Zugfahrten in aller Welt die nicht nur Eisenbahnfans begeistern

josef

Administrator
Mitarbeiter
#1
FERNWEH
Legendäre Zugfahrten, die nicht nur Eisenbahnfans begeistern
Nicht nur um von A nach B zu kommen, sondern um kleine und große Abenteuer zu erleben, bieten sich diese Zugfahrten in aller Welt an

Foto: imago/robertharding

Der Start des Klimatickets in Österreich hat auch international für Aufsehen gesorgt. Nachzulesen unter anderem hier oder hier. Ob der Effekt, dass zukünftig mehr Menschen ihr Auto stehen lassen, um mit dem Zug unter anderem in den Urlaub zu fahren, wird sich weisen. Wünschenswert wäre es.

Es ist jedenfalls festzustellen, dass sich Zugreisen auch international immer größerer Beliebtheit erfreuen, vor allem bei jenen, die nach nachhaltigeren Reisemöglichkeiten suchen. Nicht nur um von A nach B zu kommen, sondern um kleine und große Abenteuer zu erleben und Kontakte zur einheimischen Bevölkerung zu knüpfen. Auch wenn durch diverse Reiseeinschränkungen vielleicht noch nicht alle Optionen offenstehen, kann die nachfolgende Liste interessanter Zugstrecken in aller Welt als Inspiration für die Planung der nächsten Urlaubsreise per Bahn dienen.

Bahnreisen Teil 1:

Reunification Express von Hanoi nach Saigon, Vietnam
Knarrend und heulend verlässt der Reunification Express den Bahnhof von Hanoi und fährt in zwei Nächten entlang des Rückgrats des Landes bis nach Saigon. Hinter verhangenen Fenstern werden die Fahrgäste durch die Lebenswelt Vietnams gezogen. Man erhalte Einblicke in Küchen, Hinterhöfe und Gassen, wo Köche Pfannen schrubben, Mütter die Haare ihrer Kinder flechten und Kleidung auf behelfsmäßigen Wäscheleinen trocknet berichtet Time Out: "Zwischen Hué und Da Nang erhebt sich der Dschungel rund um den Zug, wächserne Blätter klatschen an die Seiten, und die heiße Sonne blitzt zwischen den vergitterten Fenstern hindurch. Und unter den Reisenden öffnet sich das Südchinesische Meer zu einer dunstigen blauen Weite, an deren schaumigem Rand ein cremefarbener Sandstreifen verläuft."

Train des Pignes von Nizza nach Digne-les Bains, Frankreich
Die 151 Kilometer lange Schmalspurstrecke wurde in den 1890er-Jahren eröffnet und hat ihren Namen von den Pignes (Pinienzapfen), die als Zunder für Dampfmaschinen dienten. Heute ziehen Dieselloks die Bahn durch die malerische Landschaft zwischen Nizza an der Côte d’Azur und Digne-les-Bains im Voralpenland. Dabei schlängelt sie sich durch das mit mittelalterlichen Dörfern übersäte Var-Tal. Das Schmuckstück ist Entrevaux mit der Zitadelle oberhalb des Var und der mauerbewehrten Altstadt, die über eine Zugbrücke betreten wurde. Das waren sinnvolle Maßnahmen gegen die Sarazenen, die zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert die Basse-Provence heimsuchten, wie im Buch "500 Zugreisen – Legendäre Eisenbahnfahrten weltweit" nachzulesen ist.

EMZ-Zug von Seoul nach Dorasan, Südkorea
In dem Buch "500 Zugreisen" wird auch der südkoreanische "Friedenszug" erwähnt, betrieben von Korail, der die Hauptstadt Seoul mit Dorasan, dem letzten Halt vor der Demilitarisierten Zone (DMZ) zwischen Südkorea und Nordkorea, verbindet. Hier liegt die am stärksten abgesicherte Grenze der Welt; ungefähr auf Höhe des 38. Breitengrades bildet die EMZ (Entmilitarisierte Zone) dabei einen vier Kilometer breiten Puffer, der die Halbinsel seit 1953 in Nord- und Südkorea teilt. Hier treffen sich beide Seiten für Verhandlungen, und hier haben sich mehrere Konflikte zugetragen. Die 56 Kilometer lange Bahnfahrt von Seoul führt durch unberührte Landschaften und bringt die Fahrgäste in die beschränkt zugängliche EMZ, wo man das Dora-Observatorium besuchen und von dort auf die andere Seite der Grenze blicken kann.

Qinghai-Tibet-Bahn von Xining nach Lhasa, Autonome Region Tibet
Eine Zugfahrt, die einem buchstäblich den Atem nehmen kann. Die Qinghai-Tibet-Eisenbahn von Xining nach Lhasa steigt auf über 5.200 Meter an. Im höchstgelegenen Zug der Welt sind die Abteile mit Düsen ausgestattet, die Sauerstoff einströmen lassen, um die Symptome der Höhenkrankheit zu lindern, während die Passagiere auf eine gelbe Hochebene unter blauem Himmel blicken. Die Berge sind mit Schnee bedeckt, und Yaks durchziehen die Landschaft, während bunte Gebetsfahnen im Wind wehen. Während sich der Zug um das Kunlun-Gebirge schlängelt, verdunkelt sich das Innere des Zuges im Schatten von Eis und Schnee, bevor er schließlich nach Lhasa hinunterfährt.

Coast Starlight von Seattle nach Los Angeles, USA
Von der Hafenstadt Seattle aus fährt der Coast Starlight den westlichen Rand der Vereinigten Staaten entlang und bietet die besten Aussichten, Speisen und Gespräche, die Amtrak zu bieten hat, wie es bei Time Out heißt. Man kann es sich in der Sightseer-Lounge bequem machen und den Blick auf den Pazifischen Ozean genießen. "Die Landschaft entlang der Coast-Starlight-Strecke ist unübertroffen. Die dramatischen, schneebedeckten Gipfel der Cascade Range und des Mount Shasta, üppige Wälder, fruchtbare Täler und lange Küstenabschnitte am Pazifik bilden eine atemberaubende Kulisse für Ihre Reise", wirbt Amtrak. Man möchte es gerne glauben. Und kann schon vor seinem geistigen Auge sehen, wie der Zug das letzte Stück der sonnenbeschienenen Küste entlangfährt und in der Union Station von Los Angeles einfährt.
 
Zuletzt bearbeitet:

josef

Administrator
Mitarbeiter
#2
Bahnreisen Teil 2:

Sagano Scenic Railway in Kyoto, Japan
Diese Schmalspurbahn aus dem 19. Jahrhundert ist das Gegenstück zu den japanischen Shinkansen-Zügen und tuckert mit rund 25 Kilometern pro Stunde dahin, wobei die Fahrgäste den Hozu-Fluss aus nächster Nähe betrachten können. Im Frühling weht der zarte Duft der Kirschblüten herüber. Die beliebteste Reisezeit ist allerdings der Herbst, wenn sich die Ahornbäume in einem flammenden Farbenspiel "entzünden".

Kap-Kairo-Linie, Afrika
Wer das ganz große Afrika-Abenteuer sucht, der sollte sich diese Tour ansehen: Ende des 19. Jahrhunderts wollte der britische Unternehmer und Politiker Cecil Rhodes eine Eisenbahnstrecke bauen, die den gesamten afrikanischen Kontinent umspannt – vom Mittelmeer bis zum Südatlantik. Dieses zugegeben imperialistische Projekt wurde nie realisiert. Stattdessen warten heute viele kleine Teilstrecken auf Reisende, die das geballte Abenteuer erleben wollen. Fix ist: Eine solche Reise beansprucht Zeit und ist keinesfalls unkompliziert, doch wird man die gewonnenen Eindrücke wohl niemals vergessen.

Yangon Circular Railway, Myanmar
Der beste Weg, ein Gefühl für das Leben in Myanmars Hauptstadt Rangun zu bekommen, ist eine Fahrt mit der Yangon Circular Railway. An Bord herrsche eine entspannte Atmosphäre, berichtet man bei Time Out, in der die Fahrgäste ihre Flip-Flops ablegen und im Schneidersitz mit Freunden plaudern, Blumen für den Markt fädeln und alles von Eiern und Papayas bis zu frisch gerösteten Maiskolben verkaufen. Wenn sich der Zug dem Bahnhof nähert, steigen die Fahrgäste aus, bevor er angehalten hat, und gehen über die überwucherten Gleise zu den Märkten, die mit bunten Regenschirmen bedeckt sind, um die Waren vor der Hitze zu schützen. Man sollte die Gelegenheit nutzen, um über den Markt zu schlendern, zu feilschen, lokale Produkte zu genießen, bevor man sich wieder auf den Rückweg macht.

Transmongolische Eisenbahn von Moskau nach Peking
Als einmaliger Trip unter Eisenbahnfans gilt eine Fahrt mit der Transmongolischen Eisenbahn, die als "Godfather of Trains" bezeichnet wird. Das Abenteuer beginnt in Moskau. Fünf Tage dauert es, bis der Zug Sibirien durchquert hat und in der Mongolei ankommt. Zwei weitere Tage, um in der chinesischen Hauptstadt Peking anzukommen. Es wird empfohlen, reichlich Proviant einzupacken.

Mandovi Express von Mumbai nach Margao, Indien
Die 1998 fertiggestellte, 741 Kilometer lange Konkan-Bahn verbindet Mumbai mit der Hafenstadt Mangalore in Karnataka. Sie gilt als Meisterwerk der Ingenieurskunst: Mehr als 2.000 Brücken und rund 90 Tunnel mussten für die Strecke zwischen dem Arabischen Meer und den Westghats errichtet werden. Die Bahn führt vorbei an Flüssen, Tälern, Bergen, Mangobäumen, Kokospalmen und kleinen Dörfern. In Karmali steigt aus, wer die verlassenen Klöster und Kirchen von Alt-Goa, das einst als Rom des Orients galt, besichtigen möchte. Der Mandovi Express wiederum ist einer von vielen Zügen auf dieser Strecke. Bekannt ist er für den besten Speisewagen, den die indische Eisenbahn zu bieten hat.

Von Cannes, Frankreich, nach Ventimiglia, Italien
Dieser doppelstöckige Pendlerzug ist in der Regel voll mit Schülern, Einkäufern und Opas, die Baguettes tragen. Er fährt entlang der französischen Riviera und verbindet die von Palmen gesäumten und mit Ferraris zugeparkten Resorts von Cannes mit der schönen italienischen Marktstadt Ventimiglia. Der Zug rollt am Rande des funkelnden Ligurischen Meeres entlang, wo man Sonnenanbeter, Teenager, die Volleyball spielen, und Verkäufer, die Eis und heiße Waffeln verkaufen, beobachten kann. Der Zug hält an Stationen, an denen rosa Bougainvillea die Wände ziert, und fährt durch Nizza und Monaco. Der Ozean glitzert zwischen den Wohnblöcken, bevor er in den alten italienischen Bahnhof einbiegt.

"The Skeena" von Jasper nach Prince Rupert, Kanada
The Skeena gilt als ein gut gehütetes Geheimnis. Er verkehrt zwischen Jasper in Alberta und Prince Rupert im äußersten Westen von British Columbia, Kanada. Zwei Tage lang schlängelt sich der Zug um die Rocky Mountains, deren weiße Gipfel in der Sonne glänzen und sich im Wasser der mit Douglasien gesäumten Seen spiegeln. Fahrgäste können Elche, Karibus, Steinadler und den einen oder anderen Braunbären beobachten. Obwohl der Zug bei Touristen beliebt ist, die den kuppelförmigen Panoramawagen, das Drei-Gänge-Menü und den Wein genießen, ist er auch eine Lebensader für die Ureinwohner, die in dieser Region kein anderes Transportmittel haben. Aus den Wäldern kommend, stoppen sie einfach den Zug an, um einzusteigen.
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#3
Bahnreisen Teil 3 (Rest):

"Todeseisenbahn" von Bangkok nach Nam Tok, Thailand
Während des Zweiten Weltkrieges setzten die Japaner Kriegsgefangene ein, um eine Eisenbahnverbindung zwischen Thailand und Burma (Myanmar) zu bauen – mit dem Ziel, in Indien einzumarschieren. Unter schlimmsten Bedingungen bauten die Männer 372 Meilen Gleis, wobei für jede verlegte Schwelle ein Toter zu beklagen war. Ein Teil dieser todbringenden Bahnstrecke mit ihrer erschütternden Geschichte führt heute noch von Bangkok nach Nam Tok, durch einige der spektakulärsten Landschaften Thailands. Mit Ästen, die an die Fensterscheiben klopfen, und Verkäufern, die an Bord Klebreis und Hendl-Satay anbieten, fährt der Zug über Gerüstbrücken, über breite Flüsse mit schwimmenden Dörfern und auch über die berüchtigte Brücke am River Kwai. Am Ende des Zuges befindet sich ein Museum, in dem die Passagiere den Aussagen von Überlebenden lauschen und auf alten Schwellen spazieren gehen können, die noch durch den Schmutz zu sehen sind.

Venedig-Simplon-Orient-Express von Venedig nach London, von Italien nach England
Der wohl berühmteste Zug der Welt, der Orient-Express, ist ideal für alle, die sich in das goldene Zeitalter der Zugreisen zurücksehnen. Er entführt seine Passagiere in eine Welt der Dekadenz. Beim Klirren der Gläser auf dem Tisch speisen die Passagiere Gänseleberpastete, Austern und Hummerschwänze, während der Zug durch die Dolomiten und um den Genfer See kurvt und die Reisenden in Paris mit einem Korb warmer Croissants und frischem Kaffee aufwachen. Da der Zug nicht durch den Eurotunnel fahren kann, werden die Passagiere in Calais abgesetzt, nach Kent übergesetzt, wo ein britischer Pullman-Wagon wartet, der die Passagiere auf der letzten Etappe nach London befördert, begleitet von Lachs- und Gurkensandwiches und Kannen mit heißem Tee.

(red, 29.10.2021)

Weiterlesen
Zug-Weltreisende Monisha Rajesh: "Der Zug ist ein Mikrokosmos"
Lohnende Zugreisen in Europa, die man aktuell auch machen kann
Die neun besten Ziele, die man mit dem Nachtzug erreichen kann
Zum Start des Klimatickets: Tagesausflüge mit der Bahn ab Wien

Buchtipps
Sarah Baxter: 500 Zugreisen: Legendäre Eisenbahnfahrten weltweit. Knesebeck
Monisha Rajesh: In 80 Zügen um die Welt. Mein 70.000 Kilometer langes Abenteuer auf Schienen. Edel-Books-Verlag

Hinweis
Die aktuellen Einreisebestimmungen und die in den jeweiligen Ländern geltenden Maßnahmen können auf der Website des Außenministeriums nachgelesen werden.[/QUOTE]
Legendäre Zugfahrten, die nicht nur Eisenbahnfans begeistern
 

Varga

Mann aus den Bergen
Mitarbeiter
#4
Die River Kwai-Bahn bin ich vor 50 Jahren gefahren.
In Stichworten: Meine Frau und ich, und ein Schweizer als Reiseführer. Normaler Personen-Güterzug. Keine Touristen.
Dampfzug, Lokomotive mit Holz geheizt. Die meiste Zeit war ich auf dem Führerstand. Abenteuerliche Fahrten auf Holzgerüsten der Felswand entlang. Vor solchen Passagen hielt der Zug an, einige Pax stiegen aus, und warteten bis der Zug darüber war, und kamen dann zu Fuss darüber um wieder einzusteigen. Auf jedem Bahnhof wurde rangiert.
Zurück nach Bangkok ging es dann mit Booten, Elefanten, Armeefahrzeugen, Taxi etc.
War ein richtiges Abenteuer.

Gruss
Varga
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#5
Flott unterwegs
Eine Fahrt mit dem Shinkansen: Japans beliebter Highspeed-Zug und seine Zukunft
Die markanten Züge dominieren den Fernverkehr in Nippon, 70 Jahre nach ihrem Start soll die erste Maglev-Verbindung in Betrieb gehen
Im Jahr 1964 eröffnete mit dem "Shinkansen" die erste Hochgeschwindigkeitszugstrecke Japans. Diese hat seitdem eine bewegte Geschichte hinter sich, inklusive rapider Erweiterung, Stagnation, der Aufspaltung und Privatisierung der finanziell maroden Staatsbahn und dem danach folgenden, langsamen Aufschwung. Die Schnellzüge sind bis heute ein beliebtes und sicheres Verkehrsmittel, um über die Haupt- und Nebeninseln zu verkehren. Einzig auf dem südöstlich von Osaka gelegenen Eiland Shikoku wurde bislang keine Shinkansen-Strecke realisiert.

Nachdem die Züge kontinuierlich immer schneller wurden, steht nun ein technologischer Umbruch in den Startlöchern: Nämlich weg von der klassischen Schiene und hin zu einer Magnetschwebebahn (Maglev). Damit soll man künftig noch schneller und komfortabler von A nach B kommen.

Begonnen hat alles mit der "Tokaido"-Strecke, die zwischen der Hauptstadt Tokio und der Station Shin-Osaka verläuft. Und auf dieser war auch der Autor des Textes als Passagier unterwegs – einmal von Tokio nach Kyoto und einmal von Osaka zurück nach Tokio. Auch von Osaka nach Kyoto kann man ein Shinkansen-Ticket buchen, doch für diese Kurzstrecke zwischen den beiden verschmolzenen Metropolen ist das schon allein aus Kostengründen nicht empfehlenswert. Es gibt hier ohnehin gute, regionale Zugverbindungen.


Der Shinkansen N700S auf seiner Jungfernfahrt im Juli 2020.
via www.imago-images.de

476 Kilometer in zwei Stunden
Das Ticket nach Kyoto kostete brutto 14.170 Yen, nach Umrechnungskurs vom 1. November also knapp 80 Euro für 476 Kilometer. Hinzu kommen rund 1500 Yen Gebühr für eine Agentur, die die Buchung übernimmt, da das Buchungssystem nicht allzu zugänglich ist. Es gibt auch eine günstigere Option ohne reserviertem Sitzplatz, dabei riskiert man freilich, stehen zu müssen. Teurer wird es bei der Buchung des Pendants zur hiesigen "Ersten Klasse" im Green Car. Die Fahrt dauert etwas mehr als 2 Stunden mit dem "Nozomi"-Service, dem schnellsten Shinkansenservice auf der Strecke. In beide Richtungen fuhr hier jeweils ein Shinkansen-Zug des Typs N700S-9000 (Nozomi 700 Supreme). Es handelt sich um die bisher neueste Ausführung, die seit 2020 im kommerziellen Fahrbetrieb genutzt wird.

Zum Vergleich: Die Distanz zwischen Tokio und Kyoto entspricht in etwa der Zugstrecke zwischen Wien und München. Für die Fahrt von der Donaumetropole nach Bayern benötigt man aber im besten Fall knapp vier Stunden und zahlt (ohne Ermäßigungskarte) für die Direktverbindung auch mehr. Ob man hier einen vergleichbaren Schnellzug etablieren könnte, sei dahingestellt, weil ein 1:1-Vergleich die Sachlage zu stark vereinfachen würde. Der gern vorgebrachte Verweis auf die bergige Landschaft lässt sich aber damit kontern, dass auch Japan vielerorts kein einfaches Terrain für Trassenbau bietet.


Foto vom Bahnhof Shin-Osaka.
DER STANDARD/Pichler

Hoher Fahrkomfort
Doch zurück nach Nippon. Die Tokaido-Strecke ist enorm beliebt, dementsprechend dicht ist die Taktung tagsüber. In den Stunden um die Mittagszeit fährt im Schnitt alle zehn Minuten ein Zug gen Shin-Osaka ab. Wohlgemerkt: Das gilt nur für die Nozomi-Verbindung mit ihren insgesamt sechs Haltestellen. Die anderen Varianten (Hikari und Kodama) decken mehr Zwischenhalte ab und sind dementsprechend länger unterwegs. Zählt man diese mit, so kann man alle paar Minuten in einen Zug einsteigen. Der Zug selbst könnte über 360 km/h fahren, das Maximum auf dieser Strecke liegt allerdings bei 275 km/h und wird zwischenzeitlich auch erreicht.

Einmal durch die Ticketschleuse durch erfolgte in beide Richtungen die nächste Kontrolle der Fahrkarte nur noch am Zielbahnhof. Auch im gut, aber nicht komplett gefüllten Zug wurde nicht geprüft, ob die Fahrgäste auf den vorgesehenen Plätzen sitzen. An sich greift aber das Vertrauensprinzip, man hält sich an die Regeln. Der Lärmpegel ist niedrig, Gespräche werden recht leise geführt. Und niemand kommt auf die Idee, Mitfahrende per Handy seinem Musikgeschmack auszusetzen. Ein Bordservice gibt es nicht, Verpflegung besorgt man sich vorab und nimmt sie mit.


DER STANDARD/Pichler

Obwohl ein Shinkansen-Zug je nach Länge über 1000 Passagiere fassen kann, sitzt es sich durchaus komfortabel. Insbesondere die Beinfreiheit ist merklich großzügiger, als man es von der zweiten Klasse á la ÖBB oder Westbahn kennt. Jeder Sitz verfügt über einen Stromanschluss, Hängehaken und ein herunterklappbares Tablett. Die bauweise-bedingt kleinen Fenster geben Ausblick auf die vorbeiziehende Landschaft. Im "Green Car" profitiert man zusätzlich von besserer Waggonfederung, mehr Platz für Gepäck und hat außerdem größere Sitze, noch mehr Beinfreiheit und sitzt exklusiv in Zweier-Formation. Die Standard-Klasse ist mit einer Zweier- und einer Dreier-Reihe bestückt.

Im Hinblick auf Sicherheit haben die Shinkansen-Schnellzüge einen ausgezeichneten Ruf. Nahezu alle schwereren Unfälle fanden im Zusammenhang mit stärkeren Erdbeben statt. Dennoch kam es selbst bei Entgleisungen nie zum Tod oder ernsten Verletzungen von Zuginsassen. Todesfälle im Rahmen des Shinkansen-Betriebs gingen bislang auf externe Faktoren zurück, etwa Personen, die sich unerlaubt auf den Gleisen aufhielten.

I rode the world's fastest train.
Tom Scott

Die Zukunft schwebt magnetisch
Die Erfolgsgeschichte soll in absehbarer Zukunft nun mit einer Hochgeschwindigkeits-Magnetschwebebahn fortgeschrieben werden. Deren unmittelbare Vorgeschichte erstreckt sich schon über zwei Jahrzehnte. 2006 beschloss man den Ausbau der Zug-Teststrecke in der Präfektur Yamanashi, um die Machbarkeit eines Schnellzugs mit einer Geschwindigkeit von 500 km/h und hoher Passagierkapazität zu testen. Das Ergebnis ist der Shinkansen L0, dessen Prototyp 2012 vorgestellt wurde. In Testfahrten auf der mittlerweile auf 43 Kilometer verlängerten Teststrecke erreichte er sogar über 600 km/h. Seit 2020 gibt es eine zweite Prototypen-Generation des von Mitsubishi und Nippon Sharyo hergestellten Fahrzeugs.

"Anlauf" nimmt das Fahrzeug zunächst auf gummierten Rädern. Bei Erreichen von 150 km/h entsteht dank elektromagnetischer Effekte genug Spannung, dass auf das elektrodynamische Schwebesystem gewechselt werden kann. Dieses setzt auf sich abstoßende Magnete in und unter dem von einem Linearmotor angetriebenen Zug, die für den Bodenabstand sorgen und ihn auf einer Höhe von zehn Zentimetern schweben lassen. Leitende Spulen in den Seitenwänden sorgen für die Stabilisierung. Die Tests finden schon seit langem auch mit Passagieren statt. Auch international bekannte Gesichter, wie etwa der Youtuber Tom Scott, waren bereits mit dem Maglev-Zug unterwegs. Während die Anschaffung von Maglev-Zügen höher ist, als bei konventionellen Eisenbahnen und auch der Energieverbrauch höher liegt, punkten diese Systeme aufgrund ihres weitgehend kontaktlosen Betriebs mit sehr geringen Wartungskosten.


Verpflegung nimmt man sich, zumindest auf der Tokaido-Strecke, selbst mit an Bord.
DER STANDARD/Pichler

In 40 Minuten von Tokio nach Nagoya
Ursprünglich hatte man die Eröffnung der weitestgehend unterirdisch verlaufenden, ersten kommerziellen Strecke zwischen Tokio und Nagoya – entlang der Tokaido-Linie – für 2027 geplant. Allerdings kam es zu verschiedenen Verzögerungen, darunter unerwartete geologische Herausforderungen beim Bau, Kostenüberschreitungen, als auch lokalpolitischer Widerstand. Derzeit wird ein Start für 2034 oder 2035 angestrebt. Die Fahrzeit auf dieser Strecke soll sich von über anderthalb Stunden mit dem Nozomi-Shinkansen so auf 40 Minuten reduzieren. Zwei Jahre nach der Eröffnung möchte man auch die Verlängerung bis nach Osaka fertiggestellt haben.

Die Konkurrenz schläft allerdings nicht. Vergangenes Jahr präsentierte die chinesische Bahn (CRRC) einen neuen Prototypen ihres CR450-Zuges, der ebenfalls magnetisch schwebt und in Tests über 600 km/h erreichte. Man hofft auf die Betriebnahme einer ersten Strecke in fünf bis zehn Jahren. Zwischen Shanghai und dem Flughafen Pudong verkehrt schon seit 2003 eine Maglev-Bahn als Passagierzubringer mit bis zu 300 km/h. Sie nutzt die deutsche Transrapid-Technologie. In Deutschland selbst kam es infolge eines tödlichen Unfalls 2006, sowie wirtschaftlichen Schwierigkeiten und politischen Widerständen nie zu einem kommerziellen Einsatz. Die zugehörige Teststrecke wurde bereits 2011 stillgelegt.
(gpi, 2.12.2025)

Weiterlesen
Zwei Nächte in Osaka: Der Redakteur, der in der Kapsel schlief

Eine Fahrt mit dem Shinkansen: Japans beliebter Highspeed-Zug und seine Zukunft
 
Oben