Munitionsfabrik Wöllersdorf - Brandkatastrophe am 18.09.1918 mit 423 Toten

josef

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Wöllersdorfer Werke - Munitionsfabrik Feuerwerksanstalt

Wöllersdorf 1918: 423 Tote klagen an
Vor 100 Jahren sind bei einem Brand in der Munitionsfabrik Wöllersdorf 423 Menschen gestorben. In Erinnerung an 14 tote Frauen aus Winzendorf (beide Bezirk Wiener Neustadt) wurde nun auf dem Ortsfriedhof ein Mahnmal errichtet.
Am 18. September 1918 kam es in Wöllersdorf zu der größten zivilen Katastrophe in Österreich während des Ersten Weltkriegs. Bei dem Brand in der k.u.k. Munitionsfabrik kamen 423 Menschen ums Leben, zum Großteil Frauen und Mädchen.

„Junge Mädchen, halbe Kinder noch“ starben
Zunächst versuchte die Militärverwaltung den Unfall zu bagatellisieren und zensurierte die Berichte der Zeitungen. Die Artikel, die dann aber drei Tage später zugelassen wurden, vermitteln einen Blick auf die Geschehnisse: „Junge Mädchen, halbe Kinder noch, gestern noch voll Hoffnungen auf ein lachendes Lebensglück, das sie dereinst entschädigen werde für die Nöte und Mühsale der Kriegszeit; Frauen, deren Kinder noch kaum ahnen, daß sie die Mutter nie, nie wiedersehen werden, und deren Gatten, fern im Schützengraben, zur Stunde noch nicht wissen, daß sie die Lebensgefährtin verloren haben, die so lang vergebens den Tag ersehnt hat, der ihr den Gatten wiedergeben werde – sie alle wird die Arbeiterschaft von Wöllersdorf morgen in die Erde betten“, berichtete die „Arbeiter Zeitung“ am 21. September 1918.


ORF
14 Mädchen und Frauen aus Winzendorf - im Alter zwischen 14 und 34 Jahren - kamen 1918 bei der Brandkatastrophe in Wöllersdorf ums Leben

Die Munitionsfabrik Wöllersdorf war der größte Industriebetrieb in der österreichisch-ungarischen Monarchie und zählte bis zu 40.000 Beschäftigte, der Großteil waren Frauen. Die Ursache für die Katastrophe ist bis heute unbekannt.

„Knapp vor der Mittagspause ereignete sich die furchtbare Brandkatastrophe in dem Riesenobjekt 143. Über 500 Menschen – mit wenigen Ausnahmen durchweg Frauen und Mädchen – waren in diesem Objekt mit dem Füllen von Artilleriehülsen beschäftigt. Artilleriegeschosshülsen großen Kalibers, darunter 30,5-Zenimeter- und 42-Zentimeter-Geschosshülsen, wurden dort mit der Pulverladung versehen. Im Objekt gab es große Pulvermengen“, kann man in der von Gerhard Kofler herausgegebenen und vor kurzem erschienenen Publikation „Nie wieder Krieg! Zum Gedenken an die 423 Opfer der Brandkatastrophe vom 18. September 1918 in der k.u.k. Munitionsfabrik Wöllersdorf“ lesen.

Die Fabrikstore waren versperrt
Die Zahl der Toten ist mit 423 deshalb so hoch, weil die Tore der Fabrikshalle kurze Zeit vor Mittagsschluss versperrt waren, nur eine einzige Tür war nicht verschlossen. „Dem Befehl lag die Absicht zugrunde, zu verhindern, dass sich die Arbeiterinnen vor dem Signal, welches die Mittagspause verkündete, entfernen, um früher zu ihrem frugalen Mittagessen zu kommen“ (Kofler).

Kurz vor der Mittagspause kam es zu einem Knall: „Stichflammen zischen, Explosionen erfolgen, der große Arbeitsplatz ist von Flammen, Rauch, Pulvergas erfüllt. Immer wieder entzünden sich neue Pulverbestände, neue Stichflammen entstehen, Geschosse entladen sich. Die Menschen stürzen in ihrer Todesangst zu der einzigen Tür, die nicht versperrt ist. In der überstürzten Flucht vor dem Tode fallen welche zu Boden, werden von den folgenden getreten, zerstampft. Im Nu sind die Türen von einem Knäuel weiblicher, zu Boden gestürzter Menschenleiber verrammelt, hunderte Frauen, Mädchen, Gattinnen, Mütter, Bräute, sind in dem Flammenmeer des brennenden Objektes. Arbeiter und Arbeiterinnen aus den anderen Objekten eilen herbei, wollen helfen. Sie können nicht Hilfe bringen.“


Dominik Bichlmayer
Nur etwa 35 Frauen überlebten den Brand, unter anderen die damals 51-jährige aus Gutenstein gebürtige Johanna Weißensteiner, die 1968 im Alter von 101 Jahren verstarb

Die Schilderungen des Winzendorfer Pfarrers Franz Schlatzer in der Pfarrchronik vom September 1918 sind sehr drastisch und gleichzeitig berührend: „Augenzeugen berichten, dass Hofer Pepi wie eine brennende Fackel aus dem Objekte stürzte und zur Zentrale lief, in der ihr Vater arbeitete. Doch auf dem halben Wege fiel sie zusammen und blieb tot – total verbrannt – liegen. Mayer Leopoldine soll splitternackt, mit kahlem Schädel und hervortretenden Gedärmen noch bis zur Station Feuerwerksanstalt gelaufen sein und dort mit ihrer gesunden Schwester gesprochen haben. Kollmann Marie ebenfalls schrecklich verbrannt und zertreten, war blind. Wiedhofer Agnes – unsere gute Agnes! – ebenfalls verbrannt und schrecklich zugerichtet soll immerfort nach dem Pfarrer von Winzendorf geschrien haben. Ihre Schwester Theresia war total verbrannt, zertreten und tot.“

Frauen waren die „Soldaten im Hinterland“
Ab dem Jahr 1915 wurden in Österreich-Ungarn verstärkt Frauen für die Kriegsindustrie herangezogen. Die kriegswirtschaftlichen Erfordernisse zwangen Frauen in bis dahin unübliche Produktionsbereiche, vor allem in die Schwerindustrie.


Sammlung Willibald Rosner
In dieser Metallwerkstätte der Munitionsfabrik Wöllersdorf wurden Granathülsen erzeugt

„In Niederösterreich, im südlichen Wiener Becken, waren es die staatlichen und privaten Munitionsfabriken, für die Frauen rekrutiert wurden. Niederösterreich verzeichnete die höchste Steigerungsrate des Frauenanteils an der Arbeiterschaft – von etwa 26 Prozent vor dem Krieg auf circa 40 Prozent im Jahre 1916. Das ist vor allem auf den immensen Ausbau der Rüstungsindustrie im Wiener Neustädter Raum zurückzuführen“, erläutert Gertrude Langer-Ostrawsky, stellvertretende Leiterin des Niederösterreichischen Landesarchivs. Im Jahr 1917 waren etwa 30.000 Personen in der k.u.k. Pulverfabrik in Blumau beschäftigt, in der Hirtenberger Patronenfabrik waren es etwa 8.000 Personen.

Die gesetzlichen Bestimmungen zum Arbeiterschutz wurden während des Krieges immer mehr aufgeweicht, vor allem bezüglich der Arbeitszeit. Die gesundheitlichen Auswirkungen der Arbeitsbedingungen waren für Frauen und Männer gleichermaßen katastrophal.

„Dazu kam die hohe Unfallgefahr bei der Arbeit in der Munitionsindustrie: Zwei Drittel aller Arbeitsunfälle ereigneten sich in diesen Fabriken, in denen knapp mehr als die Hälfte der Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt war“, so Langer-Ostrawsky. Die Arbeit war überaus gefährlich, und „es kam immer wieder zu Bränden oder Explosionen. Am 17. Juli 1917 forderte eine Explosionskatastrophe in der Pulverfabrik Blumau-Großmittel weit über 100 Tote.“


ORF
„Nie wieder Krieg!“ - auch das ist die Botschaft des neuen Mahnmals in Winzendorf

Ein Mahnmal für den Frieden
Gerhard Kofler, der Initiator der neuen Gedenkstätte, stammt aus Winzendorf. Das Mahnmal ist ihm auch ein großes persönliches Anliegen, denn zwei seiner Großtanten verbrannten im September 1918 in der Munitionsfabrik. „Dieses Denkmal dient der Erinnerung an die Opfer und die Familien der Opfer und soll ein Mahnmal für den Frieden und gegen die Schrecken des Krieges sein.“

Das Mahnmal wird am Freitag um 15.00 Uhr seiner Bestimmung übergeben, 100 Jahre nach der verheerenden Brandkatastrophe. Vier Steinblöcke formen gemeinsam mit einem historischen Grabstein für die Opfer von Wöllersdorf eine Gedenkstätte.

Reinhard Linke, noe.ORF.at

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Publiziert am28.09.2018
Wöllersdorf 1918: 423 Tote klagen an
 
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Artikel in den "Bezirksblättern - Ausgabe Wiener Neustadt":

Brandkatastrophe vom 
18. Sept. 1918 in der k. u. k. Munitionsfabrik Wöllersdorf
Winzendorf/Wöllersdorf
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Am Freitag den 28. Sept. 2018 um 15 Uhr wird unter Anwesenheit namhafter Persönlichkeiten am Friedhof Winzendorf aus Anlass des 100. Jahrestages des verheerenden Brandes eine Gedenkfeier abgehalten und dabei von Frau Bürgermeister Ernestine Sochurek vor dem historischen Grabstein der Opfer eine Gedenkstätte enthüllt. 423 Menschen fielen dem Brand in der k. u. k. Munitionsfabrik Wöllersdorf am 18. September 1918 zum Opfer, darunter 14 junge Winzendorferinnen. Der Brand im Objekt 143 der k. u. k. Munitionsfabrik Wöllersdorf war die größte zivile Katastrophe, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der österreichisch-ungarischen Monarchie ereignete

Bei der Gedenkfeier sprechen u.a. Frau Dr. Gertrude Langer-Ostrawsky vom NÖ-Landesarchiv und der Initiator des Gedenkens, Ing. Gerhard Kofler aus Winzendorf. Dabei werden die Auswirkungen des 1. Weltkrieges auf die Landbevölkerung, vor allem auf die Frauen und auf die Familien in Winzendorf dargestellt. Die Feier wird von Musik umrahmt. Der Kulturverein Winzendorf lädt alle Interessierten zu dieser Gedenkfeier ein. Informationen auf den Websites www.winzendorf.at und www.oesterreich100.at

Durch die Wirrnisse in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und die Nachwirkungen der beiden Weltkriege wurde die Wöllersdorfer Brandkatastrophe nie genau untersucht, ist bei vielen Bewohnern des Steinfeldes in Vergessenheit geraten und wurde, wie andere unangenehme Erinnerungen, verdrängt. Das unvorstellbarer Ausmaß dieses Fabrikbrandes, das dadurch in den betroffenen Familien ausgelöste Leid und nicht zuletzt die Opfer selbst, erfordern ein Gedenken. Am 28. September 2018 wird vor dem historischen Grabstein eine neue Gedenkstätte ihrer Bestimmung übergeben. Diese soll einerseits an die Opfer erinnern und andererseits eine Mahnung für die Nachwelt dar stellen, als stille Aufforderung an alle, sich für die Sicherung und den Erhalt des Friedens einzusetzen.

Die Brandkatastrophe
Warum die Gittertore der Fabrikshalle verschlossen waren erklärte die Augenzeugin Eugenie Lichtenwörther aus Wöllersdorf so: „Ich war als neuzehnjähriges Mädchen in einer Halle neben dem Objekt 143 beschäftigt. In dieser Halle wurde an Artilleriemunition gearbeitet. Die Frauen wogen das Schießpulver in Leinensäcke und nähten diese zu. Dann wurden die Säckchen mit Zündhütchen in die Geschosse gesteckt. Der Sommer war auf dem Steinfeld, wo die Munitionsfabrik stand, immer heiß und trocken. Durch das Glas der Dachfenster in Objekt 143 heizte sich die Luft in der Halle unerträglich auf. Die Fenster waren nicht zu öffnen. Um Frischluft und etwas Abkühlung zu bekommen, musste man daher die Tore öffnen. Um rechtzeitig bei der Ausgabe des Mittagessens zu sein, verließen Arbeiterinnen bereits etwas vor 12 Uhr mittags die Halle durch eines der seitlichen Tore. Daher schloss das militärische Aufsichtspersonal immer deutlich vor der Mittagspause diese Tore und ließ nur ein einziges Eingangstor offen, wo sie das Kommen und Gehen gut kontrollieren konnten. Um der unerträglichen Hitze zu begegnen, kamen die für die Kontrolle des Objektes 143 verantwortlichen Militärs auf die Idee, die Ausgänge mit Gittertoren zu versperren. Beim Ausbruch des Brandes um etwa 11:30 Uhr war daher für die Beschäftigten jeder Fluchtweg versperrt. An den Gittertoren häuften sich die Leichen. Als man die Tore mit Mühe aufbrachte, stürzten Überlebende vor Schmerzen brüllend ins Freie. Die meisten brachen hier sofort zusammen.“

Die k. u. k. Munitionsfabrik Wöllersdorf war der größte Industriebetrieb der Österreich-Ungarischen Monarchie und zählte 1916 über 40.000 Beschäftigte, davon der Großteil Frauen. Am Gelände gab es fast 1000 Bauten (Objekte).

Der Dechant von Wöllersdorf, Karl Minichthaler, schrieb in die Pfarrchronik: „Ich bin am 18. September 1918 um 1 Uhr nachmittags zur Aushilfe des Feldkuraten in das Fabrikspital gefahren und habe den wenigen, welche bei Besinnung waren, die Beichte abgenommen und den Bewusstlosen die Absolution gespendet. Es war ein jammervoller Anblick. Ganz nackt brachte man die Armen in den Krankensaal – denn die furchtbare Stichflamme der pulverigen Nitrozellulose hatte sämtliche Bekleidung im Nu verzehrt. Am ganzen Körper verbrannt lagen die Verwundeten und Sterbenden röchelnd auf ihren Schmerzenslagern, bis die Ärzte und Pflegerinnen alle der Reihe nach verbanden. Viele verstarben ihnen unter den Händen.

Besonders grauenvoll war der Anblick der Bergung der Toten. Beim Eingang zur Totenkammer fuhr ein Automobil nach dem anderen vor, welche die Todesopfer von der Unglücksstelle brachten. In jedem Wagen waren ungefähr zehn Leichname übereinander gelagert, wie geschlachtete Kälber auf einem Fleischerwagen. Der Wagen wurde geöffnet: Mit raschem Griff erfassten zwei starke Arme eine Tote nach der anderen, zogen sie auf die bereitstehende Bahre und schon trugen zwei Soldaten die Leiche in den Saal und legten sie auf die Erde in die fast unabsehbare Reihe der dort liegenden Opfer. Rasch arbeiteten die Leute, denn Wagen folgte auf Wagen. Sie hatten Eile, um die Toten alle noch vor Einbruch der Nacht zur bergen. Wie versteinert grinsten uns die entstellten, indianerbraun gefärbten Gesichter der Toten entgegen. Steif ragten ihre Glieder in die Luft. Splitternackt, denn alles an ihnen war versengt, bis auf die Schuhe, welche die meisten noch anhatten. So lagen die meist jungen toten Frauen auf dem Boden.“

Die Arbeiter-Zeitung schrieb am 22.9.1918: „Die Katastrophe hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Ringtheaterbrand. Im Theater waren die Türen geschlossen, in Wöllersdorf wurden sie zu spät geöffnet und durch die Stichflammen und Leichen verlegt und unbenutzbar gemacht.“ Der Ringtheaterbrand in Wien am 8. Dezember 1881 war mit offiziell 384 Toten eine der größten Brandkatastrophen.
Autor: Doris Simhofer aus Wiener Neustadt

Foto Stadtarchiv WN

Brandkatastrophe vom 
18. Sept. 1918 in der k. u. k. Munitionsfabrik Wöllersdorf
 
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#3
Im Oktober 1918 (ca. ein Monat nach dem Unfall) begann sich Österreich-Ungarn aufzulösen.

Die elektrische Schaltzentrale auf dem Bild von Josef (wurde auch erst gegen Ende des Krieges fertiggestellt) ist jetzt der aufwendig restaurierte Firmensitz der MABA Betonfirma (Quelle: MABA Fertigteilindustrie GmbH ).

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Eigenartig ist auch, dass fast das gesamte ehemalige Areal der Munitionsfabrik ein eingezäuntes Wasserschutzgebiet darstellt, zwecks Wasserversorgung der Stadt Wiener Neustadt.
Wie es da mit den Altlasten aussieht, kann sich jeder denken.

Dies war aber nicht die einzige Explosion im Munitionswerk:
Am 7. Juni 1912 explodierte zwischen der Südbahn und der ehemaligen Kaiser-Franz-Josephs-Kaserne ein Pulvermagazin eines k.u.k.-Militärlagers, dabei wurden sieben Menschen getötet und ca. 100 weitere verletzt. Die nahegelegene Arbeiterbaracke 48 wurde völlig zerstört, die Druckwelle beschädigte zudem u. a. die Hangars am Flugfeld, die Lokomotivfabrik und die Daimler-Werke.
Quelle: Wiener Neustadt | AustriaWiki im Austria-Forum

Friedhof Wiener Neustadt:
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