#1
Hallo Josef!
Da ich nach wie vor Recherche zum "Lager Edelweiss" betreibe und erst vorgestern (10.04.2011)wieder dort war, hat mich natürlich gleich der Vermerk auf der polnischen Seite http://www.google.de/imgres?imgurl=...hl=de&sa=N&tbs=isch:1&ei=9ZJNTc-aEYySOsqPqdQP "Tunel" neugierig gemacht; ist das ein Hinweis auf eine (geplante?) unterirdische Anlage oder kann man das gänzlich vergessen? Bin nach wie vor an allen Infos über die zwei Anlagen "Edelweiss" und "Kleiber" sehr interessiert. Übrigens gab es ja den Decknamen "Edelweiss" auch für ein Lager in Deutschland (Peine bei Hannover). Ist das öfters vorgekommen, daß solche Bezeichnungen mehrfach vergeben wurden?
LG Woodquarter
 
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josef

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#2
Hallo Christian,
bitte vergiss die "polnische Web-Seite"! Dort war nie eine U-Anlage geplant.

Der Deckname "Edelweiß" oder "Edelweiss" kommt auch bei "Wichert" nicht vor. Dürfte eine interne Bezeichnung der damaligen Reichsbahndirektion Wien gewesen sein! Seit meinen Recherchen im Jahr 2000, siehe auch http://www.geheimprojekte.at/ort_sigmundsherberg.html gibt es keine weiteren grundlegenden neuen Erkenntnisse! Ob die Anlage überhaupt als Reparatur- und Instandsetzungswerk für Schienenfahrzeuge jemals in Betrieb ging, konnte bis jetzt nicht geklärt werden. Jedenfalls gesichert ist die Hinterstellung des Befehlszuges der RBD-Wien im Rodingsdorfer-Wald nach der Evakuierung aus der Stadt.
Übrigens gab es ja den Decknamen "Edelweiss" auch für ein Lager in Deutschland (Peine bei Hannover). Ist das öfters vorgekommen, daß solche Bezeichnungen mehrfach vergeben wurden?
Sicher! Wie schon vorhin geschrieben, war "Edelweiss" eine "Kreation" der RBD-Wien...

Hier noch einiges zu "Sigmundsherberg":

http://unterirdisch.de/index.php?threads/eisenbahnmuseum-sigmundsherberg.12421/#post-100921

http://unterirdisch.de/index.php?threads/sigmundsherberg-wki-kriegsgefangenenlager.6548/#post-100871

Im Anhang noch ein Schriftstück der "RBD-Wien Verlagerung" v. 05.05.45, man beachte den in den letzten Kriegstagen ziemlich geschrumpften Wirkungsbereich!
Quelle: A.Horn; Reichsbahndirektion Wien; Wien 1986
 

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josef

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#5
Was bitte ist ein Sprengzug?
Am 5.5.1945, also 3 Tage vor Ende, macht ein Sprengzug schon Sinn?!
lg Michael
Was macht in einem Krieg und da besonders in den Letzten Tagen überhaupt einen Sinn? So wurden z.B. lt. mehrfacher Zeitzeugenüberlieferung entlang der Bahnstrecke St.Pölten - Krems, die damals durch die Front zwischen den Bahnhöfen Statzendorf und Paudorf sowieso unterbrochen war, am 07.05.1945 alle Telegrafenmasten im von der Wehrmacht gehaltenen Restabschnitt gesprengt. Auch die Fladnitzbrücke bei Furth-Palt wurde am selben Tag noch durch Sprengung zerstört. Am 08.05.1945 in den frühen Morgenstunden wurden dann noch die Eisenbahn- und Straßenbrücke über die Donau im Raum Krems in die Luft gejagt! Also gesprengt wurde bis in die letzten Stunden! Wobei aber auch anzumerken ist, dass durch beherztes und wagemutiges Eingreifen von Einheimischen und auch von Militärangehörigen so manche sinnlose Zerstörung im letzten Moment entgegen den Befehlen skrupelloser Offiziere und Parteibonzen verhindert werden konnte!

lg
josef
 

josef

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#6
Laserscan "Edelweiß" im Rodingsdorfer-Wald

Nachstehend ein "Laserscan-Bild" der Anlage an der Bahnstrecke Sigmundsherberg - Horn (- Hadersdorf) im Rodingsdorfer-Wald.
Sehr gut sind die im Beitrag http://www.geheimprojekte.at/ort_sigmundsherberg.html beschriebenen Schutzwälle zu erkennen. In der daran senkrecht anschließenden rechteckigen Vertiefung sind Betonfundamente einer Halle oder Großbaracke vorhanden.

Bildquelle: NÖGIS-NÖ.-Atlas
 

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josef

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#7
Zeitzeugenberichte zu "Edelweiß"

In der Auflistung von Zeitzeugenberichten aus den Bezirken Horn u. Hollabrunn fand ich auch 2 Berichte zu "Edelweiß" im Rodingersdorfer-Wald bei Sigmundsherberg:

Zeitzeugenberichte - Auszüge 8. und 9. aus: http://holzer.uxs.eu/pdf/zeit-zeugen.pdf

Ferdinand MAILER, Rodingersdorf
8. Edelweiß
Im ersten Waldstück an der Bahnlinie Richtung Sigmundsherberg - Horn war eine Zweigstelle der Lokomotivfabrik Wr. Neustadt geplant und 1943 wurde auch bereits intensivst mit den Vorarbeiten begonnen. Der Deckname für dieses Unternehmen war „Edelweiß“.
Geleise dorthin waren teilweise schon verlegt, Brunnen waren gebohrt. Laut Plan sollten dreiviertel der Fabrikationsräume unterirdisch gebaut werden, der normal sichtbare Rest war von natürlichen Baumkronen getarnt. Tiefe Schächte wurden ausgehoben. Zahlreiche Baubaracken für die Arbeiter standen rundherum im Wald.
Durch (angeblichen) Verrat kam es dann zu einer Verzögerung des Baues und die Arbeiten wurden mit Kriegsende ganz eingestellt.
Einige Male sind (feindliche) Flugzeuge darübergeflogen und haben ihre Bomben (in der Nähe) auf den freien Feldern abgeladen.

Zusatz: (Lit.Verzchn. 1*)
Nov. 1944 wurde begonnen, eine Zweigstelle der Floridsdorfer Lokomotiv- und Waggonreparaturwerkstätte mit drei Hallen nahe Sigmundsherberg zu errichten. Dieses Unternehmen erhielt den Namen „Edelweiß“. . . umfaßte zirka 8 bis 10 ha und war ein sog. RA- W (Reichs-Ausbesserungs-Werk), in dem Reparaturen von Waggons und Loks durchgeführt werden sollten.
Beim Bau dieses Lagers wurden viele ausländische Arbeitskräfte, u.a. Polen, Franzosen, „Ostarbeiter“, hauptsächlich aber Italiener eingesetzt. Sie wurden in eigens errichteten Arbeitslager, in Baracken . . . untergebracht. Das Bauvorhaben konnte bis Kriegsende nicht mehr fertiggestellt werden. . . . Über die Felder wurden Geleise gelegt, künstlich aufgeschüttete Hügel als Tarnung angelegt. ... Im Lager selbst wurden eine große Halle (zirka 200 mal 26 Meter) errichtet, diverse Arbeits-und Wohnbaracken aufgestellt, sowie eine Schmiede und mehrere Werkstätten eingerichtet.
Ein eigenes russisches Kommando, das in Kl. Meiseldorf stationiert war, vollzog nach Kriegsende den Abbau und die Verladung der bereits arg verrosteten Maschinen und Geräte aus dem Edelweiß- Betriebs- Gelände auf dem Bahnhof Sigmundsherberg.


1* Mayr S 52 - Angaben wurden aus Mayr, „Das Jahr 1945 im Bezirk Horn“, einer „Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes Nr. 31“ entnommen.
Quelle: http://holzer.uxs.eu/pdf/zeit-zeugen.pdf



Hilde BAUER, Rodingersdorf
9. Fliegerangriff
Wenige Wochen vor Kriegsende arbeitete ich mit meiner und einer zweiten Familie in unseren Wäldern an der Bahnlinie Sigmundsherberg - Horn. Ein deutscher Bautrupp hatte mehrere Plätze für die Baracken des „Edelweiß“ gerodet, und wir sollten das herumliegende Holz wegarbeiten.
Eben waren wir dabei, armdicke Äste und bereits zugeschnittenes Brennholz auf unseren Pferdewagen zu laden, als plötzlich ein Tiefflieger über unsere Köpfe brauste und auch schon mit der Bordkanone herunterschoß. Die im Wald arbeitenden Soldaten stürzten aus der Baracke heraus und suchten wie wir hinter den Baumstämmen Schutz.
Ein Pferd scheute, riß mit dem Wagen aus und lief auf die daneben liegendenfreien Felder. Wir befürchteten schon das Ärgste, da das Gespann und der den Pferden nachlaufende Besitzer Franz Ruthner (Rodingersdorf) jetzt im freien Schußfeld des feindlichen Fliegers lagen. Aber es ist ihnen nichts passiert. Der Bordschütze hatte sich wirklich nur die Baracken, die bereits lichterloh brannten, zum Ziele genommen.
 
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josef

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#8
Ergänzung zu den Zeitzeugenberichten

Lt. weiteren Recherchen bei einem Besuch im "Eisenbahnmuseum Sigmundsherberg" vor 2 Wochen stimmen die unter "Zusatz" angeführten Fakten aus dem angegebenen Literaturhinweis (Mayr, „Das Jahr 1945 im Bezirk Horn“, einer „Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes Nr. 31“)!

Nur war es keine Verlagerung der "Floridsdorfer Lokomotivfabrik" (Lofag) sondern des RAW- (Reichsbahnausbesserungswerk) Wien-Floridsdorf Die "künstlich angelegten Hügel" dienten nicht zur Tarnung sondern waren Splitterschutzwälle...kann natürlich sein, dass über die Gleise zwischen den Dämmen Tarnnetze oder ähnliches gespannt waren.

lg
josef
 
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josef

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#9
Fotos der Überreste von "Edelweiß" aus dem Jahre 2000

Habe im Archiv einige Fotos von einer Begehung im März 2000 ausgegraben. War zwar in den vergangenen 15 Jahren nicht mehr vor Ort, aber lt. Gesprächen im „Eisenbahnmuseum Sigmundsherberg“ dürfte sich in der Zwischenzeit nichts wesentliches geändert haben.

Teil 1:

1. Laserscan-Bild (Quelle NÖGIS): ROT – Kamptalbahn (Sigmundsherberg-Horn-Hadersdorf). ORANGE – ehemaliger Verlauf der Anschlussgleise zum RAW (nur ungefähre Lage lt. Ausrichtung der Splitterschutzdämme, genaue Gleisanzahl nicht bekannt…). Im Waldgebiet ist klar der Umriss der großen Halle (ca. 200 x 26 m) erkennbar. Der Boden innerhalb der Hallenfundamente liegt ca. 1 – 1,5 m tiefer als das Niveau der umgebenden Waldfläche. Weitere Baracken dürften sich links der großen Halle (westlich) befunden haben.

2. -3. Die jeweils westlichen Enden der beiden Splitterschutzwälle. Der Abstand zwischen den Dämmen beträgt ca. 40 m, ebenso die die Entfernung des südlichen Walles zur Kamptalstrecke.

4. Teilstück des nördlichen Dammes in der Längsrichtung. Links davon beginnen in ca. 50 m die Fundamente der großen Halle.

5. Streckenkilometer 41,8 der Kamptalbahn Richtung Horn. Bereich der ehemaligen Abzweigweiche des Anschlussgleises mit einer Gleisharfe zu den Dämmen des RAW rechts im Wald. Ein Teil des verbreiterten Bahnkörpers ist neben dem bestehenden Gleis noch zu erkennen.

6. Die Bestandsstrecke der Kamptalbahn im Wald, links befand sich die Anlage.
 

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josef

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#10
Fotos aus 2002 - Teil 2

Teil 2:

7. Blick nach Osten auf das in Nord- Südrichtung verlaufende östliche ca. 200 m lange Streifenfundament der großen Halle. Im Vordergrund, wegen einer leichten Erhöhung nicht sichtbar, der westliche Fundamentstreifen der Hallen-Längsseite. Die Breite der Halle zwischen den beiden Längsfundamenten betrug ca. 26 m.

8. Detail des ca. 200 m langen Streifenfundamentes der Hallen-Ostseite. Der Boden innerhalb der Fundamente ist ca. 1 1,5 m unter dem Niveau der Umgebung.

9. Das westseitige Längsfundament ist an mehreren Stellen auf jeweils ca. 3 m unterbrochen (Toröffnungen ?).

10. Das nördliche Ende der beiden Hallen-Längsfundamente. Eine Verbindung der beiden 26 m auseinanderliegenden Fundamentstreifen an den Stirnseiten ist nicht zu erkennen…

11. Das Gelände war von einigen Straßen (Wegen…) erschlossen, teilweise sind noch Wassergräben und etliche Kanalschächte vorhanden.

12. Auch einige weitere, nicht zuordenbare, Fundamentreste befinden sich am Gelände…
 

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#11
Lager Edelweiss Wachbaracke?

Habe bei der letzten Begehung etwas außerhalb des Lagers, am Ende der beiden Erdwälle weitere Betonfundamente entdeckt. Es dürfte sich um eine Wachbaracke und einen Wachposten handeln.

Die Wachbaracke hat eine ungefähre Größe von 32 x 5,5 Meter und untergliedert sich in 8(?) Räume von je ca. 10-20m².

Ca. 20 Meter entfernt befindet sich ein kleines Fundament mit 2,3 x 3 Meter, was ich für einen Wachposten halte.

Die große Baracke liegt am Waldrand direkt an der freien Fläche neben dem jetzigen Geleise. Dort ist auch eine "Unterführung", durch die man gebückt unter der Bahntrasse hindurch kommt.
 

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josef

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#16
Danke Manuel für das Einstellen des interessanten Luftbildes!
Die "große Halle" mit ca. 200 x 26 m ist sehr gut getarnt!

lg
josef
 
#18
Hallo Christian
Das Luftbild habe ich bei luftbilddatenbank käuflich erworben.
Ich habe noch eine Übersichtaufnahme im Massstab ca 1:52000 dazu bekommen.
Die Aufnahme geht vom Umlaufberg am Kamp über Horn bis Rodingersdorf.

Hallo Josef
Die große Halle ist wirklich schwer auszumachen. Und von den vier kleineren Baracken findet man heute keine Reste mehr.

Lg Manuel
 

josef

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#20
Da nun das bei uns seit 2000 (-> geheimprojekte.at) evidente Thema, wie schon geschrieben, auch das EBFÖ "erreichte" und die Diskussionen dort weitergehen, befasste ich mich wieder intensiver mit dem "Rodingsdorfer Wald". (Drüben gibt es auch Veröffentlichungen von Anhängen aus diesem Thread ohne Quellenhinweise...!).

Bei genauer Betrachtung des Luftbildes ist im Bereich der beiden ca. 200 m langen parallel im Abstand von etwa 20 m verlaufenden Streifenfundamente keine "große Halle" zu erkennen! Lediglich die auch am Laserscann-Bild ersichtliche rechteckige Vertiefung gegenüber den Umgebungsflächen tritt in der grauen Abstufung hervor.

Dazu eine von mir angestellte Spekulation:
Die Vertiefung mit den gegenüberliegenden Streifenfundamenten ist die Grube einer nicht fertiggestellten Schiebebühne, die an der Westseite im Bereich des mehrfach in gleichen Abständen unterbrochenen Fundaments vorgesehene Gleisstutzen zu Arbeits-(Reparatur-)ständen bedient hätte...?

Diese Idee "entsprang" den Besuch in Mürzzuschlag vor 2 Wochen. Dort wurden die ehemaligen Reparaturstände in der Werkstättenhalle ebenfalls über eine Schiebebühne bedient! Auch bei den heute noch existierenden Hauptwerkstätten der ÖBB sind solche Schiebebühnen anzutreffen...

1541100706004.png 1541100841583.png
Beispiel einer kleinen Schiebebühne zur Bedienung der Reparaturgleise in der Halle in Mürzzuschlag. Die Tiefe der Grube für die Fahrbahn der Bühne hängt von der Bauart ab.

1541101059713.png
NÖGIS-Laserscann: Streifenfundamente befinden sich nur an der Längsseite der Vertiefung. Das westseitige (linke) Fundament ist in regelmäßigen Abständen unterbrochen.

1541101308705.png
Ausschnitt aus Lubi #15: Bei Vergrößerung ist kein Hallenobjekt zu erkennen! Es fehlt der Schlagschatten, welcher bei den übrigen Baracken zu sehen ist! Die Situation der Lubi-Aufnahme ist genau verkehrt zum Laserscann.

1541102751696.png

Spekulationsvariante! Basis für Skizze aus EBFÖ: Eisenbahnarchäologie: Das RAW Edelweiss bei Sigmundsherberg #1
 
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