Atomkrieg
Russland erneuerte das Kronjuwel seiner nuklearen Abschreckung: Was steckt hinter Objekt 1335?
Seit Jahrzehnten soll ein Bunkersystem im Ural die Zerstörung jener Staaten ermöglichen, die Russland atomar angreifen. Recherchen belegen nun die Modernisierung der Anlage
Im Hintergrund Wladimir Putins schimmert das Wappen der Russischen Föderation an einer Wand und wirkt dabei etwas wie ein Atompilz.
REUTERS/Anastasia Barashkova
Wollte es Wladimir Putin eigentlich geheim halten, oder wollte er ohnehin, dass die Welt von seinen Plänen erfährt? Das ist die Frage, die sich aufdrängt, wenn man die beeindruckende Recherche liest, die dem dänischen Danwatch, der britischen Times und dem vom Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski gegründeten Dossier Center gemeinsam gelungen ist. Über mehrere Monate des Jahres 2024 hinweg durchsuchten sie mithilfe komplexer Computerskripte und einem Netzwerk von Servern in Russland, Kasachstan und Belarus 2,5 Millionen Rüstungsbeschaffungsdokumente aus den zurückliegenden Jahren. Sie analysierten Satellitenbilder und interviewten zahlreiche Ex-Soldaten. Am Ende ließen ihre Erkenntnisse nur eine Schlussfolgerung zu:
Russland hat Objekt 1335 zwischen 2018 und 2024 umfassend modernisiert. Doch was folgt aus dieser Erkenntnis?
Hinter dem kryptischen Namen verbirgt sich nichts weniger als das Kronjuwel der russischen nuklearen Abschreckung: eine Bunkeranlage tief im russischen Uralgebirge, die ein halbautomatisches System für Abschussbefehle für Nuklearwaffen beherbergt. Es soll die Zerstörung jener Staaten ermöglichen, die Russland zuvor mit nuklearen Waffen angegriffen und dabei die russische Führungsriege womöglich ausgeschaltet haben. Objekt 1335 ist die ausgeklügelteste aller russischen Backup-Kommandozentren.
Es ist das berühmte Konzept der "toten Hand", die für Moskau auch nach einem etwaigen Enthauptungsschlag noch Rache übt, das mit Objekt 1335 immer wieder in Verbindung gebracht wird. Es ist auch der Kern der sogenannten MAD-Logik, der Mutual Assured Destruction, die die gegenseitige Zerstörung im Kalten Krieg zusicherte und damit für ein Gleichgewicht des Schreckens sorgte.
Zweitschlagsystem Perimeter
Das Herz des Systems, das ab Mitte der 1970er konzipiert und ab den 1980ern gebaut wurde, heißt Perimeter. Das Zweitschlagsystem soll für den Fall, dass alle herkömmlichen Kommunikationswege zerstört wurden oder werden, Raketen starten lassen. Diese senden dann während ihres 20- bis 50-minütigen Überflugs über Russland Signale an noch bestehende Kommandozentralen oder nötigenfalls auch an unversehrte Atom-Silos, U-Boote und Bomber, um so direkt Abschussbefehle zu liefern. Perimeter startet also eine Art von fliegendem "rotem Knopf".
Außerdem sammelt Objekt 1335 seismische Erschütterungen und radioaktive Strahlung auf russischem Territorium. Ist die restliche Kommandostruktur ausgeschaltet, kann der Bunker allein den Gegenschlag befehlen.
Angedacht war im Kalten Krieg sogar, dass Perimeter nach einem vom Oberbefehlshaber geäußerten Anfangsverdacht auf einen Nuklearschlag automatisch ablaufen sollte und aktiv von Menschen hätte gestoppt werden müssen, sollte man sich getäuscht haben, erklärt der Nukelarwaffenexperte Pavel Podvig in seiner Kritik an den Schlussfolgerungen der neuen Recherchen. Dies wäre dem Konzept der "toten Hand" wohl am nähesten gekommen, sei so aber nie aktiviert worden. Auch von einer Reaktivierung zu sprechen, wie es manche Medien taten, sei falsch, schreibt Podvig auf seinem Blog. Aus dem einfachen Grund, weil es die Russen nie außer Betrieb genommen haben dürften.
Absoluter Schutz?
Vergraben ist Perimeter im 1519 Meter hohen Berg Koswinskij Kamen in der russischen Oblast Swerdlowsk unweit des Dörfchens Kytlym. Der Berg wurde eigens ausgewählt, weil er durch seine Geologie Radiowellen durchlässt und das Tunnelsystem mit mindestens 24 Tunneln so tief gegraben werden konnte, dass der Berg laut russischer Diktion "absoluten Schutz" bietet.
Der Eingang zum Bunkernetzwerk befindet sich hinter einem eisernen Tor unweit einiger recht unspektakulär wirkender Militärcheckpoints. Während es den Journalisten gelang, hunderte Bilder vom Gelände der hochgeheimen Spezialeinheit 20003 der russischen strategischen Raketentruppen nahe dem Bunkereingang zu identifizieren, glauben sie nur bei einem Bild, das Tunnelsystem im Inneren erkannt zu haben.
Befestigung
Die "Renovierung" dieses Tunnelsystems war aber wohl der Hauptzweck des von Wladimir Putin initiierten Upgrades. 600 Kilometer Elektrokabel, 14.000 Lampen und Glühbirnen sowie ausreichend elektrische Infrastruktur, um ganze Kleinstädte mit Strom zu versorgen, wurden laut den Recherchen in unzähligen Lkw-Fuhren ebenso in den Berg verfrachtet wie 22.000 Tonnen Betonstahl und mehr als 56.000 Tonnen Zement. Was ausreichen würde, um mehrere Hochhäuser zu bauen, hat wohl nur ein großes Ziel: die Wirkung der bunkerbrechenden US-Bomben aufzuhalten.
Ein zweiter Teil des Upgrades dürfte laut den Aussagen russischer Ex-Militärangehöriger in Branchenjournalen die eigentliche Software hinter Perimeter betreffen. In Veteranenzeitschriften beschrieben diese, wie das System "nach langjähriger experimenteller Arbeit" erst 2023 wieder in erhöhte "Einsatzbereitschaft" versetzt wurde. Wegen der US-Unterstützung der Ukraine?
Von russischer Seite überhaupt erstmals offiziell bestätigt wurde die Existenz von Perimeter jedenfalls erst 2011 durch den Oberbefehlshaber der Strategischen Raketentruppen, General Sergej Karakajew – ohne Beweise zu liefern.
Im Gespräch mit Danwatch sagte der US-Rüstungsforscher Jeffrey Lewis von der Universität Stanford, dass sogar innerhalb der US-Geheimdienstcommunity viele nicht an die Existenz der "toten Hand" glauben wollten oder wollen – trotz umfassender Beweise. Mit den Rechercheergebnissen konfrontiert, habe er sich aber nochmals in Russland umgehört und den Einsatz von Perimeter bestätigt bekommen. Auch der unter Barack Obama als Vizeverteidigungsminister agierende und für Nuklearwaffen zuständige Andy Weber sagte zu Danwatch: "Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass es nicht existiert", eben weil Putin derart paranoid sei, was Enthauptungsschläge angehe.
Signale an wen?
Russland hat in den vergangenen Jahren große Anstrengungen zur Modernisierung seines Nuklearwaffenarsenals unternommen – wie die USA auch. Inwieweit sich Staaten dabei auf automatisierte oder gar von Künstlicher Intelligenz gestützte Systeme verlassen, ist nur äußerst schwierig festzumachen. Dass (blindes) Vertrauen in KI-Analysen bei den tödlichsten Massenvernichtungswaffen der Welt aber eine katastrophale Gefahr birgt, dürfte auch den Verantwortlichen klar sein.
Bleibt aber noch die eingangs aufgebrachte Frage zu beantworten, ob Putin vielleicht gar nicht wollte, dass die Modernisierung von Objekt 1335 ein Geheimnis bleibt.
Für Andy Weber ist es gut möglich, dass Leaks der Beschaffungsverträge bewusst in Kauf genommen wurden, denn "was nützt ein solches System, wenn die andere Seite nichts davon weiß? Putin möchte, dass seine Gegner wissen, dass dieses System einsatzbereit ist", sagt Weber und zieht einen Vergleich mit Stanley Kubricks Kalter-Krieg-Satire "Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb" von 1964. In dem Film baut die Sowjetunion eine Weltuntergangsmaschine und hat vergessen, die USA darüber zu informieren – wodurch sie ihre abschreckende Wirkung verliert. Zumindest das passiert Putin nicht.
(Fabian Sommavilla, 30.9.2026)
Russland erneuerte das Kronjuwel seiner nuklearen Abschreckung: Was steckt hinter Objekt 1335?
Russland erneuerte das Kronjuwel seiner nuklearen Abschreckung: Was steckt hinter Objekt 1335?
Seit Jahrzehnten soll ein Bunkersystem im Ural die Zerstörung jener Staaten ermöglichen, die Russland atomar angreifen. Recherchen belegen nun die Modernisierung der Anlage
Im Hintergrund Wladimir Putins schimmert das Wappen der Russischen Föderation an einer Wand und wirkt dabei etwas wie ein Atompilz.
REUTERS/Anastasia Barashkova
Wollte es Wladimir Putin eigentlich geheim halten, oder wollte er ohnehin, dass die Welt von seinen Plänen erfährt? Das ist die Frage, die sich aufdrängt, wenn man die beeindruckende Recherche liest, die dem dänischen Danwatch, der britischen Times und dem vom Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski gegründeten Dossier Center gemeinsam gelungen ist. Über mehrere Monate des Jahres 2024 hinweg durchsuchten sie mithilfe komplexer Computerskripte und einem Netzwerk von Servern in Russland, Kasachstan und Belarus 2,5 Millionen Rüstungsbeschaffungsdokumente aus den zurückliegenden Jahren. Sie analysierten Satellitenbilder und interviewten zahlreiche Ex-Soldaten. Am Ende ließen ihre Erkenntnisse nur eine Schlussfolgerung zu:
Russland hat Objekt 1335 zwischen 2018 und 2024 umfassend modernisiert. Doch was folgt aus dieser Erkenntnis?
Hinter dem kryptischen Namen verbirgt sich nichts weniger als das Kronjuwel der russischen nuklearen Abschreckung: eine Bunkeranlage tief im russischen Uralgebirge, die ein halbautomatisches System für Abschussbefehle für Nuklearwaffen beherbergt. Es soll die Zerstörung jener Staaten ermöglichen, die Russland zuvor mit nuklearen Waffen angegriffen und dabei die russische Führungsriege womöglich ausgeschaltet haben. Objekt 1335 ist die ausgeklügelteste aller russischen Backup-Kommandozentren.
Es ist das berühmte Konzept der "toten Hand", die für Moskau auch nach einem etwaigen Enthauptungsschlag noch Rache übt, das mit Objekt 1335 immer wieder in Verbindung gebracht wird. Es ist auch der Kern der sogenannten MAD-Logik, der Mutual Assured Destruction, die die gegenseitige Zerstörung im Kalten Krieg zusicherte und damit für ein Gleichgewicht des Schreckens sorgte.
Zweitschlagsystem Perimeter
Das Herz des Systems, das ab Mitte der 1970er konzipiert und ab den 1980ern gebaut wurde, heißt Perimeter. Das Zweitschlagsystem soll für den Fall, dass alle herkömmlichen Kommunikationswege zerstört wurden oder werden, Raketen starten lassen. Diese senden dann während ihres 20- bis 50-minütigen Überflugs über Russland Signale an noch bestehende Kommandozentralen oder nötigenfalls auch an unversehrte Atom-Silos, U-Boote und Bomber, um so direkt Abschussbefehle zu liefern. Perimeter startet also eine Art von fliegendem "rotem Knopf".
Außerdem sammelt Objekt 1335 seismische Erschütterungen und radioaktive Strahlung auf russischem Territorium. Ist die restliche Kommandostruktur ausgeschaltet, kann der Bunker allein den Gegenschlag befehlen.
Angedacht war im Kalten Krieg sogar, dass Perimeter nach einem vom Oberbefehlshaber geäußerten Anfangsverdacht auf einen Nuklearschlag automatisch ablaufen sollte und aktiv von Menschen hätte gestoppt werden müssen, sollte man sich getäuscht haben, erklärt der Nukelarwaffenexperte Pavel Podvig in seiner Kritik an den Schlussfolgerungen der neuen Recherchen. Dies wäre dem Konzept der "toten Hand" wohl am nähesten gekommen, sei so aber nie aktiviert worden. Auch von einer Reaktivierung zu sprechen, wie es manche Medien taten, sei falsch, schreibt Podvig auf seinem Blog. Aus dem einfachen Grund, weil es die Russen nie außer Betrieb genommen haben dürften.
Absoluter Schutz?
Vergraben ist Perimeter im 1519 Meter hohen Berg Koswinskij Kamen in der russischen Oblast Swerdlowsk unweit des Dörfchens Kytlym. Der Berg wurde eigens ausgewählt, weil er durch seine Geologie Radiowellen durchlässt und das Tunnelsystem mit mindestens 24 Tunneln so tief gegraben werden konnte, dass der Berg laut russischer Diktion "absoluten Schutz" bietet.
Der Eingang zum Bunkernetzwerk befindet sich hinter einem eisernen Tor unweit einiger recht unspektakulär wirkender Militärcheckpoints. Während es den Journalisten gelang, hunderte Bilder vom Gelände der hochgeheimen Spezialeinheit 20003 der russischen strategischen Raketentruppen nahe dem Bunkereingang zu identifizieren, glauben sie nur bei einem Bild, das Tunnelsystem im Inneren erkannt zu haben.
Befestigung
Die "Renovierung" dieses Tunnelsystems war aber wohl der Hauptzweck des von Wladimir Putin initiierten Upgrades. 600 Kilometer Elektrokabel, 14.000 Lampen und Glühbirnen sowie ausreichend elektrische Infrastruktur, um ganze Kleinstädte mit Strom zu versorgen, wurden laut den Recherchen in unzähligen Lkw-Fuhren ebenso in den Berg verfrachtet wie 22.000 Tonnen Betonstahl und mehr als 56.000 Tonnen Zement. Was ausreichen würde, um mehrere Hochhäuser zu bauen, hat wohl nur ein großes Ziel: die Wirkung der bunkerbrechenden US-Bomben aufzuhalten.
Ein zweiter Teil des Upgrades dürfte laut den Aussagen russischer Ex-Militärangehöriger in Branchenjournalen die eigentliche Software hinter Perimeter betreffen. In Veteranenzeitschriften beschrieben diese, wie das System "nach langjähriger experimenteller Arbeit" erst 2023 wieder in erhöhte "Einsatzbereitschaft" versetzt wurde. Wegen der US-Unterstützung der Ukraine?
Von russischer Seite überhaupt erstmals offiziell bestätigt wurde die Existenz von Perimeter jedenfalls erst 2011 durch den Oberbefehlshaber der Strategischen Raketentruppen, General Sergej Karakajew – ohne Beweise zu liefern.
Im Gespräch mit Danwatch sagte der US-Rüstungsforscher Jeffrey Lewis von der Universität Stanford, dass sogar innerhalb der US-Geheimdienstcommunity viele nicht an die Existenz der "toten Hand" glauben wollten oder wollen – trotz umfassender Beweise. Mit den Rechercheergebnissen konfrontiert, habe er sich aber nochmals in Russland umgehört und den Einsatz von Perimeter bestätigt bekommen. Auch der unter Barack Obama als Vizeverteidigungsminister agierende und für Nuklearwaffen zuständige Andy Weber sagte zu Danwatch: "Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass es nicht existiert", eben weil Putin derart paranoid sei, was Enthauptungsschläge angehe.
Signale an wen?
Russland hat in den vergangenen Jahren große Anstrengungen zur Modernisierung seines Nuklearwaffenarsenals unternommen – wie die USA auch. Inwieweit sich Staaten dabei auf automatisierte oder gar von Künstlicher Intelligenz gestützte Systeme verlassen, ist nur äußerst schwierig festzumachen. Dass (blindes) Vertrauen in KI-Analysen bei den tödlichsten Massenvernichtungswaffen der Welt aber eine katastrophale Gefahr birgt, dürfte auch den Verantwortlichen klar sein.
Bleibt aber noch die eingangs aufgebrachte Frage zu beantworten, ob Putin vielleicht gar nicht wollte, dass die Modernisierung von Objekt 1335 ein Geheimnis bleibt.
Für Andy Weber ist es gut möglich, dass Leaks der Beschaffungsverträge bewusst in Kauf genommen wurden, denn "was nützt ein solches System, wenn die andere Seite nichts davon weiß? Putin möchte, dass seine Gegner wissen, dass dieses System einsatzbereit ist", sagt Weber und zieht einen Vergleich mit Stanley Kubricks Kalter-Krieg-Satire "Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb" von 1964. In dem Film baut die Sowjetunion eine Weltuntergangsmaschine und hat vergessen, die USA darüber zu informieren – wodurch sie ihre abschreckende Wirkung verliert. Zumindest das passiert Putin nicht.
(Fabian Sommavilla, 30.9.2026)