Untersuchungen zeigen, von wo und wie die katastrophalen Pestepidemien des Mittelalters eingeschleppt wurden

josef

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#1
Wie der Schwarze Tod den Weg nach Europa fand
Aktuelle Untersuchungen zeigen, wie die katastrophale Pestepidemie des Mittelalters eingeschleppt wurde
Das mittelalterliche Europa musste mit einer ganzen Menge an Krankheiten fertig werden: Während Typhus, Ruhr, Lepra oder Pocken jedoch im Allgemeinen meist nur lokal grassierten, sorgte ein Erreger im 14. Jahrhundert für eine kontinentale Katastrophe: Yersinia pestis, jener bakterielle Erreger, der für den sogenannten Schwarzen Tode verantwortlich war, kostete zwischen 1346 und 1353 etwa einem Drittel der europäischen Bevölkerung das Leben. Woher die Pest damals letztlich kam, ist mittlerweile klar: Sie dürfte aus Asien eingeschleppt worden sein.

Auf welchen Wegen diese Krankheit jedoch unseren Kontinent errecht hat und ob sie hier Nischen fand, aus denen sie immer wieder hervor trat, oder in den folgenden Jahrhunderten mehrmals aufs Neue aus dem Osten hereingetragen worden ist, war bisher dagegen weitgehend umstritten. Ein Team um Amine Namouchi von der Universität Oslo könnte auf Basis von Genuntersuchungen auf diese Fragen nun Antwortern gefunden haben.

Verräterische DNA
Diese lieferten mehrere Pesttote des 14. Jahrhunderts aus Südfrankreich, den Niederlanden, der Toskana und Oslo in Norwegen. Die Wissenschafter analysierten die DNA von Yersinia pestis aus diesen Opfern und verglichen sie mit anderen bereits früher untersuchten Pestfällen aus der Ära sowie mit über hundert bekannten Stämmen des Bakteriums. Darüber hinaus glichen die Forscher ihre Resultate mit zeitgenössischen Dokumenten ab. Das Ergebnis zeigte schließlich, dass der Schwarze Tod vermutlich mit dem Pelzhandel aus Russland und Zentralasien nach Europa gelangt war. "Im Verlauf der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts spielten Bolgar und Nowgorod in Russland eine immer bedeutendere Rolle als Handelszentren für Pelze", berichten die Forscher. "Über die Hanse erhielt Nowgorod zu dieser Zeit Zugang zum westeuropäischen Markt. Dies führte dazu, dass große Mengen von Pelzen über die Häfen von Hamburg und Lübeck nach London verschifft wurden."

Neue Pelzhandelswege
Dies dürfte allerdings nicht der alleinige Weg der Pest nach Europa gewesen seine. Auch auf neuen Handelsrouten über Land via Sarai an der südlichen Wolga und der Krim-Hafenstadt Caffa am Schwarzen Meer gelangte der Erreger offenbar nach Europa. Diese neu etablierten Pelzhandelswege passen zumindest zeitlich gut mit dem Beginn der Pestepidemie des Mittelalters zusammen, berichten die Wissenschafter im Fachjournal "Pnas".

Die Genanalysen lieferten auch Hinweise darauf, wie sich die Pest im weiteren Verlauf ausgebreitet hat. Jene Stämme, die zunächst in Südfrankreich sowie in Oslo wüteten, forderten 1348 auch in London und Barcelona enorme Opferzahlen. Die Epidemie, die im niederländischen Bergen op Zoom einige Jahre später ihren Ausgang genommen hatte, dürfte dagegen auf eine spätere Yersinia-pestis-Variante zurückzuführen sein.
(tberg, 27.11.2018)

Abstract:
Pnas: "Integrative approach using Yersinia pestis genomes to revisit the historical landscape of plague during the Medieval Period."

Zum Thema:
- Der Schwarze Tod existiert bereits länger als gedacht
- Die Pest kam schon während der Steinzeit nach Europa
- Pesterreger: Genese eines Massenmörders in Schwarz

foto: pierart dou tielt
Der Schwarze Tod forderte im 14. Jahrhundert in Europa über 20 Millionen Opfer. Der Erreger Yersinia pestis dürfte durch den Pelzhandel aus dem Osten eingeschleppt worden sein.

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#2
Die Pest könnte schon das neolithische Europa entvölkert haben
Forscher wiesen Yersinia-pestis-Bakterien in rund 5.000 Jahre alten menschlichen Überresten im heutigen Schweden nach.

Als im 14. Jahrhundert die Pest Europa heimsuchte, raffte die Seuche annähernd ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents dahin. Mittlerweile weiß man, dass der dafür verantwortliche Erreger, Yersinia pestis, in dieser Region nicht das erste Mal derart radikal wütete. Bereits im sechsten und siebten Jahrhundert sorgte die Pest nicht nur im Mittelmeerraum für eine Pandemie, die annähernd apokalyptische Ausmaße annahm.

Aber auch diese sogenannte Justinianische Pest war offenbar nicht die erste Begegnung der europäischen Bevölkerung mit Yersinia pestis. Eine DNA-Studie vom November 2017 kam zu dem Schluss, dass der Erreger bereits am Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit in Europa präsent gewesen sein dürfte. Nun haben Forscher in den Gebeinen aus einer Grabstätte im heutigen Schweden eine Bestätigung dafür gefunden. Wie sich zeigte, hat eine genetisch sehr ursprüngliche Form des Bakteriums vor über 5.000 Jahren in Europa zahlreiche Todesopfer gefordert – womöglich sogar mit weitreichenden Folgen.

Unerwartet frühe Pestepidemie
"Die Pest geht wahrscheinlich auf einen der tödlichsten Erreger in der Geschichte der Menschheit zurück", sagt Simon Rasmussen von der Universität Kopenhagen. Der Genetiker und seine Kollegen identifizierten das Bakterium nun in den Überresten einer zum Zeitpunkt ihres Todes vor 4.900 Jahren rund 20-jährigen Frau in Nordeuropa. Die Umstände ihres frühen Ablebens sprechen nach der im Fachjournal "Cell" veröffentlichten Studie dafür, dass sich die Seuche tatsächlich schon im Neolithikum über Europa ausgebreitet hat.

Sollte dies der Fall gewesen sein, könnte es dabei helfen, das rätselhafte Verschwinden früher europäischer Bauern zu klären. Diese Bevölkerungsgruppe, die vor rund 9.000 Jahren begann, aus dem Nahen Osten nach Europa einzuwandern und sich als die heute bekannten Cucuteni-Kultur zu etablierte, verschwand praktisch über Nacht vor 5.400 Jahren.

Rätselhafter Bevölkerungsaustausch

Der Ausbau ihrer Siedlungen stoppte abrupt und letztlich bewiesen auch frühere genetische Untersuchungen ihr plötzliches Verschwinden. In weiterer Folge kam es, so belegen es die Erbgutanalysen, zu einem drastischen Bevölkerungsaustausch durch Menschen aus den zentralasiatischen Steppen, der vor etwa 4.500 Jahren mehr oder weniger abgeschlossen war. Was also hat der Cucuteni-Kultur davor dermaßen zugesetzt?

Rasmussen und seine Kollegen sind davon überzeugt, dass Yersinia pestis für den dramatischen Bevölkerungsschwund der Cucuteni-Kultur verantwortlich war. "Wir glauben, dass unsere Befunde das erklären würden", meinen die Forscher. Die Analysen der Erbanlagen sprechen dafür, dass der nun identifizierte Peststamm sich von einem noch ursprünglicheren Stamm vor 5.700 Jahren abgespalten hat und vor dieser Migrationswelle mutierte.

Die im nun vorliegenden Pestfall nachgewiesene genetische Veränderung dürfte Yersinia pestis nach Ansicht der Wissenschafter sehr gefährlich gemacht haben und letztlich zu einer Epidemie geführt haben, die vor mehr als 4.900 Jahren wohl zahlreiche europäische Siedlungen entvölkerte. Hinzu kommt, dass damals die ersten bevölkerungsreichen Großsiedlungen mit bis zu 20.000 Einwohnern entstanden sind, was es der Ausbreitung der Pest umso leichter gemacht hat. Wahrscheinlich kam der Erreger dann über frühe Handelsrouten auch zu kleineren Ansiedlungen, wie etwa jene, in der die junge Schwedin gelebt hatte. (tberg, 11.12.2018)
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foto: karl-göran sjögren / university of gothenburg
Die 4.900 Jahre alten Überreste einer etwa 20-jährigen Toten lassen vermuten, dass die neolithische Bevölkerung Europas von einer Pestepidemie heimgesucht worden ist.

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#3
Europa wurde von verschiedenen Stämmen der Pest heimgesucht

Auf den Spuren der Justinianischen Pest: Forscher untersuchten frühmittelalterliche Gräberfelder


foto: m. schweissing, snsb - staatssammlung für anthropologie und paläoanatomie münchen
Diese Schädel stammen aus einem frühmittelalterlichen Gräberfeld im schwäbischen Unterthürheim.
München – Unser Bild von den Pestwellen, die Europa im Verlauf der vergangenen zwei Jahrtausende immer wieder heimgesucht haben, konkretisiert sich stetig. Schon vor dem berühmt-berüchtigten Schwarzen Tod des 14. Jahrhunderts gab es Pandemien, die historisch als "Pest" bezeichnet werden, deren Auslöser aber zweifelhaft ist. So wird die sogenannte Antoninische Pest des 2. Jahrhunderts heute von Forschern mehrheitlich einem anderen Erreger als dem Pestbakterium Yersinia pestis zugeschrieben.

Die Justinianische Pest
Anders sieht es inzwischen mit der sogenannten Justinianischen Pest aus, die im Frühmittelalter umgezählte Todesopfer forderte. Diese Pandemie begann im Jahr 541 im Byzantinischen Reich, benannt ist sie nach dem damals regierenden Kaiser Justinian I. Die Krankheit suchte für nahezu 200 Jahre in mehreren Wellen Europa und den Mittelmeerraum heim, wie die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns berichten.

Zeitzeugen hinterließen Berichte über das Ausmaß der Pandemie, die Schätzungen zufolge bis zu 25 Prozent der Bevölkerung des Mittelmeerraumes auslöschte. Auch zu dieser Pandemie waren verschiedene Hypothesen im Umlauf – bis hin zu einem hämorrhagischen Fieber ähnlich Ebola. Paläogenetische Studien an bajuwarischen Gräbern aus Aschheim und Altenerding in Bayern konnten in den letzten Jahren aber nachweisen, dass tatsächlich Yersinia pestis für die Pandemie verantwortlich war.

Bisher war nur diese eine Variante des Pestbakteriums aus dem frühmittelalterlichen Bayern bekannt, doch nun konnten weitere, bisher unbekannte Peststämme identifiziert werden, die vom 6. bis ins 8. Jahrhundert Europa heimsuchten. Die Untersuchung ihrer Verwandtschaft gibt Aufschluss über die Ausbreitung der Pest.

Neue Untersuchung
Ein internationales Forschungsteam unter Führung von Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte untersuchte menschliche Überreste aus Mehrfachbestattungen von 21 archäologischen Fundorten in fünf Ländern. Unter anderem wurden systematisch frühmittelalterliche Mehrfachbestattungen aus Bayern auf den Pesterreger hin untersucht. Die DNA des Pesterregers Yersinia pestis wurde in zwölf Individuen nachgewiesen, die in frühmittelalterlichen Gräberfeldern im Raum Bayern bestattet worden waren.

Dem Team gelang es zum ersten Mal, frühmittelalterliche Yersinia-pestis-Genome von außerhalb Bayerns – nämlich aus Großbritannien, Frankreich und Spanien – zu sequenzieren. Während historische Berichte eindeutig von Epidemien in den Mittelmeerländern wie Frankreich und Spanien berichten, galt es bislang als fraglich, ob es die Justinianische Pest auch bis nach Großbritannien geschafft hatte. Mit dem nun vorliegenden Nachweis des Pesterregers in einem angelsächsischen Gräberfeld in England (Edix Hill) dürften die langjährigen Spekulationen laut den Forschern beendet sein.

Ein Ursprung, mehrere Wellen
Die acht im Rahmen der Studie neu rekonstruierten Genome offenbarten eine bislang unbekannte Vielfalt von Pesterreger-Stämmen im Europa des 6. bis 8. Jahrhunderts. "Trotz der Vielfalt haben die Genome allerdings nur eine einzige gemeinsame Abstammungslinie. Dies deutet darauf hin, dass die Pest wohl nur einmal in den Mittelmeerraum bzw. nach Europa eingetragen wurde", sagt Studienautor Marcel Keller. "Sie hatte sich vermutlich in Nagetierpopulationen in Europa oder dem Nahen Osten festgesetzt und wurde von dort auch immer wieder auf den Menschen übertragen, wodurch es wiederholt zu Epidemien kam."
(red, 7. 6. 2019)

Abstract PNAS: "Ancient Yersinia pestis genomes from across Western Europe reveal early diversification during the First Pandemic (541–750)"
Europa wurde von verschiedenen Stämmen der Pest heimgesucht - derStandard.at
 
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