Ahnenforschung

H

Harald 41

Guest
#1
Gerade im ORF gefunden.



Neue Datenbank hilft bei Ahnenforschung
Was haben meine Vorfahren während des Krieges gemacht? Ist mein Haus arisiert worden? Wer Antworten auf solche Fragen sucht, dem hilft die neue Datenbank ns-quellen.at, die Harald Wendelin mitentwickelte. wien.ORF.at traf den Historiker.


"Wo finde ich etwas über meinen Großvater?" So lauteten die Anfragen.
Anfragen von "interessierten Laien"
wien.ORF.at: Die Datenbank ns-quellen.at, die Sie mit auf die Beine gestellt haben, hält Quellen zu Arisierung, Vermögensentzug und Rückstellung während und nach der NS-Zeit bereit. Für wen ist die Plattform vordergründig gedacht?

Wendelin: Ziel war es von Anfang an, diese Plattform sowohl für interessierte Laien, als auch für Fachleute zur Verfügung zu stellen. Hintergrund ist ja, dass im Rahmen der Arbeiten der Historikerkommission immer wieder Anfragen gekommen sind, zunächst von Laien: "Wo finde ich etwas über meinen Großvater?".

Zusätzlich ist aber im Laufe der Arbeiten der Historikerkommission sehr viel Wissen generiert worden, das eigentlich nirgendwo dokumentiert war. Und das ist natürlich für Fachleute interessant.

wien.ORF.at: "Die Plattform weist Ihnen den Weg in die komplexe Welt des historischen Grundbuches" wird auf der Seite angekündigt. Was ist so komplex am Grundbuch und wie kann die Plattform helfen?

Wendelin: Das Grundbuch ist die entscheidende Quelle, um überhaupt die Arisierung und Restitution von Immobilien zu rekonstruieren. Es scheint relativ leicht zugänglich zu sein.

In Folge von Zusammenlegung von Bezirksgerichten oder Änderungen von Verwaltungsgrenzen ist aber die Zuständigkeit von den Katastralgemeinden zu Bezirksgerichten übergewandert. Und es ist nirgends zentral verzeichnt, wo eigentlich historische Grundbücher zu einzelnen Gemeinden liegen.

Zum anderen ist es so, dass sich das Grundbuch nicht jedem auf den ersten Blick erschließt. Also man braucht gewisse Hinweise, wie es überhaupt zu lesen ist. Diese bietet die Plattform.

Seitenanfang der Datenbank ns-quellen.at (Bild: Forschungsbüro)
Die Datenbank ist auch für Laien übersichtlich.


Nicht über Verwandte, sondern Hausbewohner wird oft recherchiert.
Lokalinitiativen in Wien
wien.ORF.at: Wie sind Sie und Ihre Kolleginnen, Eva Blimlinger und Verena Pawlowsky, bei der Erstellung der Datenbank vorgegangen? Wie lange hat es gedauert vom Anstoß, also der Idee, bis zum Tag, an dem sie online ging?

Wendelin: Von der Idee bis zur Fertigstellung war es ein langer Weg. Die Idee wurde im Zuge der Arbeiten der Historikerkommission geboren, die ich schon erwähnt habe. Die Kommission hat ihre Arbeit 2002 abgeschlossen, da gab es erste Gespräche mit der Kultusgemeinde. 2004 folgten konkretere.

Danach haben wir versucht, Geld aufzutreiben. Diese Sache ist ja nicht ganz billig, da stecken viele finanzielle Mittel drinnen. Wir haben einen Antrag beim Zukunftsfonds, beim Nationalfonds und diversen anderen Geldgebern eingereicht und 2007 eine Zusage bekommen, allerdings nicht im erwarteten Ausmaß.

Das heißt, wir haben mit einer relativ abgespeckten Version zu arbeiten begonnen, bis das Wiesenthal-Institut für Holocaust-Studien gegründet wurde. Mit diesem Institut war es möglich, das Projekt in der ursprünglichen Weise aufzuziehen. Abgeschlossen wurde es schließlich im Februar dieses Jahres. Da ging die Datenbank online.

wien.ORF.at: Wie sehen also die Projektkosten insgemsamt aus?

Wendelin: In etwa 330.000 bis 340.000 Euro, so in dieser Größenordnung.

wien.ORF.at: Kann man schon etwas über die Nachfrage, also Klickzahlen usw., sagen?

Wendelin: Leider nein. Dieses Tool haben wir noch nicht implementiert. Wir wissen aber aus persönlichen Gesprächen, dass die Seite durchaus nachgefragt und benützt wird.

wien.ORF.at: Will man als Bewohner oder Angehöriger überhaupt wissen, was in der NS-Zeit mit seiner Immobilie bzw. seinen Angehörigen passiert ist?

Wendelin: Gerade in Wien gibt es sehr viele Lokalinitiativen von Personen, die jetzt nicht im persönlichen Sinn recherchieren, also dass Verwandte betroffen wären, sondern über Personen, die im Haus gewohnt haben.

In Wien gibt es ja viel Häuser, in denen verfolgte Menschen gewohnt haben. Ganz bekannt ist diese Geschichte vom neunten Bezirk, vom Servitenviertel. Da haben Bewohner gesagt: "Wir wollen wissen, was mit unserem Haus eigentlich war." Und sie fingen dann an, zu recherchieren. Für solche Gruppen ist das natürlich unproblematisch.

Aber es ist ja nicht nur so, dass man über Verfolgte oder Opfer recherchieren kann, man kann auch die Geschichte von Wehrmachtsangehörigen erforschen. "Was hat der Großvater im Krieg gemacht?" beispielsweise. Inwiefern diese Informationen dann zumutbar sind, muss jeder selber entscheiden.


Relevante Gesetze sind auf der Plattform nachzulesen.
Gesetze über Entzug und Diskriminierung
wien.ORF.at: Die Plattform bietet auch einen Überblick über die gesetzlichen Grundlagen, sowohl des NS-Vermögensentzugs, als auch der Rückstellung. Wie sahen die Gesetze zu Vermögensentzug und Rückstellung aus?

Wendelin: Ausgangspunkt beim Erfassen der Gesetze war, die zentralen Gesetze, die den Entzug und die Rückstellung betreffen, bereitzustellen. Es hat sich dann schnell herausgestellt, dass es schwer ist, eine scharfe Abgrenzung zu ziehen.

Also sind sehr viele Gesetze drinnen, die nicht direkt den Vermögensentzug betreffen, aber ganz allgemein diskriminierende Bestimmungen enthalten.

Dies weist darauf hin, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Diskriminierung und Vermögensentzug gegeben hat. Gleichzeitig wird auf Basis dieser Gesetze die NS-Idiologie sehr deutlich gemacht.

Und die Gesetze der Zweiten Republik zeigen, in welcher Breite dieses Thema die Zweite Republik und deren Gesetzgebung beschäftigt hat. Und auch in welcher Länge: Viele dieser Gesetze sind ja bis heute relevant.

wien.ORF.at: Welches Gesetz zum Beispiel?

Wendelin: Das Kunstrückgabegesetz ist so eines. Mit diesem hat sich die Republik Österreich verpflichtet, ihre Sammlungen und ihre Museen zu durchforsten und herauszufinden, ob es irgendwo noch zweifelhafte Gegenstände gibt, und zusätzlich herauszufinden, wem sie gehört haben und diese tatsächlich zurückzugeben.

Da ist Österreich sicher einzigartig. Es gibt immer Vorwürfe, dass Österreich immer sehr verzögert und nachlässig gehandelt hat in der Vergangenheit. Bezogen auf das Kunstrückgabegesetz ist Österreich aber vorbildhaft muss man sagen. In Deutschland gibt es keine vergleichbare Regelung.

wien.ORF.at: Da gab es doch vor kurzem einen Fall in einem Landesmuseums, wo herausgekommen ist, dass ein Gemälde dem Museum gar nicht gehört?

Wendelin: Ja, in Salzburg. Dieses Museum ist dem Kunstrückgabegesetz zwar nicht unterworfen, sie haben sich aber entschlossen, sich dieser Regelung anzuschließen und gesagt: "Auch wenn wir nicht verpflichtet sind, wollen wir das sauber haben."


Wendelin selber ist "in der glücklichen Lage", familär nicht involviert zu sein.
Nicht nur Opfer-, auch Tätergeschichten
wien.ORF.at: Sie haben auch schon viele Rechercheprojekte zu Fragen des Entzugs und der Restitution von gemeindeeigenen Liegenschaften durchgeführt. Wie geht die ansässige Politik mit diesen Ergebnissen um?

Wendelin: Zwei sehr große Projekte hat es da gegeben. Zum einen Liegenschaften des Bundes, zum anderen von der Gemeinde Wien. In beiden Fällen war es so, dass die Rechercheergebnisse an den Nationalfonds bzw. den Entschädigungsfonds übergeben und dort als Basis verwendet worden sind, um im Einzelfall vertieft für eventuelle Entschädigungen zu recherchieren.

Auf Basis des Entschädigungsgesetzes kann man ja auch selber einen Antrag stellen. "Diese Liegenschaft hat meiner Mutter, meiner Großmutter, meiner Familie gehört." Es wird dann überprüft, ob diese Ansprüche gerechtfertigt sind und Liegenschaften auch tatsächlich zurückgegeben. Das ist in nennenswertem Ausmaß auch schon passiert.

wien.ORF.at: Und das wird mit den Quellen überprüft, die Sie auf der Datenbank vorstellen?

Wendelin: Ja, genau.

wien.ORF.at: Die Plattform enthält auch Informationen über jene Vermögenswerte, die vor der NS-Zeit, also während des Ständestaates, entzogen wurden. Nach welchen Gesetzen wurde hier bei Vermögensentzug verfahren?

Wendelin: Da geht es vor allem um sozialdemokratisches oder kommunistisches Vermögen, das im Ständestaat enteignet worden ist. Die sozialdemokratische Partei, die kommunistische Partei und auch die NSDAP sind damals schlicht und einfach verboten und deren Vermögen einfach beschlagnahmt worden.

Die Organisationen sind aufgelöst worden, und auf diese Weise ist das Eigentum der Vaterländischen Front oder dem Staat direkt zugefallen.

wien.ORF.at: Was haben Sie selber bei derartigen Recherchen schon herausgefunden? Haben Sie schon Ahnenforschung betrieben oder über eigene Immobilien recherchiert?

Wendelin: Ich bin in der glücklichen Lage, familiär in keiner Weise involviert zu sein. Meine Eltern und Großeltern waren weder Verfolgte noch Verfolger. Man findet bei Recherchen dieser Art ja nicht nur Opfergeschichten über seine Ahnen heraus, oft auch Tätergeschichten. Persönlich bin ich zum Glück nicht involviert.

Interview: Laura Leuchtenmüller, wien.ORF.at

Zur Person
Harald Wendelin (Bild: forschungsbüro)Harald Wendelin studierte Soziologie, Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik an der Universität Wien und promovierte 1998.

Er betrieb Provenienzforschung in der Bibliothek des österreichischen Parlaments, im Vorarlberger Landesmuseum und arbeitete beim Forschungsprojekt "Die Wunden des Staates. Die Versorgung der Kriegsopfer des Ersten Weltkrieges in Österreich" der Uni Wien mit, um einige Projekte zu nennen.

Wendelin ist Mitglied des "forschungsbüros", ein Verein für kulturelle und wirtschaftliche Dienstleistungen, mit dem er auch die Datenbank "ns-quellen.at" entwickelte.

Der Link dazu.

http://www.ns-quellen.at/


LG Harry
 
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josef

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#2


Ahnenforschung: Suche nach Vorfahren boomt

Immer mehr Menschen haben sich der Ahnenforschung verschrieben und sind früheren Generationen auf der Spur. Viele Archive mit Tauf-, Trauungs- und Sterbebüchern sind mittlerweile digital abrufbar.
Der monatliche Stammtisch des „Mostviertler Genealogenvereins für Familien- und Heimatforschung“ in Wilhelmsburg (Bezirk St. Pölten) ist gut besucht. Der große Saal im Wirtshaus ist bis auf den letzten Platz besetzt. Stammbäume sind auf Schautafeln ausgestellt, Familienbücher mit alten Bildern und historischen Archiveinträgen liegen auf. Vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos werden hergezeigt.

„Mich hat Geschichte immer schon sehr interessiert und natürlich die Geschichten von früher, von der Oma. Und das hat dann den Anreiz gegeben, tiefer zu graben. Ich habe dann begonnen, in Kirchenbüchern und Archiven zu recherchieren“, erzählt Familienforscherin Elisabeth Kultscher aus Wilhelmsburg im Gespräch mit noe.ORF.at.


ORF
Viele Hobbyforscher haben bereits einen Familienstammbaum erstellt

Die Familienforscher stöbern auf der Suche nach den eigenen Wurzeln in historischen Büchern. Was da ans Tageslicht kommt, das wird beim Stammtisch in Wilhelmsburg mit Gleichgesinnten besprochen. „Bei diesen Stammtischen ist es einfach möglich, sich zu unterhalten. Und manchmal entdeckt man, dass man in der fünften, sechsten Generation miteinander verwandt ist“, sagt der Historiker Gerhard Floßmann.

Herrschafts- und Familienbücher helfen bei Suche
Floßmann ist bei den Familienforschern regelmäßig zu Gast, manchmal auch als Vortragender. Denn fixer Programmpunkt bei den monatlichen Vereinstreffen sind Vorträge. Dabei erfahren Interessierte, wie man sich am besten auf Spurensuche begibt. Oskar Toman, Obmann des „Mostviertler Genealogenvereins“: „Meist hilft man sich mit den Grundbüchern, den alten Herrschaftsbüchern. Da sieht man nach, wenn es sich um Bauern handelt.“

Familienbücher geben Aufschluss über das Ergebnis der oft langwierigen Nachforschungen. Hans Reckenzain aus Wilhelmsburg erforschte die Geschichte seiner Familie: „Ich habe Glück gehabt. Ich bin bis 1500 gekommen und habe gesehen, dass bei meinen Urahnen, die im Mühlviertel gelebt haben, Hammerherren dabei waren, die Hammerwerke besessen haben. Sie waren sehr reich. Doch der Reichtum ist bis heute nicht durchgedrungen.“

Petra Ottitsch, noe.ORF.at

Link:
Publiziert am 07.03.2018
http://noe.orf.at/news/stories/2899723/
 

struwwelpeter

Well-Known Member
#5
Danke für die Info betreffend Matriken.
Ist sehr interessant, wie diese alten Bücher aussehen und wie sie vor ca. 200 Jahren waren.
Habe einige durchgesehen, aber in den meisten ist die Schrift ganz einfach schrecklich.
Die ganz alten sind nur ein Gekritzel und auch die neueren teilweise sehr schwierig zu entziffern.
Und ich bin noch einer, der die Kurrentschrift lesen kann.....
Aber Danke nochmals..
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#7
Kirchenarchive gehen online
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Stammbaum- und Ahnenforschung liegen im Trend. Wichtige Auskunftsquelle dafür sind Archive von Pfarren und Klöstern. Projekte wie die Topothek, Matricula und Monasterium haben begonnen, quer über die Religionsgrenzen hinweg Daten aus Kirchenarchiven online Interessierten zur Verfügung zu stellen.
Online seit heute, 15.59 Uhr
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So sind es etwa Zigtausende Bücher und Dokumente, verborgene Schätze, die im Archiv der Evangelischen Kirche in Österreich von längst vergangenen Tagen zeugen. Historische Fotos, die evangelisches Leben in Österreich dokumentieren, sollen online zugänglich gemacht und Ahnenforschung damit ermöglicht und erleichtert werden. Darunter sind viele Bilder, die bisher für Interessierte kaum zugänglich waren. Das soll sich mit der neuen Topothek nun ändern.

Das Besondere an dem Projekt sei, erzählt Michael Chalupka, Bischof der evangelischen Kirche A. B., dass jeder mitmachen kann. „Viele haben alte Fotos und Dokumente daheim, die in den Alben oder Schuhkartons ein wenig beachtetes Dasein fristen. Vielleicht sind aber gerade diese Fotos, etwa einer Konfirmandenstunde aus den 1960er Jahren, auch für andere interessant. Die Topothek soll ein Beteiligungsinstrument für alle sein und als Archiv offenstehen“, sagt Chalupka. Über eine Landkarte kann man die Bilder rasch verorten und über eine Zeitleiste mit anderen Ereignissen in Beziehung bringen.



Kirchenarchive online
Über eine Reihe von Onlineplattformen ist es bereits möglich, kirchliche Archive zu durchstöbern. Vor allem Fotos und Bilder aus den vergangenen 150 Jahren finden sich etwa in der Topothek. Digitalisierte Kirchenmatriken sind unter Matricula abrufbar. Urkunden finden sich bei Monasterium.
Das Interesse vieler Menschen an der Vergangenheit ist nicht neu. Akribisch werden etwa in der Bibel Genealogien aufgelistet. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum gerade Klöster und Pfarren bis heute Orte der Geschichtsschreibung und des Anlegens von Chronologien und Matriken sind.

Kirchenbücher bis ins 16. Jahrhundert zurück
Als Matriken bezeichnet man in Österreich die in den einzelnen Pfarren angelegten Bücher, in denen Taufen, Trauungen und Sterbefälle eingetragen sind. Die ältesten derartigen Kirchenbücher stammen aus dem 16. Jahrhundert, flächendeckend setzt die pfarrliche Matrikenführung erst in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein. In den Fokus rücken diese Matriken heute vor allem durch die steigende Popularität der Ahnenforschung.
Die Tauf-, Ehe- und Sterbematriken helfen, Vorfahren ausfindig zu machen. Über das Onlineprojekt Matricula etwa werden immer mehr dieser Verzeichnisse gescannt und auch online abrufbar gemacht. Es gibt dabei jedoch eine gesetzliche Einschränkung: Taufbücher der vergangenen 100, die Trauungsbücher der vergangenen 75 und die Sterbebücher der vergangenen 30 Jahre sind für die allgemeine Einsichtnahme aus Personenschutzgründen gesperrt.

ORF/Marcus Marschalek
„FamilySearch“: Ein Onlinetool der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage steht Interessierten gratis zur Verfügung

Familie via Internet finden
Vorreiter auf dem Gebiet der Ahnenforschung ist die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, früher vor allem als „Mormonen“ bekannt. Die Gläubigen dieser Kirche folgen einem Aufruf ihres Gründers Joseph Smith: Die Namen möglichst aller verstorbenen Familienangehörigen sollen ergründet werden, Ungetaufte könnten dadurch stellvertretend getauft werden. „Wir glauben, dass wir dadurch im Himmel als Familie auf ewig beisammen sein werden“, sagt Martina Aleson von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.
Sie besitzt zahlreiche Fotos und Dokumente von verstorbenen Angehörigen: Viele der Personendaten ihrer Ahnen hat Aleson bereits in das Onlineprogramm „FamilySearch“ eingegeben. Zu jeder Person kann dort auch eine kurze Biografie ergänzt werden, darüber hinaus gibt es einen eigenen Bereich, um Fotos abzuspeichern. Über eine Suchfunktion lassen sich etwa auch Dokumente oder von anderen Userinnen und Usern eingegebene Personen finden.

Weltweit unterirdische Serverfarmen
„FamilySerach“ kann auch von Nichtkirchenmitgliedern verwendet werden, „gratis“, wie Aleson betont. Um dieses Service weltweit anzubieten, betreibt die Kirche einen großen Aufwand und unterhält riesige Serverfarmen und unterirdische Archive. Daneben engagieren sich die Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzen Tage weltweit beim Erfassen und Digitalisieren von alten Quellen.

Eine Kooperation in Österreich mit der evangelischen Kirche ist angedacht und auch beim Digitalisieren vieler Matriken haben die Kirchenmitglieder mitgeholfen. „Indem man die Geschichte seiner Vorfahren erforscht, kann man sich selbst auch viel besser verstehen“, so Aleson.

Tausende Vorfahren entdeckt
Gleich mehrere tausend Vorfahren hat Robert Reiter ausfindig gemacht und ist dabei über 400 Jahre in der Zeit zurückgereist. Sein Hobby Ahnenforschung und seine Begeisterung für Geschichte hat er zum Beruf gemacht. Aktuell arbeitet er als Scan-Archivar im römisch-katholischen Diözesanarchiv in St. Pölten.

ORF/Marcus Marschalek
Reiter im Diözesanarchiv St. Pölten. 150.000 historische Urkunden hat er bereits gescannt.

Reiter zieht in seinem Arbeitsraum die Rollos zu, um das Sonnenlicht abzudecken. Dann entfaltet er eine mehrere hundert Jahre alte Urkunde. Vorsichtig muss dabei zuerst die Tierhaut, auf der damals geschrieben wurde, mit leichtem Kneten geschmeidig gemacht werden. Dann wird das Pergament auf einen 30.000 Euro teuren Scanner gelegt und abfotografiert. Ein Vorgang, den Reiter schon mehr als 150.000-mal gemacht hat. Nach eigenen Angaben hält er damit einen inoffiziellen Weltrekord.

Millionen Dokumente in Kellern
Im Internetprojekt Monasterium können viele der von ihm gescannten Urkunden abgerufen werden. Insgesamt ist der Bestand der online angebotenen Urkunden dort bereits auf 400.000 angewachsen. Im Vergleich zu den vielen Millionen Dokumenten, die noch in den Kellern der Kirchenarchive gelagert sind, ist das aber erst ein Bruchteil.

In all diesen alten Dokumenten stecke noch viel Information, wie Menschen früher gelebt hätten, wie sie mit den Herausforderungen ihrer Zeit umgegangen seien, erzählt Karl Kollermann, stellvertretender Leiter des Diözesanarchivs St. Pölten.

ORF/Marcus Marschalek
Korrespondenz der Kirchenleitung der evangelischen Kirche A. B. aus vergangenen Jahrzehnten. Vieles hier wartet auf seine Digitalisierung.

Ideen für Zukunft
Aber auch in der jüngeren Vergangenheit kann man bei genauerem Hinschauen Spannendes für heute erkennen, sagt Alexander Schatek. Er ist der Leiter der Topothek und hat die Plattform schon für viele Gemeinden und Regionen eingerichtet. Immer wieder hat er erlebt, dass Menschen beim Betrachten von alten Fotos Ideen bekommen, wie man etwa abgebildete historische Plätze auch heute wieder wohnlicher und gemütlicher herrichten könnte.

Ein Blick ins Archiv würde immer wieder andere Perspektiven und spannende Zusammenhänge aufzeigen, sagt Schatek: „Das soll auch für kommende Generationen möglich sein.“ Schateks Sorgen gelten daher den Dokumenten und Bildern aus der jüngeren Vergangenheit, die viele noch gar nicht für archivierenswert halten. Hier will er mehr Bewusstsein schaffen, und mit der Topothek stünde dafür ein gutes Archivwerkzeug zur Verfügung, um auch diese Fotos aus den vergangenen Jahrzehnten zu sichern.

Ahnen in der Topothek
Der Blick in die Vergangenheit zeige Entwicklungen auf, sagt Michael Bünker, der Altbischof der evangelischen Kirche A. B. „Das gute Gedächtnis, aber auch das schlechte Gewissen einer Organisation, damit auch einer Kirche, ist das Archiv,“ zitiert Bünker einen bekannten Spruch.
Er selbst entstammt seines Wissens einer vier Generationen umfassenden Pfarrerdynastie. „Mein Urgroßvater war als evangelischer Pfarrer sicher ganz anders, als wir uns heute evangelische Pfarrer wünschen würden. Aber das zeigt eben, wie sich die Zeiten geändert haben, wie sich die Theologie geändert hat, wie sich Kirche geändert hat.“

Und das werde an einer Familiengeschichte, an den Menschen „da auf den Fotos“ gut sichtbar. Die Fotos und Dokumente seiner Vorfahren will Bünker nun mit der Allgemeinheit teilen. Bald wird man also auch die Bünker-Ahnen und ihre Pfarrgemeinden in der Topothek der evangelischen Kirche A. B. finden können.
20.02.2021, Marcus Marschalek, TV Religion (Text ); Clara Akinyosoye und Simon Hadler, beide ORF.at (Bearbeitung)

Links:
Ahnenforschung: Kirchenarchive gehen online
 

josef

Administrator
Mitarbeiter
#8
Aller Anfang ist leicht
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Vielfach ist schon die Blütezeit der Ahnenforschung ausgerufen worden – das mag nicht nur an gehäufter Freizeit in der Pandemie liegen, sondern auch an vielen neuen Möglichkeiten. Interessierte sind oft abgeschreckt und stellen sich die Frage, wo man anfangen soll. Dabei ist Österreich ein Dorado für Ahnenforscherinnen und -forscher, die oft verteufelte Bürokratie erweist sich hier als Schatz. Und der Einstieg in die Materie ist inzwischen ein leichter.

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Denn vielerorts sind große Bestände an Daten bereits digitalisiert, man kriegt also schon viel heraus, ohne sich in Archive begeben zu müssen. ORF1 geht am Mittwoch auf Spurensuche mit Prominenten und Hobbyforschenden, für die die Lust an der Vergangenheit mitunter zur Sucht wurde. In der Genealogie sind immer jene im Vorteil, die nicht Müller, Meier oder Schmidt heißen. Aber auch für sie birgt das Hobby Suchtpotenzial. „Überspitzt kann man sagen, Ahnenforschung ist wie eine lebenslange Schnitzeljagd“, sagt der Historiker Georg Gaugusch.

Er und seine Ehefrau Marie-Theres Arnbom, ebenfalls Geschichtsforscherin, geben am Mittwoch in der Sendung „Dok 1: Im Ahnenfieber“ auf ORF1 Tipps für Interessierte. Auch Hobbyforscherinnen und -forscher kommen zu Wort, viele können nicht mehr vom „Laster“ Genealogie lassen.
Der Beginn ist dank Digitalisierung leicht – die Hürden werden größer, je weiter man kommt. Der erste Schritt beginnt meist bei den eigenen Verwandten: Sie sind oft ein Speicher des Wissens über Familiengeheimnisse und Informationen, die einen ersten Ansatzpunkt geben können. Auch Nachlässe der Ahnen sind ein guter Beginn: Hier finden sich – manchmal im Keller, manchmal auf dem Dachboden – Parten, Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden sowie „Kleine Abstammungsnachweise“ aus der NS-Zeit, die man auch unter dem Titel „Ariernachweise“ kannte. Sind erst ein paar interessante Namen bekannt, ist in weiterer Folge ein enormer Datenschatz online zu finden, oft auch kostenlos.

Lebensdaten leicht gefunden
Dafür ist eine Registrierung in großen internationalen Datenbanken, die derzeit boomen, nicht unbedingt nötig. Viele Angebote sind regional und direkt einsehbar: Einen kostbarer Fundus bietet zum Beispiel die Gräbersuche, mit der sich etwa Sterbedaten herausfinden lassen. Für Wien ist außerdem „der Lehmann“ ein Schatz an Informationen: Für die Jahre 1859 bis 1942 gab Adolph Lehmann seinen „Allgemeinen Wohnungs-Anzeiger“ heraus, den die Wien Bibliothek digitalisiert und öffentlich zugänglich gemacht hat. Hier finden sich die Meldeadressen und Berufe vieler Gesuchter mit wenigen Klicks und kostenlos.

Eine ähnlich wertvolle Quelle ist Austrian Newspapers Online (ANNO). Das Projekt der Nationalbibliothek macht es möglich, Millionen Ausgaben historischer Zeitungen und Zeitschriften gratis per Volltext zu durchforsten und downzuloaden. Die ältesten Ausgaben stammen aus dem Jahr 1568. Nach demselben Prinzip funktioniert auch Google Books, die größte Sammlung digitalisierte Bücher weltweit. Hier lassen sich 40 Millionen Bücher kostenlos auf Namen von Verwandten und Vorahnen untersuchen, was etwa für die Suche nach Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ebenso hilfreich ist wie nach Angehörigen des Militärs.

Suchen oder sich finden lassen
Die internationalen Genealogieseiten sind eine weitere Möglichkeit, nach Vorfahren zu forschen: In Datenbanken wie MyHeritage und Ancestry sind inzwischen Milliarden Profile aus der ganzen Welt gespeichert, darunter auch Hunderttausende aus Österreich. Diese Datenbanken haben Vor- und Nachteile: Interessierte müssen sich registrieren und nach Gratistestangeboten fallen bei verschiedenen Abos Kosten an.
Dafür ist eine Suche in zahlreichen Quellen möglich, zudem bieten die Seiten DNA-Analysen an. Ein Speichelabstrich kann eingeschickt werden, damit Herkunftsorte – auch international – ermittelt werden. Viele Menschen haben allerdings Bedenken, Daten und Genmaterial an Privatfirmen abzugeben. Ein großer Bonus der Datenbanken ist aber, dass Hobbyforschende dort ihren Stammbaum digital eingeben können – und so womöglich von entfernten Verwandten, die selbst registriert sind, gefunden werden. In manchem Fall kann sich so eine Vernetzung als letzter fehlender Puzzlestein erweisen.

Handschrift als Feind der Volltextsuche
Eine der ersten Anlaufstellen sind in Österreich freilich auch die Kirchen: Was nach 1939 erfasst wurde, ist an den Standesämtern zu suchen. Davor waren es die kirchlichen Matriken, die die wichtigsten Daten der Bevölkerung erfassten. Geburtsort und -datum, Heirat und Tod sind hier verzeichnet. Die Informationen reichen im Großen und Ganzen ins 16. Jahrhundert zurück, 1770 wurden Matriken in Österreich Pflicht. Sie können als Personenstandsverzeichnisse verwendet werden. Die Kirchen leisteten auf dem Feld inzwischen Pionierarbeit.

Urkunden finden sich bei Monasterium, historische Fotos und Bilder bietet die Topothek. Die Diözesen scannten zudem schon fast alle Pfarrbücher ein, sie sind auf Matricula Online für alle zugänglich. Eine Volltextsuche ist aber nicht möglich, denn die Kirchenbücher wurden handschriftlich geführt. Die Pfarre St. Pölten arbeitet aber etwa derzeit an der Möglichkeit, selbst Kurrentschrift digital lesbar zu machen.

Motiv Leidenschaft
Hier kommt kommt auch die Forschercommunity ins Spiel, die in Österreich gut organisiert ist und Bedeutsames für die Geschichtsforschung leistet. Viele der in Vereinen ehrenamtlich Tätigen geben zahllose handverfasste Dokumente mühsam in Datenbanken ein und machen so eine digitale Suche möglich. Auch die Vereine verfügen über große Datensätze und sind behilflich, wenn Hobbygenealogen und -genealoginnen einmal nicht weiter wissen. Solche Vereine sind zum Teil mit Mitgliedsbeiträgen verbunden, aber nicht immer.

Kirchenarchive gehen online
Es gibt etwa die Wiener Heraldisch-Genealogische Gesellschaft Adler und Familia Austria. Die Gesellschaft für Familien- und regionalgeschichtliche Forschung (ÖFR) bietet ein eigenes Wiki, zudem werden Stammtische veranstaltet. Eine weitere Vereinigung unter Führung des Berufsgenealogen Felix Gundacker ist GenTeam, das seine Daten kostenlos zur Verfügung stellt. GenTeam hat rund 21 Millionen Datensätze aus Österreich, Tschechien, Slowenien und der Slowakei online.

Forschung für Fortgeschrittene
Man muss aber Genealogie nicht als Beruf auserwählen, um hineinzukippen und zahllose Stunden zu investieren. Sind die ersten Schritte getan, wird man oft schon einen ansehnlichen Stammbaum erstellen können. Nach der anfänglichen Onlinerecherche zieht es Forscherinnen und Forscher weiter in die Institutionen. Anfragen an Stadt-, Landes- und Bezirksarchive werden in den meisten Fällen schnell und fundiert beantwortet – Spuren können dann auch an Ort und Stelle nach Terminvergabe weiterverfolgt werden.

In den Stadt- und Landesarchiven warten etwa die „Heimatrollen“ auf ihre Erforschung: In ihnen wurden alle „Heimatberechtigten“ eines Ortes bzw. einer Gemeinde erfasst. Bis 1939 war das „Heimatrecht“ das Äquivalent zur heutigen Staatsbürgerschaft. In der „Heimatrolle“ sind etwa auch öffentliche Ämter angeführt. Darüber hinaus sind auch die Suche in Firmenarchiven hilfreich: Sie sind teils bestens sortiert, etwa bei den ÖBB, und enthalten ergiebige Daten über die Berufslaufbahnen, wenn die Ahnen dort beschäftigt waren.

Es gibt also zahlreiche Hebel, an denen angehende Genealogen und Genealoginnen ansetzen können. Die Angebote sind heute niederschwellig und leicht zugänglich, während sich Interessierte vor zehn Jahren noch durch staubige Akten wühlen mussten. Durch die digitalen Fortschritte und die Grundlagenarbeit von Ehrenamtlichen und Berufsforschenden wird zudem die Suche nach der eigenen Vergangenheit auch in Zukunft immer einfacher. Bis eine Suchmaschine allerdings alle Daten ohne jede Mühe ausspuckt, ist es immer noch ein langer Weg.
10.03.2021, Caecilia Smekal, ORF.at

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Ahnenforschung: Aller Anfang ist leicht
 
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