Gustloff-Werke, Enzesfelder Metallwerke in Hirtenberg (Stammwerk sowie Werk Lindenberg) und Kottingbrunn

josef

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#61
Ungarn kauft Munitionsproduktion von Hirtenberger
Der niederösterreichische Konzern richtet seinen Fokus nun auf Pyrotechnik im zivilen Bereich. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart

Der ungarische Staat kauft die Munitionsproduktion von Hirtenberger.
Foto: AP Photo/Darko Vojinovic

Budapest/Hirtenberg – Die Industriegruppe Hirtenberger hat ihren seit längerem geplanten Verkauf der Rüstungssparte nun abgeschlossen. Die Defence-Sparte werde von einem ungarischen Unternehmen im Staatseigentum namens HDT Defence Industrial übernommen, teilte das niederösterreichische Unternehmen mit Sitz in Hirtenberg am Montag mit. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.

85 Beschäftigte
Die seit 1860, dem Gründungsjahr des Unternehmens bestehende Rüstungssparte von Hirtenberger macht aktuell etwa 30 Millionen Euro oder zehn Prozent des Gesamtumsatzes der Unternehmensgruppe aus und zählt circa 85 Beschäftigte. Standorte gibt es neben Niederösterreich auch in Großbritannien und in Neuseeland. "Hirtenberger übergibt ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen mit einem sehr guten Auftragsstand", heißt es in einer Unternehmensaussendung. Der Eigentümerwechsel habe keine unmittelbaren Auswirkungen auf den Standort, die Firmennamen der Defence-Sparte, das Management oder die Belegschaft.

Keine personellen Veränderungen geplant
Die Verträge seien kürzlich unterzeichnet worden. Laut Angaben des Unternehmens ist für diesen Verkauf der Munitionsproduktion keine Genehmigung des österreichischen Staats erforderlich.
Laut Gaspar Maroth, Regierungsbeauftragter für Entwicklung der nationalen Verteidigungsindustrie, wurde die Transaktion mithilfe eines Bankkredits gedeckt. Das Eigentümerrecht werde die ungarische GmbH HDT Verteidigungs-Industrie (HDT Vedelmi Ipari Kft.) ausüben, betonte Maroth. Personelle Veränderungen in der Zusammensetzung der Firma seien nicht geplant, ungarische Ingenieure sollen jedoch in Forschung und Entwicklung einbezogen werden.

Kein Wachstumspotenzial
Das 1860 gegründete Traditionsunternehmen hatte bereits im Juli angekündigt, sich von seiner Rüstungssparte zu trennen. "Wir sehen im Defence-Bereich kein Wachstumspotenzial", sagte Holding-Geschäftsführer Markus Haidenbauer damals zum STANDARD. "Die Sparte passt nicht mehr zu uns. Wir wollen profitabler werden und den Fokus auf Pyrotechnik im zivilen Bereich legen", so Haidenbauer damals.

Die Kleinkaliberproduktion war 2004 verkauft worden, ab Mitte der 1990er-Jahre setzte man auf den Einsatz von Pyrotechnik im zivilen Bereich, vor allem für Sicherheitseinrichtungen in Fahrzeugen (Sparte Automotive) und in Bergbau und Metallbearbeitung. (APA, red, 4.11.2019)
Ungarn kauft Munitionsproduktion von Hirtenberger - derStandard.at
 

josef

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#63
Fotos der "Enzesfelder Metallwerke" in der Topothek Leobersdorf

Die Betriebsteile der ehemaligen Munitionsfertigung der Enzesfelder Metallwerke lagen großteils auf Leobersdorfer Gemeindegebiet.
In der "Leobersdorfer Topothek" fand ich 12 Fotos, hauptsächlich von zerstörten Objekten nach einer gewaltigen Explosion vom 23. März 1944 sowie auch einige Lubi...

Topothek Leobersdorf: Unsere Geschichte, unser Online-Archiv

(Oben am Kopf der Seite "Bild" oder im weißen Feld die "Lupe" anklicken)
 

Andreas

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#67
Werk Kottingbrunn

Bereits 1938 hatte das Reichs-Luftfahrtministerium gefordert, ein eigenes Werk für Luftwaffenmunition zu errichten, was im nahen Kottingbrunn auch geschah. Die Planungen sahen eine verbaute Fläche von 22.100 m2 vor und mit den Bauarbeiten wurde unter der Leitung eines Stabes des künftigen Rüstungsministers Albert Speer noch 1939 begonnen. Als Areal wurde ein still gelegtes Metallwerk verwendet, das heute das Betriebsgelände der Fa. Wittmann-Battenfeld (Wiener-Neustädter-Straße 81) bildet. Im August 1940 verfügte das Reichsluftfahrtministerium plötzlich die Einstellung des Baus, da man durch die explosions- und feuergefährlichen Arbeiten
(Laden der Munition) eine Gefährdung des benachbarten Fliegerhorstes befürchtete. Tatsächlich war eher der Ortskern von Kottingbrunn gefährdet, der Flugplatz lag relativ weit entfernt. Anfang 1941 wurde die Erlaubnis zum Weiterbau unter der Auflage gegeben, dass die Laborierung der in Kottingbrunn erzeugten Komponenten (Hülsen, Geschosse) in Hirtenberg zu erfolgen habe. Mitte 1941 ging Kottingbrunn in Betrieb und erreichte eine Kapazität von 1 Million Hülsen und Geschossen monatlich. Anfang 1943 wurde zur werksinternen Stromversorgung eine eigene Überland-Stromleitung aus der HP in das Werk Kottingbrunn gelegt, wobei die relative Nähe dieses Standortes zum Ausgang des Triestingtals günstig war (Festschrift Hirtenberger).

Die meisten der Gebäude sind 2021 noch vorhanden, alle noch bestehenden Gebäude sind unterkellert und
wurden teilweise als Luftschutzkeller ausgebaut.
Von den nicht mehr vorhandenen Objekten, existiert zumindest noch ein Keller, welcher beim Bau eines Einfamilienhaus genutzt wurde:
1617446783703.png
(google)

Bestand Nachkriegszeit:
Gustloff Werk - Luftaufnahme (4).JPG
(Quelle: Wittmann Battenfeld)

Auf Grundstücken des Unternehmens wurden Arbeiterwohnhäuser errichtet, im Werk Sozialräume eingerichtet, in denen die „Gefolgschaftsangehörigen“ („Gefolgschaft“ war im Dritten Reich die politisch korrekte Bezeichnung für Belegschaft) ihre Pausenmahlzeiten einnehmen konnten (früher mussten sie das am Arbeitsplatz tun), das Werk bekam eine Kanalisation sowie Bade-, Dusch- und großzügige Umkleideräume, eine moderne Lehrlingswerkstätte, die Arbeitszeiten innerhalb der Schichten wurden mit Vorteilen für die Arbeiterschaft umgestellt, dabei aber auch für die Produktivität optimiert usw. Aus der heutigen objektiven Sicht ist klar, dass all diese Maßnahmen lediglich dazu dienten,
die „Gefolgschaft“ zu motivieren, im künftigen Krieg Höchstleistungen zu erzielen, die deutsche Rüstungsmaschinerie auf Hochtouren zu bringen und am Laufen zu halten. Wie in jedem totalitären Staat wurde die politische Indoktrinierung Teil des Arbeitsalltags, was allein schon durch die zahlreichen Parolen und Plakate ins Auge fiel, die in den Arbeitsräumen, Werkstätten und auch im freien Werksgelände angebracht waren.
Der Leiter des „Gefolgschaftsamtes“ (Personalbüro) hielt Appelle mit den Mitarbeitern ab, um sie politisch zu „erziehen“, wie es in einem internen Bericht von Ende 1938 hieß (Festschrift Hirtenberger).
Plan Gustloff Werk - Wasserversorgung Kanal (1).JPG
(Quelle: Wittmann Battenfeld)

Sanitäranlagen setzten 1938 soziale Standards:
Gustloff Werk - LSK (87).JPG

Gustloff Werk - LSK (13).JPG

Gustloff Werk - LSK (16).JPG

Gustloff Werk - LSK (59).JPG

Gustloff Werk - LSK (72).JPG

Trotz der ab dem mittleren Zweiten Weltkrieg einsetzenden alliierten Luftangriffe auch auf Österreich hatten die Gustloffwerke in Hirtenberg, Kottingbrunn und Lichtenwörth kaum Schäden durch Luftbombardements zu verzeichnen. Dies ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, so z.B. die lufttaktisch ungünstige Ziellage der Werke in Hirtenberg. Diese war bei den gegebenen Anflugrichtungen aus Westen bis Süden durch die Lage des Talwerks und des Werks Lindenberg, genau am Übergang vom dicht bewaldeten südlichen Wienerwald mit seinem Vor- und Mittelgebirgscharakter zur unbewaldeten Ebene des Wiener Beckens, bedingt, was die Zielauffassung sehr erschwerte. Noch dazu war das Werk Lindenberg hervorragend gegen Luftsicht getarnt. Außerdem hält sich damals wie heute in Hirtenberg hartnäckig das Gerücht, dass Fritz Mandl aus Argentinien seine Beziehungen in die westalliierten Hauptquartiere spielen ließ, um Zerstörungen „seiner“ Fabriken zu verhindern, die er ja nach dem Krieg wieder in Besitz nehmen wollte…… Bei den wenigen Luftangriffen auf Anlagen der Gustloffwerke im Raum Hirtenberg hielt sich noch dazu der Schaden in Grenzen (Festschrift Hirtenberger).

Wärmezentrale für das gesamte Areal:
Gustloff Werk - Gebäude (Wärmezentrale) (2).JPG

Kohlebunker:
Gustloff Werk - LSK (33).JPG
 
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Andreas

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#68
Für den enormen Wasserbedarf wurde 1941 der alte 108m tiefe und 1942 der neue 81m tiefe Rohrbrunnen neben der Wärmezentrale gebaut,
eine Kläranlage für das Bauvorhaben "Wespe" (Ableitungskanal) war auch vorhanden:
Plan Gustloff Werk - Wasserversorgung Kanal (2).JPG
(Quelle: Wittmann Battenfeld)
Plan Gustloff Werk - Wasserversorgung Kanal (8).JPG
(Quelle: Wittmann Battenfeld)
Plan Gustloff Werk - Wasserversorgung Kanal (9).JPG
(Quelle: Wittmann Battenfeld)

Die Gebäudekeller sind durch Kollektorgänge in welchen die Wärme und Versorgungsleitungen liefen, untereinander verbunden:
Gustloff Werk - Battenfeld Lehrwerkstatt LSK (11).JPG

Die Wandmarkierungen sind teilweise wirklich gut erhalten:
Gustloff Werk - LSK (7).JPG

Gustloff Werk - LSK (30).JPG

Die Betriebe der Otto-Eberhardt-Patronenfabrik der Gustloffwerke wurden im Zweiten Weltkrieg sowohl von großen Unglücksfällen im laufenden Betrieb als auch von größeren Schäden durch Luftangriffe verschont. Es war dies u.a. auf die sehr guten Explosions-, Luftschutz- und Brand-
schutzmaßnahmen zurückzuführen, die im Zuge des Ausbaus des Stammwerks getroffen worden waren (z.B. Verdunkelung). Lediglich am 19. Februar 1941 kam es in Hirtenberg zu einer Entzündung von Leuchtspursatz bei der Erzeugung von Leuchtspurgeschossen und in Folge entstand
ein Dachstuhlbrand, dem vier Arbeiterinnen zum Opfer fielen. 1942 und 1943 z.B. wurden 10 kleinere Brände, meist durch Kurzschlüsse oder Selbstentzündungen von Brand- oder Leuchtspursätzen verursacht, verzeichnet, die allesamt durch Einsatz der Feuerlöscher vor Ort erfolgreich
bekämpft werden konnten. Am 23. März 1944 kam es zu einem größeren Explosionsunglück. Bei einem Luftangriff am 2. Juni 1944 auf das Zweigwerk Kottingbrunn hielten sich die Schäden in Grenzen. Am 23. August 1944 erfolgte ein Fliegerangriff, wobei das Talwerk in Hirtenberg
nur vier 250kg-Bomben trafen. Tote waren allerdings im Ausländerlager „Am Weinberg“ zu beklagen (Zwangs- und Fremdarbeiter), das
ebenfalls mehrfach bombardiert wurde (Festschrift Hirtenberger).
Gustloff Werk - LSK (14).JPG

Gustloff Werk - LSK (2).JPG

Gustloff Werk - LSK (31).JPG

Gustloff Werk - LSK (43).JPG
 
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Andreas

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#70
Am 28. September 1944 wurde eigens für die Gustloffwerke ein Nebenlager des KZ Mauthausen in Hirtenberg eingerichtet. Es war am Areal des schon bestehenden Fremdarbeiterlagers „Am Weinberg“ gelegen, von diesem durch einen elektrisch geladenen Zaun getrennt und beherbergte ca. 400 weibliche KZ-Häftlinge, die von 24 SS-Leuten unter dem Kommando eines Hauptsturmführers bewacht wurden. Die Frauen stammten vorwiegend aus Ost- und Südeuropa und waren meist so genannte „Schutzhäftlinge“. Sie waren ausschließlich in der Infanteriemunitionsfertigung der Patronenfabrik beschäftigt. Am 15. April 1945 wurde dieses Nebenlager geschlossen und die Frauen wurden in das Stammlager Mauthausen überstellt, wo sie etwa eine Woche später eintrafen und am 5. Mai ihre Befreiung erlebten. 48 von ihnen war bereits auf
dem beschwerlichen Evakuierungsmarsch die Flucht gelungen (Festschrift Hirtenberger).

Rechts neben dem Lager in Hirtenberg/Leobersdorf sieht man die Baustelle eines LSS (Bunkerstüberl) und südlich der Hauptstraße Laufgräben:
Leobersdorf Luftaufnahme 1944.jpg
(US Air Force 29.03.1944)
LEOBERSDORF Lindenberg LSS Plan.jpg
(Robert Bouchal)

Im vorderen Bereich sieht es so aus:
LEOBERSDORF Lindenberg LSS (99).JPG

Und hinter der Abmauerung:
LEOBERSDORF Lindenberg LSS (135).JPG

In Hirtenberg produzierten die verbliebenen Teile fast bis zur letzten Minute, als am 3. April 1945 die Rote Armee den Ort und die Werksanlagen der Gustloffwerke besetzte. Jene leitenden Angestellten, die nicht schon mit dem Evakuierungszug Hirtenberg verlassen hatten, flüchteten
aus dem Werk beim Rückzug der deutschen Truppen mit PKW oder Fahrrädern und schlossen sich deren Absetzbewegungen an. Die Patronenfabrik fiel den Sowjets fast unversehrt und mit Ausnahme jener Produktionsmittel, die mit dem Evakuierungszug abtransportiert worden waren,
in die Hände (Festschrift Hirtenberger).
Die Halleiner Motorenwerke (HMW) bauten von 1958-1962, unter anderem auch Mopeds, danach übernahm Battenfeld.
Gustloff Werk - LSK (71).JPG

Gustloff Werk - LSK (78).JPG

Gustloff Werk - LSK (80).JPG

Gustloff Werk - LSK (83).JPG

Gustloff Werk - LSK (64).JPG

Gustloff Werk - LSK (48).JPG
 
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josef

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#73
Danke Andreas für die Berichte!
Bitte bringe noch die fehlenden Quellenangaben zu einigen Fotos, Plänen und Textpassagen nach...
wie z.B. zum Stollenplan vom Lindenberg, "Bouchal, Sachslehner; STRENG GEHEIM, Lost Places rund um Wien, S. 77"...
 
#74
Wilhelm-Gustloff-Werke, Betriebsstätte Zuchthaus Stein
(Ich häng den Beitrag mal hier rein, weil ich einen Zusammenhang der Betriebe sehe)
Bis Kriegsende 1945 unterhielten die Gustloff-Werke eine Betriebsstätte direkt am Areal der Strafanstalt Stein (damals Zuchthaus Stein); diese wurde von einem Justizwachebeamten geleitet, der gleichzeitig als Werkmeister fungierte. Innerhalb der Anstalt gab es damals große Haufen an leeren Patronenhülsen, vermutlich in erster Linie Gewehrpatronen, die offenbar in der Betriebsstätte verarbeitet/weiterbearbeitet wurden. Nachdem ich kein Munitionsexperte bin, würde mich interessieren, was mit den Hülsen geschehen ist. Wurden sie wiederbefüllt? Wurden sie gereinigt? In welcher Form könnte die Betriebsstätte in die Produktionslogistik des Stammwerks in Hirtenberg bzw. Kottingbrunn eingebunden gewesen sein? Wäre Euch für jeden weiterführenden Hinweis, v.a. aus zitierbaren Quellen dankbar.
 
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