einem Altarm der Donau


APA/Robert Jaeger
Kulturstadträtin Kaup-Hasler sieht einen einzigartigen Fund


Der Strand wurde offenbar auch als Müllhalde genützt


APA/Robert Jaeger
Zahlreiche Funde sorgen bei den Archäologen für Freude


Stadtarchäologie Wien
Die Funde werden jedoch voraussichtlich im Foyer des geplanten Wohnhauses ausgestellt

Außerdem kann die Lage des Gewässers nun genauer verortet werden. „Dieser einzigartige Fund gibt Hinweise darauf, dass der Altarm der Donau anders verlief als bisher angenommen. Ein großer Erfolg der Stadtarchäologie, der dazu beiträgt, älteren Versionen der Stadt ein feineres, authentischeres und korrekteres Gesicht zu verleihen“, erläuterte Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler.

40 Bananenschachteln mit Fundstücken
Dass der Uferstreifen offenbar auch als eine Art Mülldeponie diente, ist aus archäologischer Sicht ein Glücksfall. Von diesem zeugen zahlreiche Funde, die inzwischen bereits 40 Bananenschachteln füllen, wie die archäologische Projektleiterin Ingrid Mader berichtete. Ausgegraben wurde etwa ein noch relativ scharfes Eisenmesser sowie eine Schere und weitere Werkzeuge, die bei der dort anscheinend weitverbreiteten Lederproduktion zum Einsatz gekommen sein dürften.



Auch Lederwaren selbst bzw. deren Reste sind in großer Zahl zu finden. Als Highlight gilt hier ein relativ gut erhaltener Schuh. Weiters sind Holzlöffel, unzählige Tierknochen und sogar ein Armbrustbolzen entdeckt worden. Teile der Ausgrabungsstätte sind zudem mit Weintraubenkernen regelrecht übersät. Das deutet darin, dass Maische einst dort entsorgt wurde.

Garage wird an Fundort errichtet
Die städtischen Archäologen widmen sich derzeit intensiv der Fundstätte. Die mittelalterliche Uferpromenade dauerhaft zu zeigen, wird aber nicht möglich sein, da darüber die Garage bzw. ein Wohnhaus errichtet wird. Die Bauherren haben jedoch angekündigt, im Foyer einige der Fundstücke auszustellen.
red, wien.ORF.at/Agenturen

Wissenschaft: Alte Uferbefestigung in Innenstadt gefunden
 

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#4
Was der U-Bahn-Bau zutage bringt: Die Bestattungen in der Maria-Magdalena-Kapelle
Die Gräber beim Stephansplatz geben Einblick in die Lebenswelten einer kleinen Oberschicht im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wien
Während sich die Stadt Wien auf eine der größten infrastrukturellen Maßnahmen der letzten Jahrzehnte vorbereitet – den Ausbau der U-Bahn-Linien U2 und U5 –, stehen auch bereits zahlreiche Teams von Archäologinnen und Archäologen in den Startlöchern, um die teils massiven Bodeneingriffe zu begleiten und gegebenenfalls Ausgrabungen durchzuführen. Insbesondere die großflächigen Baugruben der U-Bahn-Stationen im Innenstadtbereich stellen große Herausforderungen dar – gut möglich, dass Sie an dieser Stelle in den nächsten Jahren immer wieder darüber hören werden. Dies möchte ich zum Anlass nehmen, um an einem Beispiel zu beleuchten, was derartige Projekte nicht nur für die moderne Mobilität, sondern auch unser Wissen über die Geschichte einer Stadt bedeuten können.


Blick über die Ausgrabungen am Stephansplatz 1973.
Foto: BDA

Genug Tote für alle
Anfang der 1970er-Jahre wurde im Rahmen der Errichtung des Wiener U-Bahn-Netzes die viergeschoßige Station am Stephansplatz gebaut. Aufgrund der Recherche historischer Quellen war klar, dass dort mit den teils in Vergessenheit geratenen baulichen Resten aus dem Mittelalter, aber auch dem zwischen 1255 und 1732 genutzten Stephansfreithof, dem einst größten Friedhof der Wiener Innenstadt, zu rechnen war. Daher mussten 1972/73 archäologische Ausgrabungen durch das Bundesdenkmalamt (BDA) durchgeführt werden. Obwohl Gräber meine Spezialität sind, werde ich Ihnen heute aber nicht über diesen Friedhof berichten – leider, eine wissenschaftliche Neuaufnahme der damals geborgenen menschlichen Skelettreste wäre durchaus reizvoll, liegt jedoch in den Händen eines Kollegen. Wie es aber im Umkreis von alten Kirchen so üblich ist, gibt es genug Tote für alle, und so hatte ich 2015 die Gelegenheit, die menschlichen Überreste aus einer kleinen Anzahl von Grüften aus der dem Stephansdom vorgelagerten Maria-Magdalena-Kapelle zu untersuchen.


Die kleine Maria-Magdalena-Kapelle rechts neben dem Stephansdom in der Vogelschauansicht von Jakob Hoefnagel von 1609.
Foto: Wien Museum, Sacher GmbH

Zwölf Meter drunter
Die Maria-Magdalena-Kapelle wurde zu Beginn des 14. Jahrhunderts im Bereich des Friedhofs auf einer bereits vorhandenen unterirdischen Kapelle, die den Heiligen Erasmus, Helena und Virgil geweiht war, errichtet. Während die Maria-Magdalena-Kapelle durch einen Brand 1781 zerstört wurde, zeigte sich bei den Ausgrabungen 1972/73, dass Teile dieser Bauwerke, insbesondere die unterirdische Virgilkapelle, deren Bodenniveau sich etwa zwölf Meter unter dem heutigen Gehniveau befindet, erhalten waren. Dieser Teil gehört heute zum Wien-Museum und wurde 2015 wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Neben einem der besterhaltenen frühgotischen Innenräume Wiens, dem ein modernes Beleuchtungskonzept eine besondere Ruhe und Ausstrahlung verleiht, bietet die Virgilkapelle auch eine Ausstellung zum Leben im mittelalterlichen Wien.


Rekonstruktion des Kapellenkomplexes mit Maria-Magdalena-Kapelle und unterirdischer Virgilkapelle. Die kleine Person links schaut durchs gleiche Fenster.
Foto: Wien Museum; Zeichnung: B. Münzenmayer-Stipanits

Im Zuge der Neueröffnung der Virgilkapelle wurde 2015 eine wissenschaftliche Neubewertung der architektonischen Befunde durchgeführt. Dies umfasste auch drei gemauerte Grüfte sowie sechs Erdgräber unter dem Chorbereich nahe dem Altar der Maria-Magdalena-Kapelle. Der Altarraum galt in der christlichen Bestattungstradition von jeher als der begehrteste Bestattungsplatz, der den wohlhabendsten Mitgliedern einer Gemeinde vorbehalten war. Von der Nähe zum Altar und damit zur Reliquie des oder der Heiligen, von der jede Kirche ihre sakrale Daseinsberechtigung bezog, erhoffte man sich einen direkten Weg ins Himmelreich. Daher war ein Ziel der Neuuntersuchung des Kapellenkomplexes auch eine Untersuchung dieser Gräber und die Identifikation der dort bestatteten Individuen.


Gruft 8 (links im Bild) nach Einsturz des Ziegelgewölbes.
Foto: BDA

Unvollständige Gräber
Da keine Grabplatten, die Auskunft über die Inhaber der Gräber und Grüfte geben könnten, mehr erhalten waren – diese wurden eventuell schon beim Brand 1781 zerstört –, machten wir (Marina Kaltenegger, Bauforscherin; Renate Kohn, Institut für Mittelalterforschung ÖAW; Michaela Kronberger, Wien-Museum; und ich) uns auf eine interdisziplinäre Spurensuche, um dieses Rätsel über historische und archäologische Quellen sowie biografische Daten aus den geborgenen Knochen zu lösen. Als erstes gravierendes Problem gestaltete sich die Tatsache, dass die Knochen nach den Ausgrabungen als verschwunden galten. Bei einem aufmerksamen Rundgang durch die Wien-Sammlung der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums waren mir jedoch schon früher Kisten mit der Aufschrift Maria-Magdalena-Kapelle aufgefallen, und so konnten diese beiden Informationen 2015 zusammengeführt und die Skelette aus der Maria-Magdalena-Kapelle "wiederentdeckt" werden.


Gruft 9 mit Grab 10 im Vordergrund.
Foto: BDA


Die beiden Erdgräber Grab 4 (Vordergrund) und Grab 6 (Hintergrund).
Foto: BDA

Eine anthropologische Untersuchung zeigte, dass sich in den Gräbern die Überreste von mindestens 55 Personen befanden. Jedoch war etwa die Hälfte davon auf wenige Knochenreste beschränkt, sodass keine weitere Bestimmung von Sterbealter, Geschlecht oder Pathologien erfolgen konnte. Auch die übrigen Bestattungen, 14 Männer, vier Frauen und sieben Kinder, waren größtenteils unvollständig, da Knochen von älteren Bestattungen bereits früher entfernt wurden und die Bergung bei der Grabung ebenfalls nur kursorisch stattgefunden haben dürfte. Unter den Bestattungen fand sich im Vergleich zu "normalen" frühneuzeitlichen Friedhöfen eine verhältnismäßig große Zahl von Personen älter als 50 Jahre, kleine Kinder fehlten dagegen fast vollständig. Ein sieben- bis achtjähriges Kind wies Spuren einer medizinisch-pathologischen Schädelöffnung auf, die in Wien bei unklaren Todesursachen ab dem 16. Jahrhundert durchgeführt wurde. Bis zum 18. Jahrhundert war dies aber Mitgliedern der Oberschicht vorbehalten. Darüber hinaus findet sich das volle Spektrum von Krankheiten, die die städtische Bevölkerung des frühneuzeitlichen Wien unabhängig vom Stand plagten, darunter Syphilis, Tuberkulose und bemerkenswert schlechte Zähne.


Massiver Zahnstein und Karies an den Kauflächen der Backenzähne einer Bestattung aus der Maria-Magdalena-Kapelle.
Foto: M. Binder

Ein Rätsel bleibt
Als zweite Quelle zur Identifikation konnten historische Abschriften von Grabdenkmälern von 14 Personen, die zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert in der Maria-Magdalena-Kapelle bestattet worden waren, herangezogen werden. Darunter waren hauptsächlich Mitglieder der Gottleichnamsbruderschaft und ihre Familien, die in der Kapelle ihren Sitz hatte. Ein Vergleich dieser Quellen mit den Skeletten gelang aber nur sehr begrenzt, einerseits aufgrund der unvollständigen Skelette, andererseits aufgrund der nur geringen Anzahl an historisch belegten Bestattungen. Bei den Kindern könnte es sich aufgrund des Alters um die Kinder der Anna Kleblat beziehungsweise Enzianer aus der Mitte des 16. Jahrhunderts handeln, während ein älterer Mann aufgrund der ungewöhnlich starken Muskelansätze und Gelenksabnützungen (sehr, sehr vorsichtig) als der Tischler und Bildschnitzer Wilhelm Rollinger, Schöpfer eines 1945 abgebrannten Chores im Stephansdom, identifiziert werden konnte.
Wenn auch die eigentliche Aufgabe, nämlich das Rätsel um die Identität der Bestattungen aus der Maria-Magdalena-Kapelle, nicht gelöst werden konnte, bot die Untersuchung trotzdem einen kleinen, faszinierenden Einblick in Bestattungswesen und Lebenswelten einer kleinen Oberschicht im Wien des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Wer mehr über diese Zeit wissen will, dem sei ein Besuch in der Virgilkapelle (zugänglich von der U-Bahn-Station Stephansplatz) ans Herz gelegt. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung lassen sich in dem grafisch sehr schön aufbereiteten und auch für Nichtfachleute gut verständlichen Buch "Die Virgilkapelle in Wien – Baugeschichte und Nutzung", herausgegeben von Michaela Kronberger, nachlesen.
(Michaela Binder, 22.8.2019)

Michaela Binder ist als Archäologin und Anthropologin für die Grabungsfirma Novetus in Wien tätig. Sie ist zuständig für Grabungsprojekte, Forschung und Vermittlung.

Was der U-Bahn-Bau zutage bringt: Die Bestattungen in der Maria-Magdalena-Kapelle - derStandard.at
 

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#5
Neuer Markt:

17 Skelette am Neuen Markt ausgegraben

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In Zukunft sollen dort Autos parken, wo früher Menschen begraben wurden: Am Neuen Markt wird seit Jänner eine Tiefgarage gebaut, ein Archäologenteam hat seitdem 17 Skelette ausgegraben.
Jahrelang haben der erste Bezirk und die Stadt über die Umgestaltung des Platzes gestritten. Seit 2017 gibt es eine Baubewilligung für die Tiefgarage, die dort seit Jahresbeginn entsteht. Zur Römerzeit wurden am Neuen Markt Menschen bestattet, ihre Skelette werden jetzt wieder aus der Erde geholt. Ein Archäologenteam ist bei den Bauarbeiten ständig vor Ort und untersucht freigelegte Stellen.

17 Mal sind die Archäologinnen und Archäologen bisher fündig geworden, in Zukunft rechnet Forschungsleiterin Elfriede Huber mit noch mehr Funden. 2022 soll die Tiefgarage fertig gebaut sein, bis dahin suchen sie weiter. Wenn sie auf ein Skelett stoßen, wird es mit Werkzeugen freigeputzt und vermessen. Dann bestimmen die Forscherinnen und Forscher die Koordinaten, damit sie später feststellen können, wo der Mensch bestattet worden ist. Zuletzt fotografieren sie das Skelett und transportieren es ab.

ORF.at/Christian Öser
Früher war dort wo heute der Neue Markt ist eine Lagervorstadt, später dann eine Begrabungsstätte

Speisen im Grab
„Zum Teil sind die Skelette einfach vergraben worden, zum Teil wurden sie mit Ziegelplatten bedeckt“, erzählt Huber. Zur Römerzeit war es Brauch den Verstorbenen Speisen mit ins Grab zu geben, deswegen sind auch Schalen, Krüge und Glasflaschen gefunden worden.

Nachdem das Skelett den Ort verlassen hat, an dem es mindestens 15 Jahrhunderte lang gelegen ist, wird es untersucht. „Die Anthropologen untersuchen das Skelett auf Krankheiten und Lebensumstände hin“, meint Huber. „Sie kümmern sich auch um Alter, Geschlecht und Todesursache.“ Im Moment werden die gefundenen Skelette noch untersucht, in Zukunft werden sie wahrscheinlich in einem Museum ausgestellt werden.
01.09.2019, red, wien.ORF.at
Wissenschaft: 17 Skelette am Neuen Markt ausgegraben
 

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#6
Archäologische Funde bei Alter Post

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Bei umfangreichen Grabungsarbeiten bei Wiens alter Postzentrale sind Fundstücke von der Urgeschichte bis zum 20. Jahrhundert ans Tageslicht gekommen. Sie sind jetzt im Römermuseum am Hohen Markt ausgestellt.
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Auf dem Gelände der Alten Post sollen bis zum Frühjahr 2021 ein Hotel, Mietwohnungen, Geschäfte und ein Fitnesscenter samt Tiefgarage entstehen. Zwei Jahre lang ist auf dem Areal in einer Tiefe von drei bis fünf Metern gegraben worden. Das älteste Stück, das dabei gefunden wurde, ist eine Schüssel aus der Mittleren Bronzezeit. Sie ist mehr als 3.500 Jahre alt. Aus der Römerzeit stammen zwei Fragmente von sogenannten Gesichtsgefäßen.

ORF
Das älteste Fundstück der Grabungen ist eine Schüssel aus der Bronzezeit, die mehr als 3.500 Jahre alt ist

Mittelalterliche Sparbüchsen
Im Spätmittelalter waren dann zwei sogenannte Studentenbursen im Bereich der Alten Post angesiedelt. Dabei handelt es sich um Vorläufer von Studentenheimen, die von reichen Bürgern gestiftet wurden. 30 bis 40 mittelalterliche Sparbüchsen sind bei den Grabungen zu Tage gekommen. „Leider ohne Münzen“, wie Wien Museum-Kuratorin Sophie Insulander erläutert.

Die historischen Objekte, die gefunden wurden, sollen zu einem Teil des neuen Baus werden. Die Idee ist, dass sie überall im Gebäude verteilt werden und so die reiche Vergangenheit des Areals in die Gegenwart geholt wird.

Fotostrecke mit 5 Bildern

Wien Museum/Lisa Rastl
Auch händische Grabungen wurden vorgenommen

Wien Museum/Archnet GmbH
Zwei Jahre lang ist auf dem Gelände der Alten Post gegraben worden


Wien Museum/Archnet GmbH
Bis 2021 sollen neben Wohnungen auch ein Hotel entstehen


ORF
Sparbüchsen aus dem Spätmittelalter sind ohne Münzen gefunden worden


ORF
Auch Figuren aus Kalkstein wurden gefunden

12.01.2020, red, wien.ORF.at

Link:
Archäologische Funde bei Alter Post
 
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