Neandertaler und danach - Geschichtsbuch der Steinzeit

josef

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#1
„Geschichtsbuch der Steinzeit aufgeschlagen“

Vor rund 45.000 Jahren besiedelten die modernen Menschen Europa. Die Begegnung mit Neandertalern dürfte ihnen aber nicht gutgetan haben. Denn laut einer neuen Studie gibt es im Erbgut heutiger Europäer keine direkte Spur mehr von den allerersten Siedlern.

Bei rund 37.000 Jahre alten Vorfahren ist das hingegen sehr wohl der Fall. Das zeigt eine bisher einzigartige Untersuchung von Genomen, die von Fossilien 51 moderner Menschen in ganz Europa – von Russland bis Spanien - stammen. Das älteste von ihnen ist 45.000 Jahre, das jüngste 7.000 Jahre alt.

Das genetische Geschichtsbuch der Steinzeit ist somit aufgeschlagen, sagt Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena gegenüber science.ORF.at. „Das ist aber erst ein erster Entwurf. Wir kennen jetzt die Kapitel des Buchs, müssen den Text aber noch schreiben.“

Neandertaler-Anteil nimmt stetig ab
Dass die modernen Menschen vor rund 45.000 Jahren nach Europa kamen und dort auf die Neandertaler trafen, gilt heute als Konsens. Die Spuren dieses Aufeinandertreffens sind bis heute in unserem Erbgut zu sehen - so besagte vor Kurzem eine Studie, dass Teile unseres Immunsystems mit Neandertaler-Genen in Verbindung stehen.


Wie die aktuelle Arbeit zeigt, tragen die in Rumänien entdeckten, rund 40.000 Jahre alten Oase-Menschen noch zehn Prozent Neandertaler-Erbgut, so Johannes Krause. Im Lauf der Jahrtausende nimmt der Anteil aber immer weiter ab, sodass heutige Europäer nur noch zwei Prozent mit ihnen gemein haben.

Da es keine Hinweise für die Vermischung mit Menschengruppen ohne Neandertaler-DNA gibt, machen die Forscher die natürliche Selektion für den Rückgang verantwortlich. „Es scheint, dass viele genetische Varianten, die in den Neandertalern vorkamen, für den prähistorischen modernen Menschen nachteilig waren“, sagt der Studienhauptautor Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Das Kremser Wachtberg-Baby ist ein Bub
Das könnte auch der Grund sein, warum die Forscher keine Überbleibsel von modernen Menschen, die vor 45.000 bis 37.000 Jahren lebten, bei heutigen Europäern gefunden haben. Sie sind genetisch verschwunden – möglicherweise wegen ihrer geringeren Fitness.


Ab den 37.000 Jahre alten Funden ändert sich das: Alle untersuchten menschlichen Überreste aus dieser Zeit und danach sind zumindest teilweise Vorfahren von heutigen Europäern. Dazu zählen auch die spektakulären Funde auf dem Kremser Wachtberg. 2006 hatten Forscher dort zuerst eine Doppelbestattung zweier Neugeborener freigelegt und später ein weiteres, mehr als 30.000 Jahre altes Babygrab.

Im Rahmen der aktuellen Studie wurde nun die DNA des Babys untersucht und sein Geschlecht bestimmt. „Wir wissen jetzt, dass es ein Bub war, das hätte man anhand der morphologischen Merkmale nie erkennen können“, sagte die Anthropologin und Studienmitautorin Maria Teschler-Nicola vom Naturhistorischen Museum Wien gegenüber der APA. Der Neandertaler-Anteil Erbgut des Babys betrage 3,9 Prozent.

Brachten Natufier die Landwirtschaft?
Nach der letzten großen Eiszeit vor rund 20.000 Jahren, als der halbe Kontinent vergletschert war, erfolgte eine Wiederbesiedlung Europas – und zwar aus dem Südwesten, vermutlich von der iberischen Halbinsel aus, sagt Johannes Krause. Deren Vertreter seien der Magdalenien-Kultur zuzurechnen. „Spanien war vermutlich eine Art Refugium während der Eiszeit.“


Von der Einwanderungswelle danach habe man bisher nichts gewusst, sagt Krause, „das ist der größte Befund der neuen Studie“. Vor rund 14.000 Jahren – viel früher als bisher gedacht - kam es demnach zu einer massiven Einwanderung aus Südosteuropa oder dem Nahen Osten, die das Erbgut im gesamten Kontinent prägte. Oder – und diese Variante ist weniger wahrscheinlich - eine Menschengruppe verbreitete sich zu dieser Zeit etwa aus der Türkei ausgehend sowohl in Europa als auch im Nahen Osten.

„Interessant ist: Zu dieser Zeit ist im Nahen Osten die Kultur der Natufier entstanden“, sagt Krause. „Das war die erste Kultur, die einen relativ ortstreuen Lebensstil pflegt. Sie haben permanente Rundhäuser, betreiben zwar noch keine Landwirtschaft, sammeln aber wildes Getreide und backen vermutlich schon Brot.“

Möglicherweise breitete sich diese Kultur auch nach Europa aus und brachte erste rudimentäre Formen der Landwirtschaft mit sich – ob das stimmt, müssten DNA-Vergleiche mit Natufiern zeigen, meint Krause. „Das wird sich dank der fortgeschrittenen Techniken aber in ein paar Jahren beantworten lassen.“

Venus weit verbreitet
Auch ein kunstgeschichtliches Rätsel wurde mit den DNA-Analysen geklärt. Die Venus von Willendorf (NÖ) und eine in Kostenki (Russland) gefundene Figur sehen einander extrem ähnlich, und so dachten die Wissenschaftler bisher, dass sie von einer Population hergestellt wurden, die eben die 5.000 Kilometer Entfernung irgendwie zurückgelegt hat.


Doch genetisch waren die Menschen in den beiden Regionen damals völlig anders. „Es ist damals offensichtlich Kulturtransfer passiert, in diesem Fall sind also nicht die Menschen von hier nach dort gewandert, sondern ihr Wissen“, erklärt Maria Teschler-Nicola.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at
„Geschichtsbuch der Steinzeit aufgeschlagen“ - science.ORF.at
 

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#2
Neandertaler aßen vor allem Fleisch
Neandertaler gelten als Fleischliebhaber. In den letzten Jahren verstärkten sich aber die Hinweise, dass sie auch gerne Gemüse aßen. Eine neue Studie zeigt nun: Auf dem Speiseplan unserer ausgestorbenen Verwandten stand tatsächlich vor allem Fleisch.
Das zeigen Analysen von Bindegewebsfasern aus den Zahnwurzeln zweier Neandertaler unterschiedlichen Alters, wie Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig in einer Studie berichten.

Alternative Thesen
In Fachkreisen ist umstritten, wie sich die Verwandten der frühen Menschen genau ernährten. Traditionell gelten die Neandertaler zwar als Fleischfresser, die große Säugetiere jagten. Es gibt allerdings auch Belege dafür, dass sie Pflanzen aßen. Analysen der Stickstoffisotopen in ihren Zahnwurzeln lieferten außerdem mögliche Munition für alternative Thesen, wonach die Neandertaler etwa Fischfang betrieben, sehr lange gestillt wurden oder sogar als Kannibalen Jagd aufeinander machten.


Adeline Le Cabec
3-D-Rekonstruktion eines untersuchten Zahns

Durch sehr genaue Isotopenanalysen der Zahnwurzeln einer Neandertalerin und eines Neandertalersäuglings aus zwei Höhlen in Frankreich konnten die Leipziger Forscher diese Erklärungsansätze nach eigenen Angaben nun verwerfen. Diese ergaben, dass sich die Frau hauptsächlich von großen Landsäugetieren wie Rentieren und Pferden ernährte. Auch die Mutter des Babys aß in erster Linie Tierfleisch.

Für ihre Forschungen nutzten die Experten eine neue Methode (Compound Specific Isotope Analysis), mit der die Isotopenzusammensetzungen der verschiedenen Aminosäuren im Bindegewebe separat analysiert werden können. Da diese sich je nach Lebensweise teils unterschiedlich entwickeln, sind genauere Aussagen möglich.

science.ORF.at/AFP

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Publiziert am 18.02.2019
Neandertaler aßen vor allem Fleisch - science.ORF.at
 

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#3
Neandertaler wussten sehr wohl, wie man Feuer entfacht
Archäologische und geochemische Analysen aus Armenien lassen für Forscher kaum andere plausible Schlüsse zu

Die Indizien mehren sich, dass die Neandertaler ihre Lagerfeuer selbst entzündet haben.
Foto: REUTERS/Nikola Solic

Die Herrschaft über das Feuer ist keineswegs ein Vorrecht des modernen Menschen. Wie bereits frühere Funde erahnen ließen, dürfte zumindest auch der Neandertaler Feuer genutzt haben, um sich zu wärmen und Nahrungsmittel zu erhitzen. Ob Neandertaler allerdings Flammen auch selbst entfachen konnten, war bisher zwar vermutet, aber nicht eindeutig bewiesen worden. Ausgrabungen im heutigen Armenien lieferten nun jedoch neuerlich handfeste geochemische Belege dafür.

"Feuer war lange Zeit für eine Domäne des Homo sapiens gehalten worden, doch mittlerweile wissen wir, dass auch andere Menschenarten es entzünden konnten", sagt Daniel Adler von der University of Connecticut in Storrs. Der Anthropologe hat die entsprechenden Hinweise gemeinsam mit internationalen Kollegen in den Sedimenten der Höhlen von Lusakert im armenischen Hochland entdeckt.

Waldbrände als Quelle für Lagerfeuer?
Bisherige Studien, die Neandertalern den Umgang mit Feuer nachweisen konnten, ließen weitgehend offen, ob nicht Wald- und Buschbrände die Quelle dieses Feuers gewesen sein könnten. Immerhin stammten die entsprechenden Funde aus Regionen und Jahreszeiten, wo natürliche, etwa durch Blitzschlag ausgelöste Brände eine durchaus häufige Erscheinung gewesen sein dürften. Allerdings gibt es chemische Möglichkeiten, um herauszufinden, wie ein Feuer Zustande kam – und diese nutzten nun die Forscher um Adler.

Kritische Komponenten dieser Untersuchungen sind sogenannte polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAH), die frei werden, wenn organisches Material verbrannt wird. Diese Substanzen kommen in zwei Varianten vor: Leichte PAHs verteilen sich häufig über weite Regionen, während schwere PAHs in der Regel ganz in der Nähe des Brandherdes verbleiben.

Feuernutzung über Jahrtausende hinweg
Adlers Team interessierte sich vor allem für letztere. In insgesamt 18 Sedimentschichten der armenischen Lusakert-Höhle 1 fanden die Forscher umfangreiche Spuren der schweren polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe. Die untersuchten Schichten entsprechen etwa einer Zeitspanne von 60.000 bis 40.000 Jahren vor heute. Damit lagen immerhin Belege dafür vor, dass in all diesen Jahrtausenden in der Höhle Feuer brannten. Aber vielleicht holten sich die Neandertaler dieses Feuer ja auch von Waldbränden aus der Region.

Um herauszufinden, ob dem tatsächlich so war, suchten die Wissenschafter nach Spuren von leichtem PAH in der näheren und weiteren Umgebung. Außerdem hielten sie Ausschau nach archäologischen Hinweisen auf natürliche Brände, die außerhalb der Höhle gewütet haben könnten. Was sie dabei fanden, wies letztlich darauf hin, dass Waldbrände in der Region in den entsprechenden Zeiträumen vergleichsweise selten auftraten. Isotopen-Analysen untermauerten diesen Befund: Nichts deutete auf besonders häufig vorkommende trockene, feuer-freundliche Umweltbedingungen hin.

Unabhängig von natürlichen Bränden
"Wir entdeckten keine Anzeichen für eine Verbindung zwischen den durchschnittlichen paläoklimatischen Bedingungen und geochemischen Belegen für natürliche Brände", sagt Michael Hren, Koautor der im Fachjournal "Scientific Reports" erschienen Studie. Mit anderen Worten: Alles deutet darauf hin, dass die Neandertaler dieser Region und Zeitperiode völlig unabhängig von der natürlichen Verfügbarkeit von Brandherden ihre Feuer meisterten.

Eine große Überraschung ist das freilich nicht: Diese nahen Verwandten des modernen Menschen demonstrierten ihre Fähigkeiten zu abstraktem Denken in vielerlei Hinsicht. So zeigt sich dies etwa in ihren Höhlenmalereien, vermutlich stellten sie sogar Schmuckstücke her. Neandertaler bestatteten ihre Toten, produzierten Klebstoff und nutzten für die Jagd hochentwickelte Wurfwaffen. Was aber wohl am schwersten wiegt: Neandertaler schafften es, in Eurasien unter widrigen klimatischen Bedingungen über 360.000 Jahre zu überleben. Für die Wissenschafter erscheint es unwahrscheinlich, dass ihnen dies gelang, ohne die Fähigkeit, Feuer zu machen.
(tberg, 1.11.2019)

Abstract
Nachlese
Neandertaler wussten sehr wohl, wie man Feuer entfacht - derStandard.at
 

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#4
Forscher rätseln schon lange, warum Homo neanderthalensis ausgestorben ist
Eine Studie zeigt, dass das Klima und unsere vorfahren womöglich unschuldig waren

Zu wenige, zu isoliert: Die Neandertaler waren womöglich schon stark gefährdet, als die modernen Menschen nach Europa einwanderten.
Foto: Petr Kratochvil

Es ist gerade einmal 45.000 Jahre her, da war Homo sapiens noch nicht die vorherrschende Menschenart in Europa. Homo neanderthalensis, der Neandertaler, lebte etwa 400.000 Jahren auf dem Kontinent – weit länger als moderne Menschen. Er war robust, intelligent, geschickt und hatte sich gut an seine Umwelt angepasst. Doch dann ging es schnell bergab: Vor etwa 30.000 Jahren waren die Neandertaler verschwunden. Übrig geblieben ist von dieser einst erfolgreichen Art nur ein kleiner Prozentsatz ihrer DNA, die sich im Erbgut heutiger Europäer und Asiaten findet.

Warum starben diese Menschen aus? Dafür gibt es viele mögliche Erklärungen, die unter Forschern kontrovers diskutiert werden. Dass eine katastrophale Epidemie dahinter steckte, gilt inzwischen als unwahrscheinlich – die Neandertaler verschwanden nicht schlagartig, sondern über einen Zeitraum von etwa 10.000 Jahren. Eine nach wie vor prominente These schreibt unseren Vorfahren eine Mitverantwortung zu: Denn das Verschwinden der Neandertaler fällt mit der Ankunft und zunehmenden Ausbreitung der modernen Menschen zusammen.

Eine weitere Vermutung ist, dass das Aussterben der Neandertaler mit klimatischen Veränderungen zusammenhängen könnte. War die Ernährungsweise dieser Menschen zu unflexibel, um ihren Fortbestand in Kältephasen zu sichern?

Populationsmodelle
Forscher um Krist Vaesen von der Technischen Universität Eindhoven bringen einen neuen Denkanstoß in die Debatte ein: Sie zeigen in einer Studie im Fachblatt "Plos One", dass die Neandertaler vielleicht einfach demografisches Pech hatten: Womöglich reichten zu geringe Populationsgrößen sowie natürliche Fluktuationen der Geburtenrate und Geschlechterverteilung schon aus, um den Untergang zu besiegeln. "Das Hauptergebnis unserer Studie ist, dass moderne Menschen nicht für das Verschwinden der Neandertaler nötig waren. Es ist definitiv möglich, dass sie einfach nur Pech hatten", sagte Vaesen.

Genetische und archäologische Daten weisen darauf hin, dass bei der Ankunft der modernen Menschen in Europa noch zwischen 10.000 und 70.000 Neandertaler lebten – allerdings in kleinen, weitgehend voneinander isolierten Populationen. Für ihre Studie simulierten Vaesen und Kollegen mögliche Populationsentwicklungen unter verschiedenen Szenarien. Dabei gingen sie von unterschiedlich großen Ausgangspopulationen aus – von 50, 100, 500, 1.000 oder 5.000 Individuen pro Gruppe.

Dann modellierten sie die Auswirkungen möglicher negativer Einflussfaktoren auf diese Populationen: Erstens Inzucht, zweitens zufallsbedingte Faktoren, die jährliche Geburten, Todesfälle und das Geschlechterverhältnis beeinflussen, und drittens den sogenannten Allee-Effekt. So bezeichnet man in der Populationsbiologie das Phänomen, dass die Populationsgröße bzw. -dichte mit der Fitness der einzelnen Individuen korreliert. Bei kleinen Populationen steigt demnach das Aussterberisiko ab einem kritischen Punkt signifikant.

Schleichende Katastrophe
Das Ergebnis: Inzucht allein hätte nur zu einem Zusammenbruch der kleinsten Populationen geführt. In Kombination mit dem Allee-Effekt könnte es aber bereits kritisch geworden sein: Durch diese beiden Faktoren könnten Populationen mit 1.000 Individuen zusammengebrochen sein. Zusammen mit ungünstigen zufälligen Fluktuationen, etwa Geburtenrückgänge oder steigende Todesraten in einzelnen Jahren, könnten dadurch über einen Zeitraum von 10.000 Jahren alle simulierten Populationen ausgestorben sein.

Vaesen und Kollegen behaupten nicht, das Schicksal der Neandertaler damit endgültig aufgeklärt zu haben. Sie wollen aber eine neue Sicht in die Debatte einbringen: "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Verschwinden der Neandertaler allein an der Größe ihrer Populationen gelegen haben könnte. Selbst wenn sie den modernen Menschen in kognitiver, sozialer und kultureller Hinsicht nicht unterlegen waren und nicht in direkter Konkurrenz mit ihnen standen, waren sie einem erheblichen Aussterberisiko ausgesetzt." Das sei mit Blick auf die Erdgeschichte auch nicht weiter ungewöhnlich, so Vaesen: "Arten sterben aus, das ist ein natürlicher Prozess."
(David Rennert, 26.12.2019)

Abstract
Plos One: "Inbreeding, Allee effects and stochasticity might be sufficient to account for Neanderthal extinction"

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#6
So begruben die Neandertaler ihre Toten

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Das Image vom plumpen, etwas dümmlichen Neandertaler bröckelt seit einiger Zeit. Funde im „Blumengrab von Shanhidar“, einer Ausgrabungsstätte im Irak, liefern neue Belege. Die Urmenschen bestatteten dort Tote.
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Die Höhle von Shanhidar liegt in der autonomen Provinz Kurdistan, etwa 400 Kilometer nördlich der irakischen Hauptstadt Bagdad. In den 1950er Jahren entdeckten Ralph Soleicki und sein Team dort die Überreste von zehn Neandertalern – von Männern, Frauen und Kindern. Der US-Archäologe war schon damals überzeugt, dass zumindest einige der Urmenschen vor ungefähr 50.000 Jahren gezielt begraben worden und nicht erst – z. B. durch Steinschlag – in der Höhle zu Tode gekommen waren.
Ralph Solecki
Ralph Soleckis Ausgrabungsteam in den 1950er Jahren

Bekannt wurde die Ausgrabungsstätte auch als „Blumengrab von Shanidar“ – in der Nähe der Toten gefundene Pollenüberreste von Schafgarbe, Kornblumen und anderen Pflanzen könnten nämlich von Blüten stammen, die bei der Bestattung gezielt hinterlassen worden waren. Soleickis These von den ersten „Blumenkindern“ blieb zwar umstritten. Denn die Samen könnten genauso gut durch Tiere oder Überschwemmungen ins Erdreich gelangt sein.

Die Funde lieferten aber einen wesentlichen Anstoß, das Image des Neandertalers – als nicht sehr hellen, mehr tierischen als menschlichen Zeitgenossen des modernen Menschen – neu zu überdenken. Analysen der Überreste von Shanidar haben unter anderem ergeben, dass sich der vermeintliche „Rohling“ um beeinträchtigte und verletzte Angehörige kümmerte. Seit den damaligen Ausgrabungen wurde zunehmend klarer, dass der Neandertaler uns ähnlicher ist als lange angenommen. Auch mehrten sich die Hinweise, dass er Verstorbene tatsächlich rituell begraben haben muss, das zeigen z. B. Belege aus Frankreich.

Überraschender Fund
Zur genaueren Untersuchung hatte Solecki einen Teil der in Shanidar gefundenen Individuen ins Museum nach Bagdad transferieren lassen; am Fundort selbst wurde erst mehr als 50 Jahre später erneut gegraben. 2011 hatte die kurdische Regionalregierung ein neues Projekt initiiert, das aufgrund der politischen Unruhen dann erst 2015 starten konnte. Ziel waren neue Analysen der Höhle und die exaktere Datierung der alten Ausgrabungen.

Völlig überraschend stießen die Forscherinnen und Forscher um Emma Pomeroy von der britischen University of Cambridge 2015 und 2016 einige Meter unter dem Höhlenboden auf weitere Knochen, unter anderem ein Bein. Sie stammen von einem 40- bis 50-jährigen Mann. „Mit etwas Glück werden wir die exakte Ausgrabungsstätte von damals wiederfinden, dachten wir. Wir hatten nicht erwartet, Knochen zu finden“, erklärt Koautor Graeme Barker in einer Aussendung zu der nun in der Fachzeitschrift „Antiquity“ erschienenen Studie.

Graeme Barke
Die 2018 in der Shanidar Höhle gefundenen Überreste eines Schädels

2017 wurde das Team etwas tiefer noch einmal fündig und entdeckte unter anderem Rippen, Lendenwirbel und Teile einer Hand. 2018 wurden dann noch ein Torso und die zerbröselten Reste eines Kopfes freigelegt. Die linke Hand lag wie ein Polster unter der Wange, dahinter ein dreieckiger Stein. Der oder die mittelalte bis alte Erwachsene ist ersten Analysen zufolge 70.000 Jahre alt. Das Geschlecht ließ sich noch nicht bestimmen.

Spezielle Position
Laut den Forscherinnen und Forschern war das Individuum „Shanidar Z“ vermutlich auf den Rücken gelegt worden, Schultern und Kopf angehoben durch den Stein, der Kopf zur linken Seite geneigt und abgelegt auf der Hand. Diese Körperhaltung unterscheidet sich von den Funden aus den 1950ern. Deren Position ähnelte der eines Fötus.
Emma Pomeroy

Die spezielle Ausrichtung des Leichnams sei jedenfalls eines von vielen neuen Indizien, dass es sich um eine Bestattung mit Absicht gehandelt habe, schreiben die Autorinnen und Autoren. Außerdem hätten sich die körperlichen Überreste in einer Art natürlichem Kanal im Boden der Höhle befunden, den die Neandertaler anscheinend noch zusätzlich vertieft hatten.

Steinschlag als Todesursache hält das Team für recht unwahrscheinlich, da die Funde aus einer klimatisch sehr milden Periode stammen, in der sich die Urmenschen vermutlich nicht dauerhaft tief im Berg aufhielten. Es sei anzunehmen, dass derselbe Ort immer wieder für Begräbnisse genutzt wurde.

Offen bleibt vorerst, ob pflanzliche Überreste rein zufällig in der Höhle gelandet sind oder tatsächlich eine wichtige Rolle bei den Bestattungsritualen gespielt haben. Weitere Laboranalysen der neuen Ausgrabungen sollen nun noch mehr Klarheit zu Leben und Sterben der Neandertaler bringen und so das Bild des Urmenschen noch genauer machen.
18.02.2020, Eva Obermüller, science.ORF.at

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Europäische Neandertaler wanderten nach Sibirien aus
Forscher rekonstruieren eine prähistorische Migrationswelle, die sich über mehrere Generationen hingezogen haben muss


Forscher untersuchen die Neandertaler-Hinterlassenschaften in der Chagyrskaya-Höhle.
Foto: K. Kolobova/Institute of Archeology and Ethnography of the Siberian Branch of the RAS

Europa mag zwar das Kernland des Neandertalers gewesen sein, sein Verbreitungsgebiet erstreckte sich aber auch über Kleinasien, die Levanteküste und im Osten bis weit nach Zentralasien hinein. Dort, in Südsibirien, lebten mindestens zwei verschiedene Neandertaler-Gruppen, wie die Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) berichtet. Und eine davon war aus Osteuropa eingewandert.

Wann und woher die sibirischen Neandertaler konkret kamen, war bislang ungeklärt. Ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung des FAU-Archäologen Thorsten Uthmeier hat nun Werkzeuge aus der Chagyrskaya-Höhle im russischen Teil des Altai-Gebirges untersucht, um der Frage nachzugehen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America" (PNAS) veröffentlicht.

Zug nach Osten
Nachdem das Team zunächst festgestellt hatte, dass die Steinwerkzeuge aus der Höhle keiner der zeitgleich im Altai bestehenden Gruppen ähneln, suchten die Forscher in größeren Entfernungen nach Vergleichsfunden. Geometrisch-morphologische Analysen von 3D-Modellen der gescannten Werkzeuge zeigten, dass die Werkzeuge aus der Chagyrskaya-Höhle stark Artefakten des sogenannten Micoquien ähneln, einer Neandertaler-Kultur aus Mittel- und Osteuropa mit charakteristischer Steinwerkzeug-Industrie. Dies dürfte also der Ursprung dieser Population sibirischer Neandertaler gewesen sein.
Anhand von DNA-Analysen an Neandertalerknochen und Sedimenten aus der Chagyrskaya-Höhle konnten die Forscher den Ausbreitungsweg dieser Neandertaler rekonstruieren: Der Weg führte sie aus Mittel- und Osteuropa über mehrere Generationen hinweg über Kroatien und den Nordkaukasus bis in den Altai. Diese Migrationswelle hat laut FAU vor etwa 60.000 Jahren stattgefunden.

Mehrere Wellen
Die DNA-Analysen zeigten aber auch, dass sich die Neandertaler der Chagyrskaya-Höhle genetisch von einer zweiten Altai-Gruppe aus der Denisova-Höhle deutlich unterscheiden. Berühmt wurde diese Höhle durch die Fossilien des nach ihr benannten Denisova-Menschen, doch hat sie im Lauf der Zeit verschiedenen Menschenarten Unterschlupf geboten. Die dortigen Neandertaler scheinen aber keine Werkzeuge des Micoquien gekannt zu haben. Daher geht das Forschungsteam von einer mehrfachen Ausbreitung von Neandertalern nach Sibirien aus.
(red, 18. 3. 2020)

Abstract
PNAS: "Archaeological evidence for two separate dispersals of Neanderthals into southern Siberia"

Europäische Neandertaler wanderten nach Sibirien aus - derStandard.at
 
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