Wien 1. Bezirk: Archäologische Funde - Ausgrabungen

josef

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#1
Rotenturmstraße:

Was Richard Löwenherz, Rattengräben und die jetzige Errichtung der Begegnungszone gemein haben
Am Tag des Denkmals, der Ende September begangen wird, gedenken wir heuer unter anderem des englischen Königs Richard Löwenherz. 1192 erregte seine königlich-raubtierhafte Präsenz in einem Wirtshaus in Erdberg genug Aufmerksamkeit, sodass er sich bald darauf hinter schwedischen – Pardon, österreichischen – Gardinen wiederfand. Den Engländern brachte das finanziellen Ungemach und einen etwas zweifelhaften Volkshelden namens Robin Hood ein – letzterer ist zumindest in Hollywood immer wieder als Krisenbewältigungsstrategie gefragt.

Wien kam jedenfalls in den Genuss eines nicht bekannten Teils des Lösegeldes, das England berappen musste, um seinen etwas streit- und kriegslustigen König zumindest für kurze Zeit wieder in die Arme schließen zu dürfen. Dieses Königs zu gedenken ist also aus finanzieller und damit stadtentwicklungstechnischer Sicht gerade in Wien und anderen vom monetären Segen betroffenen städtischen Einheiten durchaus sinnvoll. Was aber hat es mit den diesjährigen Bauarbeiten zwecks deutlicher und nachhaltiger Umgestaltung in der Wiener Rotenturmstraße zu tun? Wie das nun einmal ist in der Archäologie, liegt zwischen der Lösegeldzahlung für einen englischen König und der Planung einer modernen Begegnungszone im 1. Bezirk nicht mehr als ein Großkatzensprung.

Von der Wiederauferstehung eines Legionslagergrabens
Eine offene Frage ist derzeit noch, wie viel vom alten Vindobona im hochmittelalterlichen Wien steckte und wie es adaptiert wurde. So wissen wir unter anderem nicht, in welchem Zustand sich die römischen Gräben befanden.


foto: stadtarchäologie wien
Verlauf der Gräben des Legionslagers.

Einen sehr eingeschränkten Einblick in die Wiederbelebung zumindest eines der römischen Legionslagergräben gaben uns die U-Bahn-Arbeiten am Graben. "Am Graben" konnte 1974 ein mittelalterliches Nachfolgemodell für den mittleren der römischen Gräben dokumentiert werden. Ob man diesen aushob, um sich sicherer zu fühlen, oder ob es dabei (auch) um Materialgewinnung ging – immerhin lag vermutlich loses römisches Steinmaterial in selbigem – lässt sich beim derzeitigen Wissensstand nicht feststellen. Hochmittelalterliche Funde von der Wende 12./13. Jahrhundert verraten uns nur ganz prinzipiell, dass der Graben – zumindest teilweise – wieder ausgegraben worden war. Man muss bedenken, dass der Einblick in den Wiener Untergrund auf das Begleiten von Baumaßnahmen beschränkt ist – wir forschen nicht, wo es historisch interessant wäre. In einer Stadt ist das schlicht unmöglich.


foto: o. harl
Mittelalterlicher Graben mit Schwemmschichten.

Dann kam die unfreiwillige englische Entwicklungshilfe – zusätzlich zur Lösegeldzahlung gab es noch anderes Demütigendes rund um diesen diplomatischen Zwischenfall zu berichten. So sollen sogar gefangengesetzte Engländer aus dem Gefolge des Königs zu Bauarbeiten am Graben eingesetzt worden sein. Abgesehen davon, dass das den Baufortschritt nicht besonders beeinflusst hätte, stellt sich die Frage, um welche Erdarbeiten es sich dabei genau gehandelt haben mag. Da man zu dieser Zeit ja heftig in die babenbergische Stadtmauer investierte, die im Begriff war, einen großen Teil des heutigen 1. Bezirks zu umschließen, könnten sie am neuen Stadtgraben gearbeitet haben. Logisch betrachtet hätten sie aber auch den alten zuschütten können – die Quelle ist da nicht ganz so präzise. Es stellt sich sofort die Frage, ob man das denn überhaupt wollte. Immerhin, mit dem Bau der babenbergischen Befestigung sollte das Projekt römischer Graben "reloaded" seine Sinnhaftigkeit eingebüßt haben, denken Sie nicht auch? Mitnichten!


foto: stadtarchäologie wien
Verlauf der babenbergischen Stadtmauer.

Vom hochkarätigen Annäherungshindernis zum stinkenden Mühsal
Was in römischer Zeit Teil einer glanzvollen Verteidigungsstrategie gewesen war, mutierte offenbar noch im Hochmittelalter zu einem besseren Abwassergerinne. Wieder sind wir hier stark auf Annahmen und Erwähnungen in schriftlichen Quellen angewiesen. Im Bereich der Naglergasse beschwerten sich die Anrainer bis ins Spätmittelalter über den stinkenden "Retzengraben" – sprich Rattengraben –, im Bereich Stephansplatz/Brandstätte und in der Rotenturmstraße scheint die "Mörung" – ein ebenfalls offenes Abwassergerinne – für ähnlichen Verdruss gesorgt zu haben. Dass es sich hier ursprünglich tatsächlich um ein offenes Gerinne gehandelt haben dürfte, bestätigt eine Nachricht über die erst 1388 erfolgte Einwölbung der Möhrung. Abgesehen davon fanden sich um 1900 in einer Tiefe von 7,5 Metern im ehemaligen Graben noch spätmittelalterliche Keramikfragmente – ein klassischer Fall von ungezügelter Müllentsorgung. Es mag überraschen, dass sich das große und bedeutende Wien so lange so "unzivilisiert" gab, aber die Hinweise auf das unhygienische Gemüffel sind mehr als deutlich.


foto: wien museum
Fundnotiz Josef H. Nowalski de Lilias (12.10.1904) mit spätmittelalterlichem Flachdeckel (siehe Pfeil).

Begegnungen mit der "Rotenturmstraße neu"
Steht ein größeres Projekt mit unterschiedlichem Tiefgang, wie die Schaffung einer Begegnungszone in der Rotenturmstraße an, ist das auch ein archäologisches Thema. Wasser-, Strom- und Gasarbeiten und die Abtiefungen im Vorfeld der Implementierung eines neuen Pflasters sind für uns Fluch und Segen zugleich und machen die Präsenz von Archäologen in unterschiedlichem Maße nötig. Verwechseln Sie diese Arbeiten aber bitte nicht mit einer Ausgrabung in größerem Stil. Auch wenn Künetten oft ganz erstaunliche Einblicke bieten, haben sie ebenso oft die unangenehme Angewohnheit, genau dort auszusetzen, wo es spannend wird. Dieser archäologische Interruptus kann frustrieren! Beispiele für diese erkenntnistechnische Ambivalenz gefällig?

Vor dem Legionslager lag ehedem die Lagervorstadt, in der Spätantike befanden sich hier dann Gräberfelder. Gefunden haben wir Anzeichen für eine befestigte Oberfläche – eine Art von Glacis. Eine freie Fläche mit verteidigungstechnischer Relevanz? Da stellt sich doch gleich die Frage, wie sich diese Fläche zur zivilen Siedlung rund um das Lager verhalten haben mag, wie groß sie war und wann man sie anlegte.

Einplanierter Schutt im untersten Bereich der Rotenturmstraße wirft die Frage nach dem Schicksal der römischen Mauer in mittelalterlicher Zeit auf. Handelt es sich um Spuren des Abrisses oder um den Zahn der Zeit, dessen eifrig nagendes Einwirken man hier versucht hat wegzuräumen?

Weder der römische/mittelalterliche Graben noch die Mörung sind uns bis jetzt ins Netz gegangen, alle Baumaßnahmen waren – nun, etwas daneben. Ob ein eindeutig neuzeitlicher Kanal des 18. Jahrhunderts auf der Seite der Rotenturmstraße mit den geraden Hausnummern hier in irgendeiner direkten Nachfolge oder nur in einer logischen Tradition gesehen werden darf, wird sich vielleicht noch zeigen.

Und was die Frage anbelangt, wann sich die Rotenturmstraße den Namen Straße durch eine entsprechende Oberflächenbefestigung verdiente: Tatsächlich konnte an mehreren Stellen eine Schotterung festgestellt werden, die in diese Kategorie fällt. Hier ist es wieder die Fundarmut, die uns zu schaffen macht. Zu allem Überfluss darf man sich das Fundmaterial aus einer Künette, das uns mit zeitlichen Zuordnungen helfen sollte, auch bezüglich der Stückgröße und damit Aussagekraft nicht zu üppig vorstellen.


foto: stadtarchäologie wien
Schotterung der Rotenturmstraße.


foto: stadtarchäologie wien
Schotterung der Rotenturmstraße (Detail).

Lediglich ein winziges hochmittelalterliches Keramikfragment und ein deutlich jüngeres Fragment eines Hufeisens weisen darauf hin, dass es zu einer Schotterung sicherlich nicht vor dem Spätmittelalter gekommen sein dürfte.


foto: stadtarchäologie wien
Überblick Rotenturmstraße mit Wirtshäusern.

Müffelnde Abwassergerinne und ungepflasterte Straßen liegen glücklicherweise schon eine Weile hinter uns, auch wenn man dem Wiener immer noch gerne eine Kultur der Beschwerdeführung nachsagt. Es lässt sich nicht leugnen, dass es mit der Rotenturmstraße in der frühen Neuzeit steil bergauf ging und sie ein Brennpunkt innerstädtischen Lebens wurde, ebenso traditionsreich wie aktiv. Und dort, wo jetzt die Begegnungszone umgesetzt wird, drängten sich im 17./18. Jahrhundert die Wirtshäuser. Ob nun "Zum goldenen Eber", "Hirschen" oder "Wolf", Raum genug gab es für mehr oder weniger nüchterne Begegnungen.
(Ingeborg Gaisbauer, 11.4.2019)

Ingeborg Gaisbauer, geboren 1975 in Wien, studierte Urgeschichte und Historische Archäologie an der Universität Wien. Sie ist als Archäologin bei den Museen der Stadt Wien – Stadtarchäologie tätig.
Wiens Rotenturmstraße: Archäologisches Erbe im 1. Bezirk - derStandard.at
 

josef

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#2
Einzigartiger Fund bei Ausgrabung in Wiener Innenstadt
Wiener Stadtarchäologen haben bei Bauarbeiten in der Werdertorgasse erstmals eine spätmittelalterliche Uferbefestigung entdeckt
Wien – In der Wiener Werdertorgasse 6 soll ein Wohnhaus mit Luxuswohnungen und einer Tiefgarage entstehen. Seit Ende April verzögern archäologische Grabungen das Bauvorhaben. Aus gutem Grund: Den Wiener Stadtarchäologen ist es gelungen, in acht Metern Tiefe drei Strebemauern der frühneuzeitlichen Neutorbastion sichtbar zu machen. Teile davon hatten sie bereits 2008 in der benachbarten Neutorgasse freilegen können. In der Baugrube Werdertorgasse entdeckten sie eine weitere archäologische Sensation: eine spätmittelalterliche Uferbefestigung. "Wir stoßen immer wieder auf erstaunliche Funde aus unterschiedlichen Epochen – aber dieser Fund ist für Wien einzigartig", sagt Archäologin und Projektleiterin Ingrid Mader.

"Tiefer Einblick in vergangene Zeiten"
Ursprünglich diente die Konstruktion aus Holz und Stein als Überschwemmungsschutz für die Siedlung im Oberen Werd – damals ein Wiener Vorort im Gebiet zwischen dem heutigen Schottenring und der Roßau, das halbinselförmige Areal lag an einem Altarm der Donau. Trotz Überschwemmungsgefahr siedelten sich dort viele lederverarbeitende Werkstätten an.


Eine Archäologin bei der freigelegten spätmittelalterlichen Uferbefestigung in der Wiener Werdertorgasse.
Foto: APA/ROBERT JAEGER

Das etwa 600 Jahre alte Holz der Uferbefestigung ist dank des feuchten Erdreichs immer noch gut erhalten. Rundherum wurden zahlreiche historische Alltagsgegenstände ausgegraben. Die Palette reicht von Keramikteilen und Obstkernen über die Metallspitze eines Armbrustbolzens bis zu einem eindeutig identifizierbaren Lederschuh. "Solche Grabungen erlauben einen tiefen Einblick in die Alltagsgeschichte vergangener Zeiten", zeigt sich Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler begeistert. "Es ist wichtig zu wissen, auf welch historischem Boden wir stehen."

Grabungen bis Ende Juli
Die Fundstücke werden von den Archäologen umfangreich dokumentiert, analysiert und in einer Fundortdatenbank inventarisiert. Dank dieser Daten kann bei Bauvorhaben oft schon im Vorfeld eingeschätzt werden, welche historischen Relikte sich im Erdreich verbergen. Die Grabungen in der Werdertorgasse laufen noch bis Ende Juli. Schon diese Woche beginnen die Archäologen, Teile der Uferbefestigung abzutragen. Tiefer wollen sie nicht graben. "Wir greifen nur so weit ein wie das Bauvorhaben", erklärt Mader. "Das Erdreich ist der beste Tresor." Man wolle Bodendenkmäler schützen und für künftige Archäologen-Generationen bewahren.


Die Uferbefestigung aus Holz und Stein (rot markiert) befand sich vor über 500 Jahren an einem Altarm der Donau, der mitten durch die heutige Innenstadt verlief.
Foto: Stadtarchäologie Wien

Was davon übrig bleiben wird
Dass nach dem Ende der Grabungen alles wieder zugeschüttet wird, sehen die Stadtarchäologen gelassen: "Das Bauvorhaben muss weitergehen", sagt Projektleiterin Mader. "Während wir hier dokumentieren, wird auf der anderen Seite gebaggert." Viel wird von der Grabungsstätte in der Werdertorgasse jedenfalls nicht übrig bleiben. Immerhin hat der Bauherr den Archäologen zugesichert, eine Vitrine in der Tiefgarage aufzustellen. Darin soll auf ihre Funde hingewiesen werden.
(Alexander Polt, 16.7.2019)
Einzigartiger Fund bei Ausgrabung in Wiener Innenstadt - derStandard.at
 

josef

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#3
...und dazu auch ein ORF-Bericht:

Alte Uferbefestigung in Innenstadt gefunden
In der Werdertorgasse 6 in der Wiener Innenstadt wurde nun bei Arbeiten eine alte Uferbefestigung entdeckt. Die Stein-Holz-Konstruktion aus dem Spätmittelalter befand sich an einem einstigen Altarm der Donau.
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Die Uferanlage kam bei Arbeiten für eine Tiefgarage zum Vorschein – in einem längst verlandeten bzw. später regulierten Gebiet, in dem schon lange kein Fluss mehr fließt. Der letzte Rest der verzweigten Wasserläufe, der Donaukanal, ist einige Gehminuten entfernt. Früher war das Areal im Bereich der Vorstadtsiedlung im „Oberen Werd“, die wohl bis ins 16. Jahrhundert bestand, hingegen stets hochwassergefährdet.

Donauarm verlief anders als gedacht
Die ausgegrabenen, mehrteiligen Einbauten sollten hier Abhilfe schaffen. Von der Stadtarchäologie wird das Auftauchen durchaus als kleine Sensation gewertet, wie am Dienstag betont wurde. Die Holzbalken und die Steine zeigen noch gut die Struktur der Befestigung, obwohl auf dem Grund später die Neutorbastion, also ein Teil der Stadtmauer, errichtet wurde.

APA/Robert Jaeger
Schiffe werden zu diesen Uferanlagen keine mehr kommen

APA/Robert Jaeger
Im Spätmittelalter befand sich die Stein-Holzkonstruktion an einem Altarm der Donau


APA/Robert Jaeger
Kulturstadträtin Kaup-Hasler sieht einen einzigartigen Fund


Der Strand wurde offenbar auch als Müllhalde genützt


APA/Robert Jaeger
Zahlreiche Funde sorgen bei den Archäologen für Freude


Stadtarchäologie Wien
Die Funde werden jedoch voraussichtlich im Foyer des geplanten Wohnhauses ausgestellt

Außerdem kann die Lage des Gewässers nun genauer verortet werden. „Dieser einzigartige Fund gibt Hinweise darauf, dass der Altarm der Donau anders verlief als bisher angenommen. Ein großer Erfolg der Stadtarchäologie, der dazu beiträgt, älteren Versionen der Stadt ein feineres, authentischeres und korrekteres Gesicht zu verleihen“, erläuterte Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler.

40 Bananenschachteln mit Fundstücken
Dass der Uferstreifen offenbar auch als eine Art Mülldeponie diente, ist aus archäologischer Sicht ein Glücksfall. Von diesem zeugen zahlreiche Funde, die inzwischen bereits 40 Bananenschachteln füllen, wie die archäologische Projektleiterin Ingrid Mader berichtete. Ausgegraben wurde etwa ein noch relativ scharfes Eisenmesser sowie eine Schere und weitere Werkzeuge, die bei der dort anscheinend weitverbreiteten Lederproduktion zum Einsatz gekommen sein dürften.



Auch Lederwaren selbst bzw. deren Reste sind in großer Zahl zu finden. Als Highlight gilt hier ein relativ gut erhaltener Schuh. Weiters sind Holzlöffel, unzählige Tierknochen und sogar ein Armbrustbolzen entdeckt worden. Teile der Ausgrabungsstätte sind zudem mit Weintraubenkernen regelrecht übersät. Das deutet darin, dass Maische einst dort entsorgt wurde.

Garage wird an Fundort errichtet
Die städtischen Archäologen widmen sich derzeit intensiv der Fundstätte. Die mittelalterliche Uferpromenade dauerhaft zu zeigen, wird aber nicht möglich sein, da darüber die Garage bzw. ein Wohnhaus errichtet wird. Die Bauherren haben jedoch angekündigt, im Foyer einige der Fundstücke auszustellen.
red, wien.ORF.at/Agenturen

Wissenschaft: Alte Uferbefestigung in Innenstadt gefunden
 
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